I.04. Biblisches Erbe


I.04.1 Biblische und talmudische Zeugnisse
I.04.2 Diaspora als Verbindung
I.04.3 Musikanten, Mystiker, Klezmer
I.04.4 Von den Khasaren zum Stedtl
I.04.5 Anhang
I.4.05.1.1 Daten zur jüdischen Geschichte und Musik

I.4.1 Biblische und talmudische Zeugnisse

Das alte Testament gibt, wie Sendrey (1974) zeigt, ein lebendiges Bild der frühen jüdischen Musikkultur, bei der ein Rohrblattinstrument eine wichtige Rolle spielte. Der hebräische Name für die Schalmei ist Halil, ein Wort, das heute im Hebräischen Flöte bedeutet und im Altertum wahrscheinlich verschiedene Blasinstrumente umfasste. Unter dem Namen Halil werden aber heute noch von der arabischen Bevölkerung Israels Doppelklarinetten verkauft). In biblischen Zeiten war das Halil ein Volksinstrument, Symbol der Fruchtbarkeit, des Lebens, aber auch der Auferstehung. Es begleitete auch Gebete um Regen.

Die Bezeichnung Halil (Mehrzahl Halilim), kommt im alten Testament sechs mal vor (1 Samuel 10:5; 1 Könige 1: 40; Jesaja 5:12; sowie 30: 29; und Jeremia 48:36; sowie 51: 27). Die grie­chische Schalmei, der Aulos, kommt im neuen Testament an drei Stellen vor, in Matthäus 9:23, im ersten Korintherbrief 14:7 und in der Offenbarung des Johannes 18:22 (Sendrey, 1974, S. 181). 1. Buch Samuel 9:27 (Zwingli-Übersetzung): "Während sie nun am Ende der Stadt hinab­stiegen, sprach Samuel zu Saul: Sage dem Knechte, er solle uns vorausgehen; du aber stehe jetz stille, dass ich dir kundtue, was Gott gesagt hat. Dann nahm Samuel die Ölflasche und goss sie über sein Haupt aus, küsste ihn und sprach: Hat dich nicht der Herr zum Fürsten über sein Volk Israel gesalbt? Du sollst herrschen über das Volk des Herrn, und du sollst es erretten aus der Hand seiner Feinde ringsumher. Dies aber sei dir das Zeichen, dass dich der Herr zum Fürsten über sein Eigentum gesalbt hat: Wenn du heute von mir gehst, wirst du beim Grab der Rahel an der Grenze Benjamins, in Zelzah, zwei Männer treffen; die werden zu dir sagen: Die Eselinnen sind gefunden, die du zu suchen gegangen bist; und siehe, dein Vater denkt gar nicht mehr an die Eselinnen, sondern er sorgt sich um euch und spricht: Was soll ich wegen meines Sohnes tun? Und wenn du von dort weitergehst und zu der Eiche Thabor kommst, so werden dir daselbst drei Männer begegnen, die zu Gott nach Bethel hinaufziehen; einer trägt drei Böck­lein, der andre drei Laibe Brot, der dritte einen Schlauch Wein. Die werden dich grüssen und dir zwei Brote geben; die sollst du von ihnen annehmen. Darnach wirst du nach dem Gibea Gottes kommen, wo der Vogt der Philister wohnt. Und wenn du daselbst in die Stadt hinein­gehst, wirst du auf eine Schar Propheten stossen, die von der Höhe herabkommen; vor ihnen her ertönt Harfe, Handpauke, Flöte und Zither, während sie selbst in Verzückung sind. Alsdann wird der Geist des Herrn über dich kommen, und du wirst mit ihnen in Verzückung geraten und wirst dich in einen andern Menschen verwandeln. Wenn dir nun diese Zeichen ein­treffen, so tue, was sich dir darbietet; den Gott ist mit dir! Gehe mir voran nach Gilgal hinab; ich werde dann zu dir kommen, um Brandopfer und Heilsopfer darzubringen. Sieben Tage sollst du warten, bis ich zu dir komme und dir sage, was du tun sollst."

Unter den Musikinstrumenten ist hier das Wort Halil mit Flöte übersetzt. Nach heutiger Auf­fassung muss es, wie bei den anderen folgenden Zitaten, mit Schalmei übersetzt werden. Ihr Klang passt zu der geschilderten Szene und entspricht antikem Brauchtum in analogen Situationen. Ausdrücklich wird auf die religiöse Ekstase hingewiesen, die durch die Musik bewirkt wird. Auch der Zusammenhang zwischen religiöser Handlung, Musik und Opferritual entspricht dem, was in anderen Religionen der Antike feststellbar ist.

Im folgenden Text ist die Musik, bei der wiederum die fälschliche Übersetzung Flöte verwendet wird, eine Musik des Jubels, in dem sich der Klang der Schalmei besser als die Flöte durch­setzen kann. Hier ist auch der Bezug zu den Krethern und den Plethern gegeben, die auch als Einwanderer in Zusammenhang mit der Bewegung der Seevölker interpretiert werden. 1. Könige 1:28 (Zwingli-Übersetzung): " Der König David antwortete: Ruft mir Bathseba! Als sie nun eingetreten war und vor dem König stand, da schwur der König und sprach: So wahr der Herr lebt, der mich aus aller Not erlöst hat: wie ich dir bei dem Herrn, dem Gott Israels, geschworen habe, dein Sohn Salomo solle nach mir König sein und an meiner Statt auf meinem Throne sitzen, so will ich heute noch tun. Da verneigte sich Bathseba mit dem Angesicht zur Erde, fiel vor dem König nieder und sprach: Mein Herr, der König David, möge ewig leben! Nun sprach der König David: Ruft mir den Priester Zadok und den Propheten Nathan und Benaja, den Sohn Jojadas! Als sie vor den König traten, sprach der König zu ihnen: Nehmt die Knechte eures Herrn mit euch und lasst meinen Sohn Salomo mein eignes Maultier besteigen und führt ihn hinab zum Gihon. Dort sollen ihn der Priester Zadot und der Prophet Nathan zum König über Israel salben; dann stosst in die Posaune und ruft: Es lebe der König Salomo! Darnach zieht hinter ihm drein wieder herauf; er aber komme und setze sich auf meinen Thron. Er soll König sein an meiner Statt; ihn bestelle ich zum Fürsten über Israel und Juda. Da antwortete Benaja, der Sohn Jojadas, dem König: Dazu spreche der Herr, der Gott meines Herrn und Königs, sein Amen! Wie der Herr mit meinem Herrn und König gewesen ist, so sei er auch mit Salomo, und er mache seinen Thron noch erhabener als den Thron meines Herrn, des Königs David! Dann gingen der Priester Zadok, der Prophet Nathan und Benaja, der Sohn Jojadas, mit den Kretern und Plethern hinab, liessen Salomo das Maultier des Königs David besteigen und führten ihn zum Gihon. Und der Priester Zadok nahm das Ölhorn aus dem Zelte und salbte Salomo. Dann stiessen sie in die Posaune, und alles Volk rief: Es lebe der König Salomo! Und alles Volk zog hinter ihm drein hinauf, und die Leute bliesen auf Flöten und jubelten so laut, dass die Erde barst vor dem Geschrei."

Im nächsten Text aus Jesaja ist die Schalmei, wiederum fälschlich mit Flöte übersetzt, Instrument beim Festgelage, wie dies antiker Gewohnheit entsprach. Jesaja wirkte von 740 bis 701 v. u. Z., das heisst in der Zeit, in der der Aulos in Griechenland an Boden gewinnt. Bereits hier wird von religiöser Instanz die Musik mit sündhaftem Verhalten in Zusammenhang gebracht. Die "Verteufelung" der Schalmei hat sich über die Jahrtausende vielfach fortgesetzt. Jesaja 5 (Übersetzung Buber/Rosenzweig): "Weh ihnen, die, frühmorgens auf, dem Rauschsaft nachjagen, die spät in der Dämmrung der Wein erhitzt, Zither und Harfe, Pauke und Flöte und Wein ist ihr Trinkgelag, SEIN Werk erblicken sie nicht, aufs Tun seiner Hände sehn sie nicht hin."

Im folgenden Text aus Jesaja wird das Halil-Spiel im Zusammenhang mit der Freude des Pilgers gebracht, aber auch mit der Naturgewalt, mit Donner, Blitz und Sturm. Auch hier passt der Klang der Schalmeimusik besser in den Kontext als jener der Flöte.
Jesaja 30 (Übersetzung Buber / Rosenzweig): "Da, SEIN Name kommt fernher, brennend sein Zorn, in der Wucht der Erhebung, seine Lippen voll Grimms, seine Zunge wie fressendes Feuer, sein Atembraus wie ein flutender Strom, der bis an den Hals langt, Stämme zu schwingen in der Schwinge des Wahns, eine irrleitende Halfter an den Backen der Völker, Werden soll da euch Gesang wie des Nachts, da der Festreihn sich heiligt, und Freude des Herzens wie des, der bei Flötenklang geht, – um zum kommen auf SEINEN Berg, hin zum Felsen Jifraels."

Das folgende Zitat des Jeremia erwähnt das Halil, wiederum in der irrigen Übersetzung, als Klageinstrument. Als solches hat die Schalmei bei der Totenklage in der Antike vielfach Verwendung gefunden und wird heute noch im Fernen Osten bei Totenfeiern gebraucht (S), ferner kommt sie im Totentanz des Mittelalters vor. Jeremia 48 (Übersetzung Buber / Rosenzweig): "Darob, mein Herz, wegen Moab schluchzt es wie Flöten, mein Herz, um die Mannschaft von Burg-Chares schluchzt es wie Flöten, darob – das Erübrigte, was man geschafft hat, ging verloren..."



Auch im folgenden Text aus Matthäus ist die Schalmei das Instrument der Totenklage. Jesus vertreibt die Musiker, welche diese spielen, und mit ihnen gewissermassen den Tod. Es mögen übrigens nicht zuletzt die Musiker gewesen sein, welche das Gerücht des Geschehnisses weiter verbreiteten. Matthäus 9:23 (Zwingli-Übersetzung): "Und als Jesus in das Haus des Vorstehers kam und die Flötenbläser und das Volk lärmen sah, sprach er: Gehet hinweg; denn das Mädchen ist nicht gestorben, sondern es schläft. Und sie verlachten ihn. Als aber das Volk hinausgetrieben war, ging er hinein und ergriff ihre Hand; und das Mädchen stand auf. Und das Gerücht hievon verbreitete sich in jener ganzen Gegend."

