III. Europäische Wanderungen und Wandlungen

III.10 Stürme und Konstanten

III.10.1 Die Völkerwanderung und Byzanz
III.10.2 Der Wind des Islam
III.10.3 Stützpunkte in Afrika
III.10.4 Anhänge
III.10.4.1 Germanische Völkerwanderung und Nachfolgestaaten auf dem Bodes des weströmischen Reiches, 375-568 III.10.4.2 Daten zu Byzanz III.10.4.3 In Europa verbreitete Arabische Worte III.10.4.4. Der Markt von Sanaa III.10.4.5 Überblick zur Geschichte des Islam im Orient und Okzident III.10.4.6 A.Schimmel über Jalaluddin Rumi und den Orden der tanzenden Derwische III.10.4.7 Maroko: Tradition und Trance – Jimy Hendrix und die Rolling Stone


III.10.1 Die Völkerwanderung und Byzanz

Vom 3. Jahrhundert an veränderte sich die europäische Welt durch kriegerische Einwanderung einer Vielzahl von Volksgruppen aus dem Norden Europas und aus Zentralasien in die antiken Kulturgebiete. Über Folgen für die Musik und die Schalmei kann man nur spekulieren, weil wir dafür weder Bildmaterial noch Texte aus einer von Untergang bedrohten Zeit besitzen, die andere Sorgen hatte!
Westeuropa, Ferner Westen der Antike weitab von den Zentren der Kultur im östlichen Mittel­meerraum, geriet gewaltsam unter Einflüsse aus dem Orient und aus Nordeuropa. Die einströmenden Völker liessen sich in Ost- und Mitteleuropa, in Norditalien, auf der spanischen Halbinsel und in Nordafrika nieder und errichteten neue staatliche Gebilde, in denen die antike und die ansässige Kultur durch die Zuwanderer grundlegend umgestaltet wurde. Der Einbruch wurde von den Ansässigen als Katastrophe erlebt und dämonisiert. Aber neben furchtbaren Zerstörungen erhielt diese Völkerbewegung auch eine Vermittlerfunktion zwischen Zentralasien und Europa.
Der Begriff Völkerwanderungszeit umfasst in der Geschichte streng genommen das 5. Jahr­hundert unserer Zeitrechnung. Aber die Wanderbewegung begann früher, noch ehe im Jahr 375 die Hunnen in Europa eindrangen. Und wenn auch die Völkerwanderung im engeren Sinn im 6. Jahrhundert als abgeschlossen gelten kann, so hatte doch die Konfrontation und die kulturelle Durchdringung mit den turk-mongolischen Einflüssen Auswirkungen bis in die Neuzeit. Turk-mongolische Expansionswellen gab es über einen enormen Zeitraum von 250 v. Chr. bis 1644.
Schon im Jahr 250 schlossen sich in Asien wandernde Nomadenstämme zur ersten geschichtlich überlieferten Stammeskonföderation der Hiung-Nu, die im Westen als Hunnen auftraten, zusammen. China hielt sie mit dem Bau der Grossen Mauer erfolgreich ab, was zur Wanderung der Hiung-Nu nach Westen beitrug. Die Römer schützten sich mit einer vergleichbaren Abwehrlinie, dem römischen Limes. Aus ihren angestammten Gebieten verdrängt, vernichteten westliche Hunnen das Reich der Ostgoten, die aus Skandinavien in Südrussland eingewandert waren, und brachten damit die Völkerwanderung in Gang. 395 erschienen die Hunnen in Ostrom und ein Jahrhundert später erlangten sie im Orient die Herrschaft über Nordwestindien und Persien. Zwischen dem Ende des 4. und 6. Jahrhundert entstanden eine Vielzahl von Folgestaaten der Völkerwanderung auf europäischem Boden und damit begann das politische Gesicht des späteren Europa. Die Tabelle im Anhang gibt eine Übersicht, auf deren Einzelheiten einzugehen im Rahmen dieser Arbeit selbstverständlich nicht möglich ist. Ende des 7. Jahrhunderts entstand das erste bulgarische Reich, im 10. Jahrhundert wurden die Ungaren sesshaft und Ende des 1. Jahrtausends erscheinen die Türken im Nordwesten Indiens. Die türkischen Seldschuken besiegen 1071 Byzanz und turk-mongolische Stämme eroberten Nordchina.
Die Expansion aus Zentralasien hat immer sowohl in den Orient, wie in den Westen stattge­funden und kulturell als eine Klammer zwischen dem Fernen Osten und dem Fernen Westen gewirkt. Anfangs des 13. Jahrhundert entstand unter Dschingis Khan das Reich der Mongolen, vor dem die Turkmenen aus Zentralasien nach Anatolien ausweichen, wo das Reich der Osmanen gegründet wird. Im 13. Jahrhundert beherrschen die Mongolen Persien, erobern Bagdad und China. Aber ihr Reich zerfiel im 14. Jahrhundert, während das Osmanische Reich, welches 1453 Konstantinopel eroberte bis in die Neuzeit bestehen blieb. Sein Gegen­stück im Osten war das aus der türkischen Kultur hervorgegangene Mogulreich im Orient, welches bis ins 19. Jahrhundert Bestand hatte.
Für die Geschichte der Schalmei und insbesondere der Oboe hatten Wanderbewegungen aus dem Orient, die immer nomadische Sitten und Kulturen transportierten, wahrscheinlich verschiedene Auswirkungen. Die gemeinsame Basis nomadischer Kultur zwischen den turk-mongolischen und den arabischen Stämmen, die den Islam brachten, erleichterte es diesem sich so ausserordentlich rasch zu verbreiten . Des weiteren waren Reitervölker gewohnt über grossen Raum zu verfügen und brauchten Musikinstrumente, deren Klang weit trägt. Darin liegt vermutlich mit ein Grund dafür, dass sich nach der Antike die konisch gebaute, sogenannte Kegeloboe vom Typ Zurna* und Mizmar*, gegenüber den intimer klingenden, zylindrisch gebauten Instrumenten besser durchsetzte. Der Gebrauch des Instrumentes bei Reiterspielen, der in verschiedenen Kulturen sowohl Nordafrikas wie im Orient bis heute vorkommt , weist auf die Verbindung zur Reiterkultur ebenso hin, wie der Einsatz bei Pferdedressuren in Ägypten oder Pakistan. Instrumente vom Typ der Zurna* wurden Bestandteil der Militärmusik der türkischen Janitscharen und gelangten von dort sowohl in europäische Heere wie in die europäische Reiterkultur wo sie bei mittelalterlichen Turnieren eingesetzt wurden.
Im Norden Europas – nördlich des ehemaligen römischen Reiches – waren Rohrblattinstru­mente aller Wahrscheinlichkeit nach nicht üblich, wohl aber Hörner und Trompeten, insbeson­dere Rindentrompeten . Den Menschen aus dem Norden mag daher auch die trompetenartige Variante des Oboenklanges vertrauter geklungen haben, als andere Möglichkeiten der Schalmeien, was ebenfalls die Aufwertung der Kegeloboe gegenüber intimeren und sakraleren Instrumenten römisch-griechischer Tradition begünstigt haben mag
Auch auf die Rezeption der Schalmeimusik müssen sich die Konfrontationen zwischen der sesshaften und nomadisierenden Kultur ausgewirkt haben. Die Schrecken der Kriegserfahrung, das Feindbild der alles zerstörenden Barbaren, die in alten Texten auf die übelste Art geschildert werden, übertrug sich auf die Schalmei und begünstigte ihre Dämonisierung.
In diesen Jahrhunderten der Zerstörung, der politischen Unruhe und militärischen Bedrohung kam der Konstanz von Byzanz besondere Bedeutung zu: "Als griechische Fortsetzung des römischen Reiches repräsentiert Byzanz ein gewaltiges Stück Weltgeschichte. Am Schnitt­punkt von Asien, Europa und Afrika verbindet seine tausendjährige Geschichte zugleich die auslaufende Antike, das europäische Mittelalter und die Renaissance im Übergang zur Neuzeit. Byzanz hat eine überragende Position am westlichen Endpunkt des interkontinentalen Fern­handels durch Beherrschung der Meerengen, ferner durch seinen 750 Jahre lang stabil gehaltene internationale Währung von Portugal bis China. Die Bewahrung antiker Wissenschaft sowie der Geldwirtschaft und staatliche und militärische Organisationsstrukturen sicherten Byzanz lange die Überlegenheit gegenüber "Barbaren" wie imperialen Rivalen. Seine kulturellen und kirch­lichen Ausstrahlungen waren enorm – auf das lateinische Europa, auf Südslawen und Russen, selbst auf die Türken, die im osmanischen Reich ein Stück byzantinischer Tradition fortsetzten." (Geiss, 1987, S. 730).
Wenn die Schalmei in Europa am ehesten als "türkisches" Instrument angesehen wird, wenn in westeuropäischen Städte Zurna*instrumente auftauchen und die Diaspora türkischer Arbeitse­migranten Zurna*musik hört, wenn die Instrumentengeschäfte Istanbuls Zurnas* in verschiedensten Hölzern, unterschiedlichen Grössen und Qualitäten anbieten, wenn die Zurna* so etwas wie das türkische Nationalinstrument oder mindestens nationales Blasinstrument ist, mit einer ähnlich emotionalen Bedeutung für die Identität, wie das Alphorn für die Schweizer, so hängt dies alles auch mit der Bedeutung und Geschichte des byzantinischen Reiches und seiner Hauptstadt Konstantinopel, dem heutigen Istanbul, zusammen.


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Byzantinisches Reich im 6. Jh.


Das römische Imperium hatte West und Ost rund um das Mittelmeer verbunden. Dabei kamen die kulturellen Impulse, besonders in der Kunst, und hier wieder ganz besonders in der Musik, aus dem orientalischen Teil der die griechisch-ägyptische Tradition weiterführte. Auch das Christentum war, als Erneuerungsbewegung des Judentums, zunächst eine (west-)orientalische Religion, die erst allmählich okzidental und europäisch wurde.
In Palästina und an der heutigen Mittelmeerküste der Türkei, wo Paulus seine ersten Missionsreisen unternahm, lagen Endpunkte oder Durchgangszentren für den Handel und damit für die Kultur des mittleren und fernen Ostens. Überall war man mit der Geschichte des nach Osten orientierten Griechenlands und Ägyptens verbunden. Jüdische Gemeinden im römischen Reich, vor allem in Kleinasien, waren die Basis für die religiöse Mission des Christentum. Sie vertraten, lange bevor er eintraf, Monotheismus und semitische Kultur in den Kolonien und bereiteten damit kulturell einen Boden bei ihren umliegenden Nachbarn, auf dem die christliche Bewegung später auch bis dahin "heidnischen" Anhänger fand. Orientalischer Tradition entsprach es auch, dass Konstantin, der erste Kaiser, der das Christentum zur Staatsreligion machte, sich in Personalunion als oberster weltlicher und geistli­cher Herrscher verstand. Als er Byzanz, das heutige Istanbul, zur neue Hauptstadt erkor und den Kaisersitz von Rom in den Orient verlegte, ging er damit Wurzeln seiner Kultur entgegen und wählte für die Hauptstadt jenen Kulturraum, dem die Religion, die er als Staatsreligion anerkannte, entstammte.
Robertson und Stevens (1979) weisen darauf hin, wie sehr der Westen dem byzantinischen Osten im Bereiche der Musikgeschichte Dank schuldet, wobei sich dieser Hinweis allerdings auf die geistliche Musik, die Liturgie, bezieht (S. 246).
Der byzantinische Kirchengesang ist ohne das jüdische Vorbild nicht denkbar (Haussig, 1966, S. 42 ff.). Der grösste byzantinische Hymnendichter, Romanos, war nach der Legende jüdischer Abstammung. Was von ihm erhalten ist, weist neben syrischen Vorbildern auf den jüdischen liturgischen Gesang hin. Unter den Funden alter Dokumente in der Synagoge von Kairo fanden sich auch Stücke eines Kirchenliedes, in dem man die jüdische Vorlage für eine solche Hymne sehen kann. Dieser jüdische Einfluss hat sich erst im 6. Jahrhundert voll durch­gesetzt, zu einer Zeit in der die Judenverfolgungen auf einem ersten Höhepunkt waren. Es ist die Zeit, in der sich in der byzantinischen Kirche ein Bruch mit der hellenisch-spätantiken Kultur abzeichnet.
Ältere christliche Gottesdienste liessen instrumentale Musik zu, die später im byzantinischen Ritus ausgeschlossen wurde. Im 6. Jahrhundert wurde die dem Judentum entstammende Form den Gottesdienst mit einstimmigen Hymnen zu gestalten, verbindlich.
Das byzantinische Reich und Konstantinopel pflegten griechisch-römische Traditionen, und vor allem griechisches Kulturerbe, über die Zeit der Völkerwanderung hinweg und gaben es an das Mittelalter und die Moderne weiter. In der Zeit der Dezentralisation infolge der Völkerwan­derung im Westen und Norden von Byzanz, der Konfrontationen mit aus Zentralasien kommenden Nomaden, der Entstehung neuer kultureller Verbindungen und Staaten, war Byzanz eine Konstante, "das eigentliche historische Kraftfeld des Raumes; das "Neue Rom" war sein bestimmendes geistiges Zentrum" (Maier, 1990, S. 18). Es war und blieb der geistige Vermittler zwischen Abendland und Orient (vgl. auch Anhang).
Für die Geschichte der Schalmeiinstrumente ist sowohl entscheidend, dass in Byzanz die griechisch-orientalische Tradition weitergeführt wurde wie dass Rohrblattmusik offenbar im Volk weiterlebten konnten, während die Kirche die Instrumentalmusik ausschloss.
Franz Georg Maier (1990) schreibt über die byzantinische Spiritualität: "Nicht Devotionsformen oder Lehrwahrheiten sind .... entscheidend, sondern jene besondere Form der Spiritualität, die das byzantinische Leben auch ausserhalb des engeren theologischen Bereiches prägt. ... Gegensätze, die uns als antagonistisch und mithin als Anlass zum Widerspruch oder Sich-Entscheiden-Müssen erscheinen, sind für den Glauben in einer eigentümlichen Weise aufgehoben: Als Teil der einen, unbegreiflichen, aber alles durchdringenden, im Sein Gottes begründeten Ordnung" (S. 39). Diese Haltung, die nach Maier nur ungenügend als Dualismus oder als Einheit der Gegensätze zu beschreiben ist, ist eine Eigentümlichkeit orientalischer Geisteshaltung, die erst in neuerer Zeit auch im Westen mit der Philosophie der Dialogik Rück­halt findet. Sie bedeutet für die Musikgeschichte konkret, dass im Volk Traditionen gepflegt werden und weiterleben konnten, die von den offiziellen Instanzen, von der Kirche oder vom weltlichen Hof verbannt oder gar verdammt waren. Dieses Phänomen findet sich später auch im europäischen Mittelalter, und es setzt sich in einzelnen Sitten bis in die Neuzeit fort, beispiels­weise wenn Schalmeimusik am Ostersonntag zwar am Eingang einer Kirche traditionellerweise toleriert wird, aber in der Kirche selbst keinen Platz hat.
Darstellungen von Schalmeispielern findet man, trotz der Ablehnung durch die kirchliche Orthodoxie in griechisch-orthodoxen Klöstern, die der byzantinischen Tradition nahe stehen ebenso, wie in der Hand der Engel in Kirchen und Klöstern Europas.
Mit der Gründung Konstantinopels verschob sich der Schwerpunkt kulturellen Lebens in Europa an die Grenze zu Asien.
Das erste Imperium Romanum Christianum, das erste christliche Grossreich, ist vom Orient geprägt. Besonders die Verbindung von Absolutismus, Staatswirtschaft und christlicher Staatsreligion ist eine Neuschöpfung für Europa, deren Prinzipien und Ordnungen sich durch Jahrhunderte auswirken und sich in Byzanz selbst bis ins 15. Jahrhundert erhalten. Die starke Bindung des Ostens des römischen Reiches an die Traditionen und Glaubens­vorstellungen des vorderen, aber auch des fernen Orients sind mit dafür verantwortlich, dass es zwischen Westen und Osten bald zu einer konfessionellen Spaltung kommt, die erstmals im Jahre 364 aufgebrochen und durch spätere Wiedervereinigungsbemühungen nicht mehr rückgängig zu machen ist, und schliesslich durch die Krönung Karls des Grossen in Rom im Jahre 800 als König der Franken und Langobarden, eines christlichen Westreiches, besiegelt wird. Die neue Lage ist charakterisiert durch die Existenz zweier Kaiser in Aachen und Byzanz, als Souveräne unabhängiger Staaten, eine Vorstellung, die noch wenige Jahrhunderte zuvor undenkbar gewesen wäre.
Für die spätere europäische Zweiteilung zwischen kirchlich und staatlich akzeptierter "richtiger Musik" einerseits und aller übrigen, vor allem stark emotionalen und orgiastischen Musiktra­ditionen, die in die Volksmusik abgedrängt wurden, ist die frühe Geschichte des Christentums und dessen Bestimmung zur Staatsreligion durch Konstantin wesentlich.
War die Urgemeinde in Jerusalem zunächst noch ganz jüdisch, so stellte Paulus mit der Heidenmission unter den Griechen die neue religiöse Bewegung auf eine andere Grundlage, die sich auf dem Apostelkonzil in Jerusalem (49/50) gegen heftigen Widerstand durchsetzte. Die Tatsache, dass in Palästina die kleine jüdische Gemeinde sich durch ihren Aufstand gegen die römische Staatsgewalt (66-70/73) widersetzte, war wohl noch später für die Staatsmacht mit ein Grund, das Christentum von den jüdischen Wurzeln möglichst entschieden zu trennen. Gleichwohl fand es zunächst seine Anhänger vor allem in jüdischen Gemeinden rund um das Mittelmeer. Immer mehr entnahm aber das Christentum wesentliche Elemente seiner Vorstellungen und Symbole der spätantik-hellenistischen Umwelt, z.B. ist das Motiv des guten Hirten ein Titel altorientalischer Könige. Die in Fort­setzung der jüdischen Selbständigkeit von den Christen ausgesprochene Weigerung, sich dem Kaiserkult anzuschliessen und unter seinen Symbolen Militärdienst zu leisten, war ein entscheidender Faktor für die ersten Christenverfolgungen. Jedoch stärkte der Opfertod christlicher Märtyrer die Identität des Christentums. Die Allianz jener Teile der jüdischen Gemeinden, die sich zum Christentum bekehrten mit jenem Teil der Bevölkerung, der bis dahin nicht dem Monotheismus angehörte, erwies sich als zunehmend stärker, bis schliess­lich Konstantin im Jahre 313 mit dem Toleranzedikt von Mailand das Christentum legalisierte. Gleichzeitig bemächtigte er sich aber der neuen Religion als Herrschaftsinstrument, indem er sich selbst als oberste Kirchen­instanz einsetzte. Unter seinem Vorsitz fand das erste gesamtkirchliche Konzil in Nicaea statt. Die Errichtung von vier Patriarchaten in Jerusalem, Antiocheia, Alexandria und Rom spiegelt die religiösen und ökonomischen Schwerpunkte, die bis dahin im römischen Reich gegolten hatten und durch Konstantinopel erweitert wurden. Unterschiedliche vorchristliche religiöse Traditionen in verschiedenen Gebieten schlugen sich in der Ausformung des frühen Christentums nieder, führten zu Abspaltungen, Sonderkirchen und Schismen. Orthodoxie bedeutete damals – und ist für die griechische Kirche auch heute – nur die rechtmässige Lehre von Byzanz. Theodosius der Erste, erhob gegen Ende des 4. Jahrhunderts diese Orthodoxie zur Staatsreligion im römischen Reich und verbot gleichzeitig alle heidnischen Kulte.

Die letzten olympischen Spiele fanden im Jahr 399 statt. Die Schalmeimusik, welche bis dahin Feiern, Feste, Bräuche und Gottesdienste begleitet hatte, die nunmehr mit dem Heidentum in Bezug gebracht wurden, wurde nach und nach in eine kulturelle Aussenseiterposition gedrängt. Sie wurde Gegenpol zur offiziellen, zur gehobenen und kirchlich geschätzten gesang­lichen Musiktradition, in allen vom Christentum dominierten Ländern und später auch im Islam.
Im Jahre 395 wurde die Teilung des römischen Reiches in ein weströmisches und oströmisches byzantinisches Reich besiegelt. Sie hielt sich bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts.
Der Einfluss orientalischer Volksreligionen ist im byzantinischen Christentum stärker als im westlichen; es hat Formen der alten orientalischen Sonnenreligionen und Göttermutterkulte übernommen. Christus wurde im Bild mit dem orientalischen Sonnengott verbunden, was seine Darstellung und die der Apostel bis heute bestimmt. Auf einigen Bildern ist er nicht nur mit der Sonnenscheibe, dem "Heiligenschein" abgebildet, sondern steht sogar auf dem Sonnenwagen. Auch Konstantin liess sich und seine Familie, als erster Kaiser, der sich zum Christen­tum bekannte, mit der Sonnenscheibe abbilden. Die Sonnenscheibe wurde in Gestalt des Nimbus fester Bestandteil der christlichen Ikonographie. Dieser umrahmt den Kopf des dargestellten als kreisrunde Scheibe. Dieses Sonnensymbol war schon zuvor im römischen Kaiserkult übernommen worden und noch im 11. und 12. Jahrhundert feierte man am 25. Dezember ein Fest, bei dem der Kaiser im Rahmen einer Pantomime die Gestalt des Sonnengottes annahm.


