II. Unsterbliche Ahnen in Asien


II.06. Eurasische Mitte

II.06.1 Persien, das Kurdengebiet und Afghanistan
II.06.2 Annäherung an die Mitte
II.06.3 Buchara, Samarkand und Chiva
II.06.4 Seidenstrasse
II.06.5 Anhänge
I.06.5.1 Namen der Trance-"Spezialisten" im Hunzagebiet, I.06.5.2 Daten zur Geschichte des westlichen Zentralasiens


II.06.1 Persien, das Kurdengebiet und Afghanistan

Die Bedeutung Persiens in der Antike und für die kulturelle Entwicklung ist oft auch denjenigen wenig bewusst, die sich für Kulturgeschichte interessieren. Die Landschaft Persiens ist, mit Ausnahme schmaler Tieflandstreifen im Südwesten, ein von schroffen, schwer zu überqueren­den Hochgebirgen umrandetes und durchzogenes Hochplateau.

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Musikanten am Neujahr in Iran

Auf der Flugroute zwischen Karachi an der Mündung des Indus und Europa überfliegt der zeitgenössische Reisende Stunde um Stunde dieses karge Land, unter sich kahle Bergzüge und Täler, Stein- und Salzwüsten und selten grössere Siedlungen und Strassen. Die in diesem Bergland beheimateten Menschen standen früh schon in Kontakt und in militärischen Auseinandersetzungen mit Mesopotamien. Sie kontrollierten in der Antike und im Mittelalter die Fernhandelswege zwischen dem Westen und dem Fernen Osten. Im 6. Jahrhundert v. u. Z. eroberte Pyrrhos der Zweite Babylon und machte Persien zum Weltreich. Sein Sohn Kyrros der Zweite zog nach Ägypten, das er unter­warf. Um 560 v. u. Z. entwickelt Zarathustra (Zoroaster) seine Religion, mit der er den Dualismus in die Kulturgeschichte einführte, die Geisteshaltung der Gegenüberstellung von Gut und Böse, von Hell und Dunkel, von Gott und Teufel. Zarathustra, ein fanatischer Vertreter der Wahrheit, hat durch die unerbittliche Gegenüberstellung gegensätzlicher Prinzipien sowohl die Entstehung der christlichen Religion, wie des Islam entscheidend geprägt. Nur auf dem Hinter­grund dieses Dualismus sind die extrem polarisierten Beurteilungen der Schalmeien zu verste­hen, die immer wieder regelrecht "verteufelt" und in den Untergrund gedrängt wurden, innerhalb der Instrumentenwelt als extremes Gegenprinzip zu den edlen Saiteninstrumenten, welche die menschliche Stimme begleiten können.

Kyrros der Zweite (559 - 530 v. u. Z.) war es, der nach der Eroberung der ionischen Städte Kleinasiens, Babylons, Phönikiens und Palästinas den Juden erlaubte aus der babylonischen Gefangenschaft in ihre Heimat zurückzukehren und den zweiten Tempel in Jerusalem (515 v. u. Z.) wieder aufzubauen. Dareios der Erste (521 - 486 v. u. Z.) ist Urheber einer Reichsreform, die nach der Niederschlagung von Aufständen eine bisher nie gekannte Vereinheitlichung des alten Vorderen Orients bewirkte. Aramäisch war die Reichssprache, eine metallene Währung wurde aufgrund des hundert Jahre früher erfundenen Münzgeldes für das gesamte Perserreich eingeführt, ein ausgebautes Strassen- und Postsystem mit der "Königsstrasse" zwischen Susa und Sardis ermöglichte eine grossräumige Kommunikation. Der Sieg über die phönikischen und ionischen Küstenstädte machte Persien, das bis dahin die stärkste Landmacht der Weltgeschichte war, auch zur stärksten Seemacht. Necho der Zweite baute einen Kanal, der vom Nil zum Roten Meer führte und damit den Handel zwischen dem Niltal und der afrikanischen und arabischen bis indischen Küste wesentlich erleichterte.

Die Karte des Archämeniden-Reiches um 500 v. u. Z. zeigt einerseits die Grösse des antiken persischen Kultur­raumes, der in der späteren Geschichte trotz aller politischen Wirren, Auseinandersetzungen und Aufteilungen eine gewisse zusammenhängende kulturelle Basis bewahrt hat; andererseits dass dieser im Osten bis zum Indus und im Norden bis zu den zentralasiatischen Tiefländern reichende Raum im Westen auch die Türkei umfasst, und im Süden Mesopotamien, die nordafrikanische Küste der arabischen Halbinsel mit Ausstrahlung bis Ägypten. Aber im Kern handelt es sich um ein oft sehr schwer zugängliches Bergland, das eine gemeinsame Basis für die kulturelle Entwicklung bildet; die an die schwierigen geographischen Verhältnisse gewohnte Bergbevölkerung konnte sich in den oft isoliert gelegenen Talschaften eine regionale Tradition und oft auch verhältnismässig weit­gehende Autonomie bewahren. Weitere Gemeinsamkeiten sind die Lage als Durchgangsland im Fernhandel zwischen Orient und Okzident, aber auch zwischen Arabien und Zentralasien, was sowohl die Kontrolle des Fernhandels ermöglichte, wie auch einen über die ganze Geschichte hinreichenden kulturellen Austausch. Der Versuch dieser Weltmacht, auch Griechenland zu erobern, scheiterte jedoch in den Persernkriegen mit der Niederlage von Marathon gegen Athen 490 v. u. Z. im ersten und der Seeniederlage von Salamis im zweiten Perserkrieg.


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Perserkriege 500-478 v.u.Z.


Es folgten Aufstände in Babylon und Ägypten. Anfangs des 4. Jahrhundert v. u. Z. konnte Persien seine Vormachtstellung nochmals konsolidieren. Rund 150 Jahre später führte Alexander der Grosse eine Art heiligen Krieg gegen die Perser auf seinem Feldzug, der ihn bis nach Indien führte. Durch ihn und in seiner Nachfolge entstand im Hellenismus Persiens eine neue Synthese von kulturell weitreichender Bedeutung.

Ein ähnliches Phänomen der Synthese spielte sich auch nach den arabisch-islamischen Eroberungen ab. Trotz der heutigen Aufteilung in unterschiedliche Länder, Afghanistan im Osten, Iran in der Mitte, Irak in Mesopotamien, die Türkei im Westen, Syrien im Südwesten, ergeben sich immer wieder Situationen, welche die gemeinsame geschichtliche Verstrickung erneuern; dabei kann es sich sowohl um politische Übereinstimmungen handeln, beispielsweise die gemeinsame Ablehnung der kurdischen Autonomiebewegungen oder um "Bruderkriege" wie der iranisch-irakische Krieg.

Nach Alexanders Tod wird der Iran ein Teil des Seleukiden-Reiches, von dem sich um 250 v. u. Z. Baktrien, als iranisch-hellenistisches Reich, dessen Einfluss sich bis Indien ausdehnt, abtrennt. Etwa um die gleiche Zeit entsteht, begründet von einem iranischen Reitervolk, das Partherreich.

Durch den Aufstieg Roms im griechischen Kulturraum erreicht der persisch-iranische Einfluss den "fernen Westen" Südeuropas. Von den Persern übernahm Rom die gepanzerte Reiterei, die vor allem gegen die Germanen als schnelle Eingreiftruppe erfolgreich eingesetzt wurde. Auf sie ist schliesslich das Rittertum des Mittelalters zurückzuführen. Ein eigenes Grossreich nach dem Alexanderfeldzug und seinen Nachfolgestaaten entsteht mit dem Sassanidenreich zu Beginn des 3. Jahrhunderts v. u. Z.

Die Lehre des Zoroaster wurde Staatsreligion; die Sassaniden führten Krieg mit Rom und erreichten den Höhepunkt ihrer Macht im 6. Jahrhundert. Persien behauptete sich gegen die turkmongolischen Nomaden aus dem Norden, unterlag aber gegen das christliche Byzanz und wurde schliesslich 636 bis 656 durch arabisch-islamische Nomaden aus dem Süden erobert und ins Kalifat eingegliedert. In diesem wuchs der persische Einfluss, was sich besonders ver­stärkte, nachdem das Kalifat 763 nach Bagdad verlegt wurde. Später, im Mittelalter, eroberten dann die Selchuken Bagdad, die Mongolen den Iran.

"Eine kurze Skizze" – schreibt Geiss (1989, S.149) – "zwischen dem Untergang des altper­sischen Reiches (330 v. u. Z. ) und dem zweiten neupersischen Reich der Safaviden (1499/1501 bis 1722) ist fast hoffnungslos. Gleichwohl erweist sich die Kenntnis des Safaviden-Reiches als grundlegend zum weiteren Verständnis seiner historischen Voraus­setzungen, Entwicklungen und Nachwirkungen ... Unterhalb der offiziellen Kultur des Hellenismus hielten sich altpersische Elemente vor allem der Zoroastrismus im religiösen Untergrund ... Mit ihrer Offensive gegen Westen (230/32) eröffneten die Sassaniden eine Kette wechselvoller Kriege und trugen zur Erschöpfung Roms bei ... Auch ideologisch waren die Sassaniden besonders gefährliche Gegner Roms, durch Aufnahme des religionspolitischen Dissens, wie durch den in Persien entstandenen Manicheismus (243), der auf das gerade christ­lich werdende Rom eine besonders desintegrierende Wirkung hatte. Eine welthistorische Bedeutung erhielt das Sassaniden-Reich durch seine Formel für die Abwehr der traditionellen Nomadengefahr aus dem Norden – gepanzerte Reiter, dezentralisiert und erhalten durch Zutei­lung von "Land und Leuten" ... Das Sassanidenreich hatte mit dem üblichen Problem älterer Grossreiche zu kämpfen – Zweifrontenkrieg gegen Nomaden der Steppe und mindestens ein rivalisierendes Grossreich (Rom)."

Es ist hier noch weniger als im Übersichtswerk von Geiss möglich, Einzelheiten aus den politischen und militärischen Auseinandersetzungen Persiens darzustellen. Wir müssen uns darauf beschränken, daran zu erinnern, dass die Bedeutung Persiens als Bindeglied zwischen dem Orient und dem Westen, als Kontrollmacht für den Fernhandel, als Schöpfer des Dualismus, als Grossreich, das sich mit den turkmongolischen Stämmen auseinandersetzte und von den arabisch-islamischen Nomaden erobert wurde, für unser Thema der Kulturgeschichte eines Musikinstrumentes, das Orient und Okzident miteinander verbindet, nicht ausser acht gelassen werden darf. Die heutige Bedeutung des Iran für die islamische Welt und den Westen, aber auch die schweren regionalen Auseinandersetzungen in Afghanistan haben nicht nur ihre geschichtlichen Wurzeln, sondern beschäftigen auch den Westen in unserer Zeit auf ähnliche Art, wie die Ereignisse in Persien die antiken Kulturen im Mittelmeerraum beschäftigt haben.

Die Surna in der Verbindung mit der grossen Trommel Dahal gehörte noch bis in die jüngste Zeit zu den verbreiteten und häufigen Instrumenten der Volksmusik des Iran, sowohl unter Bauern wie unter Halbnomaden. Dabei kann es sich um eine einzelne Surna handeln, oder um zwei Spieler, von denen der eine den Bordunton spielt. Surna und Dahal sind die wichtigsten Instrumente bei Dorffesten (Zonis, 1973). In den Städten wird die Musik bei religiösen Dramaaufführungen und bei der sogenannten Turmmusik eingesetzt. Sie wird auch von Wan­dermusikanten gespielt. Zwar ist es die persische Kunstmusik, die internationale Beachtung gefunden hat, aber die Mehrheit der weit über 20 Millionen Einwohner des heutigen Iran lebt in Dörfern und in Stammesverbänden, von denen viele noch nomadisieren, in einem extrem unwegsamen Gebiet. Daher spielt die dörfliche Volksmusik im Lande selbst die weit grössere Rolle. Dazu kommt die ethnische Vielfalt, die sich auch in der Musik widerspiegelt.

Darstellungen von Schalmeispielern aus dem persischen Kulturbereich vor der Jahrtausend­wende finden sich im Museum Eremitage in Leningrad (Farmer, 1966, S. 20-23). Zwei Silberschalen werden in eine Periode nach der Herrschaft der Sassaniden-Könige datiert, die sie darstellen.

Die eine Schale wird dem 8. Jahrhundert zugeschrieben, der Zeit in der nach der Eroberung durch die Araber die abassidischen Kalifen regierten. Reich verzierte goldene und silberne Schalen dieser Art wurden teils von den Eroberern mitgenommen, teils von persischen Kaufleuten in andere Länder gebracht. Daher werden derartige Gegenstände weit verstreut gefunden. So wurde eine der Schalen in der Nähe des Ural gefunden. Der auf einem gepolsterten Thron sitzende König hält eine Weinschale. Von den beiden Musikern zu seinen Füssen spielt der eine Oboe, deren Struktur auf eine Wicklung aus Rinde oder einer Umwicklung mit Rinde hindeutet, eine soge­nannte Rindenoboe. Es handelt sich um ein wenig konisches Instrument, das sich zum Zusammenspiel mit der Harfe eignet. Der geöffnete Mund des Harfenspielers deutet darauf hin, dass dieser gleichzeitig singt.

Die andere Schale ist in der Datierung umstritten, welche zwischen dem 8. Jahrhundert und der Jahrtausendwende schwankt. Von den beiden Musikern, die wiederum zu Füssen des Königs sitzen, spielt der eine die Laute und der andere eine lange nahezu zylindrische Oboe, wie sie in dieser Länge, aber etwas stärker konisch, noch heute in der westlichen Türkei hergestellt wird und auch noch auf mittelalterlichen Abbildungen in Europa zu sehen ist.

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Antike Persische Schale

Die iranische Laute haben die Araber Ende des 6. Jahrhunderts übernommen und sie soll angeblich in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts in Mekka gespielt worden sein. Über den Musikanten sind zwei Diener abgebildet, von denen der eine einen Weinkrug in der linken und ein Weihrauchgefäss in der rechten Hand hält und der andere dem König frische Luft zufächelt.

Eine Silberkanne aus der gleichen Periode zeigt einen Oboenspieler, der ein ausgeprägt konisches Instrument spielt, auf dem auch die Grifflöcher zu sehen sind. Die grosse Pflanze in der Mitte könnte darauf hindeuten, dass hier eine Aufführung im Freien im Gange ist. Berichte aus dieser Periode beschreiben die Verwendungsmöglich­keiten des Schilfrohres für die Herstellung der Blasinstrumente, die als Nay bezeichnet werden und der Rohrblätter. Den Persern wird in diesen Berichten auch die "festliche Pfeife" Surnay* und das Doppelblas­instrumentes Dunay*, wie auch die Harfe zugeschrieben. Bemerkenswert daran ist, dass den Arabern keine Neuerungen und Erfindungen auf musikalischem Gebiet zugestanden werden.

Aus einer viel späteren Periode, in der die Schalmei längst auch in Europa eingeführt war, nämlich aus der Mitte des 14. Jahrhundert, stammen iranische Zeichnungen von Musik­instrumenten, die sich im Britischen Museum in London befinden. Die Oboe wird darin zylindrisch abgebildet, ein Instrument, das wohl dem Typus der Mey zuzurechnen ist. Im Text wird sie sowohl unter dem arabischen Namen Mizmar*, als auch unter der persischen Bezeich­nung als "Schwarzer Nay" beschrieben, während die Flöte oft als "Weisser Nay" bezeichnet wurde. Die Rohrblatt-Mundstücke sowie deren Verschnürung finden in jener Quelle der Zeit eine ausführliche Beschreibung. Die Bezeichnung "Schwarz" könnte auch auf ein spezielles Holz hinweisen; bis nach Italien und in die Bretagne gilt das schwarze Ebenholz als das beste Material für die Schalmei.
Stellvertretend für unterschiedliche Bevölkerungsgruppen sei hier anhand von zwei Begleittex­ten zu ethnomusikalischen Aufnahmen einige Angaben über die Baxtyari im Südosten Irans und über die Kurden im Nordosten, deren Territorium auch auf das Gebiet der Türkei und Arme­niens reicht, weitergegeben. Beide Volksstämme haben eine eigene vielseitige Oboenkultur.