Im Brief des Paulus aus Korinth wird auf die Bedeutung der Unterscheidung und des genauen Spiels der Töne bei der Schalmei (hier wieder "Flöte") hingewiesen. Interessant ist auch die Verbindung zur Trompete sowie zwischen der Musik der Blasinstrumente und der mensch­lichen Sprache. Der Text ist auch ein Dokument für die Bedeutung, die Paulus, der jüdischen Lehrtradition folgend, der Interpretation, der Auslegung gibt. 1. Korintherbrief 14:6 (Zwingli-Übersetzung): "Nun aber, ihr Brüder, wenn ich zu euch komme und in Zungen rede, was werde ich euch nützen, wenn ich zu euch nicht (ausserdem) rede, sei es in Offenbarung oder in Erkenntnis oder aus Eingebung oder in Lehre? Wenn die leblosen Dinge, sei es eine Flöte oder eine Leier, obgleich sie einen Laut von sich geben, die Töne trotzdem nicht unterscheiden lassen, wie soll man erkennen, was auf der Flöte oder auf der Leier gespielt wird? Denn so ist es auch: falls eine Trompete jenen undeutlichen Ton gibt, wer wird sich zum Kampfe rüsten? So auch ihr, wenn ihr mit der Zunge nicht eine verständ­liche Rede darbietet, wie soll man das Gesprochene verstehen? Ihr werdet ja in den Wind reden. So viele Arten von Sprachen zum Beispiel gibt es in der Welt, und keine ist ohne Sinn. Wenn ich nun die Bedeutung der Sprache nicht weiss, werde ich dem Redenden ein Barbar sein und der Redende für mich ein Barbar. So sollt auch ihr, da ihr euch eifrig um Geister bemüht, darnach trachten, dass ihr zur Erbauung der Gemeinde reich werdet. Deshalb bete, wer in Zungen redet, dass er es auslegen kann!"

Die folgende Textstelle aus der Offenbarung steht im Zusammenhang mit der Vernichtung Babylons. Das Verstummen der Musik, und darunter wieder der Schalmeimusik (Flötenspieler) wird als untrügliches Zeichen des Untergangs gewertet. An die Musik anschliessend wird zunächst das Arbeitsgeräusch der Mühle genannt, dann aber Braut und Bräutigam. Dieser Kontext zwischen dem heiratenden Paar und der Musik ist in Anbetracht der grossen Rolle, welche Musik beim Ritual der Ehe spielte und noch spielt – vor allem wiederum die Schalmei – nicht zufällig. Offenbarung 18:21 (Zwingli-Übersetzung): " Und ein starker Engel hob einen Stein auf gleich einem grossen Mühlstein, warf ihn ins Meer und sprach: So wird die grosse Stadt Babylon mit einem Schwung weggeworfen werden, und sie wird nicht mehr zu finden sein. Und ein Ton von Harfenspielern und Musikern und Flötenspielern und Trompetenbläsern wird nicht mehr in dir gehört werden, und kein Künstler in irgendeiner Kunst wird mehr in dir gefunden werden, und das Geräusch der Mühle wird nicht mehr in dir gehört werden, und das Licht der Lampe wird nicht mehr in dir scheinen, und die Stimme des Bräutigams und der Braut wird nicht mehr in dir vernommen werden ..."

Das Wort Halil ist vom Verb halal abgeleitet, was soviel wie durchbohren bedeutet. Halil bedeutet hohles Rohr, so wie das Wort Aulos "Musikrohr" bedeutet. Nach der Ansicht von Sendrey (1974) ist die Übersetzung mit Flöte oder flötenähnlichem Instrument falsch und es handelt sich um Rohrblattinstrumente, das heisst um Oboen, eventuell Klarinetten, jedenfalls um eine Schalmei. Die Babylonier kannten das Instrument unter dem Namen Malilu, der assyrische Name dafür lautet Halhalattu oder Halalu und der Spieler wurde Muta-Halalu genannt. Ob eines dieser Instrumente mit dem hebräischen Halil übereinstimmt, ist zwar zu vermuten aber nicht zu belegen. Vielleicht hat Halil, ähnlich wie Aulos eine ganze Familie von Rohrblattinstrumenten umfasst. Eine in Megiddo ausgegrabene Bronzefigur aus der Zeit zwischen dem 13. und 12. Jh. v. u. Z. stellt eine weibliche Figur dar, die ein Rohrinstrument bläst. Einzelheiten sind nicht erkennbar.
Ein Dekret des König Davids zwischen den Jahren 1002 und 970 v. Chr. wies den Leviten die Aufgabe zu, die religiösen Gesänge vorzutragen und mit Instrumenten zu begleiten. So entstanden Familientraditionen über Generationen. Nach der Zerstörung des judäischen Staates durch die Römer im Jahr 70 wurde die Tempelmusik im Zeichen der Trauer abgeschafft und Instrumente wurden im Gottesdienst untersagt. Der Gesangsvortrag der Bibeltexte, der Psalmen und der Gebete gewann dadurch an Gewicht. Der musikalische Vortrag bekam die Aufgabe, die Worte und ihre Botschaft mit religiösem Ausdruck zu erfüllen, ohne sich aber zu sehr vom musikalischen Verständnis der Laien, die mitbeten, zu entfernen.

In der Mishnah (Sendrey 1974) werden sowohl Halilim aus Metall wie aus Holz beschrieben. Ein Absatz besagt, dass bei Flöten (hebr. Abub) Bambus dem Metall vorgezogen wurde. Nach verschiedenen rabbinischen Quellen soll es weder Halilim noch flötenähnliche Instrumente im ersten Tempel gegeben haben, weil im Bericht über den Tempel das Instrument nicht erwähnt ist. Diese Auffassung wird allerdings durch andere Quellen widerlegt. Eine davon ist 1 Samuel 10:5, wo das Halil als eines der Instrumente bezeichnet wird, welches ein Orchester der Propheten spielte. Das Orchester der Propheten waren Schüler in Samuels Prophetenschule und Prophetie unter Musikbegleitung war eine rituelle Handlung. Die musikalische Organisation dieser Prophetenschule diente als Vorbild für die späteren Verwendungen von Musik im religiösen Kontext durch David und Salomon. Es ist unwahrscheinlich, dass ein Instrument wie das Halil, das im Ritual zu Zeiten Samuels und Sauls verwendet wurde, später zur Zeit Davids aus der heiligen Musik ausgeschlossen worden sein soll. Zudem ist die Verwendung des Halil bei religiösen Zeremonien ausdrücklich in Jesaja 30/29 beschrieben. Der Talmud sagt dazu, dass das Halil vor dem Heiligtum zwölf mal im Jahr geblasen wurde. Die Mishnah gibt genaue Anweisungen, bei welchen Zeremonien dies der Fall war. Halil, Ugab und Abub sind die drei Begriffe der Bibel und der rabbinischen Schriften für Holzblasinstrumente. Da die Israeliten klar zwischen heiligen und profanen Gegenständen unterschieden, nimmt Sendrey an, dass Halili und Ugab die pfeifenartigen Instrumente für das Ritual waren, während Abub der Name eines ähnlichen Instrumentes im profanen Gebrauch bezeichnet.

Im Heiligtum wurde das Oboeninstrument als einfaches Instrument, d.h. nicht gedoppelt, verwendet. Ob die Israeliten auch Doppeloboen benützten, kann, trotz einiger vager Hinweise in der rabbinischen Literatur, nicht mit Sicherheit gesagt werden. Ein talmudischer Text gibt an, wieviele Spieler für jedes Instrument zugelassen waren. Für die Halilim waren es nicht weniger als zwei und nicht mehr als zwölf in jedem Gottesdienst. Die Instrumente dienten der Begleitung des levitischen Gesangs, hatten aber auch zur Aufgabe, zwischen den gesungenen Stellen ein instrumentales Zwischenspiel vorzutragen, wofür ein Soloinstrument verwendet wurde. Die Instrumentalisten bezeichnet eine rabbinische Quelle als Sklaven, eine andere bezeichnet bestimmte Familien und sagt, dass die Musiker wählbar waren, eine nochmals andere Quelle bezeichnet sie als Leviten.

Man hat die Schlussfolgerung gezogen, dass die Musikanten als Sklaven den Gesang der Leviten begleiteten. Aber verschiedene Bibelstellen weisen darauf hin, dass die Leviten sowohl Sänger wie Instrumentalisten waren.
Wie gesagt, äussern sich talmudische Quellen dahin, dass das Halil an zwölf verschiedenen Tagen im Jahr im Heiligtum geblasen wurde. Nach einer anderen Tradition soll das Halil aber zwei mal täglich im Tempel gespielt worden sein, und zwar zur Begleitung der Psalmen, welche an diesem Tage vorgetragen wurden, im Morgen- und Abendgottesdienst.

Am Sabbat war es verboten Halil im Tempel zu spielen, da es nicht zur Kategorie der heiligen Instrumente, wie die Saiteninstrumente, gerechnet wurde. In Altisrael war das Halil vor allem das Instrument der Freude und Fröhlichkeit. Es wurde an allen fröhlichen Anlässen gespielt, bei Festen, Banketten, volkstümlichen Unterhaltungen, Krönungen und Ähnlichem. Die Bibel berichtet nicht, dass es bei Hochzeiten Verwendung fand, aber es gibt darauf einen Hinweise in der Mishnah mit einer Stelle, bei der ein Mann Pfeifer für eine Braut anheuerte.

Das Rohrblattinstrument wurde auch als Klageinstrument gespielt und selbst der ärmste Mann in Israel sorgte, nach einer Quelle, für mindestens zwei Halilspieler und für die Klagefrauen. Falls sich keine jüdischen Spieler für diesen Zweck fanden, konnten auch andere angeheuert werden. In späteren biblischen Zeit wurde das Halil als Instrument, welches die Gefühle in Aufruhr bringt angesehen, so wie die Griechen den Aulos als Orgiastikos und Pathetikos bezeichneten. Die Ablehnung des orgiastischen Aulos durch die Rabbiner findet ihre Fortsetzung bei den Kirchenvätern.


I.04.2 Diaspora als Verbindung

Das jüdische Volk, welches nach 2000 v. u. Z. in der Geschichte auftaucht (vgl. Anhan), stammt von jenen "okzidentalen" Amoritern ab, die sich Ende des 3. Jahrtausends in Mesopo­tamien niedergelassen hatten. Der Bericht der Bibel über die Wanderung durch Mesopotamien nach Norden bis an die heutige Grenze zwischen dem Irak, Syrien und der Türkei und anschliessend nach Westen bis Palästina und Ägypten, ist in den Grundzügen der geschichtli­chen Realität entsprechend. Von Anbeginn ihrer Geschichte ist das jüdische Volk in kontinuier­licher Verbindung mit anderen Völkern, von denen es sich abgrenzt, teils in einer Beziehung gegenseitigen Austausches und wechselseitiger Befruchtung, teils in Konfrontationen und oft gekennzeichnet von Diskriminierung und Verfolgung. Im kulturellen Austausch hat bis in unsere Zeit die Musik, und insbesondere der stark gefühlsbetonte Klang, eine wichtige, aber oft vernachlässigte oder übergangene Rolle.

