Vorwort


Im Mittelpunkt dieses Buches steht eine einzigartige, über die ganze Welt verteilte Familie von Musikinstrumenten, die ich in ihren Ursprungsgebieten in vier Kontinenten aufsuchen konnte; es enthält die erste umfassende Beschreibung einer eurasischen Musiktradition, schildert Welt­routen und Reisebegegnungen und verknüpft die Musik des Volkes und seine heutigen Musikanten mit der Kulturgeschichte. Der magische Klang der Schalmeien, zu denen die Rohrblattinstrumente Volksoboe und Volksklarinette gehören, fasziniert die Menschheit seit dem 3. Jahrtausend v. u. Z. und ist heutzutage in vielen Regionen von neuer Aktualität. Ein kontinuierlicher Kulturstrom fliesst, bei allen Unterschieden und Veränderungen, von der frühen Antike über das Mittelalter zu den Schalmeikulturen der Gegenwart, zum Jazz und zur Weltmusik; er umfasst China und Indonesien, Indien, Zentralasien, den nahen Osten und Afrika oder Lateinamerika ebenso, wie Italien, Spanien und Frankreich. Es ist der Klang der Feste und Rituale, des Übersinnlichen und der Erotik, der Ekstase und der Heilkunst, der Hochzeit und der Totenfeier. Schalmeien sind die Ahnen nicht nur der heutigen Oboen, Klarinetten und Saxophone, sondern auch des Akkordeons und der Orgel.

Diese Darstellung konnte nur dank dem Interesse an der Begegnung zustande kommen, welches Musiker, die selbst oft geächtet leben, mir in aller Welt entgegenbrachten; ihre Zustimmung ermöglichte es sie zu fotografieren. Bei der sachkundigen Vorbereitung der Reisen, auf die Verena Nil und ich uns stets gemeinsam und "auf eigene Faust" begaben, halfen besonders Walter Beck, Gisela Treichler, Sylvie Müller Gökduman und Dr.Anneliese Liechti-Stucki. Begeisterte Kenner und Förderer der Schalmei, wie Mauro Gioielli in Isernia, Mario Gross Herrero in Zaragoza, Luc Charles-Dominique in Toulouse, trugen wichtige Informationen bei. Die Oboistin Eva Nil und der Musikpädagoge Boris Lanz ermutigten mich auf den Instrumenten zu musizieren, was für diese Arbeit eine Vorbedingung war; denn erst das eigene Musizieren auf einer Volksoboe ermöglichte den Zugang zu lokalen Musikern, die den privaten Kontakt mit Fremden sonst nicht suchen.

Das musikethnologische Institut der Universität Zürich machte mir seine Bibliothek und sein Tonarchiv zugänglich. Weltoffene Instrumentenkenner wie der Inhaber von Ray Man in London und Christian Burri in Zürich, sowie reisende Freunde und Bekannte bereicherten die Instrumentensammlung. André und Ursula Held, Lausanne, welche sie fotografierten, brachten die schlichte Schönheit der handwerklich gefertigten Instrumente zur Geltung.

Die Ausführung des komplexen Manuskriptes war nur dank der Unterstützung durch engagierte Helferinnen, insbesondere Frau Brigitte Bai-Wenger und Frau dipl. psych. Bea Zimmermann, möglich, denen ich sehr herzlich danke. Am Zustandekommen diese Buches sind aber indirekt auch all jene beteiligt, die mich während der langen Entstehungszeit dieses Buch in meiner mit dessen Inhalt dieses Buches nur indirekt verbundenen Tätigkeit als Arzt und Hochschullehrer unterstützten.

Dank schulden wir einer grossen Zahl von Menschen, denen wir auf unseren Reisen unterwegs begegneten, die uns gastfreundlich beherbergten, unser Weiterkommen ermöglichten und uns zu den Musikern geleiteten, wie jener Jugendliche in Westen von Rajasthan, der uns alle in seinem Städtchen möglichen Verbindungen vermittelte.

Die zahlreichen eigenen Fotografien in diesem Buch sollen die Begegnungen mit Musikern unterschiedlicher Kulturen veranschaulichen; Landkarten und Zeittabellen helfen sich zu orientieren, Geschichte und Reiseberichte zu lokalisieren.

Die Umschrift der Namen von Instrumenten, die unterschiedlich gehandhabt wird, folgt dem Mc Grove Dictionary of Musical Instruments; für Ortsnamen wurde teilweise die englische Ausgabe des Times Weltatlas zugezogen. Die, neben Werken zur Musik- und Instrumenten­geschichte, in der Bibliographie angegebenen allgemeineren Bücher, insbesondere kulturge­schichtliche Darstellungen, ermöglichen es sich in eine Region oder in ein Thema weiter zu vertiefen. Musikbeispiele lassen sich mit Hilfe der Auswahlliste von Tondokumenten finden.

Der Text dieser Internetseiten „Schalmeien - weltweit“ wurde 1997 verfasst und 2010 ins Netz gestellt.

Keine Sprache ist so universal wie der Klang von Musikinstrumenten, und Schalmeien stehen unter ihnen allen der menschlichen Stimme am nächsten. Dieses Buch, welches Leserinnen und Leser auf eine Weltreise mitnehmen möchte, möge ihnen Anregung für eigene Begegnungen geben, Zugänge und Erfahrungen vermitteln, sowie Zusammenhänge erschliessen, vor allem aber: Anteilnahme wecken und Vergnügen bereiten!

Zürich, Herbst 1997/ Herbst 2010, Heinz Stefan Herzka