Die Baxtyari sind einer der bedeutendsten Stämme des Irans, etwa eine halbe Million Menschen. Sie sprechen eine iranische Sprache und sind Schiiten. Ihr Gebiet umfasst etwa 75000 km2 in den Bergen des Zagrosgebirges, zwischen Isfahan im Westen und Ahvaz im Osten. Ursprünglich Nomaden sind sie in letzter Zeit teilweise sesshaft geworden. Die Wanderungen mit den Herden, die in dem schwer zugänglichen Gebirge besonders schwierig sind, umfassen den Alpaufstieg und den -abstieg im Herbst mit Strecken bis zu 350 km, sie betreiben Schafzucht, züchten Pferde für den Transport und als Reittiere, pflanzen Getreide mit zwei jährlichen Ernten. Wie andere Völker des Mittleren Osten ragt unter den Handwerksarten besonders das Weben von Kleiderstoffen, Zelt­stoffen aus schwarzem Ziegenhaar, Teppichen und anderen Gebrauchsstoffen hervor. Für das meiste sind die Nomaden von den sesshaften Dorfbewohnern abhängig, beispielsweise für Tee, Zucker, Tabak, Salz, Reis und so fort, sowie von spezialisierten Handwerkern, die nicht zum Stamm gehören und eine sozial tiefe Stellung einnehmen, wie beispielsweise die Schmiede. Ihre Nomadenmusik steht durch den Gebrauch bestimmter Volksinstrumente, und darunter insbesondere der Oboe, sowie durch die mit dem Tanz und Kampf in Beziehung stehenden Rhythmen in gewissem Kontrast zur "klassischen" und raffinierten, ursprünglich höfischen persischen Kunstmusik. Trotzdem beruht sie auf den gleichen Ursprüngen und gleichen harmonischen Prinzipien.

Die Oboe wird bei den Baxtyari als Karna* bezeichnet und zusammen mit der zweifelligen grossen Trommel Dòhol gespielt wird. Der Name bedeutet wörtlich übersetzt Taschentuchspiel. Er rührt möglicherweise von der Tradition her, dass die in einem Kreis tanzenden Teilnehmer, Männer und/oder Frauen, zum Tanz mit einem kleinen Tuch, das sie in der Hand halten, winken. Die Karna* ist eine lange Oboe von etwa 90 cm mit einem grossen Schalltrichter.

Ein Kampfspiel bei dem die Karna* zum Einsatz kommt ist das Stockspiel. Der eine Spieler verfügt über eine Gerte, mit der er seinen Gegner an den Füssen zu treffen sucht. Dieser springt und schwingt sich auf einen Stock gestützt, um der Gerte zu entgehen. Nach dem ersten Versuch werden die Kampfinstrumente gewechselt. Jeder Versuch wird durch Tanzschritt, die im Kreis ausgeführt werden, eingeleitet. Das Spiel wird ebenfalls besonders bei Hochzeiten durchgeführt und findet in einer erheblich gespannten Kampfstimmung statt. Trifft die Gerte auf den Stock so bricht sie. Bisweilen kommt es zu nicht unerheblichen Verletzungen eines an den Beinen getroffenen Spielers .

Die Oboe ist auch bei den Kurden, deren Stammland zwischen den Staaten Iran, Irak und Türkei aufgeteilt ist, im Gebrauch Wir sind ihnen auf der türkischen Seite begegnet, in den Bergen nördlich des Vansees, der eindrucksvoll vom Araratgipfel überragt wird, wo der Sage nach die Arche Noah gelandet sein soll. Zur Zeit unserer Reise war die militärische Lage zwischen der türkischen Zentralregierung und der kurdischen Bevölkerung äusserst gespannt. Ein Besuch in einem jener aus grossen schwarzen Zelten bestehenden Lager der Bergnomaden hat uns tief beeindruckt.




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Der geographische Raum, in welchem die Kurden leben, überschneidet sich mit dem Reich der Urarträer im frühen Altertum, das trotz intensiven Forschungen wissenschaftlich nur unvollständig bekannt ist. Es lag rund um den Berg Ararat und den Vansee (Salvini, 1995). Im 13. Jahrhundert v. u. Z. ist es erstmals erwähnt (Salvini, 1995, S. 19). und es scheint vor allem vom 9. Jahrhundert v. u. Z. bestanden zu haben (Salvini 1995, S. 24). Es lag mit Assyrien im Krieg, dessen Analen die wichtigste schriftliche Quelle für seine Geschichte sind und blieb bis ins das 7./6. Jahrhundert v. u. Z. bestehen, wird aber später noch als Ararat in der Bibel erwähnt (Jer. 51, 59).

Die Kurden sprechen eine Sprache die zum iranischen Sprachzweig gehört und die seit dem 7. Jahrhundert schrift­lich festgehalten ist. Sie unterscheidet sich in jeder Hinsicht vom Türkischen, das einen anderen Ursprung besitzt. Das seit dem 12. Jahrhundert als Kurdistan bekannte Berggebiet, an der Grenze von Iran, Irak und der Türkei sowie Armenien ist seit dem frühen Altertum besiedelt und gehört zu den ältesten Zentren der Kultur. Schon 4000 v. u. Z. sind Agrarkulturen nachgewiesen. Nach der Eroberung durch die arabisch-islamische Invasion im 8. Jahrhundert haben die Kurden vom 10. Jahrhundert an sich der Kontrolle der Kalifen von Bagdad zu entziehen versucht und unter verschiedenen Oberherrschaften bestimmte autonome Strukturen errichtet. So gab es bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts weitgehend unabhängige Fürstentümer, die nach und nach vom osmanischen und persischen Reich annektiert wurden.

Die Glanzzeit der kurdischen Geschichte liegt im 12. Jahrhundert unter einer Dynastie, der der Prinz Saladin, der Sieger gegen Richard Löwenherz und Friedrich Barbarossa in den Kreuz­zügen, angehörte. Zu dieser Zeit vereinigten, verteidigten und verwalteten Kurden das islamische Reich.

Für die Kurden hat die Musik eine zentrale Rolle in der Tradierung einer eigenen kulturellen Identität. Von der mündlichen Geschichtsüberlieferung, von den Epen bis zu Gedichten und Werken der Prosaliteratur wird alles vertont und gesungen und so überliefert. Diese Musik ist im Wesentlichen anonyme Volksmusik; Instrumente spielen eine eher untergeordnete Rolle. Die Instrumentalbegleitung dient vor allem dazu eine bestimmte Stimmung zu erzeugen. Charak­teristisch für die Oboeninstrumente ist, dass zwischen der ursprünglich nomadischen Kultur in den Bergen und der sesshaften Kultur im Flachland musikalisch eine klare Trennungslinie gezogen werden kann. Während in den Bergen vor allem Blasinstrumente gebraucht werden, werden im Flachland Saiteninstrumente bevorzugt.
Zu den Oboeninstrumenten gehört die Zirne, die der Zurna* entspricht und die Duduk*, mit grossem Rohrblatt entsprechend der türkischen Mey und dem gleichnamigen in Armenien gebrauchten Instrument. Die Duduk* wird auch Fi*q genannt. Sie ist aus Maulbeer- oder Aprikosenholz. Sie wird in der Regel gedoppelt mit einem Instrument, das den Grundton (Bordun) angibt, gespielt und von einer Trommel begleitet. Sie hat den typischen warmen und verinnerlichten Klang der Oboeninstrumente mit grossem Blatt. Die Zirne entspricht der Zurna* mit ihrem lauteren und stärker extravertierten, anstachelndem Klang. Auf den Aufnahmen der UNESCO-Kollektion (T) sind verschiedene Lieder zu hören, die von der Duduk* gespielt oder begleitet werden, unter diesen mehrere Liebeslieder. Dies ist für den gefühlvollen Klang der Duduk* charakteristisch. Man wird daran erinnert, dass der Aulos, dessen Klang man sich teilweise ähnlich vorstellen darf, sowohl bei den Griechen wie bei den Römern ausgesprochen ein Instrument der erotischen, intimen Stimmung war.

Auch in Afghanistan, dem östlichen Teil des mittelasiatischen Berglandes, das wie die ganze Region auch ein Durchgangsland verschiedener Kulturen ist, ist die Schalmei insbesondere die Oboe beheimatet. Verschiedene Regionen des Landes haben ihre musikalischen Traditionen bewahrt.

Daniélou, der hervorragende Kenner der orientalischen Musik, nennt das Land ein "regelrechtes Museum, in dem wir noch immer frisch und lebenskräftig musikalische Formen antreffen, die anderswo verschwunden sind und die ein erstaunlich helles Licht auf manchen dunklen Punkt der orientalischen ebenso wie der abendländischen Musikgeschichte zu werfen vermögen. Wir begegnen dort den zum Teil wundervoll rein in ihrer ursprünglichen Gestalt erhaltenen Elementen der indischen, der iranischen, der türkischen und der altrussischen Musik ebenso, wie den Spuren der antiken griechischen Musik. Wir begegnen dort gleichfalls jenen unterschiedlichen musikali­schen Formen, die der europäischen Musik des Mittelalters eigentümlich nahe stehen, sowie anderen, deren archaischer Stil in die geistige Nachbarschaft der rumänischen Volksmusik und der Musik der Zigeuner gehört. Weiter entfernt, in den hochgelegenen Tälern des Pamir, findet man ganz eigenartige musikalische Formgebilde, die vielleicht die letzten Reste jener zentralasiatischen Hochzivilisation sind, von der auch einige wenige Fresken Zeugnis geben, welche, verlassen in heutzutage fast unzugänglichen Wüsten, die Erinnerung an die Feinheit und Kultur von Völkern wecken, die in der Weltgeschichte eine bedeutende Rolle gespielt haben, Fresken, auf denen Musiker und Instrumente dargestellt sind, die in seltsam hohen Masse denen ähneln, welchen wir noch heute in Afghanistan begegnen." In Afghanistan lassen sich deutlich mehrere Hauptlandschaften unterscheiden. Die Regionen im Süden zeigen oft eine Verwandtschaft zum benachbarten Pakistan, im Westen, in der Gegend des für seine Teppiche berühmten Herat, ist der iranische Einfluss gross. Im Norden geht die Kultur in die zentral­asiatischen Kulturen von Turkistan und Uzbekistan über. In der Mitte Afghanistans liegt eine isolierte Region während in Kabul der indische Einfluss spürbar wird. Im Osten, im Umkreis des Pamirgebirges gibt es Provinzen, welche die ältesten Traditionen bewahrt haben, von musikalischen Formen, die den Ureinwohnern Indiens verwandt sind, bis zu hochentwickelten Strukturen, die wir erstaunlicherweise als stark abendländische empfinden.

Afghanistan zeigt die für Mittelasien charakteristische grosse Vielfalt unterschiedlicher Volks­stämme. Die Pastunen konzentrieren sich auf den Süden und Südosten Afghanistans, wobei auch eine grössere Zahl im Norden und Westen anzutreffen ist. Die Tajiken gehören zu den ursprünglichen Bewohnern Afghanistans. Sie bewohnen die Gebiete um Herat und nördlich von Kabul. Die Bewohner des zentralafghanistanischen Hochlandes sind als Chasaren bekannt. Man nimmt an, dass sie mongolischen Ursprunges sind. Im Westen Afghanistan gibt es weitere persisch sprechende Stämme, die als Chahar Aimaqs bekannt sind. Uzbeken machen den Hauptteil der türkisch sprechenden Bevölkerung Afghanistans aus. Sie bewohnen den Norden und ihr Wohngebiet überschneidet sich mit demjenigen der Tajiken. Uzbeken und Tajiken sind oft zweisprachig. Turkmenen bewohnen den extremen Norden und Nordwesten, sie sind vor allem durch ihre Teppichknüpfkunst bekannt gewordene Nomaden. Turkmenen und Uzbeken, die aus der kommunistischen Sowjetunion flohen, siedelten in Afghanistan und haben sich mit der schon ansässigen türkisch sprechenden Bevölkerung vermischt. Weitere türkisch-stämmige Bevölkerungsgruppen sind unter anderem die Kasachen und Kirgisen. In den Bergen des öst­lichen Afghanistan leben die Nuristani, die eine indoiranische Sprache sprechen. Sie waren früher als Kafiren bekannt und haben erst im 19. Jahrhundert den Islam übernommen. Belutschistanische Nomaden leben im südwestlichen Afghanistan. Kleine arabische Bevöl­kerungsgruppen gibt es im nördlichen Afghanistan, aber die meisten wurden von anderen Kulturgruppen absorbiert. Mongolisch sprechende Bevölkerungsgruppen gibt es nur einige wenige in der Provinz Herat.

Die Oboe, die als Sornai bezeichnet wird, hat Ähnlichkeit mit den Instrumenten, denen wir in Quetta, der Hauptstadt Belutschistans, die geographisch noch zum afghanisch-iranischen Hochland gehört, politisch aber zu Pakistan, begegnet sind. Bisher ist es mir nicht möglich gewesen eine zeitgenössische Volksoboe aus Iran zu sehen oder zu erhalten. Auch die zweifellige Trommel ähnelt in ihrer Form derjenigen von Pakistan.

Auf der Schallplatte Folkmusic of Afghanistan ist ein Musikstück wiedergegeben, dass die Musiker anlässlich einer Hochzeit spielen; sie begleiten ein traditionelles Ritual, bei dem der Bräutigam zu Pferd seine junge Frau entführt.

Sakata (1983) sind die folgenden Auskünfte über den Berufsstand der Musikanten in Afghanistan zu entnehmen: Von den verschiedenen Ausdrücken die für Musikanten bestehen, ist der Begriff Dalak* der am weitesten verbreitete und in den städtischen Regionen sowie in den von den Pastunen dominierten Regionen gebräuchlichste. Der Ausdruck meint wörtlich Bademeister oder Friseur und umfasst eine sozial tiefe Klasse, der Musiker, Tänzer und Schau­spieler angehören. Die Angehörigen dieser Klasse bezeichnen sich selbst als Salma*ni (Friseure), womit gesagt ist, dass der Ausdruck Dalak* ausgesprochen abwertend ist, ähnlich dem deutschen Begriff Zigeuner, der vom Betroffenen ebenfalls abgelehnt ist. Die Angehörigen dieser Gruppe werden jeweils von einer Gemeinschaft als nicht zugehörig angesehen, sondern als Aussenstehende oder als Ausländer, sie leben oft in abgegrenzten Quartieren einer Stadt oder in Dörfern und ihre Toten werden ausserhalb der Friedhofsmauern bestattet.

In dieser Ausschliessung spiegelt sich Abgrenzung und Fremdheit, die in der Antike mit Dionysos und seiner "phrygischen" Musik, die immer als auswärtig und fremd angesehen wurde, begann und bis heute andauert.

Die "Barbiere" führen auch die Beschneidung und ihre Frauen den Aderlass durch. "Barbiere" ziehen Zähne, führen kleine medizinische Eingriffe aus und befassen sich mit Kräutermedizin und Krankheitsheilung. Nicht alle "Barbiere" sind notwendigerweise auch Musiker, aber alle Spieler der Schalmei und Trommel, Sorna* und Dohl sind "Barbiere" oder stehen diesen nahe.

Sorna* und Dohl werden als die am meisten professionellen Instrumente betrachtet und Amateure, welche andere Instrumente erlernen können, kämen nicht auf den Gedanken Sorna* und Dohl zu lernen. Dies hat zweifellos nicht nur mit der Schwierigkeit des Erlernens der Oboe Sorna* zu tun, sondern vielmehr mit einer magischen Abgrenzung. Die Oboe steht dem Durchschnittsbürger nicht wohl an.

Ich habe es oft erlebt und besonders im islamischen Kulturraum, dass die einheimische Bevöl­kerung und Gastgeber äusserst verwundert, wenn nicht bestürzt reagierten, wenn ich entweder berichtete, dass ich ein Oboeninstrument spielen würde oder dieses gar hervornahm. In Peshawar, das zwar im Nordwesten Pakistans liegt, aber ganz unter afghanischem Einfluss steht, ist bei einem Zusammentreffen mit einheimischen Musikern, die zum Saiteninstrument sangen, dies nicht nur besonders offensichtlich geworden; darüber hinaus zeigte sich die scharfe Grenze zu den Sorna-Musikern, als ich unseren Gastgeber bat, mir zu helfen eine einheimische Sorna zu kaufen. Als bekannter einheimischer Sänger und Saiteninstrumentalist sandte er zunächst einen seiner Freunde oder Angestellten aus, um ein Instrument in der Nach­barschaft zu finden, was aber diesem nicht gelang. Daraufhin begab er sich mit uns selbst auf den Weg . Wir legten eine weite Wegstrecke mit der Motorrikscha zurück, ehe wir, nach einem vergeblichen ersten Versuch, in einem Aussenquartier mit einem Sorna-Musiker zusammen­kommen konnten. Er unterschied sich schon äusserlich durch eine gewisse Vernachlässigung in Kleidung, Bart- und Haarpflege, von unserem ausgesprochen vornehm wirkenden Gastgeber und Sänger. In der Verhandlung der beiden spiegelte sich in Mimik und Gestik das Verhältnis zwischen einem Angehörigen der Ober- und der Unterschicht. Obwohl beide Musiker waren, war keine Spur von Kollegialität ersichtlich. Zwischen beiden lagen Welten.