Vorfahren Israels kamen als freie Menschen nach Ägypten, wo sie mehr oder weniger versklavt wurden. Mit Moses, dessen Name ägyptischen Ursprungs ist, verliessen sie um 1260 v. u. Z. zu Tausenden das Land und begaben sich nach Kanaan wo sie sich in zwölf Stämme gliederten. In der Mitte des 11. Jahrhunderts wurde Saul vom Richter und Seher Samuel zum König ernannt um gegen die Philister zu kämpfen. Ihm folgte David, aus dem südlichen Stamm Juda, der das Land befriedete und Jerusalem zu einem religiösen und politischen Zentrum machte, wohin auch die Bundeslade gebracht wurde. Davids Sohn Salomon, etwa 961-922, der durch seine Weis­heit legendär wurde, liess den Tempel in Jerusalem erbauen und dort die bis dahin tragbare Bundeslade, die den Bund mit dem unsichtbaren einen Gott symbolisiert, aufstellen. Beim Tempelbau Salomons waren phönikische Architekten und Handwerker mit Zedernholz aus dem phönikischen Libanon beschäftigt. David wurde von der Königin von Saaba, vermutlich aus der südlichen arabischen Halbinsel kommend, besucht, um seine Weisheit zu prüfen. In dieser Zeit fanden auch Schiffsexpeditionen in das ferne Ofir statt, das möglicherweise an der süd­ostafrikanischen Küste zu suchen ist. Es ist diese Zeit, welche auch die Frühzeit des Aulos der Griechen ist und in der die Ägypter, wie Grabmalereien bezeugen, über Doppelklarinette und Oboe verfügten, in der auch im biblischen Bericht die Schalmeimusik genannt wird.

Nach Salomons Tod spaltete sich der Staat in das nördliche Reich Israel und in das südliche Reich Judäa. 722 v. u. Z. wurde das Gebiet von den Assyrern erobert, 587 liess der babylonische Kaiser Nebukadnezar den ersten Tempel zerstören und deportierte die Bevölkerung in seine mesopotamische Hauptstadt Babylon. Dort wurden sie vom persischen Kaiser Kyros nach seiner Eroberung Mesopotamiens 589 befreit, konnten zurückkehren und mit seiner Unterstützung den zweiten Tempel errichten. Nach dem Tode Alexander des Grossen, Ende des 4. Jahr­hunderts v. u. Z. gehörte Judäa zum Reich der ägyptischen Ptolomäer, die von ihrer Hauptstadt Alexandrien aus, das eine grosse jüdische Gemeinschaft hatte, regierten. Zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. u. Z. fielen die persischen Seleukiden ein, 167 liess Antiochus der Vierte den zweiten Tempel entweihen, in dem er befahl, dort eine Zeusstatue aufzustellen. Dies führte zum Aufstand der Makkabäer, deren letzter im Jahre 140 v. u. Z. zum Hohepriester ausgerufen wurde. Er gründete eine Dynastie, die im folgenden Jahrhundert unter römischer Herr­schaft religiöse Funktionen ausübte. Im römischen Auftrag wurde 40 v. u. Z. Herodes in Rom zum König der Juden ausgerufen, Jerusalem und Palästina kurz nach der Zeitenwende von einem römischen Beamten regiert. Der patriotisch-religiöse und romfeindliche Aufstand im Jahr 66 wurde militärisch niedergeschlagen und am 28. August des Jahres 70 ging der zweite Jerusalemer Tempel in Flammen auf und die Stadt wurde von römischen Truppen völlig zerstört. Vier Jahre später fiel die letzte Festung der Resistance über dem Jordantal, Massada, deren Verteidiger sich und ihren Angehörigen den Freitod gaben, um nicht in die Hände der Römer zu fallen. Von diesem Tag an war im römischen Reich die jüdische Religion nicht mehr anerkannt. Eine Revolte unter Bar-Kochba im Jahr 133 ausgebrochen und vom Rabbi Akiba religiös unterstützt, führte zur Verwüstung und Entvölkerung Judäas. Das Religionsverbot blieb nicht lange in Kraft; zu Beginn des 3. Jahrhunderts n. u. Z. besserte sich die Lage der Juden vorübergehend, jedoch wurden ihnen mit der Anerkennung des Christentums als Reichsreligion durch Konstantin Ende des 4. Jahrhunderts bisher zugestandene Privilegien entzogen und der Zugang zu allen öffentlichen Ämtern versperrt. An dieser Situation änderte sich überall, wo es jüdische Gemeinden gab, bis ins 18. Jahrhundert wenig.

Karte gibt einen Eindruck davon, wie in Folge dieser frühen jüdischen Geschichte aber auch der durch frühe kulturelle und wirtschaftliche Beziehungen entstandenen Weltoffenheit und Weltverbundenheit, jüdische Gemeinden sich in Europa im römischen Reich weit verzweigt niederliessen. Sie schufen damit Inseln semitischer Kultur und Religiosität. Durch die besondere religiöse Basis eines unsichtbaren Gottes, der nicht darauf angewiesen war durch ein Standbild an einem bestimmten Ort vertreten zu sein, sondern als Gott unterwegs seine Gläubigen überall begleitete und leitete, besassen die Juden eine besondere Voraussetzung um ihre religiös-kulturelle Identität in der Zerstreuung zu wahren, die, wie auch Erfahrungen mit der modernen Migration zeigen, zu einem Zusammenrücken der Angehörigen einer Religion und Kultur in der Fremde führt. Das Exil bewirkt in einer Gemeinschaft zwei Entwicklungs­schwerpunkte, die dialogisch miteinander verknüpft sind. Auf der einen Seite verstärkt es die Tendenz an der Tradition festzuhalten, Sitten, Gebräuche und Glaubensinhalte zu bewahren. Andererseits kommt es gleichzeitig zu Verbindungen und Synthesen mit den kulturellen Gegebenheiten und Einflüssen der Umgebung.

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Jüdische Siedler im alten Rom


Die jüdische Geschichte zeigt diese doppelte, dialogische Tendenz sehr ausgeprägt. Durch den gemeinsamen Glauben, gemeinsame Geschichte und Kultur und damit auch gemeinsame Identitätsprobleme verbunden und aufeinander angewiesen, bildeten die jüdischen Gemeinden einerseits ein weitläufiges aber stark verbundenes Bezugsnetz für den Fernhandel, in dem jüdische Kaufleute eine führende Rolle spielten. Andererseits waren die Gemeinden Wegberei­ter für die beiden grossen folgenden religiösen Bewegungen, die sich vom Vorderen Orient ausbreiteten. Jüdische Gemeinden waren es, die in Kleinasien zunächst Paulus aufnahmen; aus ihrer Mitte bildeten sich die Gemeinschaften der Urchristen.

Auch als der Islam nach Spanien, Südosteuropa und Persien vordrang, hatten die jüdischen Gemeinden schon lange zuvor semitische Religiosität und Kultur an Ort und Stelle vertreten. Die gemeinsame historische, religiöse und kulturelle Grundlage mit dem Islam und dem Christentum hat bis in unsere Zeit zu einer Beziehung der Hassliebe von seiten der orthodoxen Strömungen in den jüngeren Religionen geführt, wobei der Hass bei weitem überwog und in islamischen wie in christlichen Ländern sich in der ganzen Bandbreite politischer und religiöser Verfolgung äusserte, angefangen von Einschränkungen der Bewegungsfreiheit mit rechtlicher, wirtschaftlicher und kultureller Benachteiligung, über vielfältige Zwangsmassnahmen, wie besondere Kleidung, spezielle Steuern, bis hin zur Vertreibung, Folterung und Vernichtung. Die seit der römischen Zeit verübten Grausamkeiten erreichten schliesslich mit der Vernichtung von sechs Millionen Juden in der Zeit von 1937 bis 1944 durch das nationalsozialistische Regime und seine Mitläufer eines absoluten Tiefpunktes der Menschheitsgeschichte.

Die Verbreitung jüdischer Gemeinden im mittelalterlichen Spanien und Portugal sowie die durch die Vertreibungen im Mittelalter ausgelösten Wanderbewegungen, waren auch für die Musikgeschichte bedeutsam. Stellvertretend für die Reiseerfahrung jüdischer Kaufleute im Laufe der Geschichte und für ihre Beziehungen im Fernhandel, aber auch für die Auswirkungen ihres Berufslebens auf die privaten Beziehungen sei der nachfol­gende Brief wiedergegeben, den ein jüdischer Kaufmann aus Aden, der Hafenstadt an der südarabischen jemenitischen Küste seiner Ehefrau nach Kairo sandte.

"Deine kostbaren Briefe sind eingetroffen. Ich habe sie gelesen, ganz sorgfältig, und ich bin glücklich, dass es dir gut geht und ihr gesund seid ... In deinen Briefen stösst du mich zurück oder beleidigst mich, oder sagst, ich solle mich schämen; sie sind voller harter Worte. Das habe ich nicht verdient! Ich schwöre bei Gott, dass ich nicht glaube, dass das Herz von irgendjemand, der soweit entfernt von seiner Frau reist, so geblieben ist wie mein Herz, die ganze Zeit, die ganzen Jahre über, vom Augenblick unserer Trennung bis zu diesem Augenblick, in dem ich diesen Brief schreibe, so sehr ständig an dich denkend und mich nach die sehnend ...Du hast mich auch geschimpft wegen dem Ambra. Du armes Kleines! Hättest du gewusst, wieviel Mühe und Kosten ich auf mich genommen habe, um dir dieses Ambra zu schicken – alles hatte ich verloren, dann nahm ich einen Kredit auf und reiste in die Länder jenseits von al-Mabar (Südostindien). ... Dort habe ich alle meine Finanzen mit dem Abakus durchgerechnet. Dann habe ich es besorgen lassen...So war es mit mir von dem Augenblick an, wo ich dich verliess, bis ich in Aden ankam, und dann bis Indien, und dann von Indien zurück nach Aden. Tag und Nacht war ich betrunken, doch nicht aus freiem Willen ( = sondern wegen der Trennung), doch habe ich mich niemals unziemlich benommen; wenn einer schlechte Worte in meiner Gegenwart sagte, wurde ich wütend, solange, bis er aufhörte! Also wenn du das wirklich wünschst, die Scheidung, dann kann ich dir keinen Vorwurf machen. Denn das Warten hat lange gedauert... Wenn du frei sein willst, dann sieh dies als Trennungsbrief an und du bist frei.
Den ganzen Tag bin ich einsam und unsere Trennung schmerzt mich. Es schmerzt mich, dies niederzuschreiben. Doch die Wahl liegt bei dir.
(An Geschenken) sende ich dir ... und zwei Futa*-Röcke für die Kinder..." (Daum, 1987, S. 170)

Dieser Brief ist eines der Dokumente, die in dem als Geniza bezeichneten Tresorraum der aus dem 11. Jahrhundert stammenden Synagoge Ben Ezra von Kairo, zusammen mit etwa 7000 anderen Dokumenten gefunden wurde. Dieser Raum diente in erster Linie dazu, religiöse Schriften, die nicht vernichtet werden durften, an einem heiligen Ort zu "begraben". Auch in anderen Religionen und an anderen Orten sind derartige Grabkammern gefunden worden, beispielsweise in der grossen Moschee von Saana im Jemen.