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Konstantinopel=Istanbul: Hagia Sophia


Byzanz unterhielt Handelsbeziehungen mit Indien, mit Persien, Abessinien, mit den südarabischen und zentral­asiatischen Staaten. Neben den an anderer Stelle erwähnten Luxusartikeln war das oströmische Reich ein Haupt­kunde für die Dattelernte des persischen Mesopotamiens und exportierte phönizischen Wein nach Persien, von wo wiederum Keramik in das byzantinische Reich eingeführt wurde. Auch persische Stoffe und indische Baumwolle fanden den Weg nach Byzanz. Für die Produkte der syrischen Waffenindustrie, die in Damaskus ihren Mittelpunkt hatte, bestand zwar ein strenges Ausfuhrverbot, doch wurde es auf Schmuggelwegen der Beduinen nach Persien umgangen.

Der Handel mit den germanischen Völkern und mit Gallien war in der frühen Kaiserzeit nahezu Monopol der italienischen Halbinsel, gelangte dann aber in der zweiten Hälfte des 2. oder 3. Jahrhunderts an syrische und ägyptische Kaufleute, so dass seit dem 4. Jahrhundert koptische Textilien zusammen mit Elfenbein und Holz­arbeiten und syrischen Metall- und Glaswaren den germanischen Markt erreichten. Dies hat die sich bildende germanische Kunst der Völkerwanderung stark beeinflusst und koptische Ornamente wurden in germanische Formen übernommen.
Dieser Güter- und Kulturaustausch muss auch für die Musik belangreich gewesen sein. Von besonderer Bedeutung für Europa wurden die engen Beziehungen Griechenlands und des nahen Ostens zu Unteritalien und Sizilien, die auf drei historischen Einwanderungswellen aufbauten.
Die erste brachte vor allem die Bevölkerung des Peloponnes, die durch slawische Einwan­derung abgedrängt worden war. Die zweite stammte aus Syrien und Palästina und die dritte kam aus Griechenland, Kleinasien und der Hauptstadt Konstantinopel. Auch die Ansiedlung von Soldaten im Gefolge militärischer Auseinandersetzungen, vor allem in Unteritalien, trug zu einem beträchtlichen griechischen Bevölkerungsanteil, vor allem in Süditalien, bei. Auch vor den Arabern nach Italien ausgewichene, hochqualifizierte Handwerker liessen sich in Italien nieder.
Im 7. und 8. Jahrhundert bestiegen drei Päpste griechischer Herkunft den Thron. 1054 kommt es zum endgültigen Schisma, der Kirchenspaltung zwischen Rom und Byzanz und damit zu einer Eigenentwicklung der griechisch-orthodoxen Kirche einerseits, der westeuropäisch-römischen andererseits. Die Niederlage gegen die Seldschuken im gleichen Jahrhundert leitete den Niedergang des byzantinischen Reiches ein. Byzanz erhielt zwar Flottenhilfe Venedigs gegen die Normannen, musste dafür aber dessen kommerzielle Konkurrenz hinnehmen. Die ersten Kreuzzüge standen noch unter dem Zeichen der christlichen Nachbarschaftshilfe für Byzanz, aber auf dem Hinter­grund der latent feindseligen Haltung der Lateiner, beziehungsweise Franken im 4. Kreuzzug, half dieser Venedig Konstantinopel zu erobern und anfangs des 13. Jahrhunderts das lateinische Kaiserreich zu begründen. Byzanz konnte sich nicht mehr ganz erholen; es konnte zwar weitere Eroberungsversuche aus dem Westen abwehren, unterlag aber den in mehreren Etappen anstürmenden osmanischen Türken. Es wurde ein Kleinstaat, den Osmanen tributpflichtig. Zur Hilfe entsandte Kreuzzüge aus dem Westen blieben unterwegs stecken. 1453 erlag Konstan­tinopel, die bis dahin stärkste Festung der Welt, der osmanischen Artillerie. Im Orient wurden zwei einander ideologisch entgegengesetzte Grossreiche führend: Die islamischen Osmanen und das orthodoxe Zarenreich.
Im Westen gaben griechische Gelehrte aus Byzanz dem Humanismus und der Renaissance entscheidende Impulse, vor allem in Italien, in Florenz, Rom und Venedig. Rom wurde zum Zentrum reger Übersetzungstätigkeit aus dem Griechischen. Die Griechen Unteritaliens und Roms wurden die Vermittler byzantinischer Literatur, Malerei und Musik für das Abendland. Der Einfluss reichte bis auf die Britischen Inseln, wirkte vor allem aber in Frankreich. Unter dem Einfluss der byzantinischen Kloster­kultur entstanden die illustrierten Handschriften der karolingischen Epoche. Miniaturen von in Rom durch griechische Geistliche hergestellten illustrierten Schriften dienten als Vorlage von Wandmalereien.
Schliesslich gab der Untergang von Byzanz und der Fall von Konstantinopel der Suche nach dem direkten Seeweg nach Indien Auftrieb, um den teuer gewordenen Zwischenzoll im Fern­handel zu umgehen. Ende des gleichen Jahrhunderts, in dem Konstantinopel osmanisch geworden, und damit ganz dem islamischen Orient zuzuordnen war, entdeckte der Portugiese Vasco da Gama den direkten Seeweg nach Indien und Christoph Kolumbus, der ausgezogen war diesen Weg zu finden, landete in Amerika. Zwischen dem neu entdeckten Kontinent im fernen Westen und Indien im fernen Osten fand sich Westeuropa mit einem Mal in der Mitte der jetzt "neuen" Welt.
Aber die Spuren des über Byzanz vermittelten griechischen und semitischen Erbes blieben, auch wenn sie aus verschiedensten Gründen immer wieder verwischt, verdrängt oder geleugnet wurden.
Musikalisch ist die Beeinflussung des Abendlandes in der "gehobenen Musik" nachweisbar, muss aber auch die Volksmusikinstrumente umfasst haben. Ein Beispiel für den Austausch von Musikkultur ist das Geschenk einer Orgel, welche der Kaiser Konstantinos dem fränkischen König sandte . Zwar wurde die Orgel in Byzanz aus dem Gottesdienst verbannt, sie blieb aber zur musikalischen religiösen Ausgestaltung ausserhalb desselben zugelassen. Wie gesagt, bestimmte der byzantinische Kirchengesang zunächst die abendländische Musik. Karl der Grosse liess griechische Gesänge ins Lateinische übersetzen, wobei besonders das Kloster St. Gallen, wo griechische Mönche wohnten, die Übersetzungsarbeit pflegte. Dabei wurde auch die griechische Notenschrift übernommen. Diese Impulse wurden als Starthilfe bestimmend für die abendländische Musik auch wenn sie bald eigene Wege ging und sich die Mehrstimmigkeit im Westen entwickelte, während der Osten bei der Einstimmigkeit blieb. Diese letztere blieb auch weitgehend charakteristisch für die Musik der Schalmei, die sich so sehr als Soloinstrument eignet.

III.10.2 Der Wind des Islam
"Mit dem Islam, der jüngsten Weltreligion, erzielten die Araber seit 622 n. Chr. eine bleibende Weltwirkung, weit über ihr Kalifat hinaus, das Traditionen und ökonomische Funktionen der von ihm ganz (Persien) oder teilweise (Byzanz) verdrängten Grossreiche modifiziert fortsetzte. Namentlich retteten die Araber einen Teil der klassischen griechischen Literatur und vermittelten sie über spanische Juden dem sich regenerierenden lateinischen Westen ... " (Geiss, 1989b, S. 171). Wie ein neuer Wind erhob sich der Islam auf der arabischen Halbinsel und überzog Nordafrika und die eurasische Welt, bald als vernichtender Sturm, bald als belebender Hauch, Kultur zerstörend und Kulturen befruchtend, kriegerisch und künstlerisch, gewalttätig und poetisch.


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Ausbreitung des Islam im 7. & 8. Jh.


Durch Vermittlung der Araber kamen die aus Indien stammenden "arabischen" Zahlen nach Europa, sowie die verschiedensten Grundlagen der Naturwissenschaften, teils antiken, teils arabischen Ursprungs, vor allem Medizin und Astronomie. Ein beträchtlicher Teil des Wort­schatzes verschiedener Sprachen, insbesondere in Europa, ist aus dem Arabischen übernommen worden, wie die Beispiele im Anhang A 33 illustrieren.
Vor einigen Jahren träumte ich immer wieder den gleichen Traum: Ich ging durch eine altertüm­liche Stadt, aus grossen braunroten, lehmfarbenen Häusern gebaut, überquerte einen Platz vor einer Art mächtigem Rathaus und sah in schmale enge Gassen hinein. Ich war im Traum in einer gespannten Stimmung, es war aufregend, grossartig, aber auch beklemmend. Wenn ich aufwachte, wusste ich nichts von den Einzelheiten des Geschehens, aber ich hatte eine klare Vorstellung von den grossen, massiven, altertümlichen, erdfarbenen Häusern, wie ich sie bisher nie gesehen hatte. Als ich meine Ratlosigkeit darüber, von was für einer Stadt ich da wohl träumte, einer Bekannten erzählte, die sich für die Kulturen der Welt interessiert, unterbrach sie mich nach wenigen Worten: "Das ist der Jemen, da musst du unbedingt hin."
Als ich einige Jahre später tatsächlich im Jemen war und in der Altstadt von Sanaa zwischen den berühmten turmartigen Häusern aus Lehm und Stein mit ihren unvergleichlichen weissen Verzierungen und den Scheiben aus Alabaster umherging, staubige Plätze überquerte und dunkle, schattige Gassen durchschritt, war ich der Stadt meines Traumes tatsächlich nahe. Im Jemen, dem fruchtbaren Bergland im Südwesten der arabischen Halbinsel, der arabia felix der Alten Welt, dem glücklichen Arabien, findet man einen der Anfänge des Fadens, der als arabisch-islamisches Kulturgewebe eine globale Entwicklung nahm. Die besondere Betonung der jemenitischen Identität, verbunden mit einer Abschirmung vor der technisch-kulturellen Entwicklung während einer verhältnismässig langen Periode der neuesten Zeit bewirkte, dass im Jemen heute eine Doppelkultur besteht. Es gibt alles, was zur modernen Zivilisation gehört, vom Transistorradio über eine Flut elektronischer und technischer Geräte und Autokolonnen bis zu Luxushotels und einem gut ausgebauten Strassen- und Verkehrsnetz; daneben aber lebt eine Welt weiter, die für den Fremden aus Europa mittelalterliches Gepräge besitzt und seine Phantasie anspricht, die durch die Erzählungen der Kindheit von 1001 Nacht genährt wurde. Aber die Städte des Jemen und seine Landschaft sind keine Phantasie, sondern eine immer aufs neue überwältigend schöne und verblüffende Realität.
"Unter allen Städten des Orients gibt es keine, die Sanaa von der Schönheit des Stadtbildes her ähnelt. Hoch ragen die Minarette ihrer prächtigen Moscheen in den Himmel, die starke Stadtmauer wird von Türmen gesichert und von Toren verteidigt. Sie besitzt grosse Gärten und hohe prächtige Häuser mit reichen Verzierungen. Unter der strahlenden Sonne erscheint Sanaa wie ein künstlerisches Gewebe, das über der rötlich-ockerfarbenen Stadtmauer aufragt. Die bunten Fensterbogen der Häuser, die Alabasterscheiben, die reich geschnitzten Holztüren, alles was diese fabelhafte Stadt besitzt, erinnert an die zauberhaften Geschichten aus 1001 Nacht. Neben den importierten Produkten, die die Märkte der Stadt von Tag zu Tag mehr erobern, findet der Besucher auch immer noch ein reiches und vielseitiges Angebot einheimischer Erzeugnisse, Produkte einheimischen Handwerks und Kunst­fleisses. Wie vor tausend Jahren drängen sich auch heute jeden Tag die Besucher in die engen Gassen der Altstadt, gehen Schulter an Schulter, handeln und feilschen, schreien und gestikulieren. In den Jahrhunderten der Herrschaft der Könige von Himjar, der Abessinier, der Perser, der Statthalter der Kalifen und der türkischen Sultane, immer wieder erlebte Sanaa Kriege, Revolutionen und Zerstörung. Dennoch aber hat sich die Architektur der Stadt stets im alten Geist erneuert und glänzt bis heute unversehrt. Ihresgleichen ist von solcher Vollkommenheit und Unversehrtheit, so voll von prächtigen Moscheen, Märkten, Bädern und Häusern wohl nirgendwo sonst zu finden."
Diese poetischen und schwärmerischen Worte, die keineswegs übertrieben sind, stammen nicht von einem alt-arabischen Dichter, sondern von J. M. Abdallah, der in Tübingen 1975 promovierte und seit 1976 als Professor für Geschichte und Archäologie an der Universität Sanaa lehrt. (1987, S. 472).
In Sanaas Altstadt flanierend gelangten wir eines Abends zu einer kleinen, mit Ketten elektrischer Lämpchen beleuchteten Gasse. Eine Ansammlung von Menschen bildet sich vor einem Haus, in dem, wie wir erfuhren, der Bräutigam zur Hochzeit abgeholt wurde. Als Zaun­gäste konnten wir dabei sein, als er, geschmückt und bekränzt, die Glückwünsche seines Freundes- und Bekanntenkreises empfing. Zu seinen Ehren wurde die Schalmei, hier die Doppelklarinette, gespielt. Der Musiker trug zum Spielen die Mundbinde, wie dies auf Vasen des antiken Griechenlandes aus der Mitte des ersten Jahrtausends abgebildet ist.


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Jemen (Sanaa): Doppklarinette. Spiel mit Mundbinde


Der Instrumentenname Mizmar*, genauer Mizmar* Jemeni ist der gleiche, wie derjenige Oboe in Ägypten, welche die Jemeniten zur Unterscheidung uns gegen­über einfach als Mizmar*, oder als ägyptische Mizmar* bezeichneten. Diese schmückt auch den Fensterladen der Eingangstür zum Musikgeschäft, auf dem Platz vor dem wichtigsten Stadttor der jemenitischen Hauptstadt.
Zum Gebrauch des Wortes Mizmar*, sowohl für die Oboe, wie für die Klarinette, schreibt H. G. Farmer, Pionier der europäischen Forschung über arabische Musik, in einem Aufsatz von 1929 über die Musikinstrumente von Mekka, dem heiligsten religiösen Zentrum des Islam, dass die Araber jedes Instrument aus der Familie der Holzblasinstrumente Mizmar* nannten auch wenn das Wort besonders für Rohrblattinstrumente gebraucht wurde und es sei sehr wahr­scheinlich, dass die Mizmar* zunächst ein einfaches, röhrenförmiges Bambusinstrument mit einer Aufschlagzunge gewesen sei.
Dieses ist heute noch in vielen Ländern in Gebrauch, auch wenn die Doppelklarinette überwiegt. In Syrien, dessen Musikkultur bis in die phönizische Zeit zurückreicht, ist ein eine einfache Klarinette dieser Art unter dem Namen Sibs beheimatet, und wird selbst nach Europa exportiert. Die Sibs wird in einer abgestuften Reihe unterschiedlicher Grössen und damit auch Tonlagen bzw. Stimmungen verkauft, sodass ein Instrumentensatz entsteht, wie er in Europa noch für Instrumente der Renaissance üblich war. Eine solche Gruppe gleichartiger Instrumente unterschiedlicher Länge erlaubt es je nach musikalischem Anlass und je nach der Melodie das entsprechende Instrument auszuwählen. Dadurch wird eine Vielseitigkeit möglich, welche die spätere Instru­mententechnik durch die Ausrüstung eines Instrumentes mit einem Klappensystem erreicht, sodass ein einzelnes Instrument sozusagen zum "Allrounder", einem "Mädchen für alles" wird.
Das Instrument von der Art der Sibs wurden in der Antike wohl zum einfachen Aulos, dem Monaulos, gerechnet . Im arabischen Raum ist es im 6. Jahrhundert vom Dichter Al-Muzarrid bei der Schilderung einer geselligen Zusammenkunft erwähnt (Farmer, 1929, S. 495).
Im siebten Jahrhundert ist die Mizmar* zusammen mit einem Tamburin, als Kriegsinstrument des jüdischen Stammes von Al-Hijaz überliefert. In der umajadischen Periode wurde sie zur Begleitung des Gesangs verwendet. Der Prophet Mohammed soll den Klang des Instrumentes so sehr geschätzt haben, dass er von ihm als der Rohrpfeifen Davids gesprochen habe; es gibt aber auch die gegenteilige Überlieferung, nach der der Prophet seine Ohren zugehalten habe, wenn er das Instrument hörte.
Ein frühes Dokument eines Schalmeiinstrumentes, bei dem es sich um eine etwas grössere einzelne Klarinette, oder aber auch um ein Oboeninstrument handeln könnte, stammt aus dem frühen 8. Jahrhundert. Hauptstadt und kulturelles Zentrum des arabischen Reiches war zu dieser Zeit Damaskus, und Syrien wurde zur Ausgangsbasis der arabischen Expansion. Das abgebildete Mosaik (Farmer, 1989, S. 34/35) stammt vom Fussboden eines Schlosses an der Strasse von Damaskus nach Palmyra. Unter den Arkaden, die auf dem Mosaik abgebildet sind, stehen zwei Musikanten. Auch hier wird die Schalmei zusammen mit einem Saiteninstru­mente, mit der Laute, gespielt. Die Abbildung erinnert stark an griechische und römische Bilder von Schalmeispielern.
Aus dieser Periode, der Herrschaft der Omajaden, zeugen verschiedene Darstellungen von Musikanten in Palästen, von der Musikliebe des Herrscherhauses. Diese Bildberichte werden ergänzt durch Ausführungen arabischer Schriftsteller, in denen von der Musik am Hofe der Omajaden-Kalifen in Damaskus die Rede ist. Einer von ihnen wurde von den orthodoxen Muslims getadelt, weil er für Sängerinnen zuviel Geld verschwendete. Von einem anderen wird berichtet, unter seiner Herrschaft sei die Musik nicht nur von der wohlhabenden Klasse, sondern auch vom Volk gepflegt worden. Ein Herrscher liess Sängerinnen samt ihren Instrumenten aus dem fernen persischen Chorazan kommen, so wie einige Jahrhunderte früher die Römer syrische Musikantinnen und Tänzerinnen nach Rom brachten.
Die gedoppelte Rohrklarinette wird in einem arabischen, auf das Jahr 912 datierten Text als Diyanai, d.h. gedoppelte Nay bezeichnet. Der für die Musikinstrumente zentrale früharabische Autor Al-Farabì spricht von der Mizmar* al-Muzawaj, was soviel bedeutet wie verheiratete Mizmar*, Mizmar*paar. Andere verwendete Ausdrücke sind neben dem bereitserwähnten Diyanai, Mizmar* al-Muthanna (doppelte Mizmar*).

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Die besondere Erwähnung der gedoppelten Form muss dahin interpretiert werden, dass diese nicht selbstverständlich war, sodass sie besonders erwähnt werden musste, um eine Unter­scheidung vom einfachen Instrument zu treffen. Erst vom 11. Jahrhundert wurde der Ausdruck Zammara*, der sich später zu Zummara* wandelte, benützt, welcher den Instrumenten in vielen Ländern des arabisch-islamischen Raumes den Namen gibt. Aber dieser Ausdruck ist keineswegs auf die doppelte Rohrklarinette beschränkt. .
In einem späteren arabischen Text werden drei Gruppen von Holzblasinstrumenten unterschieden; nämlich die Nay, die Zamr und ein Instrument mit dem Namen Mausul. Dieser letztere Name taucht vom 13. Jahrhundert an auf und das Wort meint "verbunden". Damit könnte demnach ebenfalls die Doppelklarinette, deren Rohre fest miteinander verbunden sind, gemeint sein. Vielleicht darf man diesen Ausdruck auch dahin interpretieren, dass die stabile Verbindung beider Instrumente, wie sie heute im arabisch-islamischen Instrumentarium in Gebrauch ist, noch bis ins Mittelalter nicht selbstverständlich war, sondern die Instrumente einzeln gehalten wurden, wie dies den antiken Instrumenten entsprach. Wie in Ägypten bedeutet Zummara* auch in Mekka heute die Doppelklarinette. In Syrien und Palästina wird dafür der Ausdruck Mijwiz verwendet .
Farmer (1929) ist der Auffassung, dass mit dem Auftauchen der zylindrischen Form der Oboe, das er nicht genauer datiert und für die er neben dem persischen Zurnay, das arabische Wort Nay-Zunamì verwendet, die zylindrischen Klarinetten an Ansehen einbüssten und nur in der Volksmusik und bei Wandermusikanten in Gebrauch blieben.
Die Instrumente, auf die Farmer (1929) sich bezieht, gehören der Sammlung des Reichsmuseums in Leiden an und wurden 1884/85 in Mekka selbst gesammelt. Sie umfasst sowohl die oben genannten Klarinettenformen, wie Doppelrohrblattinstrumente, d.h. Oboen. Ein aus Mekka stammendes Instrument, welches Farmer beschreibt, ist aus Kirschbaum und anderen, in diesem Buch geschilderten konischen Oboen des Nahen Ostens ähnlich, so dass hier nicht näher darauf eingegangen werden muss. Farmer ist der Ansicht, dass dieses Instrument in Ägypten hergestellt wurde.