Sakata bringt die Verknüpfung von Sorna- und Dohl-Spielern mit "Barbieren" in Zusammenhang mit dem indischen Kastensystem und weist auf eine mögliche Beziehung zu den Jats im Osten Afghanistan hin, die ihrer­seits wieder eine enge Beziehung zu den Roma haben und zu den geschichtlich aus dem Industal ausgewanderten Gruppen gehören .

Ein anderer von Sakata ins Spiel gebrachter Erklärungsansatz wirft mindestens ein Licht auf die magische Vor­stellungswelt im Umfeld der Sorna- und Dohl-Spieler, auch wenn diese Erklärung nicht unbedingt überzeugend ist. Im Kontext mit dem nachstehend angenommenen Zusammenhang ist die aus Indien stammende Darstellung besonders eindrucksvoll, auf der die vom Oboenspieler "beschworenen" Schlange wie ein überdimensioniertes Glied in die Höhe ragt . Sakata weist darauf hin, dass beim Spiel der Oboe und insbesondere der überall im Orient gebräuchlichen Technik, bei der das Blatt ganz in den Mund genommen wird, der Speichel des Spielers in die Aussenwelt gelangt; Speichel wird im Zusammenhang mit dem menschlichen Samen gebracht. Dem Instrument hafte die Vorstellung an, der Penis des Satans zu sein und der erste Instrumentenbauer, Spieler und Lehrer der Sorna* sei der Teufel selbst gewesen. In einem Volkslied aus der Region Herat wird die Trommel vom Magen eines Affen hergestellt und die Sorna* aus seinem Glied.

Die Diabolisierung des Instrumentes und Spielers ist in dieser Überlieferung somit die gleiche, wie im europäischen Mittelalter. Letztlich dürften nicht bestimmte Argumente den Ausschlag geben, sondern eine grundsätzliche emotionale und soziale Distanz gegenüber einem Instru­mentenpaar, das durch die Qualität seines Klangs nicht nur unberechenbar ist, sondern auch eine ausgesprochen suggestive und magische Wirkung hat.


II.06.2 Annäherung an die Mitte

Die Region um das Pamirgebirge bildet die Mitte Eurasiens, die Mitte der "alten" Welt. Aber diese Mitte, ist auch denjenigen, die einen Geographieunterricht hinter sich gebracht haben, zumeist abhanden gekommen. Glaubt man den grossen Landkarten und Atlanten, so ist sie an den Rand gerückt.

Auf der Reisekarte etwa, welche die Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigt, machen die Bergmassive und Hochtäler, von denen hier die Rede ist, eine kleine Ecke am südöstlichen Kartenrand aus. Die Landkarte der chinesischen Volksrepublik wiederum reicht mit ihrem nordwest­lichsten Zipfel gerade noch daran heran; auf derjenigen des indischen Subkontinentes oder Pakistans ist im hohen Norden gerade noch der Zugang über die Karakorum-Bergstrasse abgebildet. Und auch der sonst so kompetente neue "Times-Atlas" vermittelt kein geographisches Bild der Region, das seiner kulturellen und strategischen Bedeutung entsprechen würde. Ich habe mehrere Atlanten und Karten, die im Fachbuchhandel erhältlich sind, daraufhin angesehen und es scheint als würden sich alle darin einig sein, diese Mitte irgendwie zu meiden oder zu verleugnen. Vielleicht hat dies tiefere Gründe:
Denn diese Mitte ist explosiv; hier treffen Welten aufeinander, die sich immer wieder erbittert bekämpft haben, hier kommen unterschiedlichste Ethnien zusammen, zwischen denen Gebiets­streitigkeiten und Fragen der Vorherrschaft jederzeit zu einer tragischen Konfrontation führen können. Oft sind diese nicht voneinander abgegrenzt, sondern durch Siedlungsgeschichte, Eroberungen und moderne Migration ineinander verzahnt, wobei aber die Identität einer Gruppe zumeist bis heute gewahrt wird. Miteinander konfrontiert sind hier auch die grossen Weltreligionen.

Die einheimische Bevölkerung gehört in der Regel – oft erst spät bekehrt – zum Weltreich des Islam, dessen fundamentalistische Kräfte von Iran und Afghanistan her, aber auch von Pakistan aus nach Zentralasien übergrei­fen. Vom Norden her hatte der atheistische Sowjetkommunismus die Region kolonialisiert und nach dem Untergang der Sowjetunion liegt hier wieder die Grenzlinie zur russisch-christlichen Orthodoxie. In vielen Städten der Region gab es bis in die jüngste Zeit verhältnismässig grosse jüdische Gemeinden, die sobald die Grenzen geöffnet wurden, grösstenteils nach Israel und Amerika ausgewandert sind. Vom Osten her erhebt China Ansprüche und während früher der Buddhismus und andere fernöstliche Religionen einwanderten, ist es jetzt der chinesische Atheismus, der, in dem zur Volksrepublik China gehörenden Teil, auf die islamische Tradition der einheimischen Völker trifft. In den Bergtälern haben sich oft frühe Naturreligionen und Rituale behaupten können, die mit dem Islam eine oft sehr eigenwillige Mischung eingegangen sind und mit ihm zu einem animistischen Monotheismus verschmolzen.

Die wirtschaftliche Notlage insbesondere in den ehemals sowjetischen zentralasiatischen Republiken, separatistische Bestrebungen, Autonomieansprüche, ethnische Abgrenzungen, zwischenstaatliche Gebietsan­sprüche und Glaubensdifferenzen machen Zentralasien zwar zu einem faszinierenden Reiseland, in dem der Fremde sich immer zwischen den Fronten bewegt, und sich ständig neu orientieren muss; sie machen die Region aber auch zu einem politischen und sozialen Pulverfass, wo kleine blutige Explosionen sich leicht zu einem Flächen­brand entwickeln können, wie etwa der Bürgerkrieg in Tajikistan oder die ins zweite Jahrzehnt gehenden Kämpfe im angrenzenden Afghanistan.
1994 näherten wir uns vom oberen Industal über die Karakorumroute Zentralasien, Innerhalb der Gebirgswelt, welche die Mitte Zentralasiens bildet, ist das Pamirgebirge, politisch zur Republik Tajikistan gehörend, der Mittelpunkt. Pik Revol'uzil und Pik Kommunisma, 7500 Meter hoch, nannten die kommunistischen Machthaber die höchsten Spitzen. Südlich an das Pamir schliesst die Gebirgskette des Hindukusch an. Im Norden folgen die Gebirgszüge Kyrgystans, im wesentlichen aus den Bergketten des Tian'shan gebildet. Diese drei bilden eine langgestreckte, schier unüberwindliche Gebirgsfestung über Tausende von Kilometern von Norden nach Süden.

Östlich des Pamir geht die Gebirgslandschaft in die Ausläufer des Himalaja über, deren nörd­licher Teil das Kunlun Shan-Gebirge und dessen südlicher Teil das Karakorumgebirge sind. Zwischen diesen und dem Pamir führt die als "Karakorum-Highway" bekannt gewordene Gebirgsstrasse hindurch, in den 80er Jahren von Pakistani und Chinesen gemeinsam erbaut. Sie verbindet Islamabad, die Hauptstadt Pakistans mit dem chinesischen Kashi, Kashgar. Von Islamabad aus folgt die Strasse dem obersten Teil des Indusflusses in die Gebirgstäler des Karakorum, bis in das Tal der Hunza. Die Berge steigen auf 8000 Meter an. Die Strasse führt teils durch breite und fruchtbare Hochtäler, die seit Menschheitsgedenken von einer Bergbevöl­kerung bewohnt sind, die bis zum Bau der Strasse von der Aussenwelt fast abgeschnitten war. Streckenweise wurde die neue Strasse zwischen steil in den Himmel ansteigenden Felswänden und Steinhalden hineingesprengt, um eine durchgehende Verbindung für Motorfahrzeuge auch dort zu schaffen, wo früher nur ein Saumpfad oder überhaupt kein Übergang war. Geröllawi­nen verschütten jedes Jahr, besonders in der Monsunzeit, die Strasse, die immer wieder freigelegt werden muss. Seit der Eröffnung der Verbindung haben tausende Touristen, erleb­nishungrig, staunend und neugierig den Weg zwischen China und Pakistan zurückgelegt; so ist entlang der Strasse eine Touristenwelt entstanden, verzahnt mit den einheimischen Traditionen der Bergbauern, ihren archaischen Anbaumethoden, ihrer Kleidung und dem Baustils ihrer kleinen Steinhäuser. Schon der Islam kam hier erst spät hin, und auch die moderne Zivilisation hat die Gegend spät erreicht. Aber beides hat die Menschen und ihre Lebensart auch rasch geprägt und verändert.

Auf unserer Reise wurde uns Kalbe Ali in Aliahbad im Hunza-Tal als berühmtester Schalmei­spieler der Region genannt, der verschiedene andere Instrumente und schwierige Melodien zu spielen verstehe. Als wir zu seinem Haus kamen, war er an einem Hochzeitsfest für mehrere Tage abwesend. Auch Harakin Shah im Marco Polo Inn in Gulmit haben wir nicht getroffen. In Hassanbad trafen wir dann einen Schalmeispieler. Er spielte für uns kurz auf der Flöte Tutek und führte uns dann zu einem Bekannten, der vor einiger Zeit bei ihm eine Schalmei gekauft hatte. Bei diesem Freund sassen wir im Garten, im Hintergrund des weiten Tales mit seinen Feldern und Obstbäumen bildeten die Berge eine dunkle Wand, die hoch oben im Himmel ein leuchtender Gletschersaum krönte. Tee wurde gebracht und wir kamen ins Gespräch. Der Musiker, unser Gesprächspartner, hatte das Instrument neben sich, traf aber keinerlei Anstalten zu spielen. Daraufhin angesprochen zögerte er eine Antwort zu geben, erklärte dann aber, es sei in der Nachbarschaft ein Todesfall eingetreten und da sei es nicht schicklich, Musik zu machen. Einige Tage später trafen wir bei Sost, der letzten Station vor dem 4700 Meter hohen Khundsharapass an der chinesischen Grenze, mit dem Schalmeispielers des nahegelegenen Nazimabad zusammen, einem kleinen Weiler (der nicht mit dem gleichnamigen Ort weiter unten im Hunza-Tal verwechselt werden darf). Der Musiker Haji Bag kam uns bei seinem Haus freundlich entgegen. Nachdem wir mit Hilfe eines des Englisch kundigen Begleiters unser Interesse an der Schalmei mitgeteilt hatten, kam auch er mit der Tutek-Flöte zurück und spielte uns darauf bereitwillig vor. Mein Wunsch ihn auf der Schalmei spielen zu hören oder wenigstens sein Instrument zu sehen, blieb zuerst unbeantwortet oder schien gar nicht wahrgenommen worden zu sein. Trotzdem kamen wir ins Gespräch; ich zeigte mein eigenes Instrument; Zuschauer, Kinder und Frauen kamen dazu und schliesslich erfuhren wir auch hier, dass sich ein Todesfall ereignet habe und es deswegen drei Tage lang nicht möglich sei, Schalmei zu spielen. Später holte Haji Bag trotzdem sein Instrument und blies uns einige wenige Töne, "nur übungshalber". Aber eine Schalmeimelodie im Umkreis eines Todesfalles zu spielen, war nicht nur unschicklich, sondern völlig undenkbar.

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Im Korakorum: Der Musiker Haji Bag

Wir verstanden, dass die Musik, die für frohe Feste, vor allem für die Hochzeit bestimmt ist, nach einem Todesfall tabu ist. Sowohl Hajibag wie sein Kollege sahen sich in dieser Zeit des Tabu ausser Stande, zu spielen. Wir Fremde erhielten den Eindruck, dieses Tabu zu durchbrechen, wäre ein ganz und gar unvorstellbares Sakrileg.

Während im untersten Teil der Karakorum-Strasse, solange sie noch das Vorgebirge durch­quert, die kurze und damit auch verhältnismässig hoch und schrill klingende Schalmei in Gebrauch ist, die im ganzen Norden Pakistans vorherrscht, ist das Instrument der Hunza grösser gebaut und hat einen machtvollen Klang.

In den voneinander isolierten Bergtälern hat sich eine Vielfalt von Sprachen und Traditionen bis in die jüngste Zeit entwickeln und erhalten können. Aber gemeinsam ist den Bergbe­wohnern, dass sie Mythen, Traditionen und schamanische Wurzeln bis zum Einbruch des Tourismus in der Neuzeit bewahrt und mit späteren religiösen Entwicklungen verbunden haben.

Ein Beispiel sind die Trancerituale, die durch Lièvre und Loude (1990) beschrieben wurden . Ein eindrucksvolles Ritual der Kalash beschreiben die Autoren folgendermassen

"Die Musiker, einer unteren Kaste, den Dom, angehörig, nehmen am Rande des Kreises Platz und spielen Trommel und Flöte oder die Oboe Surnai. ...Übereinstimmend mit G. Rouget stellen wir fest, dass die Trommeln nicht den Zweck haben, eine Betäubung durch magische Musik zu bewirken. Vielmehr dienen sie den Daiyal (Schamane der Gilgit) und Bitan (Schamane der Hunza) als ein Transportmittel und Wortträger für die Stimmen der Geister. ... Die Schwingungen der Musik gehören nicht notwendigerweise zu den Elementen, die die Trance einleiten. Der Schamane taucht seine Geruchssinne in den Rauch des Wacholders und stürzt sich nicht sogleich auf die hallenden Felle der Trommel.
Der Eintritt der Trance zeigt sich am Zittern des Oberkörpers, Zusammenfahren des ganzen Körpers, "unwillkür­liche Muskelbewegungen", Krämpfe und eine plötzliche Kraft. Die unmittelbare Folge ist, dass sich die Daiyal und Bitan aus dem Griff ihrer Helfer, die sie über den Rauch halten befreien. "Sie stossen sie mit ungewöhnlich grosser Kraft zurück" (J. Staley). Darauf spielen die Musiker mit doppelter Kraft und die Menge feuert noch lauter an, mit der Stimme, mit Händeklatschen und Pfeifen. Der Schamane – Daiyal oder Bitan – tritt etwas zurück, dann beginnt er zu tanzen, zu laufen und umherzuwirbeln. So beschreibt er einen Kreis, einmal schnell, ein ander Mal langsam und begibt sich an den äusseren Rand der Zuschauer. Häufig schaut der Schamane zum Wipfel der hohen Bäume, meist sind es Pappeln, "als ob er einen von Geistern gezeigten Tanz nachahmen würde" (P. Snoy). In diesem Gebiet des Karakorum liegt der Schlüssel zur Trance in der nachahmenden Beziehung, die den Schamanen mit "seinen" ihn beeinflussenden Geistern verbindet.

"Zu diesem Punkt befragt, erklärte Ghulam Razul später, dass die Rachi (Geister) zur Versammlung ihr eigenes Orchester mitbrächten; dieses spiele viel schöner als die menschlichen Musiker und die Rachi tanzten nach dessen Musik. In seiner Funktion als Daiyal muss er dafür sorgen, dass die beiden Orchester harmonisch zusammen­spielen, das sei nur möglich, wenn sich die menschlichen Musiker den Musikern der Geister anpassten und das gehe nur dank seiner Vermittlung, denn die menschlichen Musiker könnten nicht in direkten Kontakt mit den übernatürlichen Musikern treten"(Snoy, 1975).

Das Orchester der Geister spielt, die Geister tanzen. Der Daiyal (oder Bitan) ahmt ihren Schritt und ihre Bewegungen nach, er beeinflusst das menschliche Orchester durch seine mediale Energie, damit es ebenfalls das Orchester der Geister imitiere. Eine weitere (zweite) imitierende Beziehung entsteht durch den Gesang.

Die Geister singen und der Schamane gibt ihre gesungenen Mitteilungen wieder. Das Publikum versucht den Gesang aufzunehmen und ihn wiederzugeben: "Das ist nicht ganz einfach, wie mir von verschiedenen Seiten bestätigt worden ist, denn die Melodie, der Text, manchmal sogar die Sprache, sind vollständig improvisiert. Wenn es der Gruppe nicht gelingt den Gesang aufzunehmen, kann sich der Daiyal darob sehr erzürnen" (Snoy, 1975).

Um den Aufbau des Kontaktes zwischen den drei Typen von Partnern zu erleichtern, unterbricht der Schamane seine tänzerischen Bewegungen. Er stürzt sich auf die Musiker, beugt sich über die Trommel oder nähert sich der Flöte. Zumeist hält er sein Ohr an das Fell der grossen Trommel. Die anderen Instrumente verstummen, auch die Menge unterbricht ihre aufgeregten Rufe. Er ergreift den Riemen des Instrumentes, entreisst es den Händen des Musikers oder setzt sich rittlings darauf und atmet schwer. Er nimmt den Gesang auf, der zuerst für ihn allein bestimmt ist. Man nimmt an, dass die Geister in die Instrumente hineinschlüpfen und ihm einflüstern. Die Anwesenden verhalten sich still und unterstützten so die Kommunikation. Es braucht noch einige Runden, bis der Schamane singend weissagt, er beginnt mit einer schrillen, oft verzerrten Stimme, der man schwer folgen kann.