Ben Ezra ist die Synagoge, in welcher Moses Maimonides (1135-1204) wirkte, Theologe und Leibarzt des damaligen islamischen Herrschers, eine der faszinierendsten und kreativsten Gestalten jüdisch-arabischen Geisteslebens. Er kam aus Spanien, von wo er, 1135 in Cordoba geboren, um die Mitte des 12. Jahrhunderts flüchten musste, über Fez in Marokko, 1165 nach Altkairo. Bis heute ist er ein massgebliche jüdische religiöse und kulturelle Autorität. Wie schon der jüdische Hellenismus in der Antike, vertrat Maimonides die Ergänzung von Wissenschaft und Glauben als zwei selbständige aber zusammengehörige Erscheinungsweisen der Wahrheit, die er zu verwirklichen versuchte.

Für die Querverbindungen zwischen der jüdischen Überlieferung und der allgemeinen Kultur­geschichte ist auch daran zu erinnern, dass die griechische Übersetzung, die sogenannte Septuaginta, die erste vollständige Sammlung der biblischen Schriften darstellte, die im 2. Jahr­hundert v. u. Z. redigiert wurde. Sie enthält auch Schriften, die nicht in den hebräischen biblischen Kanon übernommen wurden. Die jüdische Bibel wird von anderen religiös und kulturell tradierten Schriftsammlungen ergänzt, deren wichtigste die Mishnah und der Talmud sind. Die Mishnah enthält zur Hauptsache gesetzliche Überlieferungen und wurde, aus 63 Traktaten bestehend, um 200 n. u. Z. vollendet. Mishnah-Texte mit langen Kommentaren sind im Talmud enthalten, von dem es eine im frühen 5. Jahrhundert entstandene palästinensische und eine um 500 entstandene babylonische Fassung gibt.

Obwohl die Schalmei- bzw. die Oboeninstrumente in der jüdischen Kulturgeschichte keine zentrale Rolle spielen und auch nicht besonders dokumentiert sind, ist die jüdische Musik und Geschichte mit der Musik der Volksoboen und Klarinetten durch verschiedene Umstände verbunden:
- Im jüdischen Gottesdienst werden der Bibelvortrag, die Gebete und die Psalmen nicht gesprochen, sondern immer in einer bestimmten traditionellen Weise gesungen. Mit diesen Melodien haben sich alte orientalische Traditionen erhalten.
- Das Judentum hat in der Religions- und Kulturgeschichte der Welt den Monotheismus eingeführt und vertreten, den Glauben an einen Gott, der nicht nur einzig ist, sondern auch materiell unsichtbar und nicht abbildbar, der aber umso mehr in den Empfindungen der Menschen, in ihren Handlungen, im Lebenslauf des Individuums und in der Geschichte wirk­sam wird und sich ausdrückt. Als Mittel der Kommunikation spielen dabei Klang und Musik eine wichtige Rolle, sowohl zwischen Gott und dem Menschen, als bei der auf dem Gottesglauben beruhenden Kommunikation zwischen den Menschen.
- Die in der Welt zerstreuten jüdischen Gemeinden blieben – wie gesagt – durch religiöse und kulturelle Bindungen untereinander in Beziehung und waren gleichzeitig ein Bindeglied zwischen verschiedenen kulturellen Traditionen, zwischen Orient und Okzident, insbesondere zwischen der semitischen und anderen Kulturen.
- Jüdische Musikkultur hat eine besonders enge Beziehung, sowohl zur islamischen, wie zur abendländischen Musikgeschichte, und hat diese stark beeinflusst.
-Die durch die Verfolgung erzwungenen Wanderungen und die Präsenz im Fernhandel haben zu vielfältigen Begegnungen der jüdischen Kultur mit einheimischen Kulturen geführt, und waren kulturgeschichtlich oft besonders fruchtbar. Es kam zu regional spezifischen jüdischen Musik­formen, die sich, nach einer Vertreibung, in der Emigration stark erhalten haben. Beispiele dafür sind das Weiterleben spanisch-jüdischer Melodien in den sephardischen, d.h. aus Spanien emigrierten Gemeinden Griechenlands und der Türkei.


I.04.3 Musikanten, Mystiker, Klezmer

Psalmodie, Lesung der biblischen Texte und die Melodie der Gebete sind drei Formen religiöser jüdischer Musik, die sich durch Jahrhunderte ausgestalteten und bis heute erhalten haben. Dabei blieb, besonders bei den Gebeten, einer individuellen Variation und Improvisation Raum. Während der zweiten Hälfte des 1. Jahrtausends unserer Zeitrechnung entstanden eine Reihe von Hymnen, welche die rhythmisch freie Gestaltung, denen die Worte der Gebete zugrunde lag, beibehielten. Dem Vorbeter oder Vorsänger, dem der religiöse Gesangsvortrag obliegt, kommt bis heute in der jüdischen Synagoge zentrale Bedeutung zu. Im Kontakt mit der arabischen Poesie entstanden auch metrische rhythmische Schemata als neues Element und die Suche nach einem Gleichgewicht zwischen der alten rhythmischen Freiheit einerseits und metrischen Strukturen der Gastländer blieben ein zentrales Thema jüdischer Musikgeschichte.

Aus dem Mittelalter ist neben religiöser Musik das Spiel jüdischer Musikanten überliefert und die Mitwirkung jüdischer Komponisten an der Musik verschiedenen Genres. Von den jüdischen Menestrel wurden einige Hofmusiker, besonders in Spanien und Italien. Im Mittelalter erhielt aber auch die Musik in der jüdischen Kultur eine neue und besondere Bedeutung in den mystischen Bewegungen, wobei im Mystizismus der musikalische Ausdruck gegenüber dem Text an Bedeutung gewann.

Spätestens vom Mittelalter an sind jüdische Musikanten in vielen Gemeinden über die Welt verstreut nachweisbar. So im alten Kurdistan, in Teheran und Damaskus, im Kaukasus und in Konstantinopel, in Marokko oder in London. (Salmen, 1991, S. 16). In Mitteleuropa lassen sie sich in Frankfurt am Main Anfang des 16. und im 17. Jh. nachweisen. In Prag treten sie in Quellen des 15., 16. und 18., sowie 19. Jh. in Erscheinung. In Böhmen sind sie im 17. Jh. nachweisbar, im Burgenland im 18. Jh. Seit der Mitte des 17. Jh. gibt es jüdische Musikanten in Ungarn, wo sie über das ganze Land verteilt, dem Musikantengewerbe nachgingen.

Wie ihre Glaubensbrüder allgemein litten die jüdischen Musikanten unter Verfolgungen und Pogromen; vereinzelt fand ein Übergang zum Hofmusikanten statt.

Jüdische Musikanten zogen zum Teil weit in Europa herum. So spielten Ende des 17. Jh. sechs aus Prag kommende jüdische Musiker während des Karnevals in Dresden auf und Prager Juden suchten Ende des 18. Jh. in Wien um Lizenzen als Musiker nach. Ende des 18. Jh. spielten in einer ungarischen Stadt zwei jüdische Musiker aus Polen auf, während sich in Polen Musiker aus dem deutschen Kulturraum dokumentieren lassen.

Die wenigen vorhandenen Belege weisen deutlich auf die Wanderschaft jüdischer Musikanten hin, die, wie andere fahrende Musiker, durch ihre Reisen und ihr Spiel unterschiedliche Musik­traditionen miteinander in Beziehung setzten. Besonders auch Messen, wie diejenige in Leipzig, zogen, zusammen mit anderen "Strassenkünstlern" Musikanten aus einem Umkreis von bis zu 600 Kilometern an.
Eine besondere Erscheinung ist die jüdische Spielleutezunft von Prag, die sich nach der Mitte des 16. Jh. formierte.

Unter den jüdischen Musikanten, die sich dokumentieren lassen, finden sich nur vereinzelt Schalmeispieler. So etwa in der Kombination von Schalmei und Geige im 16. Jh. in Deutsch­land (Salmen, 1991, S. 66), Schalmeispieler zusammen mit Hackbrett, Fagott und Geige im frühen 18. Jh. in Frankfurt und Pfeifer, zusammen mit anderen Instrumenten im Prag des frühen 18. Jh. Ein sehr schöner niederländischer Stich zeigt die Schalmeimusik beim jüdischen Laubhüttenfest. Rohrblattinstrumente müssen vornehmlich bei Hochzeiten und Festumzügen gespielt worden sein. Vom Ende des 18. Jh. an wurden sie durch Klarinetten ersetzt.

Nach mystischer Tradition werden die Gebete in einer Stimmung freudiger Ekstase dargebracht, die häufig mit Musik verbunden ist. Besondere Bedeutung im jüdischen Mystizismus hat die Kabbalah erreicht, deren Elemente bis in die ersten Jahrhunderte unserer Zeitrechnung zurück­reichten. Sie hat sich vor allem bei den spanisch-jüdischen Gläubigen, den Sefardim, die in der Provence lebten, etwa um die Wende des 12. Jahrhunderts entwickelt. Von der Provence hat die Kabbalah sich in Katalonien ausgebreitet, deren besondere Bedeutung für die Schalmei­musik an anderer Stelle geschildert ist. Die Kabbalah übernimmt, wie Mirza Eliade ausführt, nicht systematisch den platonischen Dualismus von Seele und Körper und die Verachtung der physischen Welt. "Folglich ist die Sexualität gut, soweit sie einen Reintegrationsprozess von Wesenheiten darstellt, die beim Hinabsteigen der Seelen in den Körper getrennt worden sind. Alles Tun des Kabbalisten verfolgt eines der drei Ziele .... die Wiederherstellung einer ursprünglichen Harmonie und Einheit in der Person des Ausübenden und der Welt; .... kon­templative Meditation; ekstatische Vereinigung mit den Wesenheiten. Auf diesem Hintergrund hat sich in einer bestimmten Strömung der mystischen Praxis auch eine eigene Musikkultur entwickelt." (Eliade, 1983, S. 198).