Aus dem 9. Jahrhundert ist der Name eines berühmten Instrumentalisten am Hofe des Kalifen bekannt, der eine Schalmei erfand oder verbesserte, die nach ihm als Này-Zunamì, oder auch nur Zunamì genannt wurde. Dieser Name habe sich im Westen, so Farmer, zu Zulamì gewandelt. Es handle sich dabei um das gleiche Instrument, welches Al-Farabì (950 n.Chr.), sowie der arabische Autor Ibn Zaila (1048 n. u. Z.) unter dem Namen Mizmar* Wahid bzw. Nay beschreiben. Der Zusammenhang mit dem Begriff Nay, von dem in diesem Buch verschiedent­lich die Rede ist, ist vor allem von Bedeutung, weil Nay heute im allgemeinen eine über den Rand angeblasene Längsflöte bezeichnet, d.h. weder eine Oboe noch eine Klarinette. Wie an verschiedenen Stellen dieses Buches ausgeführt, gibt es verschiedene schlüssige Hinweise, dass die heute übliche, vor allem im Westen verhält­nismässig streng gehandhabte Abgrenzung von Flöte, Klarinette und Oboe der Tatsache nicht Rechnung trägt, dass im Laufe der Geschichte sowohl der gleiche Name für unterschiedliche Instrumente verwendet wurden, wie vor allem auch ein und dasselbe Musikrohr, je nachdem, ob es direkt über die Kante, mit einer Aufschlagzunge oder mit einem Doppelrohrblatt angeblasen wird, die Funktion dreier unterschiedlicher Instrumente erfüllte.

Unter dem Namen Zamr war die Oboe in der Militärkapelle der Mamelucken (siehe unten) in Gebrauch. Das analoge Instrument hiess in Persien Nay Siyàh. 1435 beschrieb es ein arabischer Autor mit dem Doppelnamen Zamr Siyàh Nay.

Das Instrument der Perser, Surnay* oder Surna* soll nach Farmer ein kleinerer Typus einer Oboe gewesen sein. Als Militärinstrument war es bei den abbassidischen Kalifen im 9. Jahrhundert in Gebrauch, bei den Fàtimiden im 11. Jahrhundert und bei den Mogulherrschern im 14. Jahrhundert. Zamr und Surna* waren, wie Farmer schreibt, auswechselbar. Unter türkischem Einfluss hat sich das Wort zu Zurna* gewandelt, zu dem alternativ auch der Begriff Zamr verwendet wird.
Innerhalb des Stadttores der Altstadt von Sanaa, am Eingang zum Bazar trafen wir auch auf Balladensängerinnen, die zur Rahmentrommel Geschichten erzählen so wie die italienischen Cantautori, die Minnesänger des Mittelalters und die Epensänger der Antike. Vor dem Stadttor konnten wir an einem anderen Tag Männern zusehen, die mit dem Krummdolch, den jeder Mann trägt, Schwerttänze darboten, umringt von einem sachkundigen Publikum.

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Orientalische Handelsgüter: Schmuck, Weihrauch, Gewürze, Alabaster, bestickte Stoffe
Auf dem Markt von Sanaa und anderer Städte des Jemen wird heute noch auf traditionelle Weise feilgeboten, was dieser Region der arabischen Halbinsel über Jahrhunderte zu Reichtum verholfen hat, Produkte des Landes, wie das wohlriechende Weihrauchharz und der einstmals berühmte arabische Kaffee, der Silberschmuck der jüdischen jemenitischen Silberschmiede, Importgüter aus Indien und Afrika, Gewürze, einfache und äusserst kostbare Stoffe, Güter für die der Jemen während Jahrhunderten zentrale Drehscheibe war. Von der Südküste der arabischen Halbinsel wo die Schiffe aus Indien und Afrika landeten, führt der Karawanenweg, die sogenannte Weihrauchstrssse durch die arabische Wüste nach Norden oder im Westen der Halbinsel über Medina nach Gaza und ans Mittelmeer.
In der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts bezeichnet ein arabischer Geograph den Jemen und dessen Welthafen Aden als "Eingangstor nach China ... das Lagerhaus des Westens, die Mine und Quelle der Güter". (Serjeant, 1987, S. 160). Zu den auf der Weihrauchstrasse im Altertum und Mittelalter für den Wohlstand und das Wohl­befinden der Mittelmeervölker und Europäer transportierten Gütern zählen im einzelnen: die Gewürze Pfeffer, Gewürznelken, Ingwer, Zimt, Muskat, Kardamom, Asa foetida, das auch als Heilmittel bekannt war, Bockshornklee und Fenchelgewürz; ferner Arzneistoffen und Essenzen: Myrrhe, Tamarinde, Opium, Kampfer, Sandelholz, Betel, Alaun, Rosenwasser, Weihrauch, Moschus, Balsamharz und andere mehr; des weiteren Genuss- und Nahrungsmittel: Kaffee, Salz, Betelnuss, Kashewnuss, Mandeln, Rosinen, Datteln, Honig, Safran, Sesam. Zum Handel gehörten ferner Schmuck, Bernstein und andere Kostbarkeiten, der Farbstoff Indigo, das kostbare Ebenholz und Gummi arabicum. Auch mit jemenitischen Pferden wurde gehandelt und mit einer Vielzahl von Fertigwaren oder bearbeiteten Produkten, darunter Stoffe, vor allem Baumwolle, Felle und Häute, roh und gegerbt, Eisen, Blei, Kupfer und Klingenstahl, Korallen, Haifischzähne und Schildpatt.

Der Jemen besitzt seit der Antike eine jüdische Bevölkerung, die erst in den letzten Jahren nahezu vollständig ausgewandert ist;auf unserer Reise trafen wir auf Märkten im Norden von Sanaa mehr als einmal jüdische Hand­werker, die an ihren langen Schläfenlocken kenntlich, als Schuhmacher arbeiteten oder Töpferwaren anboten, vor allem aber die im ganzen arabisch-islamischen Raum berühmtesten Silberschmiede. Der jemenitische Schmuck, der über besonders kunstvolle Techniken verfügt und früher fast ausschliesslich in der Hand jüdischer Handwerker entstand, ist unverkennbar und hat die Schmuckherstellung der orientalischen Länder und schliesslich der ganzen Welt geprägt.


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Jemen: Silberschmiede auf dem Markt


Um eine anschauliche Vorstellung von der Geschichte der Schalmeiinstrumente zu gewinnen ist es hilfreich zu versuchen ein Bild des alltäglichen Lebens in früheren Epochen zu gewinnen. Der Jemen ermöglicht in einer kontinuierlich gewachsenen Umgebung Gewohnheiten und Lebensweisen zu erleben, welche die Vorstellung der mittelalterlichen oder antiken Welt erleichtern. In diesem Zusammenhang wird im Anhang einiges über den Markt von Sanaa ausgeführt, der einen Einblick in historisch gewachsene Strukturen gibt, wie sie bis zur Entwicklung der Industrialisierung auch in Europa von Belang waren und noch heute ausser­halb der euro-amerikanischen, hochgradig technisierten Welt in verschiedenen Ausprägungen anzutreffen sind.
"Gekommen bin ich dir aus Saba mit sicherer Kunde" heisst es in der Sure 27, Vers 22 des Koran. So spricht ein ungewöhnlicher Bote, ein Vogel, der Wiedehopf, der schönste und neugierigste der Untertanen Salomons, der auf seinem Flug nach Marib, der Hauptstadt des Reiches von Saba gelangt war und dort nicht nur ein blühendes Reich entdeckten, sondern eine Frau als Herrscherin. In der Bibel wird mehrmals vom Besuch der Königin bei Salomon gesprochen, im ersten Buch Könige 10 heisst es: Als die Königin von Saba von dem Ruhme Salomons hörte, kam sie, ihn mit Rätseln zu erproben. Sie kam nach Jerusalem mit sehr grossem Gefolge, mit Kamelen, die Spezereien, Gold in Menge und Edelsteinen trugen. Und als sie zu Salomon kam, fragte sie ihn alles, was sie sich vorgenommen hatte, und Salomon gab ihr auf all ihre Fragen Bescheid; es war dem König nichts verborgen, dass er ihr nicht hätte Bescheid geben können. Als aber die Königin von Saba all die Weisheit Salomons sah und den Palast, den er gebaut hatte und die Speisen auf seinem Tische, die Tafelordnung für seine Beamten, die Aufwartungen seiner Diener und ihre Gewänder, seine Trinkeinrichtung und auch sein Brandopfer, das er im Tempel des Herrn darzubringen pflegte, geriet sie vor Staunen ausser sich und sprach zum König: Volle Wahrheit ist es gewesen, was ich in meinem Lande über dich und deine Weisheit gehört habe .. glücklich deine Frauen, glücklich diese deine Diener, die alle Zeit vor dir stehen und deine Weisheit hören! Gepriesen sei der Herr, dein Gott, der Wohlgefallen an dir gefunden, so dass er dich auf den Thron Israels gesetzt hat! Und weiter heisst es, dass sie Salomon mit Gold, Spezereien und Edelsteinen beschenkte und im Zusammenhang mit der Königin von Saaba ist auch von den Schiffen die Rede, welche Gold aus dem Lande Ofir holten und sehr viel Sandelholz. Aus diesem liess der König Geländer machen für den Tempel und den Königspalast, aber auch Lauten und Harfen für die Sänger. Von Schalmeien ist hier nicht die Rede, aber wie an anderer Stelle ausgeführt wird, ist anzunehmen, dass auch die Schalmeien schon damals dazugehörten , vor allem auch als Instrument der im Dienste Salomons stehenden Phöniker. Auch im zweiten Buch der Chronik ist von der Königin von Saba die Rede, so wie in Matthäus 12,42 und Lukas 11, 31, denn sie, die Königin des Südens (semitisch: Jemen) wird im Jüngsten Gericht thronen und urteilen, "denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomons zu hören". Das Reich der Königin von Saba ist bisher nicht genau bestimmt, aber vieles deutet darauf hin, dass es im Jemen liegt und in jener Region von Mahrib, in der um das Jahr 500 v. Chr. mit der aus Palästina stammenden Zementmethode ein mächtiger Staudamm gebaut wurde, ein technisches Wunderwerk, dessen Reste noch heute zu sehen sind.

Allerdings beansprucht auch das auf der anderen Seite des Roten Meeres, das Jemen gegenüber liegende Hochland, das Äthiopien und Eritrea umfasst, das Ursprungsland der Königin von Saaba zu sein, was mir jedoch weniger plausibel erscheint.

Das Reich von Saba wurde in der Antike ein ökonomisches Zentrum, dessen Bedeutung bis um die Mitte des 1. nachchristlichen Jahrtausends erhalten blieb. Es kontrollierte den Fernhandel über das Rote Meer und die Weih­rauchstrasse. Frühe Eroberungsversuche zur Kontrolle dieser Handelsroute scheiterten, sowohl jener von Babylon in der Mitte des 6. vorchristlichen Jahrhunderts, wie jener Alexanders, der vor dem geplanten Arabienzug 323 v. Chr. starb, aber auch jener des mächtigen Rom, dessen Soldaten das Klima nicht ertrugen und den Seuchen erlagen. Nachdem vom Ende des 2. Jahrhunderts v. u. Z. an direkte Handelsreisen zwischen Ägypten und Indien mit Hilfe der Monsunschiffahrt möglich waren, ging der Fernhandel teilweise am Jemen vorbei. Im 6. Jahr­hundert, wohl im Zusammenhang mit dem Dammbruch von Mahrib, trat die Rolle des Jemen in den Hinter­grund, erlebte aber eine neue Blüte im Mittelalter als wichtige Zwischenstation der Linienschiffahrt zwischen Ägypten und Indien. Aden wurde dazumal Zentrum für den Handel des Mittelmeerraumes, insbesondere Ägyptens mit Indien und China. So wie Kairo Handelszentrum zwischen Europa und dem Vorderen Orient wurde. Eine massgebliche Rolle haben dabei jüdische Kaufleute gespielt., worüber uns aufgefundene Korrespondenzen von Aden nach Südwestindien orientieren, persönliche Briefe oder eine Todesurkunde, die aufgrund des Zeugnisses eines Mannes aus Aden in Kairo im Jahre 1226 ausgestellt worden war .
Auf dem Hintergrund der Fernhandelsbeziehungen, die immer auch kulturellen Austausch mit sich bringen, auf der Grundlage der internationalen Kontakte, die sich daraus ergaben und des Reichtums der arabischen Kaufleute wird die arabisch-islamische Ausbreitung besser verständ­lich. Der Islam schuf eine religiöse Vernetzung auf der Grundlage vorbestehender Kontakte, bei denen vor allem auch antike Traditionen und Überlieferungen neu belebt wurden. Dazu zählt, bei aller zwiespältiger Einstellung des Islam der Musik gegenüber , ohne Zweifel die Schalmeimusik.
Durch den Fernhandel kannte Arabien nicht nur Menschen und ihre Sitten aus der ganzen Welt. In Arabien verbanden sich auch die ein- und ausgeführten Luxusgüter mit dem Wohlstand aus den fruchtbaren Landstrichen der Halbinsel, vor allem im Süden; Kontakte zu Wissenschaftern und Künstlern aus verschiedenen Kulturen, insbesondere der Mittelmeerwelt und Persien, vergesellschaften sich mit dem Gemeinschaftsgeist und der Durchsetzungsfähigkeit und Ausdauer, welche nomadisierende Volksgruppen für ihre Lebensart benötigen. Die kulturelle Spannweite zwischen dem asketischen Leben einer Wüstenkarawane und dem Luxus der Gewürze, Essenzen und kostbaren Stoffe, zwischen den unerbittlichen Grundregeln der Lebensweise und einer Vielfalt von regionalen Sitten und Gebräuche aus aller Herren Länder, spiegelt sich in der späteren Entwicklung und Blüte des Islam, in der Verbindung religiöser Strenge und kultureller Variabilität. In diesen Ursprüngen wurzelt die Verbindung eines uner­bittlichen Arbeitsalltags, der das Leben der Nomaden ebenso bestimmt, wie den der sesshaften Bauern in den arabischen Bergtälern, die jeden Meter ihrer Felder terassieren, bewässern und pflegen müssen, mit der intensiven Freude und Vitalität an den das Jahr belebenden Feiertagen und festlichen Gelegenheiten. Das eine wie das andere steht im Zeichen lebensnotwendigen Gemeinschaftsgeistes.
Noch heute ist es im Jemen kaum denkbar, eine Einladung auszuschlagen. Hochzeiten und religiöse Feste sind ebenso integrierter Bestandteil der Tradition, wie die Beteiligung am Schutz eines Quartiers oder die verschiedenen Formen sozialer Solidarität.
Bei einem Streit ist es in Jemen Sitte, dass Stammesangehörige und Nachbarn die sich streitenden Parteien zusammenführen, damit sie durch Diskussion und Meinungsaustausch den Streit beenden und eine Lösung finden. Diese Vermittlungstätigkeit ist erst in neuester Zeit in der wissenschaftlichen Psychologie des Westens unter dem Stichwort Mediation "wiederentdeckt" worden.

In der jemenitischen Gesellschaft sind Zusammenkünfte, die Divan* oder Mafradsch (oder Maqial*) heissen, eine traditionelle Einrichtung. Sie werden sorgfältig vorbereitet, haben aber einen informellen Charakter und führen Menschen unterschiedlichen sozialen Niveaus für einige Stunden zusammen. Die am meisten verbreitete Form dieser Zusammenkünfte sind die nachmittäglichen Qat*runden. Wenn der Tag am heissesten wird, versammeln sich in einem eigenen Raum die Männer, lagern auf den niederen Bänken entlang der Wand und kauen Qat*-Blätter, eine Pflanze, die eine mässig euphorisierende Wirkung hat. Zu Beginn der Runde wird das Tagesge­schehen und alles möglich andere durchbesprochen. Gelegentlich wird gesungen und Musik gespielt und wenn der Qut* zu wirken beginnt, nimmt die Stimmung eine Qualität an, die man in Ländern in denen Alkohol konsumiert wird, als weinselig bezeichnen würde. Art und Verlauf dieser Qat*-Treffen erinnert in gewissem Sinne an das Symposion der griechischen Antike.
Wie andere arabische Volksgruppen haben die Jemeniten einen ausgeprägten Sinn für Musik und Tanz und ein Erbe an volkstümlichen Epen, die halb gesungen vorgetragen werden. Das wichtigste Musikinstrument ist die Laute. Aber bei bestimmten Gelegenheiten, so beim Männer­tanz "Bara", der mit dem Krummdolch, der Dschambija getanzt wird und bei Hochzeiten spielen Schalmei und Trommel. (Abdallah, 1987, S. 487).
Die Dialogik zwischen Askese auf der einen, Sinnlichkeit auf der anderen Seite hat dazu geführt, dass im ganzen islamischen Bereich die mit der Sinnlichkeit des Lebens verknüpfte Volksoboe und Klarinette erhalten blieben und ihre Musik gepflegt wurde, auch wenn sich die religiöse Orthodoxie dagegen stellte.
Zur Zeit Mohammeds war Arabien teils christlich, teils jüdisch oder animistisch. Im Jahre der Zerstörung des Dammes von Mahrib und der Vertreibung der herrschenden Dynastie aus dem Jemen durch Persien, 571 wurde Mohammed geboren. Nach seinem ersten Auftreten 610 zunächst nach Mekka und von hier nach Medina geflohen (womit 622 die islamische Zeitrechnung beginnt), unterwirft Mohammed mit seinen Anhängern zunächst jüdisch-arabische Stämme bevor er, bis zu seinem Tod 632, einen grossen Teil der Stämme der arabischen Halbinsel vereinigt.

Nach der Überwindung der auf den Tod Mohammeds 632 folgenden Krise kam es unter den Kalifen, das heisst Nachfolgern, zu einer ersten Phase der raschen Expansion. Eritrea auf der anderen Seite des Roten Meeres, Syrien, Palästina und Jerusalem, Mesopotamien und Persien, Libyen und Georgien wurden alle zwischen 634 und 650 vom arabischen Islam erobert. Es folgte eine Zeit der innermuslimischen Auseinandersetzungen und Spaltungen, bedingt durch die unterschiedlichen Interessen von Beduinen aus der Wüste, sesshaften Arabern Syriens, der Kaufmannaristokratie von Mekka und nicht arabischen Muslimen. Religionspolitische Spaltungen waren unausweichlich, aus denen die Omaij als stärkste Fraktion hervorgingen. Sie verlegten die Hauptstadt von Medina in das syrische Damaskus (661), womit sie die ursprüngliche Basis Arabien verliessen. Sie orientierten sich an byzantinischen und sassanidischen, das heisst persischen Verwaltungsstrukturen und führten eine Währung ein, welche die byzantinische konkurrenzierte. Es folgt die zweite Eroberungswelle, die Karthago, die Länder des Maghreb, das heisst des nordafrikanischen Westens und Spanien umfasste, sowie im Osten bis nach Zentralasien reichte und mit China in Berührung kam. Anschliessend scheiterten die Belagerungen von Konstantinopel. Die Franken im Westen und Byzanz im Osten bereiteten den islamischen Truppen Nieder­lagen. Mitte des 8. Jahrhunderts setzten sich in der islamischen Welt die nichtarabischen Abbasiden durch und mit der Bestimmung Bagdads als neue Hauptstadt verlagerte sich der Schwerpunkt des Kalifats, des Nachfolgereiches von Mohammed in den persischen Osten. Damit begann auch das islamische Grossreich politisch auseinanderzu­fallen, was aber keineswegs das Ende seiner religiösen und kulturellen Expansion bedeutete. Zunächst wurde in Spanien, in Cordoba, ein eigenes Emirat gegründet, das später zu einem Gegenkalifat ausgebaut wurde. Dies bedeutet kulturgeschichtlich eine westöstliche Spaltung, nicht ganz unähnlich derjenigen zwischen West- und Ostrom, beziehungsweise Rom und Byzanz in der christlichen Welt. Im Maghreb entstanden eigene Staaten und Ägypten verselbständigte sich unter den Fatimiden. Im Nordosten lösten sich kleinere persische Fürstentümer. Im zentralen Herrschaftsgebiet des Islam kam es nach dem Tode Harun Al-Rashids (809) zum Bürgerkrieg zwischen seinen Söhnen, den der eine von ihnen, Al-Mamon, Sohn einer persischen Mutter, mit Truppen aus dem nord­persischen Chorassan für sich entschied. Er löste die bisherige Armee aus arabischen Stammeskriegern auf und ersetzte sie durch eine Leibgarde aus türkischen Kriegersklaven, die islamisiert wurden, die Mamelucken. Diese Militärs übernahmen gegenüber dem Kalifen die wahre Macht, wurden von einer anderen persischen Gruppe und schliesslich von den türkischen Seldschuken abgelöst, die 1055 Bagdad eroberten. 100 Jahre später, 1258 beendeten die Mongolen das Kalifat mit der Eroberung Bagdads.
In all diesen jahrhundertelangen Auseinandersetzungen behaupteten sich im islamischen Reich die arabische Sprache und Kultur, die auch noch unter den osmanischen Türken zwischen dem Anfang des 16. und 20. Jahrhunderts, 400 Jahre prägend blieb, während politisch und wirtschaftlich die Araber, ursprüngliche Träger des Islam, an den Rand gedrängt wurden. Sie erhielten erst durch die Entdeckung der Ölquellen und durch die Bedeutung der Ölproduktion wieder einen zentralen Platz in Wirtschaft und Politik.
Während sich im Norden des Mittelmeeres christliche Reiche behaupteten, gewann der Islam überall sonst in der Kulturwelt an Boden, nicht nur in den Regionen der Antike, Nordafrikas und des östlichen Mittelmeeres, sondern auch in Zentralasien, in Südostasien, in Teilen des westlichen Chinas und in Afrika südlich der Sahara.
In der Mitte des 6. Jahrhunderts bildete sich die türkische Stammeskonföderation in Zentralasien, von wo sie andere Völker vertrieb; als Sklaven kamen sie ins Kalifat von Bagdad, wo sie unter Al-Mamon als Mamelucken zur Leibgarde avancierten. Mitte des 9. Jahrhunderts rissen sie die Macht an sich. Nachdem persische Beamte in Bagdad sie verdrängt hatten, formierten sie sich in der nördlichen Steppe aufs Neue, und nannten sich nach ihrem Anführer Seldschuken. Als zum Islam bekehrte Gemeinschaft kämpften sie besonders eifrig für dessen Ausbreitung. Anders als die Hunnen zogen sie von ihren Ursprungsgebieten vor allem nach Süden, ins südliche Zentralasien und später ins nordwestliche Indien. Weiter westlich wurden Gebiete des heutigen Iran und Irak erobert, Byzanz und Jerusalem eingenommen. Ein Hilferuf des Kaisers von Byzanz löste die Kreuzzüge aus. Aus dem rasch gewachsenen türkischen Imperium, das sich teilweise aufsplitterte, ging als Konstante in Anatolien das Rum-Sultanat hervor, wobei Rum soviel wie Rom, beziehungsweise Ostrom, Byzanz, bedeutete. Erst der berühmte Saladin, kurdischer Abstammung, fasste die Kräfte im Nahen Osten unter Einschluss von Syrien und Ägypten vorübergehend zusammen. 1176 siegte es über Byzanz, aber nach Aufständen von Nomadenstämmen gegen die inzwischen nahezu sesshaften Seldschuken erlitt das Rum-Sultanat schwere Erschütterungen. Die letzte grosse Welle turk-mongolischer Expansion durch die Mongolen unter Dschingis Khan 1221 begonnen, machte dem Seldschukenreich faktisch ein Ende. Nach den Mongoleneroberungen entwickelt sich das bereits in die Neuzeit hineinführende osmanische Reich Ende des 13. Jahrhunderts.