"Bei einer Pause stiess manchmal eine von ihnen (weibliche Daiyal), nachdem sie zugehört hatte, einen hohen Gesang aus, der von den Musikern aufmerksam verfolgt wurde und nachdem sie ihn ein oder zweimal wiederholt hatte, wurde er von den Anwesenden aufgenommen und mit lauter Stimme gesungen", während als Reaktion auf die gesungenen Offenbarungen und Prophezeiungen "überraschtes oder erfreutes Gemurmel durch den Kreis wogte"

J. Staley berichtet von rituellen Versammlung bei den Hunza:
"Nach einer Weile stürzt sich der Bitan auf die Trommler und hört ihnen gespannt zu, bis die Geister mit ihm sprechen. Dann wird die Musik sanfter und er beginnt zu singen in Shina, der Sprache der Gilgit, aber mit alten Redewendungen. Manchmal spricht er persisch oder andere Sprachen, die er nicht im Alltag gelernt haben kann.

Die Trommel dient als Vermittlerin, sei es, dass die Geister sie als ihre "Stimme" benutzen oder dass sie , in der Zeit während der sie ihre Mitteilungen weitergeben, und auf die Fragen der Daiyal antworten, sich in ihr aufhal­ten. Die Trommel scheint für die Trance notwendig zu sein und doch geht es auch ohne sie, z.B. im Winter wenn der Daiyal im Innern eines Hauses eine rituelle Versammlung ohne Musiker abhält. Hingegen bildet der Wachol­der einen unverzichtbaren Bestandteil, sein Rauch hilft die Trance auszulösen. Der Daiyal singt ohne Unterbruch nach dem Vorbild der Geister, die bis zur Öffnung des Kamins herabsteigen.
Diese rituellen Handlungen der Daiyal und Bitan folgen einem Schema, das J. P. Roux als repräsentativ für die Trancezustände im mongolischen Schamanentum beschreibt:

"Bei einer rituellen Versammlung gibt es strenggenommen drei Elemente, die von entscheidender Bedeutung und nahezu immer vorhanden sind: Die kreisende Bewegung um einen Mittelpunkt herum ..., die Nachahmung und der Zusammenbruch am Ende der Trance. Es handelt sich um ein theaterähnliches Geschehen, das mehr einem Tanz als einem Theater gleicht, denn es enthält symbolische, wenn nicht gar harmonische Bewegungen, Drehungen und Verrenkungen des Körpers und der Glieder"
Tatsächlich finden wir die kreisförmige Bewegung des mongolischen Schamanen rund um die Birke in der Mitte der Jurte wieder im kreisenden Herumgehen des Daiyal auf der Tanzfläche, die durch den Kreis der Zuschauer begrenzt wird. Die tänzerische und gesangliche Nachahmung ist eines der hervorstechenden Merkmale des Schamanentums der Gilgit und der Hunza. Aber die von der Musik besetzten Medien Bitan und Daiyal bleiben dem Einfluss der Geister untergeordnet. Nicht sie bestimmen die Beziehung zu ihren Gesprächspartnern, sondern sie folgen deren Anweisungen. Auch wenn die Tanzbewegungen und die Körperfiguren sehr häufig an den Flug eines Vogels erinnern, so bleibt die Frage doch offen, wieweit diese Spezialisten "reisen" können. Die Daiyal, die P. Snoy dazu befragt hat, sind sich in diesem Punkt nicht einig:
"Ein Daiyal kann nicht fliegen. Wer behauptet, er fliege bis in die Gipfel zu den Geistern hinauf, ist ein Lügner. In der Trance bleibt der Geist des Daiyal auf der Fläche wo der Tanz stattfindet".

Diese Behauptung wird von einigen anderen Daiyal zurückgewiesen, und Biographen erzählen von früheren, berühmten Schamanen, die zu einer solchen Höchstleistung fähig waren. Zur Zeit ist die Meinung vorherrschend, dass die Geister nur in die Nähe der Daiyal kommen und sich mit ihnen unterhalten. Darin finden wir die Idee wieder, dass "übernatürliche Wesen herabsteigen", die wir von den Regionen der Kafir, Kalash und Gilgit kennen. Auch hierbei ist keine Rede von einer Besitz ergreifenden Besessenheit.
Bleibt noch der dritte Teil des Rituals, auch dieser ist der ganzen Region gemeinsam: der Sturz, der abschliessende Zusammenbruch des Schamanen. ..."

Die rituellen Versammlungen der Bitan bei den Hunza und der Daiyal bei den Gilgit dauern einen Nachmittag lang. P. Snoy gibt keine genauen Zeiten an, aber er spricht von Tänzen, die mindestens eine Stunde dauern bis Gesang und Prophezeiungen/Weissagungen einsetzen, sehr ausgedehnte Versammlungen also, die sowohl auf der sozialen Ebene von Belang sind wie der Unterhaltung dienen.
Der Daiyal Ghulan Razul sagt, "wenn man ihn seit dem Morgen Wacholder zum Einatmen gegeben hätte, hätte er den ganzen Tag tanzen können... Dieser spektakuläre Aspekt des Rituals, hat bewirkt, dass ihm sein religiöser Wert abgesprochen wurde, nicht tolerierbar in den Augen orthodoxer Muslime.

"Die Trancezustände gleichen sich in ihrem Endstadium: Der Sturz des Körpers die abgebrochene Kommunikation mit dem Übernatürlichen: die Schamanen – aus allen Gebieten der Gebirgskette – taumeln, schwanken und fallen. Helfende Arme lassen den Körper ohne Mithilfe des Schamanen sanft auf die Erde gleiten. ... " (S. 525 - 528)

Das geschilderte Ritual ist ein Beispiel für die Bedeutung der Schalmeimusik in Zusammenhang mit religiösen und therapeutischen Zeremonien wie sie in der Geschichte dieses Instrumentes überall, wo es verwendet wurde, vorkamen.
Im Hinblick auf die Bedeutung der Frau in den dem Schamanismus nahestehenden Kulten schon in der Antike ist es zudem aufschlussreich, dass Frauen in den geschilderten Zeremonien eine wichtige und besondere Stellung hatten und auch selbst Schamaninnen waren. Bei der Bevölkerung von Gilgit wurde die schamanische Berufung der Frau erst spät vom Islam verdrängt (Lièvre, 1990, S. 471/472).

Die Strasse, welche von Sost im höchsten Norden Pakistans über den Khundsharapass nach China und durch das Kunlun Shan Gebirge bis Kashgar im äussersten Westen Chinas, führt, verläuft durch eine dünn besiedelte und unberührte Hochgebirgslandschaft, durch gelbbraune Täler, in denen Yak-Büffel, Kamele und riesige Schafherden weiden, vorbei an Jurten, den Rundzelten der Kyrgysen, oft entlang glasklaren, strahlend blauen Flussbändern.

Kashgar ist seit über 2000 Jahren nicht nur Treffpunkt verschiedenster umliegender Völker, sondern Kreuzungspunkt und Hauptort der Seidenstrassen, an dem verschiedene Routen zusammenkommen. Hier war bis vor wenigen Jahren der grösste und faszinie­rendste Markt Asiens.






Erst in jüngster Zeit ist er durch Reglementierungen und Importgüter, durch Neubauten und organisatorische Massnahmen in das Korsett beginnender Industriekultur gezwängt worden.Die Altstadt Kashgars mit ihren Lehmbauten und den unterschiedlichsten Handwerkern und Kleinhändlern vermittelt noch eine Ahnung von dem, was Kashgar als Tummelplatz der Kulturen einst gewesen ist.

Das Zentrum der Stadt bildet die Moschee Id Ga und der Hauptplatz davor, mit einem kleinen "Clocktower", einem Urturm aus der Kolonialzeit. Von diesem Zentrum aus führen einige Geschäfts- und Marktstrassen auch zum Basar. Am Abend sind nur noch wenige Verkaufs- und Essstände im Betrieb und von einzelnen Glühbirnen sparsam erleuchtet. Der Platz selbst liegt im Halbdunkel. Dieser "Nachtmarkt", zieht nach Arbeitsschluss viele Menschen an, die erst jetzt Zeit zum Einkaufen finden. Neben der Moschee liegt ein kleines Geschäft, das hauptsächlich für Touristen Musikinstrumente und andere Kulturgegenstände verkauft. Wir waren gerade damit beschäftigt, hier eine Schalmei auszusuchen, als wir draussen auf dem Platz deren charakteristischen Klang, begleitet von heftigen Trommelschlägen hörten. Wir eilten hinaus und sahen noch eine Autokolonne von einigen Wagen entschwinden. Aber die eindring­liche Musik war kaum verklungen, als sich wieder eine neue Gruppe, eine Hochzeitsgesell­schaft, ankündigte. Wir erfuhren, dass um diese Jahreszeit regelmässig am Wochenende alle Hochzeiten geschlossen werden und auf der Fahrt zwischen dem Haus der Braut und jenem des Bräutigam hier den Urturm vor der Moschee umkreisen. Es gehört zum Entwicklungsboom der Stadt, dass eine Hochzeit möglichst mit repräsentablen Autos gefeiert werden muss und zu jeder kleinen Wagenkolonne gehört ein Gefährt, auf dem ein Schalmeispieler und der Trommler mit der grossen Fasstrommel Platz nehmen, die während der Fahrt musizieren; so zieht die Autokolonne unter Schalmeiklängen durch die Stadt. An diesem Abend kamen auf dem Platz vor der Id Ga etwa ein halbes Dutzend Hochzeitsgesellschaften vorbei, eine kurz hinter der anderen; sobald die eine Musik etwas verklungen war, näherte sich die nächste. Wir waren im Halbdunkel in eine magische Inszenierung geraten, in ein bewegtes Spiel von Menschen­schatten und Lichtpunkten, Schalmeiklängen, Trommelschlägen und Motorengeräusch.

Bei Tag legen einige Instrumentenmacher auf dem Platz ihre Ware aus und arbeiten auf dem Boden hockend an der Verzierung der von ihnen hergestellten Instrumente. Ab und zu findet sich darunter auch eine Schalmei. Die Einlegearbeit ist für die Instrumente Kashis, denen die traditionellen Ornamente ihr besonderes Gepräge geben, charakteristisch.Durch den Tourismusstrom hat dieser Handwerkszweig offensichtlich Auftrieb erhalten und neben wertvollen Instrumenten für Berufsspieler werden auch einfachere, aber liebevoll ausgestattete Stücke an die Durchreisenden verkauft.

Den Schalmeiklängen im städtischen Hochzeitszug kommt auch eine gewisse politisch demonstrative Bedeutung zu. Diese Schalmeimusik gehört zur Tradition der angestammten Bevölkerung, vor allem der Uiguren. Die politische und wirtschaftliche Macht aber liegt in der Hand der Han-Chinesen aus dem Westen und alle für die Bevölkerung wichtigen Entscheidungen sind vom fernen Beijing abhängig. In den letzten Jahrzehnten ist der Bevölkerungsanteil der Han-Chinesen systematisch vergrössert worden und die ansässige Bevölkerung wünscht für ihr Gebiet mehr Autonomie und lokale Befugnisse.

Kashgar liegt am westlichen Ende der Taklamakan-Wüste, die im Süden durch die Ausläufer des Himalaja, das Kunlun- und Altungebirge, im Norden durch das erwähnte Tian Shan-Gebirge begrenzt wird. Am nördlichen und südlichen Wüstenrand führt je eine Fernstrasse nach Osten. Die beiden Routen sind die Hauptarme der traditionellen Seidenstrasse , welche weiter östlich auch durch die schon in der Bibel genannte Wüste Gobi führt. Von der Südroute zweigt, gut 200 km von Kashgar entfernt, eine Strasse in den Himalaja und nach Tibet ab, die aber für Durchreisende gesperrt ist. Die Hauptstrasse nach Osten hingegen ist auch für Fremde offen und der nächste, von Kashgar in einer Tagesreise mit dem Auto bequem erreichbare Hauptort, ist Hotan. Es hat, viel stärker als Kashgar, seinen ursprünglichen Charakter bewahrt und der Anteil der uigurischen Bevölkerung ist hier auch grösser. Undenkbar wäre es, sagt uns ein uigurischer Gesprächspartner, dass jemand von uns eine Chinesin oder einen Chinesen heiraten würde. Solche Mischehen mögen im fernen Beijing, vielleicht auch in Kashgar möglich sein, aber hier würde man an der eigenen Gemeinschaft Verrat begehen. Hotan ist seit altersher für seine Jade und Seidenproduktion berühmt. Noch eine letzte traditionelle Seidenproduktions­gemeinschaft wird den Fremden gezeigt, in denen alles, von der Aufzucht der Seidenraupe auf Maulbeersträuchern über die Abwicklung des Fadens vom Kokon und das Spinnen und Färben bis zum fertig gewebten Stoff, von der gleichen Grossfamilie besorgt wird.

In Hotan waren wir auch im städtischen Konservatorium für Tanz und Musik zu Gast, haben den Proben für Volkstanzaufführungen beiwohnen können und sind dem Schalmeispieler des Volksensembles, Bekir Ahon, begegnet. Er ist weit über die Grenzen von Hotan hinaus bekannt und hat selbst ein Instrument entwickelt, dass die urtümlichste Form der Oboe ist, die es auf der Welt gibt. Diese Schalmei ist aus einer speziellen Art Rohr geschnitten; das obere Ende des "Musikrohres" (wie die Übersetzung des antiken griechischen Wortes "Aulos" lautet) wird so zusammengedrückt und bearbeitet, dass es in einem Stück mit der Spiel­röhre das Rohrblatt bildet. Die notwendige Spannung und Vibration für das Spielen wird durch eine Querspange gewährleistet, die aus zwei Bambusstreifen zusammengebunden ist. Ahon bezeichnet sein Instrument als Balaban, ein Name, der jenseits der Gebirge zwischen Uzbekistan und dem Kaukasus für unterschiedliche Instrumente gebraucht wird, nämlich einerseits für eine Oboe mit langem Rohrblatt, aber auch für ein turkmenisches Instrument mit Aufschlagszunge vom Klarinettentyp.

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Eine geniale "Urform" der Schalmei

Dieses von der Konstruktion her ebenso einfache wie raffinierte Instrument verdient besondere Beachtung. Genauso mögen die frühesten Oboen ausgesehen haben, die in der ersten Hälfte des ersten Jahrtausends vor Christus gespielt wurden. Wir wissen nicht, wie Bekir Ahon zu seiner "Erfindung" kam. Aber er ist sich ihres besonderen Wertes bewusst und berichtet, dass er seine Instrumente bis Japan verkaufe (vgl. dazu die Hichiriki) und verlangt für sein Instrument auch einen vergleichsweise hohen Preis. Dass er Instrumentenbauer und Musiker in Personalunion ist, ist sonst heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Die Holz­instrumente werden von Drechslern hergestellt, während die Musiker selbst allerdings die Rohrblätter erarbeiten. Sowohl in Kashgar wie in Hotan sind im Basar eine Reihe von Drechs­lerwerkstätten anzutreffen, die noch mit einfachen Techniken auskommen. Das Instrument von Bekir Ahon aber lässt sich nur vom Musiker selbst bauen, denn es ist Instrument und Rohrblatt in einem.

Vor unserer Begegnung mit Schalmeimusik und Tanz in der Oase Turfan, einige Reisetage weiter westlich in der Wüste gelegen, ist an anderer Stelle die Rede . Von Kashgar setzten wir unsere Reise weiter nach Norden fort, über den erst ein Jahr zuvor eröffneten Torugart-Pass, der noch wenig von Touristen begangen wird, nach Kyrgyzstan, das keine eigene Schalmeitradition besitzt, in seiner südwestlichen Bergregion aber einen uzbekischen Bevöl­kerungsanteil hat. Der uzbekische Zirkusmusiker von Osh, ein kleingewachsener Mann, leicht gehbehindert und quicklebendig, nahm uns in den Weiler mit, in dem er ein traditionelles Haus mit hohen Räumen, von dem aus der Blick in die Schneeberge des Ferganagebirges geht, bewohnt. Auch sein Freund, der grosse schlanke Clown war mit dabei und während wir uns über Instrumente unterhielten und er uns ein wenig vorspielte, war der jüngste Sohn, ein Kind, das gerade sitzen gelernt hatte, ein aufmerksamer Zuhörer. Von Osh führt das Ferganatal hinunter in die zentralasiatische Wüste, nach Buchara und Samarkand . Der direkte Weg ist wegen den Unruhen in Tajikistan gesperrt, so dass der Reisende auf die Bergstrasse verwiesen ist, die seitlich aus dem Ferganatal hinaus und hinüber nach Tashkent, der Hauptstadt Uzbekistans führt. Diese Millionenstadt, die immer mehr zur Hauptstadt Zentralasiens wird, wurde durch Erdbeben so stark zerstört, dass nur noch ein kleiner Teil der Altstadt die ursprünglichen Verhältnisse widerspiegelt. In den letzten Jahren der Sowjetherrschaft wurde ein übermässig grosser, geradezu erdrückender Basar mit Kuppeln und Plätzen gebaut. Dazu gehört auch eine Ladenstrasse für Touristen, die traditionelles Handwerk anbieten. Darunter gibt es auch Musikgeschäfte, welche neben den landeseigenen Saiteninstrumenten kräftig gebaute uzbekische Schalmeien feilbieten, auch ein "Souvenirinstrument" von wenigen cm Grösse. Solche Babyinstrumente leiten sich vermutlich von Spielzeuginstrumenten her, die früher für die Kinder gebaut wurden.