Eine besondere Rolle in der mystischen Musikkultur spielen die Mystiker von Safed in Galiläa im 16. und 17. Jahrhundert. Die dortige Gemeinde bestand zu einem grossen Teil aus Juden, die aus Spanien vertrieben worden waren und ihre mediterrane Musikkultur mitbrachten. Der geschichtlich späteste Zweig des jüdischen Mystizismus ist die chassidische Bewegung in Osteuropa von der Mitte des 18. Jh. an, welche die Bedeutung der Musik als direkte Kommunikation zwischen der Seele und Gott betont. Die chassidischen Melodien werden oft ohne Worte auf bestimmte Silben gesungen. Diese Gesangstradition hat auch den Synagogengesang in Osteuropa geprägt, während im Westen der Synagogengesang durch die mittel- und westeuropäische Musik beeinflusst wurde.

Ein Beispiel des Einflusses jüdischer Musiktradition ist das Wirken von Guglielmo Ebreo von Pesaro, bedeutender Tanzlehrer des 15. Jahrhunderts. Vermutlich in Pesaro im zweiten Jahr­zehnt des 15. Jh. geboren, tritt Guglielmo als Tänzer 1433 am Hofe der Sforza in Erscheinung, ist an einem Hochzeitsfest in Ferrara 1444 und bei Alessandro Sforza 1450 in Mailand. Von da an werden die Kontakte mit dem Mailänder Hof häufiger, bis zur Widmung seines ersten Werkes an Gagliazzo Sforza.

Guglielmo Ebreo tritt zwischen 1463 und 1465 zum Christentum über und erscheint von da an unter dem Namen Giovanni Ambrosio. Er ist Autor verschiedener Bücher über den Tanz, welche die italienische Renaissancekultur des Tanzes entscheidend mitgeprägt haben. Vor allem aber ist er auch Organisator und Choreograph einer grossen Zahl festlicher Anlässe von Hoch­zeiten und festlichen Empfängen, vor allem in Norditalien, aber auch in Neapel. Auf den Abbildungen, die von solchen festlichen Anlässen vorhanden sind, finden sich verhältnismässig häufig auch die Schalmeibläser.

Die Tätigkeit Guglielmo Ebreo's ist ein historisch frühes und in der neueren Zeit gut dokumentiertes Beispiel des Beitrages der jüdischen Musikkultur zur allgemeinen Kultur eines Landes. Solche Beziehungen gibt es seit dem 18. Jh. häufig im Bereiche der Komposition der Konzertsaalmusik; genannt sei nur Giacomo Meyerbeer (1791 - 1864), Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809 bis 1847), Jacques Offenbach (1819 bis 1880) und Gustav Mahler (1860 bis 1911) oder aus unserem Jahrhundert Ernst Bloch, Arnold Schönberg und Darius Milot, ebenso in der Unterhaltungsmusik, z. B. Benny Goodmann. Stilelemente, die aus der traditionellen jüdischen Musik kommen, sind bei Komponisten und Instrumentalisten nachweisbar, ganz besonders bei Bläsern und Streichern.

Im Frühjahr 1993 nahm ich an einem musikalischen Weiterbildungstag mit dem Klarinettisten Giora Feidmann, der in der Tradition jüdischer Holzbläser steht, und den die Plattenwerbung als "König der Klezmer" preist, teil. Zu deren Tradition gehören bestimmte melodische und klangliche Merkmale. Es sind Gesangsweisen der frommen Chassidim, aus der Mystik des Mittelalters hervorgegangen und sephardische Weisen, die nach der Vertreibung der Juden aus Spanien in der Türkei, in Osteuropa und Nordafrika weiterlebten. Der Klarinettist Feidmann pflegt den Stil, dessen Charakter insbesondere "Zwischentöne" und gleitende Übergänge, Glissandi, prägen. Das Instrument, das er zum Singen bringt, das lacht und weint, überträgt Gefühle und Stimmungen auf die Zuhörer. Feidmann spielt aber auch Melodien aus der südamerikanischen Volksmusik und aus dem Jazz und Blues.


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Feidmann im Unterricht (1993)
Das Instrument, sagt Feidmann, ist Sprachrohr, ein Gefäss, das der Hauch des Menschen zum Singen bringt. Auch der Mensch ist ein Instrument und wird mit dem Musikinstrument, das er spielt, zu einer Einheit. Er vibriert mit, wenn die Klarinette oder Geige vibriert. Auch er ist ein Gefäss, welches die Impulse für seine Musik empfängt, hörbar macht und dabei weitergibt. Mit einer Musik der leisen Töne und emotionalen Eindringlichkeit, sucht Feidmann nach dem, was sich mit dem Verstand nicht erfassen lässt, eine Beziehung zur Transzendenz, zum Göttlichen. Er spielt Musik mit einer Religiosität, deren Zentrum nicht die jüdische oder eine andere formale Frömmigkeit ist, sondern das Bemühen, sich mit dem Menschen übergeordneten, gestaltenden Kräften in Beziehung zu setzen und die Zuhörer dabei einzubeziehen. Sowohl Feidmanns Biographie wie sein Auftritt sind beispielhaft nicht nur für eine jüdische Musiktradition sondern auch für ihre kulturellen Querverbindungen. 1936 in Bessarabien geboren, kam Feidmann mit seinen Eltern nach Argentinien, wo er aufwuchs. Später, nach Israel eingewandert, wurde er führender Klarinettist im israelischen Philharmonischen Orchester, bis er sich vorwiegend seinen Auftritten als Solist zuwandte um seinen Klezmerstil zur Berühmtheit zu bringen. Dieser Stil ist gegenwärtig eine der stärksten zeitgenössische Ausformung dessen, was man als Schalmeistil bezeichnen könnte, weil sich das Instrument sowohl für bestimmte musik­stilistischen Merkmale wie Zwischentöne und Glissandi besonders eignet, wie auch für den gefühlsstarken und Gefühle bewegenden musikalischen Ausdruck.

Für die jüdischen Volksmusikanten, des Mittelalters deren Geschichte Salmen (1991) dargestellt hat, entstanden zwei Bezeichnungen: Lezzim und Klezmorim. Lezzim ist die Kurzform der Mehrzahl von Lezz, (= Spassmacher, Spötter). Die korrekte Mehrzahlform lautet Lezzonim oder Lezzanim. Das Wort wurde in einigen Gebieten Deutschlands auch von der christlichen Bevölkerung übernommen zur Bezeichnung von unzulänglichen Geigern, die in Wirtshäusern, auf Kirmesplätzen und Messen herumzogen. Der Ausdruck enthielt eine entwertende Bedeutung und wurde auch zum Ursprung von Vokabeln für Musik und Musikinstrumente in der Gaunersprache.
Während das Wort Lezzim und die davon abgeleiteten Vokabeln im Westen und Südwesten Deutschlands gebräuchlich waren, ist das Wort Klezmer (Mehrzahl: Klezmorim) im Osten Europas verbreitet gewesen, bevor es über Israel und die USA seit den 70er Jahren für einen bestimmten Musikstil, der auch kommerziell ausgebeutet wurde, Verwendung fand. Das Wort Kle bedeutet ursprünglich Musikinstrument, semer hat mit singen zu tun. In der rabbinischen Literatur wurden Instrumente zur Begleitung des Gesanges als Klesemer bezeichnet. Klezmer kann sowohl als Instrument zum Gesang, wie auch als singendes Instrument übersetzt werden.

Das Wort wurde auf den Instrumentalisten übertragen und bezeichnete Spielleute, die im und ausserhalb des jüdischen Ghettos für Verlobungen, Hochzeiten und Beschneidungsfeiern eingestellt wurden. In Mitteleuropa, östlich der Elbe, verstand man unter dem Wort vor allem Hochzeitsmusikanten, die, wie Musikanten auch sonst, einerseits benötigt, andererseits gering geachtet wurden.
Gegen 1800 wurde die Bezeichnung Klezmer auch von christlichen Musikanten in bestimmten Gegenden Deutschlands übernommen, die als Wandermusikanten ihr Auskommen fanden. Insbesondere in den Ortschaften Salzgitter, Leve und Liebenburg in Niedersachsen. Die Bezeichnung fand auch in Strassenbezeichnungen und Namen von Gasthäusern ihren Niederschlag.

Ansätze zur Wiederaufnahme einer Klezmermusik, die z.T. stark vermarktet wurde, finden sich zu Beginn des 20. Jh., vor allem in den Vereinigten Staaten mit Musikern aus Rumänien, Polen, Russland oder Litauen, welche jüdische Volksmusik in der Formation eines Unterhaltungsorchesters vortrugen. Zunächst wurde das Wort Klezmer dafür noch nicht verwendet. Die eingewanderten jiddischen Musiker wurden mit dem jiddischen Wort Kaplje oder Jewish Orchestra bezeichnet. Das Wort Klezmer galt zunächst als abwertender Begriff. Die ursprüng­lich von Osteuropa durch Einwanderer mitgebrachte Authentizität machte allmählich dem Showbusiness durch entsprechende Arrangements Konzessionen. Einige frühe Schallplattenaufnahmen dokumentieren die eingewanderte und adaptierte Musik in der Zeit zwischen 1880 und 1925.

Nach einer Phase der Verschmelzung mit der amerikanischen Kultur brachten die Judenverfolgungen des National­sozialismus eine Rückkehr zu den jüdischen Wurzeln und auch eine Wiederbelebung der Klezmermusik als Bestandteil einer Betonung jüdischer Identität. Den zweifachen, widersprüchlichen Prozess der Suche nach den eigenen Wurzeln und der Entwicklung einer Schmelztiegelideologie zur multikulturellen Gesellschaft andererseits hat die jüdische Musiktradition mit anderen ethischen und kulturellen Musiktraditionen gemeinsam.

Während Feidmann seine Musik als eine spirituelle Botschaft verstanden haben will, haben sich parallel dazu Unterhaltungsgruppen gebildet, die den "Klezmerstil" übernahmen und in der Unterhaltungsindustrie anboten, bis schliesslich das Wallstreet-Journal feststellen konnte: "Klezmer is hot!", (Salmen, 1991, S. 48).