Drei grosse muslimische Reiche teilten sich mit dem christlichen Abendland in die Weltherrschaft: Das osmanische Reich vom 13. bis in unser 20. Jahrhundert fasste den vorderen Orient zusammen, dazu Nordafrika bis Algerien und Südosteuropa bis kurz vor Wien. Im Osten etablierte sich vom 16. bis ins 19. Jahrhundert das Mogulreich, das um 1700 fast ganz Indien vereinte. Zwischen diesen beiden Herrschaftsgebieten lag als drittes das neupersische Reich der Safaviden-Dynastien zwischen 1500 und dem Anfang des 18. Jahrhunderts. Diese Dreiteilung entsprechend entwickelte sich auch die islamische Kultur mit unterschiedlichen Akzenten weiter, mit einem türkischen, einem persischen und einem indisch-persischen Schwerpunkt.
Diese sehr summarischen Hinweise auf die geschichtliche Entwicklung, die für den Leser erst im Zusammenhang mit Landkarten Anschaulichkeit erhalten, mögen es verständlich machen, warum die Volksoboe und die Schalmeien, Instrumente der antiken Zivilisationen, heute sowohl in der Fachliteratur als Musikinstrumente der islamischen Kultur bezeichnet werden, als auch vom an europäische Musik gewohnte Hörer als arabisch, türkisch oder indisch, aber immer als fremd und andersartig eingestuft werden. Sie bilden ein gemeinsames Instrumentarium all jener Gebiete, die der Islam miteinander verknüpfte auch wenn sie gleichzeitig Erbe regionaler Entwicklungen widerspiegeln (vgl. auch Anhang).
Für die Musik und insbesondere für die Schalmeimusik von Bedeutung ist die Tatsache, dass die Instrumentalmusik im persischen Kulturraum stärker gefördert wurde als im arabischen, wo der Abstand der Instrumentalmusik zum höher geachteten Gesang grösser war. Eine etwa gleich starke Wirkung erfuhren Instrumentalmusik und Gesang im türkischen Einflussbereich.
Der Kulturaustausch im Grossraum des Islam lässt es nur mehr andeutungsweise zu, verschiedene Einflussfaktoren auseinanderzuhalten. Drei Grundströmungen der Schalmei- und insbesondere der Oboenmusik lassen sich einigermassen unterscheiden, ohne geographisch streng voneinander getrennt zu sein:
Die kräftige, laute, aufregende Musik der konischen Oboe mit Schalltrichter, welche die ekstati­sche Wirkung der Antike weiterführt und zu Tänzen, Kampfspielen und – in einer mehr pathetischen Variante – bei religiösen Anlässen wie Hochzeit, Prozession und Beschneidung gespielt wird. Gleichwertig kommt die Doppelklarinette zum Einsatz.
Die zweite Strömung ist, in ihrem Charakter dazu polar, introvertiert, meditativ und gehört zu einer mehr verinnerlichten religiösen Stimmung. Diese Art der Aufführungspraxis entspricht den intimen Szenen der Antike. Spielt die Schalmei im ersten Fall regelmässig mit einer kräfti­gen, stark rhythmisierenden Trommel, so nimmt sie im zweiten Fall auch das Gespräch mit Saiteninstrument auf. Dieser zweiten Art der Musik dienen vorwiegend die zylindrische Oboen vom Typus der Mey, oder Oboen, die zwar konisch aussehen, deren Innenraum aber nahezu zylindrisch geformt ist. Während bei der erst genannten Art harte Blätter, die einen schrillen, lauten Klang ergeben, verwendet werden, kommen bei der zweiten Art entweder die grossen Blätter vom Typus der türkischen Mey zum Einsatz oder weichere, kleinere Blätter, die eine differenzierte Klanggebung ermöglichen. Diese verinnerlichte Art der Musik steht der Flöten­musik nahe, die im ganzen islamischen Raum auf der Längsflöte (Typus Ney) gespielt wird, und von religiösen Kreisen eher geduldet wurde und wird als die Schalmei. Es ist wohl diese Art der Musik, die zur häufigen Übersetzung als Flötenmusik geführt hat.
Eine dritte und besondere Entwicklung schliesslich hat die Schalmeimusik in Europa genommen, wo sie von Spanien, Süditalien und Griechenland nordwärts wanderte. In den Rückzugsgebieten der Volksoboe, im spanischen Katalonien und Valencia, in den italienischen Provinzen der Molise und Campagna, und in der Bretagne, in Griechenland, auf dem Balkan und in Osteuropa entwickelte sich eine Mischform zwischen orientalischer und späterer europäischer Musik und Aufführungspraxis.
Die Nachkommen der Volksoboen und Klarinetten, die heutigen Konzertklarinetten, Konzert­oboen und Saxophone nehmen gewissermassen eine "gemässigte" Mittelstellung ein. Sie sind so weit zahm, dass sie sich in ein grosses Orchester einfügen; aber besondere Solisten, sei es in der klassischen Musik oder im Jazz, spielen auch die modernen Instrument so, dass es die Zuhörer "vom Stuhl reisst" auf dem sie, so lange das Instrument bei Nomaden und Reitervölkern beheimatet war, gar nicht erst Platz genommen hatten.
Die Ausbreitung des Islam auf der arabischen Halbinsel einerseits nach Westen über Nordafrika und Spanien mit Ausweitungen bis nach Frankreich und andererseits nach Osten, über das persische Reich und Zentralasien bis nach Indien und Indonesien hat wie gesagt zwischen Orient und Okzident Verbindungen wieder hergestellt, ausgebaut und erweitert, die zur Zeit des Alexanderreichs und danach zur Blütezeit Roms bestanden hatten, inzwischen aber zersplittert waren. Diese Reaktivierung des kulturellen Austausches der Antike und des Handels über grosse Distanzen zwischen Orient und Okzident bewirkte auch eine Erneuerung der Musikkultur und ist den Rohrblattinstrumenten zu Gute gekommen. Man darf aber nicht vergessen, wie sehr sie bereits im römischen Reich verwurzelt und überall, wo römische Kolonien entstanden, also beispielsweise auch an der nördlichen Mittelmeerküste Spaniens, alltäglich waren. Während aber der Westen des alten römischen Reiches einen Kulturzerfall erlitt, lässt sich in den Ländern des Ostens mit antiker Kultur, in Persien, Syrien, Mesopotamien und Ägypten keine Unter­brechung in der Entwicklung von Städten, Handwerk und Künsten zwischen der byzantinisch-sassanidischen und der islamischen Epoche feststellen.
Alle Bewegungszentren, alle Herde, von denen aus Kultureinflüsse nach Westen gelangten, liegen im Orient. Der Westen, der diese Einflüsse aufnahm, so auch der Maghreb, Sizilien und Spanien, bestand aus barbarisierten, "verbauerten" oder ins Nomadentum zurückgefallenen Ländern, in denen die punische oder römische Vergangenheit überdeckt und an manchen Orten sogar ausgelöscht war. Zwar blieben einige städtische Zentren erhalten, aber sie hatten ihre kulturbestimmende Bedeutung weitgehend eingebüsst. Jedoch bot gerade der Westen für die Dynamik des islamischen Orient Ressourcen und verlockende wirtschaftliche Möglichkeiten für eine Kolonisation.
Zur Zeit ihrer höchsten Machtenfaltung erstreckt sich die islamische Kultur etwa über ein Viertel der damals bekannten Welt. Sie entwickelte sich heterogen, da sie sich mit den verschiedenen Traditionen der Länder, in denen sich der Islam ausbreitete, verbündet. Wo der Islam Wurzeln schlug, kam es zu einer durch ihn spezifisch gefärbten kulturellen Renaissance, welche bisherige Kulturelemente aufnahm, verwandelte und weiterentwickelte, in Ägypten wie in Syrien, bei den Berbern wie bei den Turkvölkern. Bedeutend war dabei der byzantinische Einfluss; später kam die Beeinflussung durch die Mongolen dazu. In Spanien, Süditalien, Kleinasien und später auf dem Balkan, im Kaukasus, in Mittelasien und Indien entstanden aus der Konfrontation der einheimischen Tradition mit der islamischen Invasion neue kulturelle Formen und Varianten. Selbst die Kreuzzüge brachten einen Kulturaustausch zwischen dem Orient und Europa.
Die neu entstehende Musikkultur des Mittelalters formte sich mit einer Mischung und Verschmelzung musikalischer Komponenten, von Elementen der Volksmusik verschiedener Völker wie zum Beispiel Lieder syrischer Eseltreiber, persischer Handwerker und byzantinischer Sänger, die mit alter arabischer Tradition vereinigt wurden. Unterschiedliche musikalische Ausdrucksmittel wurden assimiliert und fremde Musikinstrumente übernommen, weiterentwickelt und abgewandelt.
Was für viele andere Musikinstrumente gilt, dass nämlich von der arabischen Welt Klangwerk­zeuge aus der Zeit vor dem Islam übernommen und weiterentwickelt wurden, gilt erst recht für die Rohrblattinstrumente. Dies lässt sich mit dem zur Verfügung stehenden Bildmaterial belegen; es ist aber nicht zutreffend und irreführend, wenn die Volksoboe als "Instrument des Islam" bezeichnet wird.
Denn Musik zählt für den orthodoxen Islam zu den verbotenen Vergnügen (màlahì*). Sie galt und gilt zwar nicht als sündhaft, aber doch als in hohem Masse unschicklich. Eine mächtige islamische Orthodoxie führte einen eifrigen und beharrlichen Kampf gegen jegliche Form des Musizierens, abgesehen von Musik zum Lobe Allahs, bei der Lesung des Korans und beim Ruf zum Gebet. Vokale und instrumentale Musik wurden als List des Teufels angesehen und unter Strafandrohung verboten.
Dennoch gab es eine Blüte der Musik an den Höfen und in den Palästen, aber auch in den Wohnungen der Städter und in den Zelten der Beduinen, nicht nur heimlich, sondern auch allgemein geduldet, vorwiegend in den Frauengemächern des Harem. Denn Musik war zunächst – ein Erbe der Antike – Sache der Frauen. Seit dem 9. Jahrhundert gibt es verschie­dene Schriften zur Rechtfertigung des Musizierens, so etwa nannte Ibn'abd Ribbihì (gest. 940 n. Chr.) die Musik "das Futter der Seele, das Frühlingsgras des Herzen, die Arena der Liebe, den Trost der Niedergeschlagenen, die Gefährtin des Einsamen, den Vorrat des Reisenden – wegen der bedeutenden Stellung, die die schöne Stimme im Herzen einnimmt und da sie die ganze Seele beherrscht". (Farmer, 1966, S. 8) Bisweilen spielten die Hofmusiker hinter einem Vorhang, um der Schicklichkeit Genüge zu tun.
Neben dem "gewöhnlichen" Hören der Musik gibt es in der arabisch-islamischen Tradition die Vorstellung eines darüber weit hinausreichenden "Lauschens", bei dem nicht der hörbare Klang der Musik zählt, sondern die Musik als solche und ihre Seelenverwandschaft. Ibn Zaila (gest. 1048) sagt: "Der Klang beeinflusst die Seele auf zweierlei Weise: einmal aufgrund seiner musikalischen (d. h. physikalischen) Struktur und zum anderen wegen seiner Ähnlichkeit mit der Seele (d. h. wegen seiner geistigen, psychischen Struktur)". (Farmer, 1966, S. 8). Diese Vorstellung führte dazu, dass Musik als Mittel der Offenbarung in mystischen Bruderschaften wie den Derwischen Bedeutung erlangte. Die Mystiker haben sich durch kein Verbot davon abbringen lassen Musik und Reigen in den Mittelpunkt ihrer Riten zu stellen um darin die Begegnung mit dem Heiligen zu erfahren.

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Ney (Flöte) zum Ritual der Derwische

Zum Verständnis der Auseinandersetzung über die Stellung der Musik, und des Lauschens, beziehungsweise Hörens in der religiösen Erfahrung können die folgenden Ausführungen von Annemarie Schimmel (1992), führende Islamkennerin unserer Zeit dienen. Diese Ausführungen sind nicht nur wichtig für das Verständnis des Problems im Islam; die Beziehung zwischen Musik und religiöser Erfahrung ist unabhängig vom Bekenntnis von Bedeutung. Immer wieder kreist die Diskussion um zwei extreme Wirkungen, welche die Musik, und insbesondere die Schalmeimusik, besitzt: Sie kann entweder den Spieler und den Zuhörer zu seinen seelisch-geistigen Möglichkeiten führen, zu sich selbst und zu einer verfeinerten Wahrnehmung für die Verbundenheit mit den Mitmenschen, mit dem Kosmos und mit Gott; sie kann aber auch Spieler und Zuhörer gewissermassen von sich selbst wegführen, verführen und die Manipulation des Menschen ermöglichen. Beide Wirkungen gelten bis in die Neuzeit.
Annemarie Schimmel (1992) schreibt (S. 253ff.): "Das Ziel des Mystikers, das er durch ständige Meditation zu erreichen hoffte, ist fana*, >Entwerden<, und die darauf folgende >Dauer in Gott<. Die letzte Erfahrung wird immer als freier Akt göttlicher Gnade betrachtet, die den Menschen entrücken kann, was oft in einem als >Ekstase< bezeichneten Erlebnis geschieht. Der Terminus, den wir als >Ekstase< übersetzen, ist wajd, das wörtlich >Finden< bedeutet, das heisst Gott zu finden und in diesem Finden stille zu werden. In der überwältigenden Seligkeit, Ihn gefunden zu haben, kann der Mensch in ekstatische Entzückung entrückt werden. Nwyia hat vorgeschlagen, diesen Zustand lieber Instase statt Ekstase zu nennen, weil der Mystiker nicht aus sich hinweggetragen wird, sondern in die Tiefen seiner selbst, in >>das Meer der Seele<<, wie die Dichter sagen konnten.
>>Ekstase ist eine Flamme, die im innersten Herzen aufspringt und aus Sehnsucht erscheint, und bei ihrem Auftreten werden die Glieder entweder von Freude oder von Kummer erregt<<. Auch `Attar hat das Bild der Flamme verwendet: Was ist wajd? Glücklich zu werden dank dem wahren Morgen, Feuer zu werden, ohne dass die Sonne da ist.
In einem solchen ekstatischen Zustand konnte der Sufi völlig Sinne und Bewusstsein verlieren – selbst jahrelang; dann war er von den vorgeschriebenen Riten befreit. In dieser Hinsicht ist wajd da echte Äquivalent von Ekstase; die sechste Form des Verbs wajada, >finden< – tawajud*, >Versuch, einen ekstatischen Zustand durch äussere Mittel zu erreichen< – ist davon abgeleitet. Es war eben dieser Versuch, Freiheit vom Selbst zu finden, indem man sich dem Gesang, Tanz oder Drogen hingab, der oft mit Sufi-Praktiken verbunden war und sowohl von der Orthodoxe wie von den gemässigten Mystikern kritisiert wurde.Das Problem das sama*, >Hören<, war ein Hauptstreitpunkt zwischen den Schulen. Man stritt sich, ob Musik­hören und Tanzbewegungen wirklich echte Äusserungen mystischer Erlebnisse waren oder nur illegitime Versuche, durch eigene Anstrengung einen Zustand zu erreichen, den nur Gott schenken kann; die Ansichten der Autoritäten sind hier deutlich geteilt.