II.06.3 Buchara, Samarkand und Chiva

Im Herbst 1993 reisten wir, in einer kleinen, organisierten Gruppe, nach einem Flug über Moskau, von Ashkhabat von Westen nach Osten auf der Autostrasse, die ungefähr der alten Seidenstrassenroute folgt. Sie durchquert das in der Geschichte des Seiden- und Karawanen­handels berühmt gewordene Mary, überquert den Strom Amu Darja, den Oxus der Antike, und führt zunächst in die traditonellen Kulturzentren Uzbekistans nach Buchara und Samarkand, die heute mit Recht weltberühmte Treffpunkte des Tourismus geworden sind, und weiter in die uzbekische Hauptstadt Tashkent. Im folgenden Jahr 1994 kamen wir wie im voranstehenden Abschnitt geschildert, aus dem Norden Pakistans über den äussersten Westen Chinas und das kyrgyzische Hochland, über Osh und das Ferganatal nach Uzbekisten.Am Amur Darja, heute regulierter und durch Bewässerungssysteme gezähmter Grenzfluss zwischen Turkmenistan und Uzbekistan, im Altertum unter dem Namen Oxus ein berühmter Strom, haben Archäologen einen Votivaltar aus dem 2. Jahrhundert v. u. Z. gefunden. Er stellt den Aulos spielenden Marsyas dar- kulturelles Zeugnis antiken Welthandels und Kulturaus­tausches, vor allem aber griechisch-mazedonischer Kolonisationsversuche in der Antike. Jetzt aber – 1993 und 1994 – mehr als zweitausend Jahre später waren Turkmenistan und Uzbekistan, nur vom Fluss getrennt, gerade vom Sowjetreich unabhängig geworden und begierig, sich dem westlichen Wirtschafts­system zu öffnen. Die ersten cleveren Bürger hatten die Marktwirtschaft entdeckt und einige von ihnen liessen unsere kleine Reisegruppe bisweilen organisatorisch recht hängen nicht ohne ihrer erfahrenen, aber russischen Leiterin, zu verstehen zu geben, dass jetzt der Dollar und nicht mehr der Rubel regierte. Eine junge Russin in Ashkhabat schilderte uns, wie sie, die mit einem Turkmenen verheiratet ist, unter Ressentiments der einheimischen Bevölkerung gegenüber den Russen leide und befürchte aus ihrer Wohnung verdrängt zu werden, sodass sie sich ernsthaft überlege, mit ihrer Familie nach Russland zurückzugehen; dort aber würde ihr Mann seinerseits auf Ablehnung stossen , werden doch die aus Zentralasien und den Südrepubliken der ehemaligen Sowjetunion stammenden Bürger, die weitgehend den Früchte- und Gemüsehandel beherrschen, als "zentralasiatische Mafia" bezeichnet.Für die Grossartigkeit der islamischen Kultur Bucharas gibt es kaum Worte. Das sanfte Braun der majestätischen Lehmmauern, die Eleganz der Minarette, das tiefe Blau und die Farbenpracht der alten glasierten Kacheln, welche die Gebäude ausschmücken, die Symphonie der architek­tonischen Proportionen, die Altstadtgassen, in denen Geschichte von Jahrhunderten in der Luft liegt, all dies fügt sich zu einem Gesamtbild zwischen Märchen und Wirklichkeit, zwischen Traum und Wachen.

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Eine der Moscheen in Buchara

Diese Magie des Ortes kontrastiert brutal mit der sozialen Not, mit der Ungewissheit wirtschaftlichen und politischen Umbruches und der Unrast der Gegenwart. Reihenweise verriegelte Türen in den ehemals jüdischen Altstadtgassen und der geräumige jüdische Friedhof, dessen Steine oft die Abbilder Verstorbener wiedergeben, sowie ein kleiner, von nur noch wenigen Menschen benützter Betsaal sind die Zeugen dafür, dass zwischen Islam und kommunistischem Atheismus auch eine bedeutende jüdische Gemeinde ihre bis ins Alter­tum zurückreichende Tradition und die Verbindung zum Westen aufrechterhalten hatte. Jetzt sind fast alle ausgewandert und ihre Häuser verlassen. Bis vor wenigen Jahren trugen jüdische und islamische Bürger hier ihre ähnliche traditionelle Kleidung, die runde Kopfbedeckung, bestickte Festtagsgewänder und Kaftane. Vieles, das im Westen als ostjüdisches Kultur bekannt geworden ist, hat hier in Zentralasien eine eng mit der regionalen islamisch-jüdischen Tradition verbundene Wurzel.

Bei einem Instrumentenmacher in einer winzigen Werkstatt, nahe des Basars von Buchara, wird auch die grosse, massige Schalmei verkauft, die in den südlich gelegenen Bergen hergestellt, noch in Gebrauch ist.

Samarkand, das auf seine Modernität stolz ist, beeindruckt und begeistert mit seinen prächtigen und renovierten alten Moscheen, aber es atmet nicht den intimen Geist der Geschichte wie sein "kleiner Bruder" Buchara. Mit einer Ausnahme: überwältigend ist die Gräberstadt Shahi-i-Sindah, die Totenstadt, die seit dem 14. Jahrhundert gewachsen ist und in der sich, mit traum­haft schönen Majolikakacheln in allen Tönen des heiligen Blau und Blaugrün gekachelt, Mausoleum an Mausoleum reiht. Die Gasse kleiner Tempel - im Westen würden wir Kapellen sagen – in ihrer lebendigen und doch Ruhe ausstrahlende Farbenpracht lässt an das Paradies denken.

In den frühen Stunden des Vormittags kommen die alten Männer in der offenen Friedhofs­moschee beim Eingang zum Gebet zusammen und trinken miteinander Tee. Wir hatten schon auf verschiedensten Wegen versucht in Samarkand den Kontakt zu einem Instrumentenmacher oder einem Schalmeimusiker zu finden, und wurden in verschiedenste Teile der Stadt und in unterschiedliche Geschäfte geschickt, aber nirgends war eine Spur des Instrumentes oder eines Musikers. Erst von den alten Männern am Eingang zur Totenstadt erhielten wir eine ganz einfache Auskunft: Schräg gegenüber, in einer kleinen Ansammlung älterer Häuser, wohnt der Schalmeispieler Bozor Aka mit seiner Familie, in offensichtlich ärmlichen Verhältnissen. Er wurde in der alten Sowjetunion vielfach ausgezeichnet und ist stolz darauf selbst nach Moskau zu einem Volksmusiktreffen eingeladen worden zu sein, dessen Erinnerungs­medaille er vorzeigt.

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Bozpr Aka, Samarkand

Vielleicht ist es Zufall, dass Bozor Aka so nahe der traditionellen Gräberstätte wohnt; aber es entspricht, ebenso wie seine schlechte soziale Lage, der traditionellen Randständigkeit der Schalmeispieler. Die atheistische Sowjetunion hat zwar die Volksmusik und Volkskunst geachtet und sogar gefördert. Aber der dem Marxismus eigene Atheismus hat jedes religiöse Zeremoniell – und damit auch die traditionellen Gelegenheiten für die Schalmeimusik, wie Hochzeit oder Beschneidung, untergraben und die gewachsene, mit dem religiösen Bereich verknüpfte Identität geschwächt. Das wurde nicht nur in der Begegnung mit Bozor Aka spürbar, der eine für Schalmeispieler ungewöhnliche Unruhe und Unsicherheit ausstrahlte, sondern auch bei anderen Begegnungen mit lokalen Traditionen, auf die hier nicht eingegangen werden kann. Wurde die ursprünglich religiöse Tradition durch die marxistisch-leninistische Ideologie ersetzt, so ist nach deren Zusammenbruch ein Vakuum in der Wertvor­stellungen entstanden. Die Rückkehr zu lange zurückliegenden geschichtlichen Wurzeln und damit, soweit es die Religion betrifft auch zu einem fundamentalistischen Islamverständnis, ist in dieser Situation naheliegend. Für die Schalmeispieler wird damit allerdings nichts gewonnen, denn der radikale Islam ist zu ihrer lebensfrohen Musik skeptisch, wenn nicht ablehnend eingestellt. Und so bleibt ihre Kunst in einem Niemandsland, von niemand beansprucht, nirgends beheimatet ,nur dem Augenblick des Festes und der fast verstorbenen Überlieferung verpflichtet.






Im Altertum fielen aus Zentralasien kommend die Hunnen ins Oströmische Reich ein und trugen damit zur endgültigen Spaltung des römischen Reiches bei. Attila, der Hunnenkönig. Ende der ersten Hälfte des 5. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung, hatte seinen Machtbereich stark nach Westen verlagert; er reichte vom Nordrand des Kaukasus bis zum Rhein, mit der ungarischen Tiefebene als Zentrum. Gallien musste sich seiner erwehren und in Italien kehrte er erst vor Rom um. Von Priskos, einem Mitglied der byzantinischen Gesandtschaft, die zu Attila reiste, besitzen wir einen Bericht, der Einblick in die Kultur der Hunnen gibt.

Ein Gastmahl Attilas beschreibt er folgendermassen: "Das Attila-Haus stand in der Mitte eines grossen Dorfes, höher gelegen als andere Häuser, die Holzwände waren getäfelt. Es war mit einem Zaun mit Holztürmen umfriedet, nicht zum Schutz, sondern zur Zierde. Innerhalb der Umfriedung standen zahlreiche Gebäude; die einen aus geschnitzten und vertäfelten, die anderen aus geglätteten, in Abständen nebeneinander gestellten Balken, welche hölzerne Bögen krönten. Diese Bögen erhoben sich zu ansehnlicher Höhe. Dort wohnte Attilas Frau. Die Barbaren, die dort als Türhüter amtierten, liessen mich ein. Ich traf sie auf einem weichen Lager ruhend; der Boden war mit wollenen Teppichen bedeckt, über die man schreiten musst. Zahlreiche Dienerinnen umstanden sie im Kreise, und andere hockten rings auf dem Boden und schmückten Leinwandstreifen mit bunter Stickerei, die dann zur Zierde auf die Kleider der Barbaren aufgenäht werden.

Am gleichen Tag abends fand das Gastmahl bei Attila statt: <<Wir standen an der Schwelle des Saales, Attila gegenüber. Die Mundschenken reichten uns nach Landessitte einen Kelch; wir mussten, ehe wir uns setzten, zur Begrüssung daraus trinken. Dann nahmen wir die uns angewiesenen Plätze ein. Die Stühle standen längs der beiden Seitenwände; in der Mitte sass Attila auf einem Ruhebett. Dahinter führten ein paar Stufen zu einem anderen Ruhelager empor, dass man mit Leinentüchern und bunten Decken geschmückt hatte. ... Als die höchsten Ehrenplätze galten die Sitze in der Reihe zur Rechten Attilas; für die zweithöchsten im Range war die Reihe zu seiner Linken bestimmt. Dort sassen auch wir neben Berichos, einem vornehmen Skyther; er aber sass näher an Attilas Thron. Rechts neben dem Lager des Königs stand der Sitz des Onogesios, gegenüber sassen zwei Söhne Attilas. Der älteste Sohn sass auf dem Sofa des Königs; allein nicht dicht neben ihm, sondern am äussersten Ende; er hielt aus Ehrfurcht vor seinem Vater den Blick gesenkt. Als alle die ihnen gebührenden Plätze einge­nommen hatten, trat ein Mundschenk zu Attila und reichte ihm einen gefüllten Becher; Attila nahm ihn entgegen und trank seinem Sitznachbarn zu. Der so Geehrte erhob sich und durfte sich erst wieder setzen, wenn er den Wein gekostet oder auch den Becher ausgetrunken und dem Mundschenken zurückgegeben hatte. Nachdem er sich gesetzt hatte, tranken die anderen dem König auf gleiche Weise zu. Sie erhoben ihre Becher, wünschten dem König Heil, tranken daraus und erzeigten ihm so die gebührende Ehre. Jeder Gast hatte seinen eigenen Mund­schenken, der zu ihm hintrat, sobald sich Attilas Mundschenk zurückgezogen hatte. Nachdem alle der Reihe nach so begrüsst worden waren, trank Attila uns zu, jedem einzelnen nach der Sitzordnung. Nach diesen Begrüssungen zogen sich die Mundschenken zurück. Dann wurden Tische neben dem Attilas aufgestellt, immer ein Tisch für drei, vier oder auch mehr Gäste, und jeder konnte nach Belieben zulangen, ohne die Sitzordnung zu stören.

Zuerst erschien ein Diener Attilas mit einer Schüssel voll Fleisch. Nach ihm kamen andere mit Brot und Zukost. Den übrigen Barbaren und uns wurden auf Silbertellern erlesene Speisen vorgesetzt. Attila jedoch erhielt nur einen Holzteller mit Fleisch. Er zeigte sich sonst überaus mässig; seine Gäste erhielten nämlich goldene und silberne Becher vorgesetzt, er aber trank aus einem hölzernen. Schlicht war auch sein Gewand, das nur durch fleckenlose Reinheit hervorstach. Weder sein Schwert, das er am Gürtel trug, noch die Bänder an den Sandalen, die er nach Barbarensitte anhatte, noch auch das Geschirr seines Rosses waren wie bei den übrigen Skythen mit Gold, Edelsteinen oder anderem Zierat geschmückt. Nachdem die Speisen des ersten Ganges verzehrt waren, standen wir alle auf und setzten uns wieder, als jeder in der frühen Reihenfolge einen ihm gereichten vollen Becher auf Attilas Wort geleert hatte. Nach dieser abermaligen Ehrung des Königs setzten wir uns wieder, und es wurde auf allen Tischen eine zweite Schüssel mit anderen Speisen aufgetragen. Auch von diesen assen wir alle; sodann standen wir wieder wie vorhin auf, tranken Attila zu und setzten uns. ... Als es dunkel wurde, hat man Fackeln entzündet und zwei Barbaren sangen Lieder, die Attilas Siege lobten. Nachher trat ein barbarischer Narr auf. ... Als sich nun das Gastmahl bis in die späte Nacht hineinzog, hielten wir es für ratsam, nicht mehr zu trinken und brachen früher auf>>." (Maczynska, 1993, S. 84 -86).

Dieser Bericht belegt eine gerne verdrängte historische Erfahrung: die fürchterlichsten Zerstörungen in der Geschichte wurden von Völkern angerichtet, die durchaus über eine eigene ausgeprägte Kultur verfügten. Auch in diesem Jahrhundert sind die schlimmsten Kriegsgreuel von sogenannten Kulturnationen zu verantworten, handle es sich nun um den 1., oder um den 2. europäischen Weltkrieg, den Krieg mit Japan, in dem die erste Atombombe fiel, den Vietnamkrieg, oder die Gewalttaten auf dem Balkan.

Im 2. und 3. Jahrhundert n. u. Z. war im Serafschan-Tal, in welchem das sagenhafte Samarkand liegt, das Kuschan-Reich entstanden, welches die Handelsverbindungen zwischen Ost und West kontrollierte und ausbaute und eine wesentliche Rolle bei der Entstehung der Verbindung zwischen der euroasiatischen Steppe und Indien sowie bei der Ausbreitung des Buddhismus hatte. Vom frühen 3. bis um die Mitte des 7. Jahrhunderts war Zentralasien unter der Herrschaft der Sassaniden, die das neupersische Reich regierten und das Achämeniden-Reich erneuern wollten. Unter ihnen wurde die Lehre Zarathustras wieder Staatsreligion. Sie errichteten bedeutende Paläste, Kuppelbauten und Feuertempel. Orientalische Bauformen entwickelten sie weiter, zu denen auch der Kuppelbau gehört und die Säulenwandelhalle, die in die Klosterarchitektur Europas Eingang gefunden hat.