Der Weiterbildungstag mit Giora Feidmann war wie eine Art Zeitraffung jüdischer Kultur­geschichte; er wohnte im Schweizer Badeort Zurzach am "deutschen" Rhein im Hause eines ihm befreundeten arabischen Gastwirtes, der sich auf chinesische Küche spezialisiert hatte, und gab sein Konzert in der christlichen Kirche des Ortes. Nimmt man dazu noch die von ihm vorgetragenen Melodien aus dem sephardischen und chassidischen Repertoire, so ist die Komplexität dieser Musiktradition mit ihren Beziehungen zu Spanien, zu Nordafrika, zum Vorderen Orient, mit Ausläufern bis in den Fernen Osten, aber auch mit ihren Verbindungen nach Mitteleuropa auf eigentümliche Art zusammengefasst.


I.04.4 Von den Khasaren zum Stedtl

Jüdische Kultur und damit Musikgeschichte wird in der Regel vereinfacht aufgeteilt in die spanisch-arabische Strömung der Sephardim und die mitteleuropäische der Ashkenazim. Diese Zweiteilung, aus dem europäischen Kulturverständnis hervorgegangen, vernachlässigt verschiedene wesentliche Elemente, wie die eigenen Entwicklungen in Nordafrika und im Vorderen Orient, den persischen und zentralasiatischen Raum. Die Bedeutung des Khasaren­reiches für die eurasische Musiktradition und Kulturgeschichte ist mangels Quellen nicht zu belegen, aber auf der hypothetischen Ebene ist dieses jüdische Grossreich in einer osteuropäisch-zentralasiatischen Übergangszone am Eingang zum Mittelalter ein faszinierendes Thema. Die historisch belegten Tatsachen genügen, um nicht nur die Phantasie anzuregen, sondern auch bewusst zu machen, dass hier eine jener geschichtlichen Sachverhalte vorliegt, deren Bedeutung für ein vollständiges Geschichtsbild vielleicht grösser ist, als eine auf sicheren Quellen beruhende Rekonstruktion der Geschichte beweisen kann. Das jüdische Königreich der Khasaren, das mindestens im letzten Drittel des 1. Jahrtausends geschichtlich von grosser Bedeutung war, lag an der Grenze zwischen Europa und Zentralasien an den nördlichen Ufern des Schwarzen und des Kaspischen Meeres. Es beherrschte die Flussverbindungen auf den grossen Strömen Dnjepr, Don und Wolga, reichte im Westen nach Osteuropa hinein und im Osten bis zur Mündung des Oxus in Zentralasien. Die Khasaren waren ursprünglich ein Nomadenvolk türkischer Abstammung, das sesshaft wurde; wahrscheinlich im Jahre 740 nahmen der König, sein Hof und die herrschende Kriegerkaste den jüdischen Glauben an – das Judentum wurde zur Staatsreligion der Khasaren. (Koestler, 1991, S. 9).

Zweifellos sind dem Vorbild des Hofes eine erhebliche Zahl der Bürger gefolgt, die verschiedenen Ethnien entstammten, so dass die neu angenommene Religion eine das Khasarenreich einigende Wirkung haben musste. Das Reich stand in verhältnismässig engem Kontakt mit Byzanz, das von den Khasaren mit 40'000 Kriegern im Kampf gegen die Perser unterstützt wurde. Individuelle Übertritte zum Judentum sind in der Geschichte oft vorge­kommen und schon in der Bibel belegt, aber dass ein grosses, nicht monotheistisches Volk den jüdischen Glauben zu seiner Staatsreligion macht, ist eine einmalige Erscheinung in der Geschichte. Sie lässt sich einiger­massen erklären, einerseits aus der Tatsache, dass jüdische Siedler schon zuvor und wahrscheinlich seit der Antike in diesem europäisch-zentralasiatischem Grenzland zu finden gewesen waren. Wichtiger noch dürfte die Tatsache gewesen sein, dass das Khasarenreich, kulturell weiter entwickelt als andere, bis dahin noch nicht im gleichen Ausmass sesshafte Nomadenvölker, sich den monotheistischen Religionen anzuschliessen wünschte, ohne aber zum Vasallen des christlichen Byzanz oder des neu entstandenen Islam zu werden. Mit den nach Osten drängenden Arabern kam es zu über 100 Jahre dauernden Kriegen, in denen die Khasaren die arabische Expansion in den Osten aufhielten. Gleichzeitig war das Reich ein Schutzwall gegen die nach Westen und nach Süden expandierenden Nomadenvölker. Vor ihrer eigenen Staatsbildung hatten die Khasaren zuerst unter hunnischer Oberhoheit gestanden, dann unter jener des westtürkischen Reiches, das in der Mitte des 7. Jahrhunderts unterging. "Khasarien war der erste Feudalstaat in Osteuropa, der auf gleichem Rang mit dem byzantischen Reich und dem arabischen Kalifat stand". (Artomonov zit. nach Koestler, 1991, S. 23).

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Das jüdische Khazarenreich

Die Khasaren verstanden es trotz ihrer Abwehrkriege gegen die Araber auch eine Partnerschaft mit dem Islam einzugehen, wie sie in nicht unähnlicher Weise in Spanien zustande kam. "Der König der Khasaren hat eine grosse Stadt am Fluss Aetil. Sie hat zwei Hälften, in einer dieser beiden Hälften wohnen die Muslime und in der anderen Hälfte leben der König und sein Gefolge. An der Spitze der Muslime steht einer von den Pagen des Königs ...., er ist ein Muslim. Rechtliche Angelegenheit der im Lande der Khasaren wohnenden Muslime sowie derjenigen, die zwecks Handels zu ihnen, den Khasaren, kommen und mit ihnen verkehren, sind diesem muslimischen Pagen unterstellt, und kein anderer mischt sich in ihre Angelegenheiten und trifft gerichtliche Entscheidungen unter ihnen ... Die Khasaren und ihr König sind jüdischer Religion:" (Ibn Fadlan, zitiert nach Koestler, 1991, S. 38).

Die Khasaren trieben einen intensiven Handel mit dem Ausland und kontrollierten die Karawanen, die den Handelsverkehr zwischen Zentralasien und den Gebieten zwischen Ural und Wolga aufrecht erhielten. Solche Karawanen mussten sehr gross gewesen sein und beispielsweise 5000 Menschen und 3000 Tragtiere umfasst haben (Ibn Haukal, zitiert nach Koestler, 1991, S. 39/40). Dieser Bericht datiert bereits aus der Spätzeit des Khasarenreiches, dem Jahre 968. In gewissem Sinn hat sich somit in Khasarien mit umgekehrten Vorzeichen die Partnerschaft Spaniens entwickelt, wo die regierende Mehrheit muslimisch, aber die jüdischen Gemeinden weitgehend selbständig waren.

"In der Khasarenhauptstadt ist es Brauch, dass es sieben Richter gibt. Von diesen sind zwei für die Moslems, zwei für die Khasaren – die entsprechend der Thora (dem mosaischen Gesetz) Recht sprechen – zwei für die Christen, die nach dem Evangelium Recht sprechen und einer für die Saqaliba, Rus (die späteren Russen) und andere Heiden, der nach heidnischem Recht urteilt ..." (A. Masudi, zitiert nach Koestler, 1991, S. 44). Koestler meint wohl mit Recht, dass dieser Bericht etwas zu idyllische Assoziationen erwecken kann. Er zeigt aber immerhin, dass im Reich der Khasaren eine weitgehende Partnerschaft der drei monotheistischen Weltreligionen bestand.
Bei den Juden, die vor der Staatsbekehrung in diesem Raum siedelten, spielten vermutlich Emigranten eine wichtige Rolle die vor den religiösen Verfolgungen aus Byzanz geflohen waren und solche, die aus arabischen Gebieten kamen.

"Das Khasarenreich stellte eine dritte Kraft dar, die sich jeder einzelnen Supermacht als gleich­wertig erwiesen hatte, sowohl als Gegner als auch als Verbündeter. Aber es konnte seine Unabhängigkeit nur aufrecht erhalten, wenn es weder das Christentum noch den Islam annahm; denn das Bekenntnis zu einer dieser Religionen hätte es automatisch der Autorität entweder des römischen Kaisers oder des Kalifen von Bagdad unterstellt." (Koestler, 1991, S. 49). Es erreichte den Höhepunkt seiner Macht im 8. Jahrhundert. Selbst in Byzanz regierte einige Jahre ein Abkömmling der Khasaren, Sohn einer nach Byzanz verheirateten Prinzessin. Gegen Ende des 1. Jahrtausends wurde Khasarien zwischen der aufstrebenden Macht der Rus, der späteren Russen, die den byzantisch-christlichen Glauben annahmen, Byzanz und den anstürmenden Arabern aufgerieben.

Berühmt geworden ist die aus der Zeit zwischen 954 und 961 stammende Khasarenkorrespondenz, die zwischen dem hohen jüdischen Beamten Hastai Ibn Schaprut am Hofe des Kalifen von Cordoba und dem König Josef von Khasarien stattfand. Es musste die jüdische spanische Intelligenz sowohl aus geistigen wie auch aus politischen, strategischen und wirtschaftlichen Erwähnungen sehr interessieren, mit dem jüdischen Grossreich auf der anderen Seite Europas in Kontakt zu kommen. Dieser sporadische Kontakt blieb aber angesichts des Unterganges des Khasarenreiches ohne fassbare Konsequenzen. Die damit dokumentierte Achse zwischen Spanien und Osteuropa ist ein früher Beleg für jene Route, die später unter der spanischen Verfolgung die sephardischen Juden, welche nach Osteuropa emigrierten, nahmen. Innerhalb des Judentums besteht nicht nur die auch sonst kulturell bekannte Trennung zwischen Westen und Osten, sondern auch eine – gegenläufige – Verbundenheit zwischen einerseits westlicher und andererseits osteuropäischer und mittelasiatischer Kultur.
In unserem Zusammenhang ist es mindestens Wert darüber nachzudenken, welche nicht nur trennende, sondern auch vermittelnde Funktion die Kultur der Khasaren zwischen Zentralasien und – über Osteuropa – dem "Westen" gehabt haben kann. Solche Überlegungen sind umso wichtiger, als die These von Koestler plausibel scheint, dass nach Westen ausgewanderte Khasaren das Ostjudentum in Ungarn und Polen mindestens stark mitgeprägt und zu seiner eigenen Identität beigetragen haben. Koestler geht so weit, die Kultur des ostjüdischen Stedtl als ein Erbe des Khasarenreiches anzusehen. Im Unterschied zum städtischen Ghetto waren die Stedtl weitgehend selbständige und überwiegend mehrheitlich jüdische dörfliche Gemein­schaften, die ihre eigene Kultur entwickelten und trotz aller Pogrome bis zum Nationalsozialis­mus und zur Massenauswanderung nach Palästina bewahrten. Auf das Stedtl geht letztlich der Stil der Klezmermusik zurück, der deutlich orientalische Züge trägt.

