III.12. Botschafter des Klanges

III.12.1 Sänger und Spielleute
III.12.2 Wanderunterhalter
III.12.3 Roma und Sinti
III.12.4 Anhänge
III.12.1 Burke über Wanderunterhalter in Frankreich und Westeuropa III.12.4.2 Romabevölkerung heute III.12.4.3 Das Auftauchen Fahrender in Europa


III.12.1 Sänger und Spielleute

In allen frühen Gesangs- und Musikbewegungen, die Europa durchzogen, spielten Musik­instrumente als Begleitung oder Zwischenspiel eine Rolle. Dabei müssen Schalmeiinstrumente von erheblicher Bedeutung gewesen sein. In Bildern der Heidelberger Manessischen Lieder­handschrift wird ihre Stellung im Umfeld der gehobenen Lieder- und Balladensänger deutlich. Die fahrenden Sänger und Musiker, Botschaf­ter des Klanges, verbreiteten Melodien über grosse Strecken der alten Welt, verbanden unter­schiedliche Kulturen und waren, zusammen mit den Fahrenden, in mancher Hinsicht die ersten Weltmusiker. Es rechtfertigt sich umso mehr hier anhand der Werke von Salmen (1991), Hartung (1982), Bowles (1977, 1983), Hammerstein (1974, 1980) und Reese(1986) auf sie einzugehen, als nicht nur Schalmei- und Oboeninstrumente selbst im Spiel waren, sondern aufgrund der Verwandtschaft von Volksoboe und menschlicher Stimme zwischen Gesangs­kunst und Schalmeimusik eine besondere Beziehung besteht. Auch die Geschichte der Ächtung der fahrenden Musiker betrifft die Schalmeitradition unmittelbar.

Im 11. Jahrhundert beginnt die weltliche, gehobene musikalisch Lyrik des Mittelalters mit den Troubadours in Südfrankreich, wird ein Jahrhundert später in Nordfrankreich von den Trouvères fortgesetzt und schliesslich von den Minnesängern im deutschsprachigen Raum gepflegt. (lk 12/1) Die Lieder der Troubadours sind die ersten volkssprachlichen Kunstlieder Europas und der Anfang der Liedtradition in Europa überhaupt. Ihre Liedkunst ist das Gegen­stück zur gleichzeitigen geistlichen musikalischen Entwicklung. Diese musikalische Bewegung der fahrenden Sänger und Poeten hatte ihren Höhepunkt um die Wende von 1200 und verebbt Ende des 13. Jahrhunderts mit dem Niedergang des klassischen Rittertums. Entstehungsland dieser Gesangskultur war das grosse Gebiet von Aquitanien (Occitanien) in Südfrankreich, und der Kreis, in dem diese Musik gepflegt wurde, der Adel, der Klerus und die in ihrem Dienst stehende Bürgerschaft. Die französischen Begriffe leiten sich vom provencialischen Trobar, französisch trouver (finden) ab und bedeuten Erfinder von Text und Melodie, d.h. Dichtermusiker im Sinne der späteren Cantautori Italiens.


1_(dtvAM_S196)_Troubadours.jpg
Die Einflüsse der Troubadours


Die fahrenden Sänger entstammten meist dem Ritterstand. Sie trugen ihre Lieder selbst vor und begleiteten sich dazu entweder selbst oder liessen sich im Laufe der Entwicklung immer mehr vom Jongleur, dem berufsmässigen Spielmann begleiten. Mehrere berühmte Troubadours sind in die Musik- und Kulturgeschichte eingegangen. Von ihren Melodien sind mehr als 52 in notenschriftlicher Überlieferung erhalten. Die erste Veröffentlichung von Troubadourmelodien erfolgte jedoch erst Ende des 19. Jahrhunderts, zu einer Zeit, als man sich schon lange mit dem Phänomen der Troubadourkunst beschäftigt hatte.