Der sama* ist jedoch zweifellos die bekannteste Äusserung mystischen Lebens im Islam. Die ersten europäischen Besucher im Osmanischen Reich sahen ihn in den Klöstern der Mevlevis, der Tanzenden Derwische; denn der Mevlevi-Orden ist der einzige Orden, in dem die kreisende Bewegung institutionalisiert worden ist, obgleich sie seit frühester Zeit überall im islamischen Gebiet praktiziert worden war, freilich nicht als offizieller Ritus, sondern eher als Entspannung nach den äusserst harten täglichen Übungen und der seelischen Anspannung der Sufis.
Tanzen und Drehungen gehören ja zu den ältesten religiösen Handlungen überhaupt. Tanz ist das >absolute Spiel< und wurde im alten Griechenland als Bewegung der Götter angesehen – sowohl Apoll wie Dionysos haben ihrem Charakter entsprechende Tanzbewegungen. In primi­tiven Gesellschaften hatte der Tanz einen magischen Charakter; so waren Rituale zur Sicherung von Regen oder Sieg in der Regel mit Tanz verbunden. Ein heiliges Objekt oder (wie manchmal im sama+*) eine Person zu umkreisen bedeutet, an deren magischer Kraft teilzunehmen oder aber ihr Kraft zuzuführen. Die Kirchenväter kannten sehr wohl die hinreissende Macht des Tanzes und verboten ihn streng: >>Wo Tanz ist, da ist der Teufel<<, sagt St. Chrysostomus, und das hätte ebenso gut ein orthodoxer muslimischer Theologe sagen können.
Die Handbücher des Sufismus sind voll von Diskussionen, ob sama* erlaubt sei oder nicht. Die Schlussfolgerungen sind je nach der Haltung des Mystikers oder auch der Orden verschieden. Die Orthodoxen pflegten jede musikalische und rhythmische Unterhaltung zu bannen, und manche >nüchternen< Orden, wie Naqshbandiyya, folgten ihrem Beispiel. Andere sahen im sama* einen Weg, das religiöse Gefühl der Frommen in eine bestimmte Richtung zu leiten; und es war gerade die musikalische Seite einiger Bruderschaften, die viele Menschen anzog. Wer sich nach einer emotionalen Form des Gottesdienstes sehnte, wie sie ihm das Ritualgebet nicht geben konnte, mochten diese beim Musikhören finden.
Sama* hat wahrscheinlich damit begonnen, dass die Mystiker von einer lieblichen Stimme oder auch nur einem zufälligen Wort getroffen wurden, das ihrem Geisteszustand angemessen war und so eine seelische Erhebung zur Folge hatte. Man weiss, wie stark die Araber auf Laute und auf die rhythmische Form eines Satzes reagieren – die gute Rezitation des Korans kann die Hörerschaft zu Tränen rühren. Es gibt keinen Grund, an von klassischen Autoren erzählten Geschichten zu zweifeln, dass die bewegende Rezitation eines Satzes der heiligen Schrift oder auch ein weltlicher Vers Hörer ohnmächtig werden, ja vor Erregung sterben liess. Man darf ja nicht vergessen, dass im islamischen Mittelalter Nerven- und Geisteskrankheiten oft durch Musikanwendung behandelt wurden, wie es schon Avicenna empfiehlt. Das Bassin im Irren­haus neben der grossen Moschee in Divrigi (Anatolien, erbaut 1228), wo das Wasser eine süsse, beruhigende Melodie hervorbrachte. oder die Bayezid Külliyesi in Edirne (gebaut 1370) mit ihrer Musikhalle im Irrenhaus sind gute Beispiele dafür, wie Musik bei medizinischer Behandlung verwendet wurde. ...
Man fragte sich jedoch, ob der Lauschende, der ganz und gar bei seinem Herrn >anwesend< (hadir*), sein musste, es sich gestatten sollte, durch die Musik oder irgendein Geräusch entrückt zu werden. Er konnte natürlich beginnen, sich zu drehen und umherzuwirbeln, wobei er manchmal seine Kleider zerriss, manchmal übernatürliche Kräfte gewann. ...
Aber sollte der Sufi gerade diesen Zustand erreichen? War es nicht eher die völlige Selbstkontrolle der Meister, die die Historiker so tief beeindruckte? Berühmt ist Junaids Antwort an den enthusiastischen Nuri, der ihn tadelte, weil er ruhig sass, während die Sufis ihren wirbelnden Tanz vollführten: >>Du siehst die Berge – du denkst, sie seien fest, doch sie ziehen gleich Wolken<. Diese Episode muss um 900 stattgefunden haben. Samakhanas*, Häuser, wo die Sufis Musik hören und ekstatische Zustände herbeiführen konnten, wurden in Bagdad schon in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts gegründet. Die Orthodoxen waren empört über die Dinge, die dort geschahen. Sie waren unter anderem besonders gegen das Zerreissen der Kleider, wie es oft während des sama* geschah. Die Theoretiker des Sufismus haben dieses Thema vor allem diskutiert, als in späterer Zeit auch schöne Jünglinge am sama+ teilnahmen und so das geistige Vergnügen erhöhten. Man sagt, Auhaduddin Kirmani, ein Sufi in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, habe >>die Hemden der Bartlosen zerrissen und mit ihnen Brust an Brust getanzt<< – das konnten die Orthodoxen und die geistlichen Juristen gewiss nicht zulassen!
Die Autoren des 10. und 11. Jahrhunderts widmeten den im sama* liegenden Gefahren lange Kapitel: Tanzen hat keine Begründung im Religionsgesetz oder im mystischen Pfade ... Aber da ekstatische Bewegungen und die Praktiken solcher, die Ekstase herbeizuführen suchen, dem Tanz ähneln, haben einige frivole Personen sich unmässig hineingestürzt und (Tanzen) zu einer Religion gemacht. Ich habe eine Menge gewöhnlicher Leute getroffen, die den Sufismus annahmen, weil sie glaubten, er sei Tanz und nichts anderes ... Es ist wünschenswerter, dass Anfängern nicht erlaubt wir, musikalischen Sitzungen beizuwohnen, damit sie nicht verdorben werden.
Dieser Satz würde wohl von allen Seelenführern in den gemässigten Orden unterschrieben werden; denn der Anfänger würde mehr sinnliches als geistiges Vergnügen haben, wenn er Musik hört oder um seine eigene Achse wirbelt. Abu Hafs Umar as- Suhrawardi hat den Standpunkt der klassischen Sufitheologen gut definiert:
Musik lässt im Herzen nichts erwachen, was nicht schon dort ist: deshalb wird jemand, dessen Inneres an etwas anderes als Gott gebunden ist, durch Musik zu sinnlicher Begierde ange­stachelt; wer aber innerlich an die Liebe zu Gott gebunden ist, wird durch das Musikhören dazu gebracht, Seinen Willen zu tun. Was falsch ist, wird durch den Schleier des Selbst verhüllt, und was wahr ist, durch den Schleier des Herzens; und der Schleier des Selbst ist ein dunkler, erdenhafter Schleier, und der Schleier des Herzens ein leuchtender, himmlischer Schleier. Die gewöhnlichen Menschen lauschen auf Musik entsprechend ihrer Natur, und die Novizen lauschen mit Sehnen und Ehrfurcht, während das Lauschen der Heiligen ihnen die Schau der göttlichen Gaben und Gnaden gibt, und das sind die Erkennenden, für die Lauschen Kontem­plation bedeutet. Aber schliesslich gibt es noch das Lauschen der geistig Vollendeten, denen sich Gott unverschleiert durch Musik enthüllt.
Denn für den Vollkommenen wird jeder Laut zu Musik, und der wahre Sufi fühlt, dass jeder Ton ihm frohe Kunde vom Geliebten bringt, jedes Wort eine Offenbarung von Gott. Ruzbihan-i Baqli erzählt eine hierfür typische Geschichte: >Ein Mystiker sah eine Gruppe Diebe, die Wein tranken und Tamburin spielten. Er setzte sich zu ihnen und lauschte der Musik, als ob es ein sama* sei. Die Diebe genossen seine Haltung so sehr, dass alle sich bekehrten<<.
Ruzbihan selbst liebte den sama* und lehrte, dem Beispiel Ibn Khafifs folgend, dass drei Dinge für vollkommenen geistigen Genuss notwendig seien: liebliche Düfte, ein schönes Gesicht zum Betrachten, und eine angenehme Stimme; die Schönheit des Sängers ist eine Vorbedingung für geistiges Glück. Ruzbihan hat sogar den Zustand der mystischen Einigung als >Tanz mit Gott< symbolisiert. Die Autoren der Antike hatten im Tanz die Bewegung der Götter oder der Sphären gesehen, und mittelalterliche Christen betrachteten manchmal das ewige Leben als Tanz der Seligkeit, wie es so entzückend in einigen Gemälden Fra Angelicos deutlich wird. >Geistliche Tanzliedchen< waren eine bekannte Gattung der mittelalterlichen deutschen mystischen Literatur; sie klingen in unserem Jahrhundert in einigen Rondas der chilenischen Dichterin Gabriela Mistral wider. Auch die muslimischen Mystiker verfassten solche geistlichen Tanzliedchen; so schreibt man Yahya ibn Mu´adh, dem >Prediger der Hoffnung< auf Rayy, eines der ersten bekannten Lieder zu: Wir fanden nicht die Wahrheit, wir treten die Erde im Tanz. Kann man Tanzen bei mir tadeln, der von Dir getadelt wandert? Denn wir kreisen in Deinem Tal, darum tanzen wir allzumal.
Die Bewegung der Seele, wenn sie sich Gott nähert, wird manchmal, wenn auch selten, als himmlischer Tanz beschrieben.
In der Dichtung Jalaluddin Rumis (vgl. Anhang) hat dieser enthusiastische Tanz seinen schönsten Ausdruck gefunden. Seine Verse lassen oftmals den starken Rhythmus der Tanz­bewegung widerklingen, die später im Orden der Tanzenden Derwische institutionalisiert wurde. Rumi sieht, dass >>das Haus der Liebe ganz aus Versen und Sang<< gemacht ist, und dass sein himmlischer Geliebter das Haus umschreitet: Auf seiner Laute spielt' er eine Weise; Mit feuergleichem Schlag ein süsses Lied Spielt' er, vom Wein der Nacht berauscht, durchglüht.
Für Rumi war Musik der Ton der Türen des Paradieses, wie die hübsche, von Rückert in Verse gebrachte Legende erzählt: Einst sprach unser Herr Dschalaluddin dieses: >>Die Musik ist das Knarren der Pforten des Paradieses!<< Darauf sprach einer von den dumm-dreisten Narren: >>Nicht gefällt mir von Pforten das Knarren.<< Sprach unser Herr Dschalaluddin drauf: >>Ich höre die Pforten, sie tun sich auf, doch wie die Türen sich tun zu – das hörest du!<<
Sama* ist für ihn Nahrung der Seele (wie man auch den dhikr beschrieben hat). Und dieser Ausdruck ist ein mehrfach wiederholter Teil des letzten türkischen Gedichtes in Mevlevi-Ritual. Wo immer der Liebende den Boden mit seinen tanzenden Füssen berührt, sprudelt das Lebens­wasser aus dem Dunkel, und wenn der Name des Geliebten erwähnt wird, >>fangen selbst die Toten in ihren Leichentüchern zu tanzen an<<. Rumi hat die wirbelnde Bewegung der Derwische mit dem Pressen der Weintrauben verglichen, wodurch der – geistige – Wein entsteht. Der tanzende Liebende ist höher als die Sphären, denn der Ruf zum sama* kommt vom Himmel; man kann ihn dem Staubkörnchen vergleichen, das um die Sonne kreist und so eine seltsame Einheit erfährt, denn ohne die Gravitationskraft der Sonne könnte es sich nicht bewegen – ebenso wie der Mensch nicht leben kann, ohne um den geistigen Schwerpunkt, um Gott, zu kreisen.
Wenn die Fesseln des Leibes einmal gebrochen sind, wird die Seele befreit und realisiert, dass alles Geschaffene an diesem Tanz teilnimmt – der Lenzwind der Liebe berührt den Baum, so dass Zweige, Knospen und Blätter in der alles umfassenden mystischen Bewegung sich zu regen beginnen.
Wahrer sama* ist aber auch ein >Tanz in Blut<, eine Anspielung auf die Legende, dass Hallaj in seinen Fesseln auf dem Wege zur Hinrichtungsstätte tanzte; der letzte Schritt auf dem Wege zur geistigen Freiheit ist oft als >Tanz in Fesseln< beschrieben worden. Sama* bedeutet, dieser Welt abzusterben und im ewigen Tanze der freien Geister um eine Sonne, die nicht aufgeht noch untergeht, wiedererweckt zu werden. Fana* und baqa*, Entwerden und ewiges Bleiben in Gott, können so in der Bewegung des mystischen Tanzes symbolisiert werden, in der Bewegung des mystischen Tanzes symbolisiert werden, wie er von Rumi und seinen Nach­folgern verstanden wurde: Schall, o Trommel, hall, o Flöte, Allah hu! Wall im Tanze, Morgen­röte, Allah hu! Lichtseel' im Planetenwirbel, Sonne, vom Herrn im Mittelpunkt erhöhte! Allah hu! ... Wer die Kraft des Reigens kennet, lebt in Gott, denn er weiss, wie Liebe töte, Allah hu!
Auch der ewige Urvertrag wird von Rumi als sama* symbolisiert: Hallte ein Ruf im Nicht-Sein, da sagte das Nicht-Sein: >>Gewiss, Ich setz' den Fuss in jenes Land, froh, grün und frisch mich zu zeigen.<< Es hörte Gottes Urzeit-Ruf, tanzend ward's und berauscht, Nicht-Sein war es und ward zum Sein – Herzen und Tulpen und Feigen!
Die nicht-existierenden Möglichkeiten wurden durch die göttliche Anrede mit Existenz beschenkt; dieser Laut verzückte sie zu einem Tanz, der sie in die schöne Welt voller Blumen und Düfte führte, genau wie der Laut der göttlichen Stimme, wie er durch das Medium der Musik gehört wird, die Seele zu bis dahin unbekannten Welten seelischen Glückes erhebt.
Rumis Bildersprache ist fast unbegrenzt, wenn er über Schönheit und Macht des sama* spricht. In immer neuen Bildern beschreibt er diese Bewegung, die durch die Schau des Geliebten hervorgerufen wird, der in der Stunde der Ekstase selbst auf der Leinwand des Herzens des Liebenden tanzt. Andere Dichter und Mystiker sind Rumis Beispiel gefolgt, indem sie den Symbolismus von Musik und Tanz in ihrer Dichtung angewandt oder mit ihren Schülern sama* geübt haben. Dieser Aspekt des mystischen Lebens war zu anziehend, um abgeschafft zu werden – trotz der orthodoxen Abneigung. Selbst ein Mystiker der nüchternen Naqshbandi-Richtung wie Mir Dard in Delhi fühlte sich gezwungen, ein Buch zur Verteidigung der Musik zu verfassen und pflegte ein- oder zweimal in der Woche Musiker in seinem Hause zu versammeln, die für ihn und seine Schüler spielten – allerdings ohne Tanz und in strenger Disziplin.
In Indien wurde der sama* vor allem von den Chishtis verteidigt. Andere Orden folgten ihrem Beispiel, und einer der Heiligen von Burhanpur im 17. Jahrhundert, 'Isa Jund Allah, wagte sogar, den sama* mit dem Ritualgebet gleichzusetzen. Andere nannten sama* die >Himmelfahrt der Heiligen<. Und als einer von ihnen auf seine Frage, ob es im Paradies sama* gäbe, eine negative Antwort erhielt, seufzte er: >>Was haben wir dann mit dem Paradies zu tun?<<

Das Ritual der Mevlevi-Derwische in der Türkei wurde wie die Rituale der anderen Orden 1925 von Atatürk verboten; seit 1954 darf der sama* anlässlich des Jahrestages von Rumis Tode am 17. Dezember vollzogen werden, wenn auch nicht im Zentralheiligtum. Seit einigen Jahren sind Mevlevis auch ausserhalb Konyas, sogar im Ausland, aufgetreten. Die Bewunderung für dieses Ritual ist aber noch immer in vielen türkischen Familien verwurzelt .." (Schimmel, 1992, S. 253 - 263).

Mit Ausnahme einzelner religiöser Gruppen Nordafrikas ist in der islamischen Mystik, sofern ein Blasinstrument zum Einsatz kommt, nicht die Schalmei in Gebrauch, sondern die Längsflöte Ney, welche das zentrale Instrument beim Drehtanzritual der Derwische ist. Aber diese Längs­flöte steht klanglich der zylindrischen Oboe nicht allzu fern. Es entzieht sich meiner Kenntnis, ob sie erst unter dem Einfluss der islamischen Orthodoxie die Schalmei ersetzt hat oder von Anfang an im mystischen Ritual in Gebrauch war. Die Stellung, die das Instrument besitzt, entspricht jedoch dem Charakter der in Ekstase versetzenden Schalmei.

Die Bewahrung und Entwicklung der Schalmeikultur im islamischen Raum ist nicht nur der Bereitschaft der Mystiker Musik einzubeziehen, zu verdanken, sondern einer grundlegenden Offenheit für die Sinnlichkeit und Poesie, die das Leben besitzen kann. Annemarie Schimmel findet für den im Westen wohl bekanntesten Mystiker, den grossen islamischen Dichter Rumi, der nach 1207 geboren wurde und mit den Seinen den Iran durchzog, ebenso poetische wie zutreffende Worte. (vgl. Anhang)
Die Dichtung Rumis, wie überhaupt die Worte der arabischen Poesie, sind nicht von ihrem Klang, ihrer Musikalität und damit überhaupt von der Musik zu trennen. Die Schalmei wurde aus dieser Allianz zwischen Musik und Wort allerdings weitgehend ausgeschlossen, vor allem weil sie die Tendenz hat durch ihre eigene musikalische Persönlichkeit und durch die faszinie­rende Klangfarbe das Wort und den Gesang zu übertönen. Trotzdem hat sich im ganzen islamischen Bereich die Verbindung von Gesang und Schalmei, insbesondere Oboenmusik, erhalten. Schalmeien (vor allem die Oboe) und die menschliche Stimme können sich insbesondere miteinander verbünden und ergänzen, indem sie sich in bestimmten Sequenzen wechselseitig ablösen. Solche Wechselgesänge zwischen Instrumental- und Gesangsmusik sind nahezu überall beheimatet, wo Klarinetten- und Oboeninstrumente in der Volksmusik gepflegt werden.
Hatte bei den Arabern, mindestens bis in das 10. Jahrhundert, die Vokalmusik den Vorrang gegenüber der Instrumentalmusik, so führte der Einfluss der Perser, der Turkvölker und der Mongolen zu einer gewissen Vorrangigkeit der Instrumentalmusik. Vom religiösen Standpunkt aus blieb aber die Instrumentalmusik abgelehnt und geächtet. Diese Ächtung und ein entspre­chendes Verbot galten ganz besonders für die Rohrblattinstrumente. Dies vermochte aber nicht ihren Einzug in die Musikkapellen zu verhindern, die sich Kalifen und Sultane, aber auch Emire an ihren Höfen hielten. Religiös zulässig war zudem die Militärmusik, der während der Schlacht grosse taktische Bedeutung zugemessen wurde und die später von den europäischen Militärs übernommen wurde. Musik wurde oft in der Verbindung mit dem sündhaften Wein und Gelagen genannt, nimmt aber auch in den Jenseitsvorstellungen eine wichtige Stellung ein. Eine arabische Auffassung besagt sogar, dass mit Ausnahme der Perser und der Byzantiner kein Volk eine grössere Neigung für Musikinstrumente habe, als das arabische. Dabei haben die Saiteninstrumente die angesehenste Stellung, gefolgt von den Flöten.
Die Tendenz der Zeit vor dem Islam und der frühislamischen Epoche, dass nämlich Musik vor allem von Frauen und Mägden, von Ehefrauen und Sängerinnen praktiziert wird, gilt noch im 9. und 10. Jahrhundert. Oft handelt es sich um begabte Sklavinnen und Sklaven, die einen besonders hohen Preis hatten oder um Unfreie oder Freigelassenen und deren Nachkommen. Für eine Sängerin konnte der zwanzigfache Preis dessen gelten, was sonst für einen Sklaven üblich war. Besonders berühmt an den Höfen von Bagdad und Damaskus waren Sängerinnen aus Zentralasien, vor allem aus Chorasan.
Musik wurde im Zusammenhang mit der Aufnahme griechischen Bildungsgutes zur Wissen­schaft entwickelt. Über den Ursprung der Medizin wird gesagt: einige glauben, dass die Bewohner von Phrygien und Mysien sie herausfanden und zwar weil sie die ersten waren, welche die Schalmei entwickelten und mit jenen Melodien und Rhythmen pflegten sie die Leiden der Seele zu heilen, und was die Leiden der Seele heilt, das heilt auch den Körper (Farmer, S. 258, entsprechende einer arabischen mittelalterlichen Quelle). In ähnlichem Sinne ist eine Geschichte zu deuten, die im 10. Jahrhundert verfasst wurde zur Einführung in das Medizinstudium: "Wer die Musik ausübt, spielt in gewisser Weise mit den Seelen und den Körpern; denn wenn er will, gebraucht er sein Instrument so, dass es lachen macht, wenn er will, gebraucht er es auf eine Weise, die weinen macht. Will er, so erregt er Freude; will er, so erregt er Trauer" (Farmer, S. 258).
Die arabisch-islamische Kultur besitzt eine Reihe von hervorragenden Musiktheoretikern, die das europäische Mittelalter und die Musikentwicklung Europas entscheidend beeinflussten. Insbesondere im muslimischen Spanien gab es eine Reihe von Theoretikern, welche die Musik­kultur in Al Andalus entwickelten, während nach Cordoba gerufenen Musiker und Musikerinnen die Musikpraxis vermittelten und Schulen bildeten.
Berühmt ist die Ankunft des Musikers Ziryàb, der gegen 845 aus Bagdad nach Cordoba kam. . Cordoba war zu diesem Zeitpunkt bereits eine Metropole, in der sich die Paläste überboten. 756 war es zur Hauptstadt eines unabhängigen Emirates geworden, das vor allem nach Syrien enge Beziehung unterhielt. Mit dem Musiker Ziryàb kommt eine ganze Schar von gelehrten Sklavinnen, die Töchter von Ziryàb genannt, welche die Erziehung der Gesellschaft Cordobas übernehmen und sie die neue Musik lehren. Sie und Ziryàb vermitteln aber auch eine allgemeine Lebenskunst. So wird etwa die Küche nach orientalischen Rezepten entscheidend verändert und erweitert; man lernt Kristallgläser zu benutzen. Möbel werden mit gepresstem und vergoldetem Leder bezogen. Die Kleidermode wird elegant und luxuriös; Gewebe und Zierstreifen für Gewänder werden importiert. Diese Einflüsse bilden den Ursprung der andalusischen Zivilisation und hatten enormen Einfluss auf die europäische Entwicklung. Wegen der Nach­frage Cordobas und anderer Städte Andalusiens nach orientalischen Importwaren wurde auch das Handelsnetz ausgebaut und reaktiviert. Märkte werden zum Treffpunkt für teils weit hergereiste Händler. Eine besondere Rolle spielte dabei eine grosser Markt, der zur Zeit der Pilgerfahrt nach Mekka dort abgehalten wurde, so dass religiöse und wirtschaftliche Bedeutung der Reise miteinander verknüpft wurden.
Ohne dass hier auf Einzelheiten eingegangen werden kann, ist festzuhalten, dass die Ausbrei­tung der arabisch-islamischen Kultur enorme wirtschaftliche und kulturelle Impulse mit sich brachte, die über Spanien und Sizilien auf Europa ausstrahlten. .
Aber unter den grossen Rechtsschulen herrschte weitgehend Übereinstimmung darin, dass mehrere Musikinstrumente, darunter auch die Schalmeiinstrumente verboten sind. Deren Zerstörung ist nicht strafbar. Musiker gelten als unzuverlässige Zeugen. Gebrauch von Musik ist nur bei wenigen Anlässen zulässig, so bei Hochzeiten, auf der Pilgerfahrt und im Krieg. Eine Ursache der ablehnenden Haltung könnte darin liegen, dass schon im heidnischen Milieu des vorislamischen Mekka die Musik einen magischen, aufreizenden Ruf hatte. Von einem Kalifen wird erzählt, er sei, als ein berühmter Sänger vor ihm gesungen habe, in solche Verzückung geraten, dass er dem Islam abgeschworen und häretische Äusserungen gemacht habe. Die durch Musik ausgelöste Ekstase und das ausser Kontrolle geraten, wie auch die Ursache dafür hat einen gemeinsamen Namen und ein Musiker ist derjenige, der diese Wirkung auslöst (Bürgel, 1991, S. 256ff.).
Farmer, H. G. (1989) gibt in seiner hervorragenden Synopsis zahlreiche Hinweise auf die Erwähnung der Rohrblattinstrumente in der islamisch-arabischen Literatur.
Während der Ausdruck Mizmar* ganz allgemein Blasinstrument, speziell ein Rohrblattinstrument meint, wobei es sich um ein Doppelrohrblatt oder eine Aufschlagszunge handeln kann bedeutet der persische Ausdruck Surna* in der Regel ein Doppelrohrblattinstrument. Das eine wie das andere ist bereits vor der Entstehung des Islam zu Beginn unserer Zeitrechnung in Arabien bekannt, was im Hinblick auf die erwähnten Ursprünge in der griechischen und römischen Musikkultur und der bestehenden Handels- und Kulturkontakte zum Mittelmeerraum auch nicht verwunderlich ist. Zur Zeit der Omajaden, in der zweiten Hälfte des 7. und der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts ist die "Rohrpfeife" auch als Begleitinstrument zum Gesang nachweisbar. Das Instrumentarium bleibt auch unter den Abbasiden (760-1528), unter denen Bagdad zum Zentrum der Kultur und des Musiklebens wurde, das gleiche, wie es schon der Musiktheoretiker Ibn Salama aufgezählt hatte und zu welchem auch die Mizmar* zählte. Nach dem Einfall der Turkstämme, die unter ihrem Anführer Seldschuk im 11. Jahrhundert den Oxus überschritten und in Kleinasien einmarschierten, den Irak besetzten und Byzanz besiegten, gehören die Rohrblattinstrumente zum nachweisbaren Instrumentarium wobei Mizmar* und Zamr die konisch gebohrten Instrumente bezeichnen für die der persische Name Surnay* lautet. Die zylindrische Doppelklarinette, heisst Dùnài3 und wird mit Aufschlagzunge geblasen. Selbstverständlich sind diese Instrumente auch weiterhin im islamischen Ägypten verbreitet, wo sie schon in der frühesten Antike beheimatet waren.