Die auf dem Land gelegenen jüdischen Stedtl konnten mit ihrer weitgehend geschlossenen Kultur Traditionen der Musik besser bewahren, als dies im Westen unter dem Einfluss der anbrechenden Neuzeit möglich war.

Noch in der Zeit zwischen dem 1. und 2. europäischen Weltkrieg gibt der bedeutende jüdische Schriftsteller Joseph Roth eine Beschreibung der Musikanten des Stedtl, wobei er zwischen den weltlichen Musikern und den religiösen deutlich unterscheidet. Der folgende Text ( Roth l988 S.33) berichtet darüber hinaus auch über Spassmacher und Geschichtenerzähler, die wiederum mit den mittelalterlichen wandernden Unterhaltern und mit den Allround-Unterhaltern, wie sie heute noch im Orient anzutreffen sind, in Beziehung stehen. Des weiteren geht aus diesem Text hervor, welche Entwertung das Ostjudentum in den Augen des Westen erlitten hat, ein Phänomen, das sich nach der Staatsgründung Israels bei den westlich "Gebildeten", gegenüber den aus dem arabischen Raum stammenden Juden wiederholt hat.
"... Ein Wunderrabbi verheiratete seinen 14-jährigen Sohn mit der 16-jährigen Tochter eines Kollegen und die Chassidim beider Rabbis kamen zum Fest, das acht Tage dauerte und an dem etwa 600 Gäste teilnahmen.

Die Behörde hatte ihnen eine alte, unbenutzte Kaserne überlassen. Drei Tage dauerte die Wanderung der Gäste. Sie kamen mit Wagen, Pferden, Strohsäcken, Polstern, Kindern, Schmuck und grossen Koffern und quartierten sich in den Räumen der Kaserne ein.
Es war grosse Bewegung in der kleinen Stadt. Etwa 200 Chassidim verkleideten sich, zogen alte russische Gewänder an, umgürteten sich mit alten Schwertern und ritten auf Pferden ohne Sattel durch die Stadt. Es waren gute Reiter unter ihnen und sie desavouierten alle schlechten Witze, die von jüdischen Militärärzten handeln und zu berichten wissen, dass Juden sich vor Pferden fürchten.
Acht Tage dauerte der Lärm, das Drängen, das Singen, das Tanzen und das Trinken. Zum Fest wurde ich nicht zugelassen. Es war nur für die Beteiligten und ihre Anhänger arrangiert. Die Fremden drängten sich draussen, sahen durch die Fenster und lauschten der Tanzmusik, die übrigens gut war.

Es gibt nämlich gute jüdische Musiker im Osten. Dieser Beruf ist erblich. Einzelne Musiker bringen es zu hohem Ansehen und zu einem Ruhm, der ein paar Meilen über ihre Heimatstadt hinausreicht. Einen grösseren Ehrgeiz haben die echten Musiker nicht. Sie komponieren Melodien, die sie, ohne von Noten eine Ahnung zu haben, ihren Söhnen vererben und manchmal grossen Teilen des ostjüdischen Volkes. Sie sind die Komponisten der Volkslieder. Wenn sie gestorben sind, erzählt man noch fünfzig Jahre lang Anekdoten aus ihrem Leben. Bald ist ihr Name verschollen und ihre Melodien werden gesungen und wandern allmählich durch die Welt.

Die Musiker sind sehr arm, denn sie leben von fremden Freuden. Man bezahlt sie miserabel und sie sind froh, wenn sie gute Speisen und Lebkuchen für ihre Familie mitnehmen dürfen. Sie bekommen von den reichen Gästen, denen sie "aufspielen", Trinkgelder. Nach dem unerbitt­lichen Gesetz des Ostens, hat jeder arme Mann, also auch der Musiker, viele Kinder. Das ist schlimm, aber auch gut. Denn die Söhne werden Musiker und bilden eine "Kapelle", die umso mehr verdient, als sie grösser ist und der Ruhm ihres Namens umso weiter verbreitet wird, als es mehr Träger dieses Namens gibt. Manchmal geht ein später Nachkomme dieser Familie in die Welt und wird ein berühmter Virtuose. Es leben einige solche Musiker im Westen, deren Namen zu nennen keinen Sinn hat. Nicht, weil es ihnen etwa peinlich sein könnte, sondern weil es ungerecht wäre gegenüber den unbekannten Ahnen, die es nicht nötig haben, sich ihre Grösse durch das Talent ihrer Enkel bestätigen zu lassen.

Zu einem künstlerischen Ruhm bringen es auch die Sänger, die Vorbeter, die man im Westen "Kantoren" nennt und der Berufsname "Chasen" lautet. Diesen Sängern geht es meist besser, als den Musikern, weil ihre Aufgabe eine religiöse, ihre Kunst eine andächtige und weihevolle ist. Ihre Tätigkeit stellt sie in die Nähe der Priester. Manche, deren Ruf bis nach Amerika dringt, erhalten Einladungen in die reichen amerikanischen Judenviertel. In Paris, wo es einige reiche ostjüdische Gemeinden gibt, lassen die Repräsentanten der Synagogen jedes Jahr zu den Feiertagen einen der berühmten Sänger und Vorbeter aus dem Osten kommen. Die Juden gehen dann zum Gebet, wie man zu einem Konzert geht, und sowohl ihr religiöses, als auch ihr künstlerisches Bedürfnis wird befriedigt. Es ist möglich, dass der Inhalt der gesungenen Gebete, der Raum, in dem sie vorgetragen werden, den künstlerischen Wert des Sängers steigern. Ich habe nie nachprüfen können, ob die Juden recht hatten, die mir mit Überzeugung sagten, der und jener "Chasen" hätte besser gesungen, als Caruso.

Den seltsamsten Beruf hat der ostjüdische "Batlen", ein Spassmacher, ein Narr, ein Philosoph, ein Geschichten­erzähler. In jeder kleinen Stadt lebt mindestens ein Batlen. Er erheitert die Gäste bei Hochzeiten und Kindstaufen, er schläft im Bethaus, ersinnt Geschichten, hört zu, wenn die Männer disputieren und zerbricht sich den Kopf über unnütze Dinge. Man nimmt ihn nicht ernst. Er aber ist der ernsteste aller Menschen. Er hätte ebenso mit Federn und mit Korallen handeln können, wie jener Wohlhabende, der ihn zur Hochzeit lädt, damit er sich über sich selbst lustig mache. Aber er handelt nicht. Es fällt ihm schwer, ein Gewerbe zu betreiben, zu heiraten, Kinder zu zeugen und ein angesehenes Mitglied der Gesellschaft zu sein. Manchmal wandert er von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt. Er verhungert nicht, er ist immer am Rande des Hungers. Er stirbt nicht, er entbehrt nur, aber er will entbehren. Seine Geschichten würden wahrscheinlich in Europa Aufsehen erregen, wenn sie gedruckt würden. Viele behandeln Themen, die man aus der jiddischen und aus der russischen Literatur kennt. Der berühmte Scholem Alechem war der Typus eines Batlen, – nur bewusster, ehrgeiziger und von seiner Kulturaufgabe überzeugt.

Die epischen Begabungen sind überhaupt häufig im Osten. In jeder Familie gibt es einen Onkel, der Geschichten zu erzählen weiss. Es sind meist stille Dichter, die ihre Geschichten vorbereiten, oder während sie erzählen, erfinden und verändern.

Die Winternächte sind kalt und lang und die Geschichtenerzähler, die gewöhnlich nicht genug Holz zum Heizen haben, erzählen gerne für ein paar Glas Tee und ein bisschen Ofenwärme. Sie werden anders, besser behandelt, als die Spassmacher von Beruf. Denn jene versuchen wenigstens, einen praktischen Beruf auszuüben und sind schlau genug, vor dem durchaus praktische gesinnten Durchschnittsjuden den schönen Wahn zu verbergen, den die Narren weithin verkünden. Diese sind Revolutionäre. Die Geschichtenerzähler aus Liebhaberei aber haben Kom­promisse mit der bürgerlichen Welt geschlossen und sind Dilettanten geblieben. Der Durchschnittsjude schätzt Kunst und Philosophie, sofern sie nicht religiös sind, nur als "Unterhaltung". Aber er ist ehrlich genug, es zuzugeben und er hat nicht den Ehrgeiz, von Musik und Kunst zu sprechen.

Das jiddische Theater ist seit einigen Jahren im Westen so bekannt geworden, dass an dieser Stelle eine Würdigung überflüssig wäre. Es ist fast mehr eine Institution des westlichen Ghettos, als der östlichen. Der fromme Jude besucht es nicht, weil er glaubt, er verstosse gegen die religiösen Vorschriften. Die Besucher des Theaters im Osten sind "aufgeklärte" Juden, die meist heute schon national fühlen. Sie sind Europäer, wenn auch noch weit entfernt vom Typus des westeuropäischen Theaterbesuchers, der den "Abend totschlägt".
Man kennt im Westen den Typus des ostjüdischen Landmenschen überhaupt nicht. Er kommt nicht nach dem Westen. Er ist mit seiner "Scholle" so verwachsen, wie der Bauer. Er ist selbst ein halber Bauer. Er ist Pächter oder Müller, oder Schankwirt im Dorf. Er hat nie etwas gelernt. Er kann oft kaum lesen und schreiben. Er kann gerade noch kleine Geschäfte machen. Er ist gerade noch klüger, als der Bauer. Er ist stark und gross und von einer unwahrscheinlichen Gesundheit. Er besitzt körperlichen Mut, liebt eine Schlägerei und scheut keine Gefahr." (S. 44 - 49)

Die Bedeutung der Geschichtenerzähler und des legendären Theaters im Ostjudentum, beides Zeugnisse der eigenständigen, im Volk verwurzelten Kultur gehen aus diesem Text klar hervor. Er schildert eine "orientalische" Tradition, die mit den auswandernden Ostjuden vor allem auch nach Amerika gefunden hat, wo aus diesem Milieu nicht nur die Klezmer-Musiker hervorge­gangen sind, sondern auch eine durch Benny Goodmann und andere Musiker verkörperte jüdische Wurzel des Jazz.