Die Musik der Troubadours und Spielleute in Südfrankreich, später auch an spanischen Fürstenhöfen, enthält Elemente islamischer Musik und steht unter deren Einfluss. Während die Musikkultur selbst im arabischen Raum schriftlos war, gibt es verschiedene Nachrichten über das Musikleben, welche arabisch-spanische Dichter, Schriftsteller und Historiker hinterliessen und aus denen die lebendige arabische Tradition der musikalischen Versvorträge hervorgeht. Auch für das Instrumentalspiel bestehen verschiedene Quellen, insbesondere nordafrikanischer Autoren.

Die Dokumentation des Zusammenhanges zwischen der arabischen oder arabisch-spanischen Musikkultur einerseits, den Troubadours und Minnesängern andererseits, wird dadurch erschwert, dass nicht nur die Musik im Islam schriftlos war, sondern auch das Abbildungsverbot Geltung hatte.
Wie bei den Cantautori und den heute noch aktiven Balladensängerinnen und Sängern im Orient gab es verschiedene Typen von Gesängen, die sich nach Inhalt, (z.B. Heldenlied, Romanze) auch formal unterscheiden.

Nach Inhalt beispielsweise gliedert man in:
- Chansons (Canzone, Lied), ein Liebeslied, meist mit unerfüllter Sehnsucht oder vorgetäuschter Erfüllung.
- Alba oder Aube (Taglied), in dem der Tagesanbruch das liebende Paar trennt.
- Postorela, welche die Liebe zum unteren Stand, z.B. Ritter- und Bauernmädchen besingt.
- Cirventes (Sprüche), politische, moralische, soziale und andere Lieder.
- Chansons de Croisade (Kreuzzugslied), das einen Aufruf zum Kreuzzug oder Berichte davon enthält.
- Lamentation, Planch (Trauerlied), das auf den Tod eines Dienstherren gesungen wird. Des weiteren gibt es noch das Jeux Parti, Tenso oder Partimen (mit Wechselreden und Streitgesprächen), sowie die Ballades (Tanzlieder).

Die Geschichte der Troubadours wird in fünf Epochen eingeteilt, die bestimmte berühmte Sänger umfassen und alle innerhalb von gut einem Jahrhundert zwischen 1080 bis 1300 liegen. Drei Generationen von Trouvères umfassen die Zeit von der Mitte des 12. bis ebenfalls Ende des 13. Jahrhunderts.
Um die Mitte des 12. Jahrhunderts setzt jene gesungene Liebeslyrik ein, die nach ihrem Liebesthema als Minne-(Liebes-)sang bezeichnet wird. Von diesem Begriff leitet sich die deutsche Bezeichnung Minnesänger ab. In einer ersten Epoche, zwischen 1150 und 1170 kommen diese vor allem aus dem Donauraum; die anschliessenden 30 Jahre werden von Sängern bestimmt, die stärker unter westlichem Einfluss stehen, und der Höhepunkt des Minnesanges liegt zwischen 1200 und 1230 in Wien und Österreich, sowie Süddeutschland. Von 1300 an geht die Gesangskunst in die bürgerlichen Schichten über und im 14. und 15. Jahrhundert spricht man vom späten Minnesang, der bereits parallel zum Meistersang existiert.

Die Meistersinger waren Bürger, vor allem Handwerker, die sich zunftmässig in Singschulen zusammenschlossen. Die Blütezeit dieser Singbewegung fällt in das 15. und 16. Jahrhundert. Die Texte bezogen sich oft auf Bibelstoffe, waren auch politisch und satirisch oder Schwank- und Tanzlieder.

Für die Ausbildung dieser mehrere Jahrhunderte dauernden Gesangskunstbewegung wurde thematisch die der romanisch-arabischen Dicht- und Liedkunst eigene Frauenverehrung, die sich im Minnesang auch in der Marienverehrung niederschlägt, von grossem Einfluss

Bei der Vermittlung der Liedkunst vom romanischen in den deutschen Kulturraum spielte Friedrich Barbarossa, der ersten Hohenstaufenkaiser des heiligen römischen Reiches und sein Hof eine wichtige Rolle. Am 9. Juni 1156 heiratete er Beatrix von Burgund, in deren Dienst auch Guiot de Provins, ein berühmter Trouvèr stand. Von einem seiner Lieder existiert die deutsche Version von Friedrich von Husen. Es gibt auch andere deutsche Texte, die zu den französischen Melodien passen. Die deutschsprachige Entwicklung hat allerdings auch eine eigene Wurzel in der Vertonung lateinischer Texte und sowohl die französische, wie die deutschsprachige Liedkunst sind aus lateinischen Quellen hervorgegangen.