In einem 1301 erschienen Lehrbuch ist eine der vollständigsten Aufzählungen von Instrumenten in der gesamten arabischen Literatur enthalten; in einem persischen Traktat, das um 1330 entstand findet sich unter den instrumentekundlichen Hinweisen ebenfalls das Rohrblattinstrument.

In den zwischen dem 9. und 13. Jahrhundert entstandenen Abhandlungen werden zwei Tonsysteme auseinander­gehalten, ein griechisches und ein arabisches. Letzteres hat eine andere Art der Tetrachord-Teilung. Ob dies auf andere Quellen als die griechische Musiktheorie zurückgeht oder eine Weiterentwicklung derselben ist, scheint nicht klar zu sein.

Grundlage der Musikpraxis und -theorie ist die Laute, das seit der Zeit vor der Islam verbreitete und in der arabischen Musik wichtigste Instrument. Das arabische Tonsystem wird seit dem 9. Jahrhundert anhand der Anordnung der Bünde am Hals der Laute, der Ud, dargestellt. Ein Ton wird vom arabischen Musiker nicht optisch als eine Note auf einem Liniensystem konzipiert, sondern als ein Griff auf der Laute. Daher hat jeder Ton in der arabischen Musik einen Namen, der sich nicht in der oberen oder in der unteren Oktave wiederholt. Die Funktion eines Tones in der arabischen Musik hängt vom Register und von seiner Entfernung zum benachbarten Ton, das heisst vom Intervall ab und nicht von seiner absoluten Höhe. Der tiefste Ton der Skala entspricht dem tiefsten Ton im Register des Sängers. Erst im späteren 19. und im frühen 20. Jahrhundert haben Musiker der arabischen Kulturwelt versucht, arabische Musik in die Notenschrift des Westens zu übertragen. Da der Grundton nicht allgemein festgelegt war, musste man dazu eine Übereinkunft bilden. Man entschied sich zunächst für das d, später aber für das g der europäischen Tonleiter.
Die Modi des arabischen Tonsystems, die sogenannten Maquam-Reihen beruhen auf heptatonischen Tonleitern, die aus übermässigen, grossen, mittleren und kleinen Sekundenintervallen bestehen können. Die genaue Grösse dieser Intervalle innerhalb des arabischen Tonsystems wurden theoretisch berechnet. Es gibt vermutlich ebenso viele Angaben dafür, wie Theoretiker, die sich mit diesen Berechnungen befasst haben (Touma, 1975).
Diese Andeutungen zur arabischen Musik sollen an dieser Stelle auf einige Sachverhalte hin­weisen, die auch für die Schalmeimusik von Bedeutung sind. Die Laute ist nicht nur das am meisten verbreitete und geachtete Instrument, sondern sie ist auch die Basis der arabischen Musiktheorie. Daraus allein erklärt sich bereits, dass die Blasinstrumente und besonders die Schalmeien in einen ganz anderen, weniger "elitären" und "wissenschaftlichen" Kontext stehen. Touma (1975) widmet in den 185 Seiten seines als Taschenbuch gedruckten Buches den Blas­instrumenten nur zwei Seiten, davon eine der "anerkannten" Flöte, der Nay. Die Schalmeien müssen mit einigen Sätzen vorlieb nehmen.
Trotz dieser Rangordnung haben die Schalmeien in der Musik des Alltags im gesamten islamischen Kulturraum auch heute noch ihre zentrale Bedeutung, die sie zu den verschie­densten Zeiten und an den verschiedensten Zentren der islamischen Kultur inne hatten. Ihre Spiel wurde und wird – trotz aller Ächtung durch orthodoxe islamische Richtlinien – gepflegt. Durch den Gebrauch im islamischen Kulturraum haben sie seit der Zeit der Antike überlebt, im Westen wie im Osten.
Die Ausbreitung islamischer Musikkultur erfolgte unter gegenseitiger Beeinflussung mit den vorbestehenden Traditionen Ägyptens, Persiens, Griechenlands, des römischen und des punischen Reiches, der Berber und der einheimischen Bevölkerung Spaniens. Damit wurde auch das Spiel der Rohrblattinstrumente in verschiedene Varianten gegliedert.


III.10.3 Stützpunkte in Afrika

Die meisten Regionen, über deren Instrumente in diesem Buch berichtet wird, kamen während Jahrhunderten mit dem ganz Eurasien umfassenden islamischen Einfluss in Berührung und von wurden von ihm mitgeprägt. Im folgenden Abschnitt kommen einige dieser Länder zur Sprache, die nicht an anderer Stelle des Buches besprochen werden, die aber weitgehend zum Kerngebiet islamischer Kultur gehören und heute noch eine lebendige Schalmeikultur pflegen.
Afrikas Norden, die Küste des Mittelmeeres und deren Hinterland, ist eng mit der altorienta­lischen und mediterranen Entwicklung verknüpft. Das untere Niltal ist Entstehungsort der Zivilisation mit prägender Wirkung für die antike Geschichte. An der nordafrikanischen Küste bauten Phöniker Stützpunkte und der Islam fand eine frühe Heimstätte. Besonders enge Verbindungen bestanden und bestehen zur arabischen Halbinsel, dem Zwischenland zwischen Asien und Afrika, dessen Mittelmeerküste für Phönizische und jüdische Kultur offen stand, in einer Region, die ihrerseits wieder mit Mesopotamien verbunden und Mittelglied war zwischen den Kulturen von Euphrat und Tigris auf der einen, des Niltales auf der anderen Seite. Im Süden des Roten Meeres ist die Landenge so schmal, dass sich schon sehr früh Beziehungen zwischen dem Jemen und Afrika entwickelten und die Seefahrt verband den Norden des Roten Meeres mit der Küste Ostafrikas.
Im Westen bei Gibraltar sind sich Europa und Afrika so nahe, dass schon früh kulturelle Übergänge stattfanden.
Nach Süden ist die nordafrikanische Küste von ihrem Kontinent durch die Sahara nahezu getrennt und eine Nord-Süd-Verbindung war nur über das Niltal oder lebensgefährliche Wüstenstrassen möglich; letzteres seit die Römer im 1. Jahrhundert aus Asien das Kamel einführten.
Zu den frühesten dokumentierten afro-arabischen Kontakten ausserhalb des Niltales gehören die ersten Kolonien aus dem Jemen in Eritrea. Im afrikanischen Kontinent sind grosse Wanderungsbewegungen insbesondere der Bantu bekannt, sowie von hellhäutigen Viehzüchtern. Das Christentum hat in Afrika früh Fuss gefasst, zunächst in den koptischen Kirche Ägyptens, dann im 6. Jahrhundert in Nubien, sowie in Äthiopien. Nach der Entstehung des Islams auf der arabischen Halbinsel wurde Ägypten 641 eines der ersten islamischen Länder. Marokko wurde 709 von arabisch-islamischen Kriegern erobert, die in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts auch Kriegs- und Raubzüge durch die Sahara unternahmen. Im ersten Jahrtausend wurde der Sudan islamisiert. In Senegal und in Ghana tauchten die Almoraviden auf.
Ausserhalb der Mittelmeerküste folgte schon zu Beginn der arabisch-muslimischen Expansion Eroberungen in Eritrea und entlang der Swahili-Küste, die eine afro-arabo-persische Mischkultur entwickelte, allerdings ohne Ausstrahlung ins Landesinnere.


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Oboen aus Zanzibar



Die Islamisierung der Berberstämme, die ihrerseits den Islam nach Spanien trugen hat eine eigenes und zusätzliches kulturelles Element sowohl in die Geschichte des Islams wie Spaniens und damit Europas getragen.

Die Verknüpfungen der Geschichte Afrikas mit derjenigen des Mittelmeerraumes und Arabien hatte verschiedene einschneidende kulturelle Folgen. Die Kolonialisierung der nördlichen Küstengebiete drängte die berberische Urbevölkerung immer wieder ins Gebirge und in Richtung der Sahara. Die Bantu-Wanderung, die vermutlich aus dem nördlichen Kamerun im 1. Jahrhundert begann, richtete sich zunächst nach Osten, dann nach Süden und zwar westlich und östlich der Regenwälder dem Kongobecken entlang. Sie verbreiteten eine Eisentechnologie und verdrängten ihrerseits Jäger- und Sammlervölker, die in Rückzugsgebiete gedrängt wurden wie Regenwälder und Wüstengebiete. Wanderungsvorgänge spielten in der Überlieferung der Frühgeschichte afrikanischer Völker eine grosse Rolle.

Eine grosse Rolle in der afrikanischen Geschichte spielen grosse westafrikanische Reiche zwischen dem 4. und 16. Jahrhundert, von denen die Namen Ghana und Mali für moderne Staaten übernommen wurden. Diese Gross­reiche kontrollierten den Handel mit Gold, Sklaven, Salz und Lederwaren, bestanden vor allem in weiträumigen tributpflichtigen Gebieten.

Nach 1500 wanderten hellerhäutige Viehzüchter im afrikanischen Kontinent nach Süden und setzten sich unter anderem in den heutigen Gebieten von Ruanda und Burundi fest. Anfangs des 15. Jahrhunderts begann der transatlantische Sklavenhandel.

Die erobernden Einwanderungen hellhäutiger Viehzüchter vom Horn von Afrika im 16. Jahrhundert und die Errichtung von durch sie dominierten Staaten, hatte für die afrikanische Geschichte weitreichende Folgen. Die Kriegeraristokratie herrschte über die schwarzen Bantu-Bauern mit einer auf Apartheid, Rassen- und Klassenunterschiede gegründeten Gesellschaft, ähnlich wie im alten Indien nach der Einwanderung der Indoarier.
Von Europa aus begann 1419 die systematische Erforschung des Seeweges nach Indien und Afrika durch Portugal, das 1482 seine stärkste Festung an der westafrikanischen Küste baute.
Das Interesse der Portugiesen am afrikanischen Gold und später die Ausbeutung Afrikas durch den Sklavenhandel vom frühen 15. Jahrhundert an, legte die Grundlage für die spätere koloniale Ausbeutung und die furchtbaren Sklavendeportationen nach Amerika.
In diesem weiträumigen, in seiner Frühzeit vielfach noch ungeklärten geschichtlichen und geographischen Kontinent wurden Schalmeiinstrumente und Oboe in einzelnen Regionen und bei bestimmten Volksgruppen integriert. Im allgemeinen wird angenommen, dass sich die Instrumente mit dem Islam ausbreiteten, was historisch naheliegend ist. Andererseits ist auch damit zu rechnen, dass Schalmeiinstrumente schon sowohl vom alten Ägypten aus, wie durch Phöniker und später durch Griechen und Römer in Afrika verbreitet wurden.
Die Ausbreitungswege müssen, wie überall in der Welt, die grossen Kulturstrassen gewesen sein, entlang der nordafrikanischen Küste westwärts sowie über die Wüstenrouten durch die Sahara an deren Südrand und an einzelnen Stellen tiefer nach Zentralafrika hinein; südwärts entlang dem Nil, entlang der Wüstenküste des Roten Meeres und der ostafrikanischen Küste, mindestens bis Zanzibar, das kommerziell dem Gewürz- und Sklavenhandel und politisch dem Islam angeschlossen wurde
Von den anderen im islamischen Kulturraum häufigen Begriffen für die Schalmeien grenzt sich der Name Ghaita ab, der für die Oboe in Nordafrika und Spanien in Gebrauch ist und bei Ibn Battùta in der zweiten Hälfte des 14. Jahrhundert erwähnt ist, der das Instrument mit der Surnay der Mogulherrscher gleichsetzt. Der Name Ghaita hat sich in Spanien, Marokko und Algerien erhalten, während im südlichen Tunesien der Name Zammara* und in Konstantin der Name Zurna* in Gebrauch ist.
Die einfache, wie die gedoppelte Klarinette wird in Nordafrika wie auch in auch mit einem Ziegenhorn als Schalltrichter versehen. Eine Doppelklarinette dieser Art mit zwei Trichtern ist die libysche Magrùna* in der Cyreneika, die dort so sehr heimisch ist, das man mitunter vom Tanz grundsätzlich als Tanz zur Magrùna* spricht. Das Instrument wird auch zur Begleitung des Gesangs benützt, wobei es die Melodie mit Verzie­rungen umspielt. (Collaer & Elsner, 1983, S. 76). Das Instrument, das in ganz Nordafrika vorkommt, trägt auch den berberischen Namen, Agànim.

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Hornklarinett
Beim Spiel werden die beiden, auf gleicher Höhe gebohrten Löcher der zwei Pfeifen, miteinander vom gleichen Spielfinger abgedeckt. Da die Töne beider Spielröhren leicht differieren, entsteht der besondere Schwebungseffekt, der für gedoppelt gespielte Instrumente charakteristisch ist. Die Spiellöcher einer Pfeife können aber auch so abgedeckt werden, dass diese als Borduninstrument die auf der anderen Pfeife gespielte Melodie begleitet.
Dudelsäcke im Raum Nordafrikas, insbesondere auch in Algerien, die sehr einfach gebaut sind, zeigen durch ihre Bauweise noch besonders deutlich die Verwandtschaft mit dem ohne Windbehälter gespielten gedoppelten Schalmeiinstrument.
Die Oboe kommt (Collaer & Elsner, 1983, S. 80) in Libyen vor und ist auch ein traditionelles Instrument bei den Tuareg, die sich von anderen berbersprachigen Stämmen abgrenzen. Sie begleitet bei bestimmten Stämmen die Tänze der Männer, die dabei mit einem schwarzen oder blauen Tuch ihr Gesicht verhüllen und Mäntel aus dem für die Tuareg typischen Indigo gefärbten tiefblauen Stoff tragen, während die Frauen sich in der Öffentlichkeit unverschleiert zeigen.
Während in Libyen ein Dudelsack unter dem Namen Zukra in Gebrauch ist, meint derselbe Name in Tunesien die Oboe.
Die tunesische Oboe, die Zukra ist häufig aus Kirschbaumholz und entspricht anderen in diesem Buch abgebildeten Instrumenten Nordafrikas und der Türkei. Sie ist Bestandteil des festlichen Instrumentariums und wird, wie in allen islamischen Ländern, zur Hochzeit gespielt. Begleit­instrument ist die ebenfalls in anderen Ländern Nordafrikas gebräuchliche Rahmentrommel Bendìr, die unter verschiedenen Namen in vielen islamischen Ländern bekannt und bereits auf altgriechischen Vasen abgebildet ist. Es ist das gleiche Instrument, mit dem die jemenitischen Geschichtenerzählerinnen ihre Balladen begleiten.

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Tunesien: Zukra und Trommel spielen für Touristen
Ihre wichtige Rolle als Instrument der Tanzmusik spielt die Schalmei in Nordafrika besonders perfekt, und zwar für Gruppentänze sowohl der Männer wie der Frauen "... Musik und Tanz (sind) in vielen Fällen untrennbar miteinander verbunden, etwa in den Tanzliedern, die von den Tänzern selbst gesungen werden, im rhythmischen Händeklatschen und Fusstampfen als Teil des Tanzes und anderem mehr. Besonders die gebirgigen Regionen, die riesigen Hochebenen zwischen Tel- und Saharaatlas, die unermesslichen Weiten der Sahara mit ihrer Abgeschieden­heit, Unzugänglichkeit und ihrem bis in die neuere Zeit wenig entwickelten Verkehr bergen einen grossen Reichtum an musikalischen und tänzerischen Traditionen. In ihrer Bindung an relativ kleine autarke Gemeinschaften konnten sie ihre Ursprünglichkeit und Authentizität bewahren und Eigenarten in stiller Entwicklung ausbauen. Die Tänze sind ein wichtiger Bestandteil der sozialen Existenz der Gemeinschaften. Sie festigen sie, sie kennzeichnen Wende- und Höhepunkte im Leben des Einzelnen und der Gemeinschaft, sie fördern die materielle und geistige Bewältigung der Natur und des Austausches mit ihr. Hochzeiten, Geburten, Beschneidungen, Bewässerung, Aussaat, künstliche Bestäubung und Ernte, Waffengang, religiöse Zeremonien und anderes mehr sind Anlass zum Tanz. Wesentlich an den Tänzen ist ihr kollektiver Charakter. Er manifestiert sich sowohl in verschiedenen Figuren und Aufstellungen tanzender Gruppen als auch in der freien Ablösbarkeit der jeweils Tanzenden durch andere an der Zeremonie Beteiligte" (Collaer & Elsner, 1983, S. 112). Diese Ausführun­gen, hier für das östliche Algerien formuliert, lassen sich sinngemäss auf andere Schalmeikulturen übertragen.
Im Bilderatlas von Collaer & Elsner (1983) ist aus dem Nationalen Antiken Museum in Algier eine besonders schöne, mit getriebenen Silberverzierungen geschmückte Oboe abgebildet, welche an die Silberarbeit des in diesem Buch aus Nordindien wiedergegebenen Instrumentes erinnert. Besonders schön verzierte Instrumente, die für Vorstellungen bei reichen Machthabern hergestellt wurden, sind heute nur noch in einzelnen wenigen in der Welt verstreuten Museen zu sehen. Einen Nachgeschmack davon geben die Einlegearbeiten, wie sie noch heute in Kashgar ausgeführt werden.
Auch in Algerien ist die Volksoboe, wie in anderen Ländern Nordafrikas, zentrales Musik­instrument festlicher Anlässe. "Dankfeste, Fruchtbarkeitszeremonien für Natur und Mensch, Blüten- und Erntefeste, Hochzeiten, Geburten, Beschneidungen, religiöse Riten und Feste und anderes mehr fordern Inkantationen, musikalische Symbole und Wirkungen, kollektive Vereinigungen durch Musik und Tanz, lustvolle Organisierung von Handlungsabläufen, durch Gemeinschaft und Geschichte entwickelte und akzeptierte Formen der Unterhaltung und Belehrung, festliche Erhöhung durch in tiefer Tradition verankerte Gesänge und Tänze." (Collaer & Elsner, 1983, S. 116). Als Beispiel berichtet Elsner (1983) vom Dattelfest, das in Oasen Algeriens, wie Touggourt im Frühjahr zur Zeit der Dattelblüte stattfindet.
"Es ist die Zeit der künstlichen Befruchtung der weiblichen Blüten der Dattelpalmen, die in vielen Orten der Wüstengebiete die Grundlage der Existenz bilden. Noch heute stimmen die Männer, die um die Mittagszeit hoch in die Palmen steigen und die in der Hitze voll aufgegangenen Blütenstände mit den Pollenträger der männlichen Palmen schlagen und dadurch zu hoher Fruchtbarkeit bringen, bestimmte rituelle Gesänge an. So unterschiedlich ihre Gestalt auch je nach Gebiet sein mag, sie haben alle den gleichen Zug eines Sühneopfers, das den Segen Allahs und des Propheten auf die lebensnotwendige Palme herabziehen soll. Die Befruchtungsgesänge heiligen gewissermassen den lebenswichtigen Arbeitsvorgang und seine Wirksamkeit, durch den, der bei natürlicher Bestäubung nur dürre Ertrag auf eine Ausbeute von ein bis zwei Zentnern pro Baum gesteigert wird. Verbreitet sind auch Kirschenfeste und Orangenfeste, die in den nördlichen Regionen der Obsternte gelten und im Spätfrüh­jahr abgehalten werden". Es gibt auch Hammelfeste, Teppichfeste und "grosser Beliebtheit erfreuen sich die mit der Neubelebung der Natur verbundenen Frühlingsfeste, die in manchen Orten gefeiert werden. Sie sind in der Gewalt ihres Antritts, in ihrer Blütenpracht und Lieblichkeit, aber auch in ihrer Bedeutung für das Leben der Menschen wunderbaren Jahreszeiten gewidmet. Sie finden gewöhnlich in der Osterwoche statt und werden mit Jahrmärkten, Festveranstaltungen, Musik, Tänzen und Wettkämpfen erhöht" (S. 116). Auch unter Touristen bekannt geworden ist das Frühlingsfest von Laghouat. In diesem Umfeld der Verbundenheit mit der Natur und dem Jahreslauf ist die Musik der Schalmei anzusiedeln. Dies ist der Kontext, den die Musik nicht nur in der Antike, sondern bis in die jüngste Zeit hinein hatte. Auch in Westeuropa haben sich Festgewohnheiten erhalten oder sind wieder aufgegriffen worden, die an Jahreszeiten gebunden sind und damit den früheren Brauch von Frühlings- oder Erntefesten fortführen(z. B. das Ostereiersuchen oder die symbolische Verbrennung des Winters in Form eines Watteschneemannes am Zürcher "Sechseläuten"), freilich in der Regel ohne, dass eine enge persönliche Verbundenheit der Festteilnehmer mit der Natur besteht.

Ein weitere wichtige traditionelle Gelegenheit für die Schalmeimusik bieten in Algerien, wie in anderen nord­afrikanischen Ländern und in Ägypten, Reiterspiele und der Pferdetanz. "Insbesondere spielt das Pferd bei den Nachfahren der im Hoch- und Spätmittelalter aus dem Osten eingedrungenen Hilàl-Beduinen auf den Hochebenen, im Gebiet des Saharatlas, des Djebl-Amour, der Monts des Oulad Näil und in den Oasen der angrenzenden Sahara eine grosse Rolle. Bekannt durch ihre Pferderennen und Reiterturniere sind heute die Feste in Aflou am Djebl-Amour, zum Hammelfest in Djelfa und die als fantasia bezeichneten Veranstaltungen mit Pferden an den Frühlingsfesten in Laghouat und Ouargla."

"Zu einer fantasia gehört auch der Pferdetanz, eine ebenfalls alte und in den arabischen Ländern allgemein zu findende Tradition. Hier werden Dressurleistungen vorgeführt, bei denen einzelne Pferde im Rhythmus der Begleitmusik die Füsse in verschiedenen Kombinationen heben und setzen. Als begleitendes Instrumental­ensemble ... dient das Duo Ghaita und Gellàl*, die röhrenförmige Gefässtrommel. Die Oboe Ghaita führt auch Karawanen und festliche Umzüge an und spielt auch bei Pilgerfahrten und Empfängen." (Collaer & Elsner, 1983, S.120).