Die Weissen Hunnen, die Hephtaliten, die in der Mitte des 5. Jahrhunderts eindrangen, entrissen den Sassaniden ihr gesamtes östliches Reich. Auf sie folgten die aus den nördlichen Steppengebieten erscheinenden Turkstämme. "Türken", ist, als Sammelname für die Turkvölker eine Namensgebung, die wahrscheinlich die Araber erfunden haben. Die Turkstämme arrangierten sich zunächst mit den im Süden weiterhin regierenden Sassaniden, verbündeten sich kurzfristig mit Byzanz, um den Ost-West-Handel zu kontrollieren, fielen aber schon bald in byzantinisches und sassanidisches Gebiet bis weit in den Ostiran hinein ein. Die Turkvölker verschmolzen mit der einheimischen Bevölkerung und entwickelten eine Mischreligion ihres Schamanismus mit dem einheimischen Zoroastrismus.

Im siebten Jahrhundert expandierten die Araber, aus dem Südwesten vordringend, in das sassanidische Reich. Aus dem Osten rückten die Chinesen vor. Chinesische und arabische Machtansprüche konkurrenzierten sich. Zunächst gewannen die Chinesen die Oberhand, aber durch den Einbruch tibetischer Stämme wurden ihre Einflussmöglich­keiten beschnitten und nach einem gescheiterten Versuch in der Mitte des 8. Jahrhunderts, sich im westlichen Zentralasien zu behaupten, überliessen sie den Arabern das Feld. Während der nächsten Tausend Jahre festigte der Islam seine Vorherrschaft.

150 Jahre lang war ganz Turkistan Teil des Kalifen-Reiches und von Auseinandersetzungen zwischen den arabischen Statthaltern der Kalifen und ihren Soldaten einerseits und der feindseligen Bevölkerung andererseits geprägt, deren Druck auf die arabische Herrschaft durch Angriffe von türkischen Nomaden unterstützt wurde. Die Religion des Zoroaster wurde im 8. Jahrhundert, ebenso wie der Buddhismus, durch den Islam radikal bekämpft und die bis dahin entstandene Kultur und Literatur weitgehend vernichtet.
In der Folge erschütterten Machtkämpfe innerhalb islamischer Gruppierungen sowie Auseinandersetzungen zwischen Chinesen und Türken die Region. Als sie sich wieder erholte und staatliche Gebilde entstanden, stiegen die Städte Buchara und Samarkand zu bedeutenden islamischen Metropolen auf.

Eine wesentliche Rolle bei der Islamisierung Turkistans spielten im späten 8. und 10. Jahr­hundert die Samaniden, deren Begründer sich von der Lehre Zorasters zum Islam bekehrt hatte, den er nicht so sehr mit Waffengewalt als vielmehr durch Vermittlungsbemühungen zu verbrei­ten suchte. Die Macht des Islams festigt sich im 10. Jahrhundert und bedeutende Dichter, Schriftsteller und Wissenschaftler erlangten eine weit über die Region hinausreichende Ausstrahlung, die auch auf das Abendland Einfluss nahm. Der Fernhandel wurde organisiert, zum Handel mit Stoffen und Waffen kam vor allem der Sklavenhandel.

Für die Region prägend wurde auch eine mit den Persern eng verwandte Volksgruppe, die Tajiken; diese Sammel­bezeichnug für alle, die den islamischen Glauben angenommen hatten, erscheint neu im 11. Jahrhundert. Dazu gehörten auch die beiden Dynastien der Gasnaviden, die im 10. und im 11., und Karachaniden, die im 11. bis 13. Jahrhundert, zur Zeit des europäischen Mittelalters herrschten.
Inzwischen waren zu Beginn des 11. Jahrhunderts die Seldschuken, ein Türkenstamm in Transoxanien eingefallen, drangen nach Byzanz vor und gründeten das islamisch-türkische Sultanat Rum, aus dem 200 Jahre später die Osmanen hervorgingen, die bis 1922 eine zentrale weltgeschichtliche Rolle spielen sollten.

Einen dramatisch neuen Lauf nahm die Geschichte im Mittelalter, als 1206 in einer Versamm­lung aller turk-mongolischer Völker einer ihrer Stammesführer unter dem Namen Dschingis-Khan zum Oberhaupt aller Oberhäupter, zum Khan aller Khane gewählt wurde.

Ein politisch kluger, aber unbarmherziger Feldherr, fiel er 1220 auch in Buchara und Samarkand ein. Eroberte Städte wurden von ihm vollkommen zerstört. Unerbittliche Belagerungsmethoden, wie das Abgraben der Wasser oder das Überfluten verbanden sich mit einer besonders raschen Nachrichtenübermittlung durch Reiter, die in einem Tag bis zu 500 km zurücklegen konnten, einem gut ausgebauten Spionagenetz und einer äusserst beweg­lichen Kriegstechnik. Das Mongolenreich, das Dschingis-Khan begründete, wurde das grösste Weltreich der Geschichte. Es hat im europäischen Westen und im asiatischen Osten die Schicksalsgemeinschaft der beiden Kontinente deutlich gemacht und für die Ost-West-Beziehungen zweifellos weitreichende Auswirkungen gehabt. Zunächst richtete sich die militärische Expansion gegen China, anschliessend nach Korea und Russland, das bis 1480 den Mongolen tributpflichtig war. Im Westen zerstörten die mongolischen Heere nach der Eroberung Polens das türkische Rumsultanat in Kleinasien, eroberten den Iran und Bagdad, wo sie das seit 632 regierende Kalifat stürzten. Mit der Verlegung der Hauptstadt nach Peking im Jahre 1264 verlagerte sich der Schwerpunkt des Reiches nach Osten und der chinesische Kultureinfluss wuchs. Im Osten wurden Burma erobert, Japan, Vietnam und Java angegriffen. Der gewaltsame mongolische Frieden, die Pax mongolica, umfasste ungefähr die Hälfte der damaligen Weltbevölkerung und sicherte den Fernhandel zwischen Ost und West. Der letzte Herrscher dieses ganzen Reiches regierte bis 1307, dann erklärten sich die Mongolen im Iran unabhängig und traten zum Islam über, um 1335 war der Zerfall des Reiches besiegelt und gut 30 Jahre später wurde die Mongolenherrschaft in China gestürzt.
In Buchara bezeichnete Dschingis-Khan sich selbst als die sengende Sonne Satans und die Geissel Gottes. Nach seinen Raubzügen lagen Buchara, Samarkand und andere Städte der Region, die nicht nur durch ihren Handel sondern durch ihre Kultur berühmt geworden waren, in Trümmern. Die Seidenstrasse war zur Nachschubbasis für die nach Westen stürmenden Kriegstruppen geworden.

Südlich von Samarkand wurde 1336 Timor Lenk, Tamarlan, der Hinkende, geboren, mütter­licherseits mit Dschingis-Khan verwandt. Er wandte dessen Kriegstechnik auf noch unerbitter­lichere und grausamere Weise an. In raschen und überraschenden Feldzügen dehnte er sein Reich weit nach Westen aus und baute Samarkand zur Hauptstadt auf. Er errichtete die grössten und prächtigsten Gebäude, Moscheen, Mausoleen, Lehrhäuser, Medresen, Karawanenstationen und Paläste. In seine Hauptstadt deportierte er Maler, Kalligraphen, Archi­tekten persischen Ursprungs, Handwerker, Philosophen, Geschichtsschreiber und Wissen­schaftler, die Elite der Völker, die er während seiner Feldzüge überrollte. Unter ihm, dem unbarmherzigen Eroberer, kam es zu einem Aufblühen der islamischen Wissenschaft und Kunst. Ein Erneuerer des Mongolenreiches war er gleichzeitig ein Vorkämpfer des Islam, nahm den Titel eines Sultans an, eroberte Delhi und annektierte den Punjab in Indien.

Auf dem Weg nach China starb er. Sein Reich zerfiel rasch. Aber die Gebäude, die er in Samarkand errichtet hatte, sind bis heute vielfach bewunderte, architektonisch grossartige Denkmäler und Anziehungspunkt für den Tourismus.

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Timur/Tamerlan: Feldzüge im 14.Jh.

Mit Beginn des 16. Jahrhunderts gründeten die Angehörigen eines Steppenstaates, die sich nach ihrem Herrscher, dem Cham Uzbek, Uzbeken nannten, drei Chanate, die sich um die Vorherr­schaft in Turkistan, das inzwischen verhältnismässig weit von der Weltpolitik abgekommen war, stritten. Eine neue Aera für diesen Raum begann nochmals in den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts; durch die Eroberungen der Russen und mit der Gründung der Sowjetunion wurde ganz Mittelasien neu gegliedert und in fünf Republiken aufgeteilt. Nach dem Zusammen­bruch der Sowjetunion sind sie wieder selbständige Staaten geworden: Uzbekistan, Turkmenistan, Tajikistan, Kyrgystan und Kasachstan.

Gibt man die Geschichte der beiden Städte Buchara und Samarkand in Stichworten wieder, so spiegelt sich darin das Kommen und Gehen verschiedener Kulturen, vor allem aber die Synthese, zwischen der Erbschaft des Alexanderreichs, der persischen Kultur, chinesischen Einflüssen und den turk-mongolischen Nomadenstämmen:
"Samarkand, Stadt in Zentralasien, Uzbekische SSR (UdSSR), Flussoase der Serawschan: In der Antike als Marakanda Hauptstadt der persischen Satrapie Sogdiana; von Alexander dem Grossen erobert (329 v. Chr.); im graeco-baktrischen Reich Baktrien (ca. 250-130); ... im westlichen Alt-Türkischen Reich (552); von Arabern erobert (712): Islamisierung; unter persischen Samaniden (829-999), erste Blüte; im Reich der Karakhaniden (1000), Kara-Kitai (1125/41), dem Choresm-Schah (1202); von Mongolen unter Dschingis Khan erobert und zerstört (1220); nach erneuten Aufstand (1365) Hauptstadt des Timur Lank (1396-1405): zweite Blüteperiode; von Babur (1497, 1510/11), Usbeken erobert (1500, 1511), Provinzhauptstadt im Khanat Buchara, wiederholt von türkischen Nomaden und Persern geplündert; unbewohnt (ca. 1720-ca.1770); russisch (1868), mit russischem Stadtteil (1871); Provinzhauptstadt (1887), ... Hauptstadt der Usbekischen SSR (1924-30), ... des Verwaltungsbezirks Samarkand (1938)." (Geiss, 1987, S. 164)
"Buchara (aus dem Sanskrit: vihara = Kloster) ... Iranische Siedlung (ca. 1. Jahrhundert); in der Nähe (namengebendes) buddhistisches Kloster; bedeutende Handels- und Handwerkerstadt, schon früh mit jüdischer Gemeinde; unter Muslim-Herrscher (710): Islamisierung; von Türken (728/29), Arabern erobert (729): Emirat im Chorassan; Hauptstadt der Samaniden (892): kulturelles Zentrum, Teppichwebereien; Brand (937); von türkischen Oghusen unter Seldschuk; (angeblich) erobert (955): legendäre Anfänge der Seldschuken; von Karakhaniden (999) Kara-Kitai (1141), Choresm-Schah (1202) erobert, Mongolen unter Dschingis Khan (1220), persischen Mongolen (Ilkhaniden) (1273) zerstört, geplündert (1316), von Timur Lank (1370), Usbeken (1500) erobert: Hauptstadt (1512-39, 1556-98); unabhängiges Emirat (nach 1680); von Persern erobert (1740); unabhängig (1747); russisches Protektorat (1868); Emirat durch Volksaufstand gestürzt (1920): Sowjetische Volksrepublik, und Usbekische SSR (1920); Gebietshauptstadt." (Geiss, 1987 , S. 201)

Neben den Städten Buchara und Samarkand, ist Chiva die architektonisch am besten erhaltene, mit Hilfe der UNESCO renovierte, Stadt, mit einer majestätischen Stadtmauer aus Lehm, einer Vielzahl wundervoller Moscheen und Minarette. Matrasul Matjakuboff (das heisst Matrasul, Sohn des Jakob) oder auf arabisch: Mohammed Rasul, gilt als der berühmteste und beste Schalmeispieler von Uzbekistan. Er bewohnt das stattliche, geräumige Haus seines vor wenigen Jahren verstorbenen Vaters. Matrasul führt uns nicht nur in das Spiel der uzbekischen Schalmei ein, sondern auch in jenes des kleinen Balaban, ein für die traditionelle turkmenische Musik charakteristischen Holzinstrument mit Klarinettenblatt. Mit grossem Interesse und überzeugender Sachkenntnis prüfte er die Bombarde der Bretonen, die mich auf dieser Reise begleitet und versucht sich in das ihm fremde Instrument einzuspielen. In seinem Haus durften wir uzbekische Gastfreundschaft geniessen, gemeinsam das traditionelle Reismahl einnehmen und ohne gegenseitige Sprachkenntnisse eine von Musik und Instrumenten bestimmte angeregte Diskussion führen.

Wie in den Karakorumtälern der Hunza, wo die Pakistani die fremden Herren sind, wie an den Rändern der Wüste Taklamakan, wo die Han-Chinesen das politische und wirtschaftliche Leben beherrschen, so besteht auch in Kyrgyzstan und Uzbekistan eine Zweiteilung der Bevölkerung: den in ihren Traditionen verwurzelten Einhei­mischen stehen die zum Teil schon in der dritten Generation lebenden Russen gegenüber, die aus einem völlig anderen Kulturkreis stammen. Bisher wurden die verschiedenen Ethnien der ehemaligen südlichen Sowjetunion untereinander, sowie mit der russischen Bevölkerung durch eine Klammer zusammengehalten, die das Etikett der gemeinsamen Sowjetbürgerschaft trug. Dieses ist, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion hinfällig geworden, so dass im ehemals sowjetischen Zentralasien allenthalben, wie auch weiter im Westen im Kaukasus, und wie in katastrophaler Art und Weise auf dem Balkan, ethnische Spannungen sichtbar und aufgebaut werden, zusammen mit einer wirtschaftlich unlösbar schwierig scheinenden Situation.

Würde man von Uzbekistan aus die Reise um das Pamirgebirge herum zu Ende führen, so käme man auf dem Landweg über Afghanistan ins nördliche Pakistan zurück. Man würde an die afghanische Grenze gelangen und über die Passstrasse, welche den seit der Frühzeit bekannten Salang-Pass überquert, nach Kabul kommen und weiter über den gleichermassen berühmten Khyber-Pass nach Islamabad. Der Khyber-Pass ist das alte Einfallstor, auf dem alle Eroberer aus Westen in das Industal gelangt sind, die Route, die schon Alexander der Grosse beschritten hat. Zur Zeit der Niederschrift dieser Ausführungen verunmöglichten die militärischen Auseinander­setzungen sowohl in der Region von Dushanbe, wie in Afghanistan diesen Reiseweg, der über den Hindukusch führt. Statt dessen gibt es zweimal wöchentlich einen Flug von Tashkent nach Islamabad auf einer Flugroute, die das Krisengebiet weiträumig umgeht. Jenseits des Khyber-Passes in Peshawar , dessen Atmosphäre von den Flüchtlingen aus Afghanistan und Angehörigen von Hilfsorganisationen bestimmt wird, schliesst sich im Hinblick auf die Schalmei, der zentralasiatische Kulturkreis rund um das Pamirgebirge.

Szenen mit Oboenmusik aus der Geschichte der Mongolen sind in einem Werk eines persischen Geschichtsschreibers enthalten, das dieser wohl zu Beginn des 14. Jahrhunderts schrieb, das aber in der uns überlieferten Fassung erst Ende des 16. Jahrhunderts von einem Miniaturmaler im islamischen Indien illustriert wurde. Die dargestellten Menschen tragen keine mongolischen Gewänder, kämpfen nicht mit mongolischen Waffen und vergnügen sich nicht in Nomadenjurten und sehen nicht wie Mongolen aus. Der indische Maler hat das Leben seiner Zeit gemalt, der Zeit des grossen Mogulherrschers Akbar . Die Oboe, die er darstellt, ist aber ein Instrument, das entlang der ganzen Seidenstrasse von der Türkei bis Indien gespielt wurde und wird. In ihm spiegelt sich die persisch-zentralasiatische Instrumenten­tradition. Sie ist in diesen Bildern aus dem Indien des 16. Jahrhunderts der Gegenstand, welcher am meisten direkt mit den Mongolen zu tun hat.


II.06.4 Seidenstrasse

Was man als Seidenstrasse bezeichnet ist ein Routennetz, das verschiedene regionale Kulturge­biete durchzieht und verknüpft, heute nicht wesentlich anders, als in der Antike.