Spielleute.jpg
Spielleute des Mittelalters


Die Einbeziehung der Schalmeiinstrumente in die höfische Liedkunst hat den Rohrblatt­instrumenten den Zugang zur "gehobenen" Kunstmusik geebnet, sie aber wohl auch in geregel­tere musikalische Bahnen gelenkt und in gewissem Sinn gesellschaftlich und musikalisch stärker einzubinden begonnen. Diese Integrationsentwicklung mündete schliesslich in die für den westlichen Geschmack orchesterfähige Spielweise mit entsprechenden Voraussetzungen der Konstruktion und Gestaltung des Instrumentes und insbesondere des Blattes.















Eine wichtige und vielfältige Gruppe wandernder Musikanten bildeten die Spielleute des Mittelalters. Sie waren nicht nur mit den Höfen und dem Klerus, sondern auch mit dem Volk eng verbunden. Spielleute, Jokulatores, Jongleurs, Giullari und wie sie sonst noch hiessen, waren Multitalente, Musiker und Dichter, Akrobaten und Schauspieler, Dompteure von Affen, Hunden und Bären, bisweilen auch Musikanten in der Schlacht. Ihre Tätigkeit umfasste alles, was man heutzutage zum "Showbusiness" rechnen würde und ihre Profession überschneidet sich somit mit derjenigen der Wanderunterhalter. Als Instrumentalisten dienten sie den Troubadouren, Trouvères und Minnesängern.

Sie gehörten zu den mobilen Randgruppen des Mittelalters ohne festes Zuhause, unterstanden keiner permanenten Herrschaft und besassen daher auch keinen Schutz, so wenig, dass sie nicht einmal Gegenstand eines Rechtshandels sein konnten, wie Leibeigene oder Sklaven. Dieser Situation waren sie sich in der Regel auch bewusst. Zu diesen mobilen Randgruppen rechnet beispielsweise der Kantor der Zürcher Kirche, Conrad de Mure, neben Tibicinaes (den Schalmeispielern) und anderen Musikern auch die Taugenichtse und Windbeutel, die Possen­reisser und die Strolche, aber auch die Schwachsinnigen, Blinden und die körperlich Missgebildeten.
Herumziehende Musikanten hat es zweifellos schon im Altertum und in der Spätantike gegeben. Im 11. Jahrhundert traten sie jedoch in Mitteleuropa infolge der Intensivierung der Mobilität besonders in Erscheinung. Zu dieser gesamtgesellschaftlichen Wanderbewegung gehörten neben den Kreuzzügen die Pilgerfahrten, aber auch der Zug vom Land in die aufstrebenden Städte. Damit verbunden war auch eine Intensivierung und Neuge­wichtung der regional übergreifenden Kommunikation, wobei die Spielleute auch Neuigkeiten und Nachrichten transportierten und vermittelten, wie ihre späteren Kollegen, die Cantautori.

In der Sage von Tristan und Isolde, in der sich Tristan als Spielmann unter dem Pseudonym Tantris verkleidet, wird die Vielseitigkeit eines Spielmannes beschrieben. Spielleute traten auch als Marionettenspieler auf.

Bestimmte geographische Gebiete spielen in Europa für die Tradition der Spielleute eine besondere Rolle, so Südfrankreich, namentlich die Provence, Burgund im engeren Sinn, die Ile de France, die Champagne, Nordostspanien, Oberitalien, Flandern, teilweise auch das Rheinland und Oberdeutschland sowie England.
Manche der Dichtungen der Spielleute sind in Spielmannsbüchern überliefert und ihre Literatur hat wesentlich zur Sprachentwicklung, vor allem des Französischen, beigetragen. Auch in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts ist die unsichere, getriebene, oft gejagte, abenteuerliche, aber auch leidvolle Lebensweise des Spielmannes eine Realität, die François Veillon in der Ballade von den Vogelfreien meisterlich beschreibt; dabei hatte sich um diese Zeit der soziale Status der Spielleute schon um einiges verbessert.