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Marokko: Oboen (Ghaita)



In Marokko habe wir auf der Place Djemaa El Fna, dem am Eingang zum Bazar gelegenen Zentrum der Stadt, wie alle Touristen, die Marokko besuchen, die Schlangenbeschwörer bestaunt, deren Instrument die Volksoboe, die Ghaita oder Rhaita ist. Gerne legen sie dem Touristen, von rückwärts kommend leise eine Schlange um den Hals, um ihn zu erschrecken; zu ihren Einnahmen gehört, dass sie sich jede Fotografie bezahlen lassen. Neben dieser folkloristischen Vermarktung hat die Oboe in Marokko ihren festen Platz im traditionellen Leben. Die Musiker haben ihr Quartier im Bazar, wo die einzelnen Musikerfamilien kleine Läden führen, in denen nicht nur Instrumente verkauft, sondern auch Musiker für festliche Gelegenheiten angeheuert werden. Ganz spontan wurden wir im Laufe eines Gespräches mit dem Ältesten von einem jüngeren Vertreter der Musiker­familie eingeladen, ihn an eine Hochzeit zu begleiten. Im Marokko kommen auch verhältnismässig grosse Orchesterformationen vor, einer der vielen Belege dafür, dass die Volksoboe keineswegs nur Soloinstrument ist. (The Mastermusicans of Jajucca).(T)

Im marokkanischen Tanger fand ich auch jene kleine Oboe, die, aus einem Bambusrohr geschnitten und mit einem Doppelrohrblatt gespielt, dem antiken Aulos noch sehr nahe stehen dürfte.
Eine besondere Gelegenheit für Musik sind in Marokko die Feste, welche als Moussem bezeichnet werden. Es sind Verbindungen von religiösen Zeremonien und Pilgerfahrten aus Anlass des Geburtstags oder Todestages eines regionalen islamischen Heiligen, eines Marabu und jahreszeitlichen Festen, die auf einer Agrartradition, wie Frühlingsfest und Erntedankfest beruhen. Es sind Feierlichkeiten, welche die Beziehung zum Transzendenten, zum Heiligen, stärken und Hilfe bringen sollen, um Wohlergehen und Fruchtbarkeit zu gewährleisten; zentrale Lebensereignisse, Geburt, Beschneidung und Heirat sind in den Kontext einbezogen. Dabei werden seit im 12. Jahrhundert, als die Feier des Geburtstages von Mohammed eingeführt wurde, vorislamische Riten mit diesem verbunden. Es gibt in Marokko über 600 solche Mussems jährlich (Reysoo, 1991). Ein Moussem kann Anlass für eine Phantasia sein (siehe oben). Schalmeimusik auf der Oboe spielt bei den meisten Moussems eine offenbar so zentrale Rolle, dass Reysoo in seiner diesen Festen gewidmeten Monographie aus dem Jahr 1991 zwei von Menschen umringte Schalmeispieler für das Umschlagbild seines Buches ausgewählt hat.
Nach Lièvre, (1987), wird die Oboe auch von den religiösen Bruderschaften der Aissaoua und Hamadcha neben Längsflöten verwendet.
Bei den ersteren spielt sie in dem als Hadra bezeichneten Ritual eine besondere Rolle. Es besteht aus zwei Phasen. Die erste ist vorwiegend ein spiritueller Chorgesang, in welchem Koranverse psalmodiert und mystische Gedichte oder Lieder gesungen werden. Allmählich treten Instrumente dazu, die zur zweiten Phase, der Hadra im eigentlichen Sinn, überleiten. Diese beginnt mit einem Tanz, bei welchem sich einzelne Tänzer aus der Gruppe lösen und in Trance fallen. In einem nächsten Schritt begeben sich die Mitglieder auf eine spirituelle Reise und treten in vertieften Kontakt mit den angerufenen Heiligen. Für die Herbeiführung des Trancezustandes ist die Oboe neben der Trommel wesentlich. Sie ist auch bei fakirartigen Praktiken mit Feuer und Eisen beteiligt, die als Initiationsriten durchgeführt werden.
Bei der Bruderschaft der Hamadcha ist das Hadraritual ähnlich. Die Oboe leitet, mit fortschreitendem Ritual die Trance ein und begleitet sie. Mitglieder beider Bruderschaften werden auch als Heiler angerufen.

Bei diesen von Lièvre beschriebenen Ritualen islamischer Mystik ist die sakrale Wirkung ersichtlich, welche die Oboeninstrumente schon bei den Feiern zu Ehren des Dionysos und der Kybele im Altertum hatten, eine sakrale Bedeutung, welche das Instrument auch in Indien, Tibet und anderen Ländern weitgehend behalten hat. Sie ist, wie auch an anderer Stelle dieses Buches ausgeführt wird, in der westlichen Welt auf die Orgel übergegangen.
Von der therapeutische Wirkung der Schalmei wurde uns auch, wenigsten indirekt, am anderen, südlichen Rand Afrikas, auf der Insel Zanzibar im Zusammenhang mit Heilungs­praktiken der Naturärzte berichtet; allerdings gelang es uns nicht, mit den traditionellen Heilern, welche das Instrument spielten, selbst in Kontakt zu kommen. Zwei längere Fahrten, die eine auf einem einheimischen kleinen Segelkanu der Küste entlang, die andere, eine nächtliche Auto­tour von mehreren Stunden durch den Urwald, haben uns wohl zu den Orten geführt, wo Heiler zu Hause waren. Aber beide Male wurde uns beschieden, sie seien nicht zu sprechen. Ob sie sich tatsächlich auf Krankenbesuch befanden oder nur nicht gewillt waren, sich mit ausländischen Touristen zu unterhalten, konnte ich nicht klären. Es wurde uns gesagt, das Instrument werde von Musikern, bzw. Heilern gespielt, die eine arabisch-islamische Abstammung hätten und dem Islam angehören. Die Instrumente von Zanzibar haben durch ihren grossen, hölzernen Schalltrichter einen sehr eigenen Charakter, sowohl formal wie klanglich. Sie haben eine gewisse Ähnlichkeit mit den grossen, trompetenartigen Instrumenten, die unter dem Namen Karna von der schwarzen Bevölkerung in der Region von Basrha im Südirak gespielt werden. Zanzibar ist geschichtlich mit dem Sultanat von Oman, d.h. mit Südarabien verbunden, war dem Gewürzhandel entlang der ostafrika­nischen, arabischen und indischen Küste angeschlossen, sowie eine Zwischenstation im Sklavenhandel. Auch im Hinterland der Zanzibar gegenüber liegenden Küste von Kenia und in Tansania kommen Oboeninstrumente lokal vor.
Oboe und Rohrklarinette sind auch Bestandteile der Musik, die M. Brandiliy 1963 in der Landschaft von Kanem auf dem Gebiet der Republik Tschad in Zentralafrika aufge­nommen hat. (An Anthology of African Music, Tschad, BM 30 L 2309). Diese Landschaft erstreckt sich vom nordöstlichen Ufer des Tschadsees bis zu den Ausläufern der Sahara.
Das Gebiet wird durch zwei grosse Karawanenstrassen durchzogen, deren eine Gold, Elfenbein und Sklaven an die Küste beförderte, während die andere von Pilgern nach Mekka und für einen regen Handelsaustausch benützt wird. In mehreren Wellen drang eine hellhäutige Bevölkerung aus dem Osten und Norden ein und durch die Islamisie­rung des Herrschers im 11. Jahrhundert wurde die Beziehung zu Mekka und Tunis enger geknüpft. In dieser Landschaft mischen sich verschiedene Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher Hautfarbe; dazu kommt ein System von Kasten, deren eine Nachkommen Gefangener sind. Der Oboenspieler auf der genannten Plattenaufnahme ist einer von ihnen. Auf der gleichen Schallplatte sind Aufnahmen einer Rohrklarinette wiedergegeben, auf welcher der Spieler, obwohl das Instrument nur ein Spielloch hat, eine Melodie hervorbringt, von der die Musikforscherin schreibt: "Auf diesem einfachen kleinen Rohr kann man Töne erzeugen, die durch ihre sanfte Zartheit entzücken."
Die Oboe ist auch bei den Fulani von Kamerun heimisch. Sie bilden in der Savanne und im Sahelgürtel Westafrikas eine der grössten Volksgemeinschaften von etwa sechs Millionen, die aber nicht homogen ist. Die Oboe, welche sie spielen, ist, wie die meisten Instrumente am Südrand der Sahara, von einer ebenso charakteristischen, wie ursprünglichen Form. Sie hat vier Spiellöcher und einen Trichter aus einem in geeigneter Form gewachsenen Kürbis. Das Verbindungsstück zum Rohrblatt ist lang. Die Form des Trichters erinnert an die Oboe, die in den mittelalterlichen "Cantigas ", abgebildet ist, eine der frühesten Abbildungen einer Schalmei, im christlichen Spanien. Diese Form der Alghaita, wie das Instrument am Südrand der Sahara heisst, ist vor allem bei den Haussa in Gebrauch. Es wird zusammen mit Trompete und Rhythmusinstrumenten gespielt. Das Zusammenspiel mit der Trompete erinnert an europäische, mittelalterlich Aufführungspraktiken . Bemerkenswert ist, dass die in der Monographie von Bebey (1984) abgebildeten Längsflöten zum Teil einen gleichen Trichter zeigen, wie sonst die Oboen.
Auf einer Reise durch Mali, wo in Timbuktu die Route aus der Sahara ins Innere Afrikas auf die Wasserstrasse des Niger trifft, haben wir uns bemüht Schalmeien oder deren Musiker zu finden, was uns jedoch nicht gelang. Einerseits lag die Region für das Vorkommen der Rohrblattinstrumente schon zu westlich, da sie in Westafrika nicht verbreitet zu sein scheinen. Andererseits dürft sich das Instrument wie viele Elemente der angestammten Kultur, in umschriebene, schwierig zugängliche Regionen zurückgezogen haben. Einheimischen, die entweder im Norden oder im Osten des Kontinentes gereist waren, war das Instrument bekannt, wurde aber von ihnen als nicht zur Musikkultur Malis gehörend bezeichnet.
Das Vorkommen der Schalmeien und insbesondere der Oboe in der afrikanischen Musik dürfte für die afrikanischen Ursprünge des Jazz eine übersehene kulturgeschichtliche Bedeutung haben. Die grosse Stärke der schwarz- afrikanische Musik liegt bekanntlich in der phantastischen Vielfalt der getrommelten, geklatschten und gestampften Rhythmen die mit Chor- und Sologesang verbunden werden. Die Schalmei, als der menschlichen Stimme verwandtestes Instrument, kann den Gesangspart übernehmen. Durch das Zusammentreffen ihrer Melodietradition mit den Rhythmustraditionen in weiten Regionen Afrikas entstand wohl einer der Nährböden für die Verbindung der Perkussion mit Klarinette und Saxophon im Jazz .


III.10.4 Anhänge

III.10.4.1 Germanische Völkerwanderung und Nachfolgestaaten auf dem Boden des Weströmischen Reiches, 375-568
[nach Geiss (1989)]
Volk
Herkunft
Wohngebiete bis 375 / Religion
Wanderungen / Zwischenaufenthalte, nach 375
Ostgoten
Skandinavien (Südschweden) ("Gotland")
Weichselmündung (vermutlich ca. 50 v. Chr.); Südrussland (nach 150 n. Chr.) Trennung Ost-/Westgoten (269):Arianisch
Vasallen der Hunnen (375-454); in Pannonien angesiedelt (457); Abzug zum Balkan (469), nach Italien (489): Sturz Odoakers (490/93)
Westgoten
Skandinavien (wie Ostgoten)
Wie Ostgoten: Trennung (269): nördl. und südl. der unteren Donau (332/48): Arianisch.
Flucht vor Hunnen ins Römische Reich (376): Foederati in Thrakien / Moesien (382); zweite Flucht vor Hunnen: In Griechenland (369) und vor Konstantinopel: Teilweise von Oströmern massakriert (400): Über­lebende nach Westrom abgelenkt: In Italien (401): Rückzug Roms vom Rhein (405) und aus Britannien (407), Rom geplündert (410); in Südgallien (412), Spanien (416); um für Westrom Wandalen zu vertreiben
Sueben "Schwaben"
Südl. freies Ger­manien; aus ihnen gingen u. a. Ale­mannen hervor
Freies Germanien
Ein Teil von Mainz über den Rhein (406/7), mit Alanen und Wandalen: Durch Gallien nach Spanien (409)
Burgunder
Skandinavien (Südschweden) "Burgundaholm" = Bornholm
Zwischen unterer Oder und Weichsel (1. Jh. n. Chr.); am Schwarzen Meer 8ca. 250): Arianisch
Im südl. Hessen, rechts des Mittelrh­eins (ca. 400): Überschritten Rhein (406/7)
Wandalen
(Vermutlich) Skandinavien (Südschweden)
Schlesien (1. Jh. n. Chr.); an oberer/mittlerer Theis (ca. 270); unter Druck der Westgoten nach Pannonien - im Römischen Reich (334)
Abzug nach Westen (ca. 400), ver­stärkt durch Alanen: Überschritten Rhein bei Mainz (406/7): Durch Gallíen nach Spanien (409): Aria­nisch. Von Westgoten vertrieben (429)
Alanen
Iranisches, nicht germanisches Reitervolk
Südostrussland (1. Jh. n. Chr.) Teile im Kaukasus: Osseten
Flucht vor Hunnen nach Westen (ca. 370): Mit Sueben, Wandalen über Rhein (406/7)
Gepiden
Abspaltung von Goten
Blieben, nach Abzug der Goten, zunächst an Weichselmündung (nach 150); am Nordhang der Karpaten (ca. 200)
Wie Ostgoten Vasallen der Hunnen (ca. 400); kämpften unter Attila auf den Katalaunischen Feldern (451)
Angeln
Landschaft Angeln ("Winkel" = "Angel" zwischen Schlei, Ostsee und Flensburger Förde) Niedersachsen Jütland
Vom Hunnensturm nicht direkt tangiert Germanische Stammes­religion
Füllten nach Abzug der Römer aus Britannien (407) entstandenes Machtvakuum aus, anfangs als Söldner für christ., romanisierte Briten gegen keltische Pikten und Skoten (ab 449)
Franken
Westliches freies Germanien
Rechts und links des Mittel- und Niederrheins, teilweise als Foederati in römischen Grenz­gebieten (291ff.); Germanische Stammesreligion
Zunächst nur zögernde Expansion; Eroberung Galliens (481 ff.)
Lango-barden
(nach eigener Über­lieferung) aus Süd­schweden
Auswanderung (ca. 100 v. Chr.) an Elbmündung (um Chr. Geb.); Abzug nach Süden (vor 166); Germanische Stammesre­ligion
Expansion nach Südosten (ca. 400); nördl. von Noricum (ca. 490); arianisch (500); zerschlugen mit Awaren Gepidenreich (567): Von Awaren aus Pannonien abgedrängt
III.10.4.2 Daten zu Byzanz
Um 200 n u. Z.:
Blüte der Christlichen Hochschule von Alexandrien. Gegen den Widerstand einer orthodoxen Richtung setzt sich die bildliche Darstellung im Gotteshaus durch, wovon Malereien in christlichen und jüdischen Andachtsräumen und Kathakomben zeugen. In der Musik beginnt mit Clemens von Alexandria die Polemik gegen die heterophone (alexandrinische) Musik; das Kirchenlied wird noch nach weltlichen Melodien gesungen mit instrumentaler Begleitung. Arabische Tanzmusik, Musik aus dem Sudan und der Kultur der Schwarzafrikaner gehören zu den Einflüssen.
Das geistliche Lied der östlichen Religionen, der Manichäer wie der Juden kennt aber keine instrumentale Begleitung und gewinnt an Einfluss auf das christliche Kirchenlied.
324 bis 337 n u. Z.:
Konstantin I gründet die Reichskirche und baut diese aus, Gründung einer Universität in Konstantinopel. Basilika und Rundbau bestimmen den Kirchenbau.
395 n u. Z.:
Offizielle Trennung des Ostreiches vom Westreich.
Ende des 5. Jh. n u. Z.:
Aus dem Kirchenraum werden Relief und Vollplastik verbannt, die in der Folge nur noch an der Peripherie des Reiches, etwa in Oberitalien, in Armenien und Georgien im kirchlichen Raum geduldet werden.
476 n u. Z.:
Untergang des weströmischen Reiches und Bildung einer Reihe von Germanenreichen auf dessen Boden.
527 bis 565 n u. Z.:
Justinian I, Rückgewinnung von Gebieten in Italien und Afrika. Krieg mit Persien mit dem Ziel, den Handels­weg nach Indien zu sichern. Justinian schliesst auch die Universität Athen und die Hochschulen werden klerikalisiert. Aus der Mitte des 6. Jh.stammt die älteste erhaltene Ikone (aus Aegypten). In diesem Jahrhundert wird auch die Einstimmigkeit der Hymnen festgelegt in Anlehnung an die geistlichen Lieder des Judentums. Aus jüdischen Rezitationszeichen entsteht die byzantinische Notenschrift (Neumen). In Konstantinopel wird die Hagia Sophia gebaut und in San Vitale in Ravenna entstehen die byzantinischen Fresken.
602 bis 641 n u. Z.:
Zusammenbruch des byzantinischen Reiches und anschliessende Reorganisation. In den 70-iger Jahren und zu Beginn des 8. Jh. Belagerung von Konstantinopel und erfolgreiche Verteidigung gegen die Araber.
730 n u. Z.:
Die Universität Konstantinopel wird geschlossen. Es kommt zum Bildersturm im Gefolge des 726 begonnenen Bilderstreites, der 842 beigelegt wird.
9. Jh. n u. Z.:
Slavenmission. Bulgarien, die Vormacht des Balkans, entscheidet sich für das griechisch-orthodoxe Bekenntnis. 860 wird die Universität Konstantinopel neu gegründet. Der byzantinische Fernhandel nach dem Westen wird ausgebaut. Aufstieg. Venedigs durch den Vertrieb byzantinischer Waren im Abendland und Beginn der venezianischen Handelsverbindungen mit der islamischen Staatenwelt.