Den Verkehr auf den Seidenstrassen, welcher geistigen, religiösen und künstlerischen Absich­ten diente, können wir uns, wie Uhlig (1988) schreibt: "gar nicht intensiv genug vorstellen. Die Zwischenstationen waren für Prediger und Künstler, für Mönche und Magier dabei noch wichtiger als für die Kaufleute, die vor allem ihr Ziel im Auge hatten und die Karawansereien nur als Rast- und Ruheplätze benutzten, während sie für all die anderen Wirkungsbereiche, für die Künstler und Magier natürlich vor allem auch Plätze des Geldverdienens waren. Dabei darf man zwischen den einzelnen Personengruppen keine zu strengen Grenzen ziehen. Sicher gab es Prediger und Mönche, die den Erfolg ihres geistlichen Wirkens nach dem materiellen Gewinn beurteilten, den es ihnen brachte, wenn sie das auch nicht durchblicken liessen. Jedenfalls waren Leben und Treiben in den Städten, Karawanenstationen und an den Knotenpunkten der Seidenstrassen bunt, lebhaft und verführerisch. Denn hier pulsierte das Leben jener Zeit, hier fanden Güter-, Nachrichten-, Religions- und Wissensaustausch statt, von hier gingen die Impulse aus, die sich in den Weltreichen der Zeit – in Rom, Persien, China und Indien – stärker auswirkten, als wir das heute historisch nachweisen können. Die Zahl der unmittelbar Beteilig­ten war gering, gemessen an der Gesamtbevölkerung der Zeit. Aber die gestaltenden Einflüsse – der Manichäismus in Zentralasien, das Christentum in Indien, China und Zentralasien, der Buddhismus westwärts ausstrahlend bis ins östliche Persien -, das waren Folgen des Seiden­strassenverkehrs, dessen Anfänge sich allerdings im historischen Dunkel verlieren oder nur als Legende überkommen sind." (S. 229). Auch der Musik und den Instrumenten bahnten und wiesen diese Routen und die Menschen, die auf ihnen reisten den Weg; sie wurden im alten Wortsinn bahnbrechend und wegweisend. Die Geographie des immens grossen und komplexen Routennetzes ist nicht leicht zu erfassen. Die folgende Zitate stammen aus dem ebenso über­sichtlichen wie genauen Buch von Suter (Suter, P., 1987, S. 71ff.).

Eine erste Orientierung wird erleichtert wenn man den westlichen, vom östlichen Teil separat betrachtet; zunächst zum westlichen Teil:
"Grundsätzlich muss unterschieden werden nach dem westlichen Teil, zwischen dem Mittelmeer und Transoxanien einerseits und dem östlichen Teil zwischen den Übergängen über das Pamirgebirge und Xian bzw. Luoyang andererseits.
Der westliche Teil basierte auf einem z. T. sehr früh angelegten Verkehrsnetz der achämenidischen, alexandri­nischen und römischen Zeit und war technisch sehr gut ausgebaut. Das Kernstück der achämenidischen Strassen­verbindung zum Beispiel ist uns als >>Königsstrasse<< von Herodot überliefert. Diese offenbar sehr gut ausgebaute Strasse, die in erster Linie der raschen Verbindungen innerhalb der westlichen Provinzen des Reiches diente, nahm ihren Anfang in Susa, der achämenidischen Regierungshauptstadt. Bei Bagdad wurde der Tigris erreicht. Die >>Königsstrasse<< folgte mehr oder weniger dem Fluss in NW-Richtung bis zum heutigen Mosul, um dann das türkische Hochland über Kayseri und Ankara zu überqueren und den westlichen Endpunkt in Sardes – unweit von Smyrna – zu erreichen.
Herodot berichtet mit Bewunderung über die vorbildliche Organisation dieser Verbindung: Auf der ca. 2700 km messenden Strecke waren 111 Relaisstationen eingerichtet, die als Raststätten den Reisenden und den königlichen Kurieren zur Verfügung standen. Schwierige Strassenabschnitte und Engnisse wurden von Fortifikationen aus überwacht. Karawanen benötigten für die Strecke ca. 90 Tage, Meldereiter eine Woche.

Die Route über das Persische Hochland nach Transoxanien mit den Oasenstädten Buchara, Samarkand und Tashkent entstand vom 6. Jh. v. Chr. an und diente neben dem Handel allen später in diesem Raum operierenden Armeen für Truppenbewegungen und Nachschub. Das Teilstück vom Mittelmeer quer durch die syrische Wüste und das Zweistromland bis zum Fuss des Zagrosgebirges war bereits im frühen Altertum Teil eines Strassensystems, das strahlen­förmig vom Handelsknotenpunkt Palmyra ausging und von den Römern vom 1. Jh. n. Chr. an weiter verbessert wurde."


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Eurasische Kulturstrassen: die "Seidenstrassen", 200 u.Z.

Den östlichen Teil mit nördlicher, mittlerer und einer südlichen Route beschreibt Suter folgendermassen:
"Im Gegensatz dazu sagt W. Raunig vom östlichen Teil, dass es sich auf keinen Fall um eine Strasse im heutigen Sinn handelte. An einem nicht genau rekonstruierbaren Punkt am Oberlauf des Syr-Darja, im Tal der Ferghana, ging der westliche Teil in den östlichen Teil mit den geländemässig schwierigen Übergängen über Grossen und Kleinen Pamir sowie Hindukusch über.

Eine kartographische Darstellung des Routennetzes der Seidenstrassen ergibt – vor allem im Gebiet der Völker­scheide des Pamir und der angrenzenden Gebirgsketten – ein recht verwirrendes Bild. Mit der nachfolgend verwendeten Gruppierung soll versucht werden, die Übersichtlichkeit zu verbessern:

Die nördliche Route führte von Luoyang resp. Xian nach Lanzhou und folgte dem Südrand der Wüste Gobi bis in die Gegend von Dunhuang, um anschliessend über die östlichen Ausläufer des Tian Shan bei Ürümqi den Westteil der Dzungarei und die Dzungarische Pforte zu erreichen. Südlich am Balkaschsee vorbei verlief die Route zum Unterlauf des Yaxartes und sodann über die Unterläufe von Uralfluss, Wolga und Don zum Schwarzen Meer.

Die mittlere Route umging mit zwei in Kashgar wieder zusammentreffenden Routen das Tarim-Becken (Wüste Taklamakan) südlich und nördlich. Über verschiedene Pässe konnte das Pamirgebirge überschritten werden, um die Täler von Oxus oder Yaxartes und schliesslich den Knotenpunkt von Merw zu erreichen. Von dort führte der Weg über die Iranische Hochebene in westlicher Richtung zur heutigen Hauptstadt Teheran, nach Hamadan (das antike Ekbatna) und durch die Schluchten des Zagrosgebirges in die Flussniederungen von Tigris und Euphrat.

Nach Durchquerung der Syrischen Wüste endete die Route schliesslich in Antiochia am Orontesfluss unweit des Mittelmeeres.

Die südliche Route diente der Umgehung des Persischen Hochlandes und war identisch mit der mittleren Route bis in den Raum von Kashgar am Westende des Tarimbeckens. Von Yarkant – südöstlich von Kashgar gelegen – führten Verbindungen über hohe Pässe entweder zum Oberlauf des Oxus und dann, nach Süden abbiegend, durch das Hindukuschgebirge nach Kabul und weiter, nach Westen, nach Peshawar und in die Ebenen von Nordwest­indien. Eine Variante zielte von den Übergängen über Pamir und Karakorum nach Süden über Gilgit ins Industal. Diese Route war besonders schwierig zu begehen und wurde im Altertum als Strasse der Hängebrücken bezeichnet.
In Nordwestindien führte die Route zu den Hafenstädten Barbaricum (unweit des heutigen Karachi) und Barygaza (heutiges Ahmedabad), von wo der Schiffstransport durch den Persischen Golf nach Charax (heutiges Basrah) und nachfolgend mit erneutem Landtransport durch die syrische Wüste zum Mittelmeer erfolgte.

War der Persische Golf nicht passierbar, was in der späten Sassaniden-Zeit häufig der Fall war, musste der Umweg durch das Rote Meer in Kauf genommen werden. Die Güter wurden unweit der Meerenge von Bab al Mandab, die den Zugang zum Roten Meer bildet, auf Karawanen umgeladen und über die klassische Weihrauchstrasse dem Ostufer des Roten Meeres entlang über eine Strecke von mehr als 2000 km nach Petra, unweit des heutigen Aqqaba, gebracht.

Petra (in Jordanien) war ein bedeutender Lager- und Umschlagplatz, von dem aus Routen direkt nach Alexandria, durch die Senke des Toten Meeres und entlang dem Libanongebirge zum Orontestal und nach Antiochia, oder, nach Osten ausholend, nach Palmyra führten.
Nach Möglichkeit wurde indessen dem Schiffstransport durch das Rote Meer bis zum Hafen von Myos Hormos an der Westküste der Vorzug gegeben. Von dort konnten, mit Einschaltung eines kurzen Landtransportes, Dendara im Niltal und schliesslich Alexandria am Mittelmeer erreicht werden.

Bei den Umgehungsrouten in der Römerzeit handelte es sich um z. T. nur vermutete Routen, mit welchen Rom eine Behinderung oder Unterbindung seines Osthandels durch die Parther und später durch die Sassaniden, mit denen im Persischen Hochland immer zu rechnen war, auszuschalten versuchte. Zwei Routen sind annähernd bekannt, die bis in den Raum südlich des Aralsees ungefähr der mittleren Route der Seidenstrassen entsprachen. Sie führten von dort weg zum Ostufer des Kaspischen Meeres, das mit Schiffen überwunden werden musste. In einer Variante folgten die Karawanen vom heutigen Baku aus den Flussystemen von Kyros und Araxes, um weiter westlich im Quellgebiet des Tigris römisch beherrschte Territorium zu erreichen. Die andere Variante zielte, weiter nördlich verlaufend, auf die sog. Kaukasische Pforte – einen Kaukasübergang, der es ermöglichte, auf römisches Gebiet im obersten Euphrattal zu gelangen." (Suter, P., 1987, S. 71ff.).
"Von der nördlichen Route kann unter anderem den Beschreibungen des Herodot entnommen werden, dass sie, als geländemässig günstigste Verbindung, in der Frühzeit begangen wurde. Es waren offenbar die Skythen, die vom Schwarzmeerraum aus Kontakte mit den Steppen­bewohnern zwischen Jaxartes und Balkaschsee aufrecht hielten. Auch die Hellenen – wohl Siedler aus den Kolonialstädten am Schwarzen Meer – werden als Reisende oder Händler erwähnt.

Herodot nennt die Steppenvölker, die den Raum zwischen Schwarzem Meer und Djzungarischer Pforte östlich des Balkaschsees in der Frühzeit besiedelt haben und deckt damit ein Gebiet mit einer Ausdehnung von etwa 4500 km in Ost-West-Richtung ab. Das am weitesten östlich siedelnde und von Herodot glaubhaft erwähnte Volk ist dasjenige der Issedonen – ein Volk, das unter der Bezeichnung Wusun auch in chinesischen Annalen figuriert. Um die Issedonen zu erreichen, waren die Skythen gezwungen, durch sieben Dolmetscher in sieben Sprachen mit ihnen zu verkehren. Herodot fährt weiter: Wie es aber hinter ihnen aussieht, kann niemand mit Gewissheit sagen, denn hier bilden hohe unwegsame Gebirge eine Völkerscheide, über die kein Mensch kommt. Es ist vage die Rede von den Arimaspern, Menschen mit nur einem Auge, von den goldhütenden Greifen und den Hyperboreern, die bis an die See wohnen. Herodot selber ist allerdings skeptisch gegenüber der Richtigkeit solcher Informationen. ...

Die Skythen waren bekannt für ihren Goldhunger, das Rohmaterial, das die ungemein zahlreichen Goldschmiede benötigten. Ihre kunstvollen Arbeiten sind heute Prunkstücke der Museen, vorab der Eremitage in Leningrad. Der Mongol Altai war und ist reich an Goldvorkommen. Gold konnte durchaus ein Exportartikel sein, den die Steppenvölker durch Vermittlung der Issedonen an den Westen weitergaben. ...
Die mittlere Route entwickelte sich vom 1. Jh. v. Chr. an zur Normalroute, die vom Westende des Tarim-Beckens aus dem Raum Kashgar auf kürzestem Weg nach Transoxanien mit seinen berühmten Oasenstädten Tashkent, Samarkand und Buchara zielte.

Wohl am einfachsten war die Überschreitung des Pamir von Kashgar zum Oberlauf des Jaxartes in der Ferghanan zu bewerkstelligen. Diese Route führte an der Stelle vorbei, an der Alexander der Grosse seine nord-östliche Stadt Alexandreia Eschate 329. v. Chr. gründete.

War aus irgendeinem Grund die Route durch die Ferghana gefährdet, wo musste eine Umgehung gewählt werden, bei der allerdings geländemässig grössere Schwierigkeiten zu überwinden waren. Aus dem Tarimbecken führte ein Pfad von Yarkant durch die nördlichen Ausläufer des Kunlun Shan und das Gebiet des Kleinen Pamir zu den Quellflüssen des Oxus. Das direkt an den Kilikpass nach Westen anschliessende Hochtal, der Wakhân, ist ethnologisch äusserst interessant, handelt es sich doch der dort lebenden Bevölkerung vermutlich um Abkömm­linge von gräco-baktrischen Stämmen, die sich hier in der Zeit der Feldzüge Alexanders der Grossen niederliessen.

Mit grosser Wahrscheinlichkeit hat Marco Polo zusammen mit seinem Vater Nicolo und seinem Onkel Matteo zwischen 1271 und 1295 diese Route von Persien kommend benützt. Marco Polo schildert in seinen Aufzeichnungen begeistert und anschaulich Fruchtbarkeit und Schönheit des Vokan (=Wakhân), erwähnt aber auch die Mühsal dieser Route, auf der man Berg auf Berg übersteigt und die Gipfel ringsum das Land zum höchsten der Welt machen.

Die beiden alternativen Routen durch die Ferghana und durch den Wakhân trafen sich westlich des Oxus in Merw, dem heutigen Mary. Spätestens dort war zu entscheiden, ob die mittlere Route durch das Persische Hochland – ein an und für sich unproblematisches Teilstück – benützbar war, oder ob mit Schwierigkeiten gerechnet werden musste. Dies war in der Zeit der parthischen und sassanidischen Reiche – also zwischen etwa 50 v. Chr. und etwa 650 n. Chr. – recht häufig der Fall. Sowohl Parther als auch Sassaniden nahmen gegenüber dem Ost-West-Handel eine ambivalente Haltung ein. Einerseits diente dieser Handel dem Erbfeind Rom und war deshalb zu verhindern. Andererseits brachte der Transittransport von Gütern dem Staat erhebliche Zölle und Gebühren aller Art ein. Die Höhe dieser Abgaben führte offenbar im Laufe der Zeit dazu, dass an Stelle des direkten Weges durch Persien mehr und mehr der Umweg über die südliche Route gewählt wurde.

Diese südliche Route durch das Industal mit anschliessendem Schiffstransport durch den Persischen Golf nach Charax (heutiges Basrah) oder durch das Rote Meer in den Mittelmeerraum diente keineswegs nur dem Transport chinesischer Güter nach dem Westen. Diese waren vielmehr Zuladung zu umfangreichen Sendungen, die aus dem weiten Gebiet von Indien stammten.

Unabhängig vom Seidenhandel entwickelte sich die Seefahrt zwischen den Mittelmeerstaaten und Indien im Bereich des Arabischen Meers schon in den letzten Jahrhunderten vor Christi Geburt, zunächst als Küstenschiffahrt und, nach Entdeckung der Gesetzmässigkeiten der Monsunwinde durch den griechischen Seemann Hippalus etwa 100 v. Chr., als Hochsee­schiffahrt. Es waren Griechen, Phönikier und Araber, die im Einverständnis mit Rom das Rote Meer und den Persischen Golf befuhren. Zielhäfen in Indien waren Barbaricum an der Indus­mündung und Barygaza – das heutige Ahmedadbad -, etwa 500 km westlich von Barbaricum und am Nordende des Golfs von Cambay gelegen.
Drehscheibe des Handels am Mittelmeer war Alexandrien, wo der Weitertransport der aus dem Osten – auch China, Indien, Arabien und Äthiopien – stammenden Güter organisiert wurde. Weihrauch, Gewürze, Edelsteine, Farbstoffe, Duftstoffe, feine indische Textilien, chinesische Seide und ägyptisches Getreide wurden ins Römische Reich weiter verschifft, während Glas, Kupfer, Zinn, Blei, rote Korallen, Textilien, Keramik und Gold und Silber – hauptsächlich in Form von Münzen – ihren Weg nach Osten nahmen.