Spielleute waren unterschiedlicher Herkunft. Sie konnten Kinder des niederen Adels sein, die infolge der Erbteilungsgesetze mehr oder weniger leer ausgegangen waren; wiederholt wird beschrieben, dass es sich um Verarmte handelte, die ihr Vermögen durch Schicksalsschläge, wie Kriegsereignisse, verloren, aber auch verspielt haben konnten. Besonders in Südfrankreich scheint der Schritt aus dem Niederadel in das Spielmannsleben verhältnismässig nahe gelegen zu haben. Andere Spielleute waren Söhne von Kaufleuten, Handwerkern, Burgknechten oder Findelkinder.

Der Spielmann Caukhelm Faidit (gest. 1220), Sohn eines Stadtbürgers, hatte sein Vermögen beim Würfelspiel verloren. Elias de Barjols (gest. 1222) war Sohn eines kleinen Händlers, Guillems Figueira, Sohn eines Schneiders, de Peguilh, Sohn eines Tuchhändlers und de Ventadorn, Sohn eines Bediensteten im Schloss, eines Burgknechtes, Perdigos, Sohn eines Fischers und Marcabrus ein Findelkind, das ein reicher Mann aufgenommen hatte.
Eine weitere Gruppe gehörte dem niederen Klerus an. Mönche und Priester, die Spielleute wurden, verloren alle ihre Rechte und Privilegien, die sie als Kleriker innehatten.

Mit andauernder Spielmannstradition waren schliesslich immer mehr Spielleute selbst Kinder aus Spielmannsfamilien. Denn eine Rückkehr in die "ordentliche" Gesellschaft wurde immer schwieriger.

Noch bis zum Ende des 18. Jahrhunderts wird den nomadisierenden Künstlern unterwegs, den "Unehrlichen", wie sie bösartig genannt werden, der Zugang zu bürgerlichen Berufen und zu sesshafter Lebensweise verweigert. Eine wenigstens rechtliche Änderung bringt erst die französische Revolution.
Der formelle Ausschluss und die Verfemung der Musikanten gehen im wesentlichen auf die ablehnende, verteufelnde Einstellung der Kirchenväter und der Kirche zurück. Schon Tertullian nennt das Theater, mit dem die Musik eng verbunden war, einen Ort teuflischer Dämonen. Schauspiele werden als Ursache für Ehebruch, Götzendienst, Neid, Eifersucht und Schamlosigkeit angeprangert. Augustinus, vor seiner Erleuchtung selbst ein leidenschaftlicher Theaterliebhaber, verweigert den Theaterleuten wie den Dirnen sogar den Zugang zu den Sakramenten. Konzil- und Synodialbeschlüsse verdammen immer wieder nicht nur die Spielleute, sondern auch die "Unterhaltungsmusik" und damit die Schalmeimusik. Gebote in dieser Hinsicht finden sich bereits aufgrund des Konzils von Laodicaea (4. Jahrhundert), im Konzil von Karthago (419), dann in den Konzilen von Reims und Mainz (813), von Aachen (816), und später im Konzil von Ravenna (1286). Spielleute haben sich als Diener Satans gegen Gott gestellt. Für sie ist kein Platz mehr im "Ordo", in der geordneten Gesellschaft. Petrus Cantor (gest. 1198) spricht ihnen selbst die Qualität einer menschlichen Gattung ab, so wie später für die Kolonialherren der Frühzeit die Einheimischen Amerikas keine menschlichen Wesen waren. Von Verweichlichung und Willens­schwäche als Folge der zersetzenden Musik ist die Rede, von der schädlichen Wirkung des hemmungslosen Gelächters, von der Verführung durch sittenloses Geschwätz, Gebärdenspiel und Tanzdarbietungen.
Wem die Mischung aus Verachtung und Verfemung im historischen Rückblick zu befremdlich scheint, möge daran denken, dass auch heutzutage manche Liebhaber gehobener, sogenannt klassischer Musik oft erstaunlich uninteressiert oder gar abschätzig zur zeitgenössischen Unter­haltungsszene und der "U-Musik" eingestellt sind und dass totalitäre Regimes, insbesondere der Nationalsozialismus, Musik, wie andere künstlerische Werke, die nicht in ihr dogmatische Weltbild passte, als "entartet" verunglimpfte, die Künstler verfolgte und vernichtete.