10. und 11. Jh. n u. Z.:
Russland nimmt das griechisch-orthodoxe Christentum an und das byzantinische Reich gerät unter die doppelte Bedrohung durch die Seldschuken in Kleinasien und die Normannen in Europa. 1082 Handelsvertrag mit Venedig. Im 11. Jh. wird die feste Liturgie eingeführt, was zum Ende der Kirchenlieddichtung führt. Die Universität Konstantinopel wird reorganisiert. Aus dem 9. bis 11. Jh. stammen kunstgeschichtlich bedeutende Mosaiken in byzantinischen Kirchen, beispielsweise in der Hagia Sophia, in Hosios Lucas, in der Cappella Palatina in Palermo und im Dom von Cefalú.
l2. Jh. n u. Z.:
Im Gefolge der Verbindungen zwischen Venedig und Byzanz entstehen die Mosaiken von San Marco in Venedig, während die selbständige byzantinische Wirtschaft unter dem Druck der italienischen Seestädte aufgelöst und die byzantinische Souveränität durch Sonderverträge eingeschränkt wird.
l3. Jh. n u. Z.:
Im vierten Kreuzzug (1202 bis 1204) wird Konstantinopel erobert und ein lateinisches Kaiserreich gebildet. Nachdem Konstantinopel dann wieder verloren wurde, wurde es 1261 zurückerobert und 1274 kommt es zur Union zwischen byzantinischer und römischer Kirche. Im 14. Jh. kommt es zum Niedergang Byzanz', das zwischen dem sich bildenden osmanischen Reich und den Nationalstaaten auf dem Balkan (Serbien, Bulgarien und Ungarn) allmählich aufgelöst wird. In der Musik wird auf den Geschmack der Spätantike zurückgegriffen und der Einfluss albanischer Einwanderer auf die griechische Musik spürbar.
1443 n u. Z.:
Konstantinopel wird durch die Türken erobert. Einzelne griechische Gebietsteile leben als Inseln byzantinischer Kultur unter venezianischer Herrschaft bis in das 18. Jh. weiter.
III.10.4.3 In Europa verbreitete Arabische Worte
[nach Nabil (1992)]
Algebra, Alkohol, Amalgan, Amulett, Aprikose, Arsenal, Artischocke, Atlas, Aubergine
Baldachin, Benzin, Bohne
Caffee, Chemie, Chiffre
Damast, Diwan
Ebenholz, Elixier, Estragon
Fakir
Gala, Gaze, Gazelle, Giraffe, Gitarre
Havarie, Hure
Ingwer
Jasmin, Joppe
Kadi, Kamel, Kampfer, Kandis(zucker), Kaper, Karaffe, Kümmel, Kuppel
Lack, Laute, Lila, Limonade
Magazin, Makramee, Mandoline, Marzipan, Maske, Massage, Matraze, Monsun, Mumie, Mütze, Myrrhe
Naphtalin, Natron
Orange
Papagei
Rasse, Razzia, Risiko
Safari, Safran, Sandelholz, Satin, Sheriff, Sesam, Sirup, Soda, Sofa, Spinat, Sultanine
Tablar, Talisman, Tambourin, Tarif, Tasse
Watte,
Zenit, Ziffer, Zucker, Zwetschge
III.10.4.4. Der Markt von Sanaa
[Daum (1987), S. 358-360]
"Sanaa war 1975 in 54 ältere Stadtviertel und 12 neuere Stadtviertel gegliedert. Ein Stadtviertel kann als eine Lokalgruppe bezeichnet werden, die aus abstammungsmässig verschiedenen und grösstenteils nicht miteinander verwandten Familienverbänden besteht. Die Stadtviertelorganisation konstituiert sich auf dem Prinzip nachbar­schaftlicher Beziehungen, d.h. der reziproken Hilfeleistungen. Die Mitglieder eines Stadtviertels sind zu dieser Beistandsgewährung verpflichtet. Sie inkludiert im wesentlichen materielle Gaben an Arme oder in Not geratene Angehörige des Stadtviertels, ferner Spenden für Hochzeitsfeiern und die Bestreitung von Begräbniskosten. Diese Hilfeleistungen werden nicht direkt den Betroffenen übergeben, sondern durch den gewählten Aqil des Stadtviertels verteilt. Die Zugehörigkeit zum Stadtviertel, die durch Geburt erworben wird, ist keine dauernde. Gegenüber den Regelungen in anderen südarabischen Städten dürfen in Sanaa die Mitglieder eines Stadtviertels ohne Genehmigung des Aqil wegziehen und sich in einem anderen Stadtviertel niederlassen ... .
Der Markt von Sanaa gehört zum Typus der ungedeckten Märkte; die Werkstätten und Geschäftsstrassen bilden einen Kern, um den die peripheren Märkte gruppiert sind. Die gegenwärtige Marktgliederung ist das Ergebnis mehrerer zeitlich verschiedener struktureller und räumlicher Veränderungen. Diese Wandlungen sind im engen Zusammenhang mit dem Aufkommen neuer Bedürfnisse, z.B. Qat-Kauen, Gebrauch von Feuerwaffen, mit der Erweiterung des Importhandels und der Ausdehnung der wirtschaftlichen Beziehungen mit dem ländlichen Hinterland zu sehen.
Der Marktkern hebt sich scharf getrennt von den ihn umgebenden Wohnvierteln ab und ist in 45 Märkte mit spezifischen Produktionsstätten und einem reichhaltigen Handelswarenangebot unterteilt. In dieser Branchen­gliederung sind Produktionszonen und Handelszonen zu unterscheiden, deren Grenzen allerdings voneinander nicht scharf getrennt verlaufen. Das Marktareal darf während der Nacht nicht betreten werden.
Innerhalb des Marktkerns sind auch die für das wirtschaftliche Geschehen eines Marktes wichtigen Institutionen lokalisiert, die Zollämter und das gegenwärtig nicht mehr verwendete Gelddepot. Heute bedienen sich die Kauf­leute für den Geldverkehr der Bankhäuser, die ausserhalb des Marktareals liegen.
Zu den weiteren wirtschaftlich wichtigen Einrichtungen zählen die 38 Warenlager; 14 befinden sich innerhalb des Marktareals, die restlichen wurden entlang der Zufahrtswege zum Markt erbaut. Die peripheren Märkte liegen an den Einfallsstrassen zum Marktkern, sie sind Orte des ambulanten Handels, wenn sich auch heute schon verschiedene Geschäftslokale dort etabliert haben... .
Die einzelnen Branchen bilden, sozial gesehen, Allianzgruppen, deren Zusammenhalt aus den gemeinsamen sozio-ökonomischen Interessen resultiert. Terminologisch werden die einzelnen Branchen nach dem jeweiligen Handwerkszweig oder nach dem betreffenden spezifischen Warenangebot unterschieden, z.B. Tischlermarkt oder Stoffmarkt etc... . Die Allianzgruppen werden z.B. als "Leute des Stoffmarktes" umschrieben.
Alle Mitglieder einer Allianzgruppe sind bezüglich ihrer Rechte und Pflichten gleichgestellt; sie finden sich zu Versammlungen ein, in denen für alle Mitglieder als verbindlich erachtete Beschlüsse gefasst werden. Jeder Allianzgruppe seht ein Aqil vor, der von den Mitgliedern gewählt wird. Die Resolution einer Tischlerversamm­lung als Beispiel vermag die Funktion einer Allianzgruppe auf dem Markt zu veranschaulichen. Der Hauptakzent dieser Resolution liegt auf den Regelungen des Holzimports und der gerechten Verteilung des Holzes an die Mitglieder dieser Vereinigung. Die Einfuhr des Holzes wird durch die Unterbindung des individuellen Holzein­kaufs kollektiv kontrolliert. Eine eingesetzte Kommission wacht über die Verteilung des Holzes, das in zwei Magazinen, die Gemeineigentum der Allianzgruppe sind, gelagert wird. Durch die kontrollierte Verteilung des Holzes werden die gleichen Voraussetzungen für alle Tischler bezüglich ihrer Konkurrenzfähigkeit geschaffen.
Die übergeordnete Instanz aller kaufmännischer Allianzgruppen bildet heute die Handelskammer, die seit 1963 die Versammlung der Kaufleute abgelöst hat. Jedes zweite Jahr versammeln sich die Kaufleute, um die Vertreter in die Kammer zu wählen. Diese nominieren dann aus ihrer Mitte den Vorsteher der Kammer. Ausser der Interessen­vertretung fallen folgende Aufgaben in den Zuständigkeitsbereich der Kammer: Preisüberwachung ausländischer Waren, Einheben der Zakat-Steuer und schliesslich die Wahl und Bezahlung des Shaykh al-Layl, der für die Sicherheit im Handelssektor des Marktes während der Nacht verantwortlich ist. Der Shaykh al-Layl muss für dieses Amt folgende Voraussetzungen besitzen: In der Beurteilung der Kaufleute muss er als vertrauenswürdig gelten, da ihm Güter anvertraut werden; er muss aber auch in der Lage sein, die Bürgschaft für diese Güter zu übernehmen. Die letztere Forderung leitet sich aus seiner Verpflichtung ab, den Schaden, der durch einen Dieb­stahl verursacht werden könnte, zu ersetzen. Aus diesem Grund wird die Vermögenslage jedes Bewerbers, der für dieses Amt kandidiert, überprüft, inwieweit sie die Übernahme einer solchen Haftung erlaubt. In der Regel haben dieses Amt, das mit einem hohen sozialen Prestige verbunden ist, Persönlichkeiten inne, die solchen Familien entstammen, die über ein hohes gesellschaftliches Ansehen verfügen.
Die vom Shaykh al-Layl ausgesuchten Wächter rekrutieren sich ausnahmslos aus dem Berufsstand der Lastenträger. Sie erhalten für ihre Wachdienste keine separate Entlohnung, denn diese ist in der Bezahlung für die Transportdienste enthalten. Es handelt sich dabei um eine Ausweitung ihrer Verantwortung als Lastenträger, in der gleichzeitig auch die Sicherheit der Waren – während des Transportes und der Zufuhr zum Warenlager und vom Warendepot zum Geschäftslokal – eingeschlossen ist. Die Lastenträger setzen sich ausnahmslos aus freien Stammesmitgliedern zusammen und es werden nur solche Individuen aufgenommen, die einen Bürgen erbringen können. Angehörigen der sozial unterprivilegierten Gruppen ist daher der Eintritt in diese Berufsgruppe verwehrt.
Das Überwachungssystem findet seine rechtliche Verankerung in dem für alle Ladeninhaber geltenden Verbot, das Marktareal nach dem Abendgebet und während der Nacht zu betreten. Sichtbar wird es durch das Netz der Wächter­häuschen, die auf den Dächern von Geschäftslokalen aufgebaut sind und einem Mann gerade genügend Raum für seinen Aufenthalt während seines Wachdienstes gewähren. Sie liegen so nahe aneinander, dass sich die Wächter miteinander durch Zurufe verständigen können."
III.10.4.5 Überblick zur Geschichte des Islam im Orient und Okzident
Zeit
Spanien
Maghreb
Ägypten
600
Westgoten
(418-711)

zu Byzanz




Eroberung
Karthagos (698)
Eroberung der Cyrenaika (ab 642)
Eroberung Ägyptens (ab 639)
700
Eroberung Spaniens
(ab 711)
Omaiyaden
(756-1031)
Eroberung des westlichen Maghrib (ab 703)
Idrisiden
(788-974)



800



Aglabiden
(800-909)
Tuluniden
(868-905)
900



Fatimiden
(909-1171)
Ichschididen
(935-969)
Fatimiden
(969-1171)
1000
Kleinfürsten
(1031-1086)
Almoraviden
(1086-1154)
Almoraviden
(um 1059-1154)
Hammadiden
(1014-1152)
Ziriden
(1016-1156)


1100
Almohaden
(1154-1225)
Almohaden
(1121-1269)


Aiyubiden
(1171-1250)
1200
Reich von Granada
(1231-1492)
Mariniden
(1269-1420)
Zayaniden
(1236-1554)
Hafsiden
(1228-1574)
Mamluken
(1250-1517)
1300





1400
Sieg der
Reconquista
(1492)
Wattasiden
(1420-1554)



1500





Zeit
Vorderer Orient
Indien
600
Gassaniden
(5.Jh.-636)
Mohammed
(622-632)
Sassaniden
(226-641)




"Rechtgel-eitete"Kalifen
(632-661)



700

Omaiyaden
(661-750)

Eroberung
Mittelasiens
(ab 712)

800
Zniditen (Yemen)
(897-1962)
Abbasiden
(750-1258)
Tahiriden
(821-875)


900
Karmaten
(899-1050)
Hamdaniden
(905-1002)
Buyiden
(932/35-1055)
Saffariden
(867-903)
Samaniden
(874-999)


1000
Uqailiden
(990-1096)
Rum-Seldschuken
(1077-1307)
Seldschuken
(1055-1157)
Gaznawiden
(977-1186)

Eroberung Nordindiens (ab 999)
1100

Kleinere Reiche im 12./13.Jh., u.a. der Choresmschahs, der Schirwanschahs,Kreuzfahrerreiche in Syrien und Palästina, Staatswesen der Assassinen
Goriden
(1150-1206)
1200
Osmanen
(1288-1918)
Il-Hane
(1256-1335)


1.Sklavendynastie von Delhi
(1206-1290) 2. Sklavendynastie (1290-1320)
1300

Kleinere Reiche im 14.Jh., u.a. der Muzaffa-
riden, Galä'iriden und Serbedare
3. Sklavendynastie (1320-1413)Bahmaniden
(1347-1527)
1400

Timur (1370-1405)
Timuriden (1405-1501)
Kleinere Reiche im 15.Jh., u.a. der Qara Qoyunlu und der Aq Qoyunlu
4. Sklavendynastie (1413-1451) 5. Sklavendynastie (1452-1526)
1500

Safawiden
(1501-1736)

Schaibaniden
(1500-1599)
Grossmonguln
(1526-1858)








III.10.4.6 A. Schimmel über Jalaluddin Rumi und den Orden der tanzenden Derwische

[nach Schimmel, A. (1992), S. 438, 456-462]
"Kein islamischer Mystiker ist im Westen so bekannt wie Jalaluddin Rumi, den seine Anhänger Maulana*, "unser Herr", oder Maulawi nennen (türkische Aussprache Mevlana*). Der Orden, den er inspirierte und der im Westen als Tanzende Derwische bekannt ist, hat schon früh das Interesse europäischer Besucher des Osmanischen Reiches auf sich gezogen ... Der Frühling war immer ein Lieblingsthema für persische und türkische Dichter, aber der Überschwang von Rumis zahlreichen Frühlingsgedichten kann nur von denen voll verstanden werden, die einmal erlebt haben, wie die weite Konya-Ebene unvermittelt mit Grün bedeckt ist nach einem Gewitter, das die Rosen erblühen und die Ölweide sich öffnen lässt und die Luft mit starkem Duft erfüllt. Diese Frühling ist wirklich ein qiyamat*, ein Auferstehungstag, der aus dem dunklen Staube Blüten und Blätter hervorruft. Vom Lenzwind der Liebe entzückt, tanzen die Blätter, und die Blumen loben Gott in ihrer schweigenden Sprache. Rumi hörte diesen Preisgesang und nahm an ihm teil, indem er ihn in melodische Zeilen übersetzte: er hatte den Abglanz des himmlischen Geliebten in Rosen, Hyazinthen und rinnenden Wassern gesehen, deren jedes Ihn reflektiert und doch einen farbigen Schleier für jene Schönheit bildet, die zu stark ist, direkt gesehen zu werden: Im Garten sind tausend Entzückende fein, Und Rosen und Veilchen mit Düften rein, Und rinnendes, plätscherndes Wasser im Fluss - Dies alles ist Vorwand: Er ist es allein.
Er kannte den Duft eines anatolischen Maimorgens; in seinen Versen spielt er oft auf die Gerüche an, die noch immer für eine türkische Kleinstadt kennzeichnend sind. Er erlebte die göttliche Schönheit und Majestät mit allen Sinnen: im Anblick der Gärten von Konya, im Klang des Donners oder des innigen Gebetes der Vögel, in der sanften Oberfläche der Seiden oder der in Konya geknüpften Teppiche, im Duft der Ölweide und im Geschmack der köstlichen Speisen, vor allem der Süssigkeiten, für die Konya immer berühmt war. Sinnliche Erfahrungen sind in seiner Dichtung kräftig widergespiegelt; einer der Gründe dafür, dass diese Verse niemals verbleichen oder ihre Anmut verlieren, ist eben dies Gleichgewicht zwischen sinnlichem Erlebnis und göttlicher Liebe. Rumi hat selbst die rohesten gewöhnlichsten Seiten des Lebens transformiert; und das Symbol der verwandelnden Kraft der Sonne, das er so oft in Verbindung mit Shamsuddin verwendet, kann auch auf ihn angewandt werden, da seine Kunst alles veredelt.
Alles wurde zum Symbol seiner Liebe - alle Geschichten des Mathnawi*, alle Bilder des Lebens: Des Freunds Geheimnis möge niemand lichten - du horche auf den Inhalt der Geschichten: in Sagen, Märchen aus vergangenen Tagen lässt sich des Freunds Geheimnis besser sagen!
Rumis Stärke kam aus dieser Liebe, einer Liebe, die sich zwar auf der menschlichen Ebene abspielte, aber völlig in Gott gegründet war. Niemand hat das tiefste Mysterium des mystischen Gebetes besser enthüllt als er; er fühlte, dass jedes Gebet in sich selbst ein Akt göttlicher Gnade war, und so öffnete er sich für diese göttliche Gnade. In Liebe mit dem göttlichen Willen vereint, fand er die Lösung für das Rätsel der Vorherbestimmung und war fähig, aus der tiefsten Depression der Trennung in den höchsten Himmel der Freude aufzusteigen. Er hat sein Leben in diesen zwei Zeilen zusammengefasst: Und das Ergebnis ist nur die drei Worte: Verbrannt bin ich, verbrannt, und bin verbrannt!
Bald nach Rumis Tode wurden seine Werke, vor allem das Mathnawi*, überall in der persisch-sprechenden Welt bekannt, und sein Ruhm erstreckte sich bis zu den östlichen Grenzen der islamischen Gebiete ... Die ersten wichtigen Beiträge zum Verständnis seiner Poesie stammen aus der Türkei selbst. Der Mevlevi-Orden, den Sultan Walad institutionalisiert hatte, und dessen Ritual später noch verfeinert wurde, verbreitete Rumis Worte und seine Musik durch das damals eben entstehende Osmanische Reich; und in späterer Zeit war der Leiter des Mevlevi-Ordens dem Osmanischen Hofe so eng verbunden, dass er den neuen Sultan mit dem Schwert umgürten durfte.
Das Zentrum des Ordens war immer in Konya; der Meister wurde mit den Ehrentiteln Molla Hünkar* und Celebi* bezeichnet. Viele kleinere tekkes der Mevlevis fanden sich überall im Osmanischen Reich, bis nach Syrien und Ägypten, überschritten aber nie die osmanischen Grenzen. Auch wurde Rumi bei den arabisch-sprechenden Sufis nicht so bekannt wie in der persisch beeinflussten Welt; seine Bilderwelt war zu verschieden vom arabischen Ideal (obgleich er einige arabische Verse schrieb), und selbst die wenigen arabischen Übersetzun­gen, die in klassischer Zeit gemacht wurden, haben nicht viel zum tieferen Verständnis seiner Gedanken beigetragen ...
Die intensive Liebe zur Musik, die die Mevlevis von ihrem Meister Jalaluddin erbten, hat viele klassische Musiker und Komponisten im Osmanischen Reich inspiriert. Die besten Stücke türkischer klassischer Musik, wie die von Itri (16. Jahrhundert), waren in der Tat von Künstlern komponiert, die entweder Mitglieder des Ordens waren oder ihm nahestanden. Das Gleiche gilt für Kalligraphen und Miniaturmaler, deren viele zu den Mevlevis gehörten. So hat der Orden der türkischen Gesellschaft einige der feinsten Beispiele islamischer Kunst geschenkt ...
Am grössten war der Einfluss Rumis im indo-pakistanischen Subkontinent, wo seine Dichtung vom Beginn des 14. Jahrhunderts an bekannt war ... Alle Schichten der Gesellschaft scheinen an Rumis Werk interessiert gewesen zu sein - die Moghulherrscher (vor allem Akbar) liebten ihn ebenso wie die Dorfbewohner in Sind und im Panjab ...
Es ist gut, dass es noch viele Möglichkeiten gibt, Rumi zu verstehen. Seine hinreissende Dichtung öffnet immer neue Horizonten, und darum werden orientalische und westliche Gelehrte das Studium seiner Werke noch lange fortsetzen und sich von seiner leidenschaftlichen Poesie begeistern lassen."
III.10.4.7 Marokko: Tradition und Trance - Jimy Hendrix und die Rolling Stones.
[nach Bransten, J. & Benhamou, A. (1996)]
Vier Schwerpunkte der Schalmei (Ghayta oder Rhayta) lassen sich im Königreich Marokko ausmachen: Die in einen breit ausladenden Trichter auslaufende Oboe des Riffgebirges, die etwas schlankere von Marrakech und die nochmals deutlich schmälere der Hamadscha von Essaouria im Westen, sowie die in ein Horn ausmündende, nicht konische geformte Doppeschlamei (aus einem Bambus- oder Holzrohr) die landläufig auch als Berber- Ghaita bezeichnet wird, wobei statt der Doppelform auch zwei einzelne Instrumente (”lîra”) Verwendung finden, mit Aufschlagzunge oder (!) Doppelrohrblatt gespielt.
Im Riffgebirge, wo der Hanf (Kif) zu rituellen Zwecken noch eine alte Anbautradition besitzt, halten die zu den Berbern gehörenden Jahjûka- Musikanten eine spezifische Oboentradition aufrecht. Sie spielen vor allem rituelle Musik, welche im Sinne der Dionysien Energien frei setzt und auch mit alten Fruchtbarkeitskulten zu tun hat, aber auch sakrale Musik mit therapeutischer Wirkung in der Gruppe sowie Festmusik zur Unterhaltung. Dem Westen wurde ihre Musik vor allem durch eine Schallpaltte der Rolling stones aus dem Jahre 1967 bekannt.
Im mittleren Atlas und im Bereich der Berbersprache tanazîght (eine der drei Berbersprachen, die zusammen eine besondere Sprachenfamilie ausmachen) gibt es noch eine spezielle Formation von Wanderunterhaltern: die Imdijazen. Sie besteht aus dem Dichter, der auch der Chef der Gruppe ist (amdyaz), dem Spassmacher, Animator und Musiker, der buhanîm heisst, was soviel wie ”Mann mit dem Rohr”, (d.h. der Doppelschalmei), bedeutet, sowie zwei Chorsängern (den iddaden).
Im Westen Marokkos ist die Kleinstadt Essaouria ein eigentümliches Zentrum der Schalmeimusik. Einst phönizischer, dann römischer Stütztpunkt, und im Altertum durch die Produktion von Purpurfarbstoff (aus der Purpurschnecke) von grosser Bedeutung, wurde es im 15. Jh portugiesischer Militärposten und in seiner heutigen Architektur in der zweiten Hälfte des 18.Jh. im Auftrag des damaligen Sultans, als Brückenkopf des Handels mit Europa, nach den Plänen eines französischen Architekten im ”arabischen Stil” erbaut. Als die französische Kolonialmacht in Marokko ihr Protektorat errichtete, benannte es die Stadt in Mogador um, die erst mit der staatlichen Unabhängigkeit im jahre 1956 wieder ihren urspünglichen Namen annahm. Keine 10 km südlich des Städtchens liegt in den Dünen das Dorf Djabat, in den 60er- Jahren vorübergehend Ferienort von Jimmy Hendricks, anschliessend Zentrum der Hippies aus aller Welt, bis sie schliesslich in den 70er Jahren nach Morden im Drogenmilieu polizeilich vertrieben wurden. Heute wirkt der Ort wieder idyllisch, als hätten ihn noch kaum Fremde betreten. Essaouria ist eine zwar vom Tourismus durchdrungene Stadt, die sich aber ihr traditionelles orientaliesche Gepräge dennoch bewahrt hat und in der sich frankophones Europa, traditioneller Islam, Einflüsse aus Schwarzafrika (die Musik der Gnâwa), sowie verschiedenste multikulturellen Schattierungen treffen.
Ausgerechnet in dieser multikulturell schillernden Stadt steht eines der Zentren der mystischen Bruderschaft der Hamadscha (Hmâdsha). Bei ihrem rituellen Fest (Moussem) spielt die Ghayta, die Oboe, eine massgebliche Rolle im sakralen Tranceritual. Die Suffi- Bruderschaft geht auf ihren 1718 gestorbenen Gründer, den Heiligen Sidi Ali Ben Hamdasch zurück; ein ihm gewidmetes Heiligtum, eine Zaouia (oder Zâwiya), steht an verschiedenen Orten des Maghreb, nicht nur in Marokko, sondern auch in Tunesien und Algerien.
Anmerkung zum Manuskript: Dieser nachträglich eingefügte Anhang besitzt im Text noch keinen Hinweis; die Literatur ist nicht in der Bibliografie enthalten.( 10.10.97.)