An dieses gut eingespielte System der Schiffahrt schloss der Seidentransport Chinas über die südliche Route in Nordindien im Industal an und konnte damit dem Einfluss der Parther und Sassaniden entzogen werden. Es zeigte sich auch, dass die Transportkosten bis zum Mittelmeer durch diese Verkehrsumleitung gegenüber dem Landtransport beträchtlich gesenkt werden konnten.
An diesem, im ersten Moment überraschend erscheinenden, Umweg über Indien waren die Kushan, deren Reich im Hindukusch und Indien zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 3. Jh. n. Chr. entscheidende Bedeutung hatte, wesentlich beteiligt.

Im Rahmen der südlichen Route bestanden drei Möglichkeiten, um, aus dem Tarim-Becken kommend, nach Süden in Richtung des Indus den Pamir oder den Hindukusch zu überqueren.

Die östlichste Variante führte von dem im Zusammenhang mit der mittleren Route bereits erwähnten Kilik-Pass im Raum des Kleinen Pamir direkt nach Süden zum Indus in seinem Mittellauf, um anschliessend, dem Fluss folgend, die Nordindische Ebene zu erreichen.

Dieser Pfad, der als sehr gefährlich und mühsam galt, ist identisch mit dem im Laufe der letzten Jahrzehnte als pakistanisch-chinesisches Gemeinschaftswerk erbauten Karakorum-Highway, einem gewaltigen Werk, an dem 10´000 Chinesen und 15´000 Pakistani beteiligt waren. Die Eile des Strassenbaus verhinderte systematisch archäologische Untersuchungen. Immerhin konnten etwa 10´000 Felszeichnungen, eingeritzt in die vom Wasser des Indus glattge­schliffenen Felsblöcke, sichergestellt werden. Die Darstellungen gehen z. T. ins 2. -5. Jahrtausend v. Chr. zurück. Es folgen sakische und iranische Motive aus dem 1. Jahrtausend v. Chr. Schliesslich finden sich Darstellungen buddhistischen Ursprungs, die in die Zeit vom 1./2. Jh. n. Chr. bis ins 12. Jh. n. Chr. einzuordnen sind. Die grosse Zahl von Felszeichnungen beweisen, dass dieser Verbindung über Karakorum und Pamir sehr grosse Bedeutung im Zusammenhang mit der Ausbreitung des Buddhismus von Indien nach China beizumessen ist.

Eine mittlere Variante zweigte in Bactra am Oberlauf des Oxus nach Süden ab, durchquerte den Hindukusch, um über Kabul und den Khyberpass den Raum Peshawar und das Industal zu erreichen.

Die westlichste Variante schliesslich, führte aus dem Raum von Merw nach Süden nach Herat, dem Alexandria Areion, das von Alexander dem Grossen 330 v. Chr. gegründet wurde. Dem Hindukuschgebirge nach Südwesten ausweichend wurde das Wüstengebiet von Sistan durchquert, um schliesslich zum Unterlauf des Indus zu gelangen.

Einen Nebenast der Seidenstrassen bilden die durch Transoxanien zum Kaspischen Meer und schliesslich über den Kaukasus Armenien anvisierenden, bereits erwähnten Umgehungsrouten der römischen Zeit. ...

Zwei Routen können festgestellt werden, die das Westufer des Kaspischen Meeres mit dem römischen Verteidigungsdispositiv in Armenien und im Quellgebiet von Euphrat und Tigris verbinden: Eine südliche Route folgte vermutlich aus dem Raum des heutigen Baku zunächst dem Kyrosfluss, wandte sich dann dem Araxesfluss (Rud-e-Aras) zu, um schliesslich nördlich vom Vansee römisch kontrolliertes Gebiet zu erreichen. Eine nördliche Route dürfte von der heutigen Hafenstadt Makhackala am Kaspischen Meer in westlicher Richtung dem Fuss des Kaukasus gefolgt sein, um dann, nach Süden abbiegend, durch die Kaukasische Pforte das Gebirge zu überqueren.

Die Umschlagpunkte an der Ostküste des Kaspischen Meeres, an denen der Umlad von Tragtieren in Schiffe erfolgte, sind nicht bekannt. ...
Ein letztes Teilstück, das im Raum des Schwarzen Meeres an das System der Seidenstrassen anschloss, verdient erwähnt zu werden: die von den Wikingern zwischen dem 8. und 12. Jh. n. Chr. benützte, kombinierte Land- und Flussverbindung zum Ladogasee und zur Ostsee. ...

In Norwegen und Schweden finden sich die Wurzeln des Wikingerreichs, dessen Völker, aus ihrer Heimat durch Landnot und erschöpfte Böden vertrieben, vom 8. Jh. n. Chr. an ihre Raub­züge zur See nach England, Frankreich und bis zum Mittelmeer unternahmen. ...

Aber nicht nur durch den Atlantischen Ozean erreichten die Nordmänner das Mittelmeer: Schatz­funde auf den Inseln des Baltischen Meeres beweisen, dass bereits im 7. Jh. n. Chr. lockere Handelsverbindungen zwischen Schweden und dem Raum des Kaspischen und Schwarzen Meeres bestanden. ...

Nach 865 erschienen die Wikinger, von den Mündungen der Wolga und des Dnjepr kommend, im Kaspischen und im Schwarzen Meer. Die zunächst feindlichen Beziehungen gegenüber Byzanz verbesserten sich im 10. Jh. entscheidend, als sich die kriegerischen Nordmänner als tüchtige Söldner im Byzantinischen Heer verdingten. Gleichzeitig wurden aus den nordischen Staaten importierte Güter mit solchen aus Persien und China ausgetauscht.

Bagdad nahm diplomatische Beziehung mit den Wikingern auf. Der ausführliche Bericht eines arabischen Diplomaten, Ibn Fadlan, bildet ein sachlich abgefasstes Dokument über einen längeren Aufenthalt in einem wikingischen Handelsstützpunkt in Zentralrussland in den Jahren 921/922. Dass der Handelsverkehr erheblich war, beweisen reiche Münzfunde auf der Insel Gothland im Baltischen Meer, wo um die 50`000 Silberstücke arabischer Herkunft entdeckt wurden." (Suter, P., 1987, S. 89ff.)

Aber die wichtigste Ware, die der Mittelmeerraum aus China bezog, war die Seide.

Der römische Geschichtsschreiber Florus berichtet, dass in der Schlacht zwischen Römern und Parthern im Jahre 53 v. Chr., welche die schwerste militärische Niederlage der Römer in ihrer ganzen Geschichte werden sollte, die auf den Nahkampf eingestellten Römern mit der Wendigkeit der Parther nicht fertig wurden, deren Reiter mit Pfeil und Bogen kämpften und bei denen Kamele ständig den Nachschub von Pfeilen bis in die vordersten Linien brachten. Dennoch glaubten die Römer an ihren Sieg, als die Parther sich vorübergehend zurückzogen. Aber nach einer Kampfpause griffen sie unter schrecklichem Geschrei mit frischen Truppen neu an und enthüllten farben­prächtige, goldbestickte Banner, die in der Sonne glänzten und die schon ermüdeten und geschwächten römischen Soldaten nicht nur verblüfften, sondern auch Panik auslösten. Ob dies tatsächlich die erste Begegnung der Römer mit der chinesischen Seide war, ist ungewiss, jedenfalls haben sie sie durch die Parther kennengelernt.

In der Folge begann Rom zusammen mit anderen Luxusartikeln für seine Oberschicht Seide zu importieren, die so in Mode kam, dass man von einer eigentlichen Seidensucht sprechen könnte. Die Handelsbilanz von Rom mit China wurde in einem für seine wirtschaftliche Vormachtstellung bedrohlichen Ausmass negativ.

"Rom importierte immer mehr Luxusartikel aus Indien und China, hatte aber selbst nichts zu exportieren. Rom importierte Seide und Gewürze und hatte selbst nur Glaswaren, Nippsachen und wertloses Zeug zu bieten. Es gab nichts in Rom, ohne dass China oder die indischen Staaten nicht leben konnten. Rom musste seine Luxusartike­leinfuhren mit Silber und Gold bezahlen. Seine herrschende Klasse forderte ihren Luxus; für diese Klasse war der Import ein Bedürfnis geworden. Kaiser Tiberius wies den Senat darauf hin, dass Münzen zur Bezahlung von Luxusartikeln nach Osten wanderten. Was das bedeutete, erklärte Plinius. Rom verlor – niedrig gerechnet – jährlich 100 Millionen Sesterze nach Indien, China und Arabien." (Myrdal, 1981, S. 137ff)

Gestützt auf F. J. Teggart, der 1938 darüber eine exakte Studie an der Universität Berkeley veröffentlicht, schreibt Myrdal über die Wechselbeziehungen der Geschehnisse einerseits in China und andererseits an den europäischen Grenzen der Römer, die sich bei ihren Feldzügen von den Barbaren die Mittel beschaffen mussten, um die Seide zu bezahlen, folgendes:
"Jede Erhebung in Europa folgte direkt entweder auf Kriege an Roms östlichen Grenzen oder in Chinas west­lichen Gebieten – in Sinkiang. Der Zusammenhang war so exakt, dass auf Kriege an Roms östlichen Grenzen Erhebungen am Rhein und am Unterlauf der Donau folgten und auf Kriege am Tien Schan Erhebungen an der Donau zwischen Wien und Budapest.
Von den 40 Erhebungen oder Invasionen, die während dieser Zeit an Roms Grenzen in Europa stattfanden, waren neun an der oberen Donau auf Kriege am Tien Schan gefolgt, und die 31 übrigen, die am Rhein und am Unterlauf der Donau stattfanden, waren auf Kriege an Roms östlichen Grenzen gefolgt. Von diesen Kriegen im Osten folgten 18 auf Kriege im heutigen Sinkiang. Teggart konnte also belegen, dass bei 27 Erhebungen und Kämpfen an Roms Grenzen in Europa dem europäischen Geschehen politische Handlungen im heutigen Sinkiang vorausgegangen waren, die von der kaiserlichen Regierung der Han-Dynastie ausgingen.

Der Zusammenhang war deutlich. Er war für die Staatsmänner in Rom und Tschangan nicht sichtbar. Er war auch für die Handelnden und Kämpfenden in Turfan oder an der oberen Donau nicht offensichtlich. Es wäre eine einleuchtende Schlussfolgerung, dass der Handel, der nach den römischen wie den chinesischen Quellen hundert­fachen Verdienst erbrachte, nicht nur von nebensächlichen Interesse für die Völker zwischen China und dem europäischen Rom war. Die Seidenstrasse war die zivilisierte Hauptader in einem Handelsnetz der Barbarei. Die Karawanen, die in Chotan rasteten, waren nicht nur für eine beschränkte Gruppe kaiserlicher Beamter, wandernder Kaufleute und römischer Luxuskonsumenten von Interesse.

Aber Rom hatte nicht genug Waren, um seinen Handel zu bezahlen. Rom musste seine Einfuhr mit Gold und Silber bezahlen, das die römischen Legionen von den besiegten und kolonisierten Völkern erbeutet hatten. Diese passive Handelsbilanz war für die immer tiefere wirtschaftliche Krise des römischen Imperiums nicht entscheidend; aber sie trug dazu bei, diese Krise zu verschlimmern und die Ausbeutung, die die Sklavengesellschaft zerfrass, zu steigern.


Seidenstrassen-_Reichsbildungen.jpg
Reichsbildungen im zeitlichen Vergleich


Dennoch blieb das Muster für Europas Handel mit China erhalten, auch nachdem Rom gefallen war. Europa hatte Indien oder China keine Produkte von wirklichem Wert zu liefern. Ob es Portugiesen oder Spanier oder Briten waren – alle kamen mit ihren Stoffen und Hüten, ihrem Honig und Öl und ihren Glasperlen und wollten Seide und Gewürze, Lackarbeiten und Porzellan. Das kaufte man in China mit dem Silber, das man aus Afrika und Südamerika gestohlen hatte.

In den ersten Jahren des 19. Jahrhunderts war der Strom von Edelmetall nach China ungefähr zwölfmal so gross wie zu Plinius Zeit. Dann brachen die Briten mit Militärmacht den Wider­stand der chinesischen Behörden gegen Rauschmittel und Bibeln; erst mit dem Opiumhandel – und der Mission – wurde es für die Europäer richtig lohnend, mit China zu handeln." (Myrdal, 1981, S. 138ff.).

Die ägyptische Kaiserin Kleopatra soll eine der ersten vornehmen Damen gewesen sein, die sich in die verführerische Seide kleideten. Der grosse, den Westen überfordernde Finanzbedarf für den Seidenimport und asketische Moralvorstellungen verbanden sich zur Verdammung der Seide durch die christliche Orthodoxie.

"Seide war der höchste Luxus. Sie war so luxuriös, dass es im Grund schon unsittlich war. Als dem eigentlichen Gründer der christlichen Theologie, Tertullian, von seiner Frau aufs Schlimmste zugesetzt wurde, schrieb er: >>Du bist die Tür des Teufels, du hast dem Baum der Erkenntnis nachgegeben ... du hast den Mann überredet.<< Ja, meinte er, es ist der Fehler der Frau, dass >Gottes Sohn sterben musste<. Und dann zählt Tertullian einige der Schändlich­keiten des Frauengeschlechts auf. Sie kleiden sich in >Seidengewänder, Purpurkleider, Goldschmuck und Perlen<.
Er betrachtet seine junge Frau aus Fleisch und Blut und schreibt: <Nacken, die man mit Perlen und Smaragden zu bedecken pflegt, sind nicht bereit, sich unter das Henkerschwert zu strecken. Deshalb fort mit dem Schmuck. Das ist die Zeit der Märtyrer. Beugt eure Nacken für Christi Joch, eure Häupter für eure Ehemänner!<

Nach 17 kirchlichen Jahren überwältigte den Kirchenvater das eheliche Leiden, er brach in schismatische Schwärmerei aus und taumelte aus der Kirche. Aber seine Verurteilung der Seide blieb kirchlich und rechtgläubig. Die Seide hatte einen schlechten Ruf. Noch im 18. Jahrhundert schrieb Gibbon mit Verachtung über den armen Heliogabal, der 222 als Achtzehnjähriger von seiner Mutter ermordet wurde, er habe die männliche Ehre beschmutzt – indem er sich in Seide kleidete." (Myrdal, 1981, S. 137).

Aber nicht nur Seide und kunsthandwerkliche Produkte wanderten von China nach Europa, sondern auch wissenschaftliche Kenntnisse und Technologie. Bei zahlreichen technologischen Errungenschaften, welche die Europäer lange Zeit für ihre Erfindung hielten, hat die Geschichtsforschung gezeigt, dass die entsprechenden Technologien in China früher als in Europa vorhanden waren. Die wichtigsten bekannten Beispiele sind in der Übersicht im Anhang A 20 zusammengestellt.


II.06.5 Anhänge

I.06.5.1 Namen der Trance-"Spezialisten" im Hunzagebiet
[nach: Lièvre und Loude (1990)]
Die Übersicht ist ein Beispiel dafür, wie Volksgruppen je ihre eigenen "Spezialisten" für Trancezustände besitzen.
Geographische Zone
Einwohnergruppen
Sprache
"Spezialisten" für Trance
Kafiristan
Kati (oder Bashgali
Waigali
Prasuni
Ashkun
kati (kafire)
waigali (kafire)
prasun (kafire)
ashkun (kafire)
pshur oder pshe
wrear oder deal, dil
pashki
pshara
Kalash Täler
Kalash
kalasha (darde)
dehar
Chitral
Kho oder Chitrali
khowar (darde)
betan
Dardistan: Gilgit
Shin oder Gilgiti
shina (darde)
daiyal
Hunza-Länder
Hunza
burushaski
bitan

Anhang I.06.5.2 Daten zur Geschichte des westlichen Zentralasiens
[in Anlehnung an Pander (1990)]
530- 330 v. u. Z.
Persisches Achämenidenreich
250- 130 v. u. Z.
Gräko-Baktrisches Reich
2. Jh. v. - 3. Jh. n. u. Z.
Kuschan-Reich
224 - 651
Sassaniden
5. Jh.
Eroberung durch die Hephtaliten (Weisse Hunnen)
6. Jh.
Eroberungen durch Turkvölker
650 - 752
Eroberungen durch Chinesen
651 - 874
Im Einflussbereich der Araber
874 - 999
Samaniden
999 - 1218
Tadschiken im Spannungsraum türkischer Staaten
1218 - 1365
Dschingis Khan und seine Nachfolger
1365 - 1505
Timur und seine Nachfolger
1500 - 1868
Uzbekische Chanate
1860 - 1884
Russische Eroberungen
1923
Volksrepublik Choresm zur Sowjetunion
1954
Volksrepublik Buchara zur Sowjetunion
1990er Jahre.
Unabhängige Staaten; Turkmenistan, Uzbekistan, Kyrgyztan , Kazachstan, Tadzikistan