Wie im Mittelalter wurden auch in späteren Epochen und in anderem Kontext nicht nur Künstler und Publikum verfemt, sondern es wurde auch als unrecht erklärt, verfemten Künstlern zu helfen und sie zu unterstützen. Denn, so ein unbekannter altfranzösischer Autor des frühen 13. Jahrhunderts: Die Spielleute seien einer schmutzbeladenen Sau gleichzusetzen, die unter die Leute käme. Alle, an denen sie sich reibe, bekämen etwas von ihrem Schmutze ab und wer ihnen etwas zukommen lasse, versündige sich und mache sich zum Helfershelfer, der sich vor Gott zu verantworten hätte.

Einige theologische Äusserungen des 13. Jahrhunderts ermöglichten eine gewisse Liberalisie­rung der "offiziellen" Einstellung. Thomas von Aquin nahm eine aufklärerische Position gegenüber dem menschlichen Bedürfnis nach Musse, Spiel und Schauspiel ein. Sie könnten den Menschen Trost spenden, sofern sie sich an sittliche und religiöse Massstäbe hielten und an für solche Darbietungen zulässigen Tage im Jahr. Eine besonders freundschaftliche Haltung gegenüber Spielleuten hatte Franziskus von Assisi und der von ihm gegründete Franziskaner­orden. Franziskus nannte sich in der Tradition der Mystiker selbst Spielmann Gottes und begleitete seinen Gesang mit Gesten und Spiel.

Trotz der allgemeinen und kirchlichen Ächtung waren Spielleute häufige und oft beliebte Gäste in Bischofsresidenzen und Klöstern. Sie konnten von geistlicher Seite auch Lehen oder Renten erhalten. Aber das Recht entsprach der "offiziellen" Ächtung. Der Ausschluss der Spielleute vom Gericht und vom Rechtsleben, zusammen mit den Dirnen, hielt von der Karolingerzeit bis in das späte Mittelalter an. Damit konnten sie sich vor Gericht niemals durchsetzen. Im Recht war der Spielmann ein Niemand. Am ausgeprägtesten war die Recht­losigkeit in Deutschland. Die Spielleute befanden sich in einem Teufelskreis. Ihre Profession machte sie zu Ausgestosse­nen, so dass viele von ihnen, mindestens in den ersten Zeiten des Mittelalters, nur durch die Wanderschaft überleben konnten. Die Tatsache, dass sie kein festes Zuhause hatten und nirgends beheimatet waren, war aber wiederum Grund genug, sie auszuschliessen.

Dennoch waren Musikanten überall und immer notwendig. und gerufen. Die Höfe der Adeligen und Könige wurden zu Zentren ihrer Darbietungen. Sie wurden vereinzelt auch fürstlich belohnt, vor allem mit kostbaren Naturalgaben, wie teuren seidenen Gewändern, silbernem und goldenem Geschirr, Reittieren und Schmuck. Eine der wichtigsten Belohnungen war der Empfehlungsbrief. Spielleute, die es an einem Hof zu Ansehen gebracht hatten, erhielten auch Lehen.