Ich habe in meiner Kindheit in der Emigration in der Schweiz noch den Nachhall der von Roth beschriebenen Kulturtradition einprägsam erlebt. Nicht nur spielten Theater und Musik, Satire und politisches Kabarett sowohl in den Erinnerungen meiner Eltern, Grossmutter, Onkel und Tante an die Heimatstadt Wien eine vorrangige Rolle, nicht nur konnte ich mit meinen Eltern gemeinsam viele Puppentheateraufführungen bestreiten, in denen wir die beschriebenen Elemente, auch das politisch-satirische, selbst gestalteten, sondern ein Bruder meiner Mutter, Onkel Ernst, verkörperte, obwohl nicht aus dem Ostjudentum, sondern aus der intellektuellen Wiener Kultur hervorgegangen, mehrere Seiten des "Batlen". Sie waren Teil seiner Persönlich­keit, obwohl er sie nur privat – und nur vereinzelt und erfolglos als Amateur vor Publikum – lebte. Er war ein begeisterter Imitator, vor allem des grossen Wiener Schauspielers Alexander Moissi, ein für mich, seinen Neffen, brillanter Erfinder und Erzähler von Geschichten, im jüdischen Witz gewissermassen zuhause, der für ihn auch eine Art Lebens- und Überlebens­philosophie war. Das jiddische Lied und dessen Musik war ein Kernstück der kulturellen Identität. Einige wenige Schallplatten waren eine Kostbarkeit. Der musikalische Ausdruck des Chasan in der grossen Zürcher Synagoge war ein Zentrum der Religiosität und von ihm kraft­voll und gefühlsstark besonders wichtige Passagen des Gottesdienstes bildeten dessen Zentrum. Weit mehr als die inhaltlich oft bemängelten Predigten der Rabbiner.

Meine Grossmutter, selbst gerne Gelegenheitsverse dichtend, sang die Lieder ihrer Kindheit, die sie in einem bescheidenen, frommen Milieu eines Religionslehrers im heutigen Ungarn verbracht hatte. Oper und vor allem Operettenmelodien gehörten zum Kernbestand des "kulturellen Haushaltes". Sie sind, zusammen mit klassischen Konzerten und Theater, auch für den letzten meiner Ahnen, Onkel Ludwig, 1907 geboren, der zum Zeitpunkt dieser Nieder­schrift nahezu erblindet im Altersheim lebt, heute noch von so überragender Bedeutung, dass er fast täglich in der Erinnerung nach Namen von Künstlern aus der Zwischenkriegszeit sucht. Dieses kulturelle Erbe ist wohl eine der Grundlagen für mein Interesse am Thema dieses Buches.


I.04.5 Anhang
I.04. 5.1.1 Daten zur jüdischen Geschichte und Musik
[Quelle: Gradenwitz, P. (1961) u. a.]

um 2000 v. u. Z.
Wanderung Abrahams
13. Jh. v. u. Z.
Auszug aus Ägypten, Moses. Aus der Zeit zwischen dem 13. und 12. Jh. Bronzefigur mit Blasinstrument, möglicherweise Schalmei, in Megido ausgegraben.
ca. 1200 v. u. Z.
Richterzeit der Juden bis ca. 1020. In diese Zeit fallen die dorische Wanderung aus dem nördlichen Balkan nach Griechenland. Die ersten Italiker tauchen in Italien auf. Frühgriechen (Archäer) vom Festland und aus Kreta (Krethi und Plethi = Philister) wandern über das Meer aus. Abwehrkämpfe Ägyptens gegen Seevölker und Libyer (bis 1177). Aramäische Wanderung
1183 v. u. Z.
Traditionelles Datum für die Zerstreuung Trojas.
1150 v. u. Z.
Das Lied der Debora
ca. 1020 v. u. Z.
Saul König der Juden
ca. 1004 v. u. Z.
David wird König, Ausdehnung des jüdischen Reiches bis 928. Die Leviten erhalten die vererbbare Aufgabe religiöse Gesänge vorzutragen. Instrumentalmusik, wahr­scheinlich auch mit dem Rohrblattinstrument Halil.
1000 v. u. Z
Eroberung von Jerusalem, die Hauptstadt und religiöses Zentrum wird.
1000 - 450 v. u. Z.
Die Propheten
969 v. u. Z.
Bündnis Salomons mit ?iram dem Ersten von Thyros in Phönikien
965 v. u. Z.
Salomon wird König, Fernhandel, unter anderem, mit Saba
ca. 953 v. u. Z.
Erbauung des ersten Tempels in Jerusalem, unter anderem mit Handwerkern und Holz aus dem phönikischen Thyros
928 v. u. Z.
Teilung des jüdischen Reiches in Israel (bis 722) und Juda (bis 586)
841 v. u. Z.
Baals-Kult in Israel ausgerottet. Israel unter Schutz Assyriens
814 v. u. Z.
Traditionelles Datum für die Gründung des phönikischen Karthago
722 v. u. Z.
Israel von Assyrien vernichtet, Deportation von 10 Stämmen
701 v. u. Z.
Juda wird an Assyrien tributpflichtig
586 v. u. Z.
Juda von Babylon erobert, babylonische Gefangenschaft (bis 539, 538)
538 - 332 v. u. Z.
538 - 332: Perserherrschaft. Alexandria gegründet. Judäa unter ägyptische Herrschaft kommend.
300 - 63 v. u. Z.
Griechische Fassung der Bibel, die Septuaginta. 165 Tempel wieder eingeweiht. Im Jahr 63 erobert Pompeius Jerusalem, was das Ende einer politischen jüdischen Selbständigkeit bedeutet.
ab 30 v. u. Z.
Hillel der Grosse lehrt in Jerusalem
Das Jahr 0 unserer Zeitrechnung

6
Judäa römische Provinz
29
Kreuzigung Jesus
38
Judenverfolgungen in Alexandria
41
Kaiser Claudius
54
Kaiser Nero. Brand Roms und Christenverfolgungen
66
Jüdischer Aufstand in Palästina, 70 Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch den römischen Feldherrn Titus.
76 - 79
Josephus beendet seine Geschichte des "Jüdischen Krieges"
ca. 100
Kanon des Alten Testaments festgelegt
100 - 300
Einfluss des Hellenismus auf die jüdische Kultur
117 - 138
Herrschaft des römischen Kaisers Hadrian mit jüdischem Aufstand in Palästina 117/118 und Aufstand des Bar Kochba 132/135.
140 - 175
Aufblühen jüdischer Lehrhäuser in Palästina.
190
Verbindlicher Text der Mischna durch Rabbi Juda HaNassi festgelegt
219
Gründung wichtiger babylonischer Lehrhäuser
250 - 650
Babylonien unter persischer Herrschaft
320 - 370
Abschluss des palästinensischen Talmudes und Niedergang der palästinensischen Lehrhäuser
499
Abschluss des babylonischen Talmudes
439 - 1038
Zeit der Geonim (Häupter der Gelehrtenschulen)
699
Wiederherstellung der byzantinischen Herrschaft in Palästina
321
Erste Siedlungen von Juden in Köln
8. - 13. Jh.
Blüte der jüdischen Wirtschaft im islamischen Spanien
900 - 1400
Blütezeit der jüdischen Religionsphilosophie, bedeutende jüdische Gelehrte wie Raschi, Maimonides (1135 - 1204)
1080 - 1145
Jehuda HaLevy
1096
Judenverfolgungen in Zusammenhang mit dem 1. Kreuzzug
1135 - 1204
Maimonides
1165 - 1173
Die Reisen des Benjamin von Tudela
1200 - 1600
Blüte der Kabbala
1236
Privilegien für Juden in allen deutschen Ländern
1267
Reorganisation der jüdischen Gemeinde in Jerusalem
Ende des 12. Jh.
Ende des 12. Jh.: Vertreibung der Juden aus England, zu Beginn des 13. und Ende des 14. Jh. grosse Vertreibungen aus Frankreich
1310
Herausgabe des "Sohar", des kabbalistischen Kompendiums
Mitte 14. Jh.
Pestepidemien in Europa
15. Jh.
Jüdische Musikanten in Prag
Ende 15. Jh.
Druck der ersten hebräischen Bücher. Vertreibung der Juden aus Spanien und Portu­gal. Erste gedruckte Ausgabe des Buches der Mishnah mit Kommentar von Maimonides
Beginn 16. Jh.
Herrschaft der Ottomanen in Palästina. Erste vollständige Ausgabe des Babylonischen Talmuds, sowie erste Ausgabe des Jerusalemer Talmuds
1530 - 1650
Die Kabbalisten in Safed
16. Jh.
Spanische Juden siedeln in Holland. Entstehung des Ghetto von Venedig
Spätes 16. und frühes 17. Jh.
Blütezeit der Tanzkunst, des Theaters und der Musik im goldenen Zeitalter der italienischen Renaissance mit jüdischen Musikern und Tanzlehrern. Jüdische Musikanten in Frankfurt
1626 - 1676
Sabbatai Zvi, der falsche Messias
1629
Gründung einer jüdischen musikalischen Akademie in Venedig
1632 - 1677
Baruch Spinoza
1729 - 1786
Moses Mendelssohn
1740
Die chassidische Bewegung
1787
Erklärung der religiösen Freiheit in den Vereinigten Staaten
1790
Gleichberechtigung der Juden in Frankreich
1812
Anerkennung in Preussen
1870
Erste landwirtschaftliche Schule in Palästina
1877
Gründung des jiddischen Theaters in Jassy durch Abraham Goldfaden
1881
Massenpogrome in Russland
1896
Theodor Herzls Schrift "Der Judenstaat"
1897
erster Zionistenkongress in Basel
1908
Gründung der Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Sankt Petersburg
1916
Das Habima-Theater in Moskau gegründet
1917
Die Balfourerklärung, welche den Aufbau eines jüdischen Nationalstaates unterstützt
1919- 1920
Pogrome in der Ukraine. Wiederaufnahme der Klezmermusik in den Vereinigten Staaten durch eingewanderte Musiker aus Rumänien, Polen, Russland und Litauen
1924
Erste hebräische Oper in Palästina
1925
Eröffnung der hebräischen Universität in Jerusalem
1922 - 1948
Mandatsherrschaft Grossbritanniens in Palästina. Einwanderungswellen in Israel: 1882/1905; 1905/1914; 1919-1924; 1924-1927; ab 1927 fünfte Einwanderungswelle, diesmal aus Mitteleuropa, die nach der Machtergreifung Hitlers das grösste Ausmass einnimmt
1933
Machtergreifung des Nationalsozialismus in Deutschland
1939-1945
während des Zweiten Weltkriegs, Vernichtung der jüdischen Gemeinden in Mittel- und Osteuropa.
1947
Teilungsbeschluss für Palästina durch die Vereinten Nationen
1950-1951
Masseneinwanderung aus orientalischen Ländern
1954
erstes internationales Musikfest in Israel
19
Einwanderung äthiopischer Juden in Israel
1990er Jahre
Einwanderungswelle aus den ehemaligen Ostblockländern