Besonders in Italien waren sie beliebt, am Hofe Friedrichs des Zweiten, aber auch in Mont­ferrat, bei den Herren von Malaspina, den Grafen von San Bonifatio oder den Marchesi von Este. Bei Hochzeiten, Thronbesteigungen, bei der Heimkehr eines Herrn von der Reise oder vom Feldzug, beim festlichen Ritterschlag, bei nahezu jeder wichtigen Gelegenheit waren Spielleute zugegen, als Mitgestalter, welche dem Fest ein Gepräge geben. Besondere Berühmt­heit als Schirmherr der Spielleute erlangte König Wenzel von Böhmen, an dessen Thron, nach einer Darstellung in der Heidelberger Liederhandschrift, zwei Musikanten zu ihm die Hände erheben. Spielleute erhielten immer wieder die Protektion des Adels und für ihre Weiterreise wichtige Empfehlungsbriefe.

Aber auch in der Stadt und unter dem Bürgertum behaupteten die Spielleute ihren Platz. Sie traten auf dem Markt, im Wirtshaus, aber auch beim Bürger und bisweilen selbst in der Kirche auf, wobei ihnen das romanische Europa freundlicher gesinnt war als der Norden. Am Fest der Malatesta in Rimini vom Jahre 1324 sollen über 1500 Spielleute zugegen gewesen sein. Auch die von einem Autor der Zeit beschriebenen Osternfeiern in Florenz des späten 13. Jahrhunderts waren ein Treffpunkt der Spielleute. Ähnliches gilt von Frankreich.








Weibliche Spielleute, waren ganz besonders verfemt, aber auch Frauen und Töchter von Spielmännern.Die Jongleresse wurde als Lockvogel des Teufels bezeichnet und so wie sie selbst eine Kreatur des Teufels sei, habe sie einzig die Absicht, ihre Opfer diesem zuzuführen. In einer Beschreibung vom Hofe Friedrichs des Zweiten ist mit Abscheu die Rede von saraze­nischen Mädchen, was darauf schliessen lässt, dass nordafrikanische, arabische oder andere dunkelhäutige Künstlerinnen auftraten. Tänzerinnen wurden als Schwestern der Salome hinge­stellt, die sich in den Dienst des Bösen stellte. Sie sind auch für Frauen eine besondere Gefahr, da sie mit ihrer Schminke, ihrer auffälligen Kleidung und der ihnen nachgesagten oder tatsächli­chen Prostitution ein schlechtes Vorbild gäben. Fahrende Frauen waren schlechter gestellt, als die in den Freudenhäusern domizilierten Prostituierten, die in geregeltem, kontrollierbaren Kontext lebten.

In der Polarisierung des mittelalterlichen Weltbildes zwischen Himmel und Hölle war auch das Frauenbild gespalten zwischen Eva- und Marienprinzip. Musikantinnen und Theaterfrauen wurden der verführerischen Eva zugerechnet, Symbol der Sünde, der Wollust und Verführung. Maria war demgegenüber Sinnbild der Verinnerlichung und Verkörperung der Reinheit.

Vom 11. Jahrhundert an schlossen sich Spielleute zu Bruderschaften zusammen. Die erste nachweisbare derartige Gruppenbildung erfolgte in Pui D'Arras anfangs des 12. Jahrhunderts. Andere französische Orte folgten mit Spielmannsorganisationen, die sich einen eigenen Anführer, einen "König gaben", so wie auch die Freudenmädchen in den Bordellen durch "Äbtissinen" befehligt wurden. Aus Arras ist aus dem frühen 12. Jahrhundert eine Legende übermittelt, nach der zwei Spielleute eine Pestepidemie erfolgreich bekämpften.

Die Heilerfähigkeiten der Spielleute ermöglichten auch dass Maria zu ihrer Patronin werden konnte, ähnliche Art, wie sie Patronin der Fahrenden wurde. Damit schliesst sich der Kreis der Spaltung des Weiblichen, das in der gefühlvollen, die Sinne packenden Musik ihren Ausdruck findet. Die Spaltung zwischen Eva, der Verführerin, und Maria der Sittsamen wird durch die Verknüpfung des Dionysisch-diabolischen mit dem sittlichen Prinzip gewissermassen überbrückt.

Im Zwiespalt zwischen Ausschluss und Bedarf entstanden Regelungen, welche entweder die Zahl der Spielleute beschränkten, die in einem Ort geduldet wurden, oder welche ansässige Spielleute bevorzugten, fremde schlechter entlöhnten und nur vorübergehend duldeten. So erhielt in Regensburg der Auswärtige nur den halben Lohn und Frankfurt verbot den Zuzug auswärtiger Spielleute zu Hochzeiten im Jahre 1352 gänzlich. Regensburg erlaubte nur 12 Spielleute, Lüneburg 4 und Zürich je zwei Sänger, zwei Geiger und zwei Bläser. (Hartung, 1982)

Ein besonderer Ort des Vergnügens im Mittelalter war das öffentliche Bad. Anfangs des 15. Jahrhundert kamen Badereisen in Mode.
Von einem italienischen, apostolischen Sekretär am Konzil von Konstanz, der das gut frequentierte Bad in Baden im Aargau besuchte, ist der Bericht an einen Freund in Florenz erhalten.
"Man besucht täglich drei bis vier Bäder und bringt den grossen Teil des Tages mit singen, trinken oder tanzen zu. Selbst im Wasser setzen sich einige hin und spielen Instrumente. Kein Anblick aber ist reizender, als wenn eben mannbare, oder schon in voller Blüte stehende Jungfrauen im Wasser mit dem schönsten Gesicht, der freiesten, offensten Miene, an Gestalt und Sitten Göttinnen gleich, in ihre Instrumente singen.
Ihr leichtes Gewand ist zurückgeworfen und schwimmt auf dem Wasser, dass man so ein Mädchen für eine zweite Venus halten sollte. Die Frauenzimmer haben die Sitte, wenn Männer ihnen von oben herab zusehen, dass sie scherzweise um eine Gabe bitten. Da wirft man denn, besonders den schöneren, kleine Münzen zu, die sie mit den Händen oder mit ausgebreitetem Gewand auffangen, in dem eine die andere wegstösst, bei welchem Spiel sehr oft die geheimeren Schönheiten enthüllt werden. Man wirft gleichfalls aus mancherlei Blumen geflochtene Kränze herab, mit denen sie sich im Bade das Haupt schmücken.
So grossen Reiz für mich hatte diese vielfältige Gelegenheit, das Auge und den Geist zu vergnügen, dass, da ich nur zwei mal badete, ich die übrige Zeit mit Besuch anderer Bäder zubrachte und oft Münzen herunterwarf und Kränze, wie die übrigen. Denn unter dem immer währenden Geräusch von Flöten, (worunter wohl auch Schalmeien zu verstehen sind , H.S.H.), Lauten, zusammenschwimmender Musik und Gesang, war weder zum Lesen noch Denken Zeit, und hier allein weise sein wollen, wäre die grösste Torheit gewesen, zumal bei einem, der kein selbst peinigender Menedem, sondern ein Mensch ist, der sich von keiner menschlichen Schwachheit frei fühlt." (Irsigler & Lassotta, 1990, S. 100f.).

Innerhalb der Spielleute müssen wandernden Musiker im Ansehen an der Spitze gestanden und mehr Wohlwollen erfahren haben, mindestens im 15. Jahrhundert. Aber selbst, wenn Musiker zugelassen wurden, wurden die Bläser, und darunter muss man wohl insbesondere die Schalmeispieler verstehen, diskriminiert. So durften nach einer Gesetzgebung des Kölner Rates aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts vier Musiker mit Saiteninstrumenten beim Brautgang zur Kirche, in der Kirche und beim mittäglichen Hochzeitsessen aufspielen, auf keinen Fall aber Pfeiffer. Blasinstrumente durften erst abends zum Tanz ertönen und auch hier nur in der gesetzlich festgelegten Anzahl.

Selbstverständlich spielten die Musikanten am Karneval eine wichtige Rolle. Auch hier waren zweifellos die Schalmeibläser eine wichtige Gruppe. Ihre Tradition wurde u.a. von den Pfeiffern der Basler Fastnacht wieder aufgenommen und im Zusammenströmen der Guggenmusiken, die gemeinsam eine "Klangwand" bilden.


III.12.2 Wanderunterhalter

Die Konflikte zwischen wandernden Musikanten, Wanderunterhaltern oder Fahrenden und der Gesellschaft der Sesshaften und "braven Bürger", die, von ihnen fasziniert, sie rufen und wieder fortschicken und verfolgen, zieht sich durch die ganze Geschichte. Besonders betroffen waren immer jene welche durch die Kraft oder Magie ihrer Darbietung ebenso attraktiv und erwünscht wie bedrohlich wirkten. Zu ihnen zählen die Schalmeimusikanten. Die Zeitlosigkeit des Themas lässt es angebracht erscheinen vom Mittelalter aus den Bogen in die Neuzeit hinein zu spannen.
Jemen_Geschichtenerzählerinnen_.jpg
Geschichtenerzählerinnen auf dem Markt (Jemen)



Es ist kein Zufall, dass Forscher, welche sich "Ausgrabungen" der Volkskultur widmen, am allerwenigsten auf Zeugnisse der Musik und der Musiker treffen. Denn die Musik steht der Magie am nächsten und die Musiker, welche sie spielen, sind bis heute die am stärksten tabuisierte der "treibenden Kräfte" von Anlässen, bei denen "über die Schnur gehauen" wird. Während diese Zeilen geschrieben werden, ist beispielsweise in der Stadt Zürich die Diskussion entbrannt, ob ein Tanz- und Musikumzug mit Technomusik gestattet, reglementiert oder ganz verboten werden soll, insbesondere mit dem Argument, dass dies einer "Werbung" für die synthetische Droge Ecstasy gleichkommen könnte. Befürchtungen und magische Ängste, aber auch die Bemühungen zur Reglementierung von Anlässen sind heutzutage so stark wie eh und je.
Was Burke (1981) über frühere Zeiten schreibt, hat, verfolgt man Diskussionen über Strassenmusikanten, insbesondere Ausländer, immer noch Aktualitätswert: "Von Musikern hören wir nur, wenn die Behörden versuch­ten, sie zu reglementieren, wie es z.B. in Schweden und in der Schweiz der Fall war. Im siebzehnten und achtzehnten Jahrhundert waren in Schweden die Musiker einer bestimmten Hundertschaft oder Pfarrgemeinde zugeteilt und brachten einen garningsbrev oder Arbeitserlaubnis, um ihre Tätigkeit auszuüben. Auch in der französischen Schweiz waren die "ménétriers" oder Musikanten der Aufsicht der kalvinistischen Konsistorien unterworfen. (S.117f.)

Dass über die Musiker noch weniger bekannt ist als über andere wandernde Unterhalter und fahrende Berufe, belegt ihre Tabuisierung. Wanderunterhalter verschiedenster Art waren auch Musikanten wie dies weiter oben unter dem Begriff der Spielleute, der sich mit dem hier verwendeten der Wanderunterhalter überschneidet, bereits gesagt wurde. Vor allem bei tänzerischen und schauspielerischen Darbietungen sind wohl auch Schalmeiinstrumente zum Einsatz gekommen, obschon diese – auf der heutigen Situation in anderen Kontinenten zu schliessen – in der Regel nicht einfach so nebenbei gespielt werden, weil sie eine besondere Professionalität voraussetzen. Trotzdem ist es wichtig, die Schilderung der Wanderunterhalter des damaligen Europa zu kennen, auch weil dies in Analogie ein besseres Verständnis der Unterhaltungsszene in unserer Zeit, vor allem auf dem Lande und in Kleinstädten Asiens und Afrikas erlaubt. Auf Reisen haben wir Wanderunterhalter, wie sie im folgenden Text aus dem alten Europa beschrieben werden, oftmals angetroffen.

"Diese Nachfolger der mittelalterlichen Spielleute stellten eine bunt zusammengewürfelte und vielseitige Gruppe dar. Hier als Beispiel nur Begriffe, die in England zwischen 1500 und 1800 geläufig waren: ballad-singers (Balladensänger), bearwards (Bärenführer), buffoons (Spassmacher), charlatans (Scharlatane, Salbenkrämer), clowns (Clowns), comedians (Komödianten), fencers (Fechtmeister), fools (Narren), hocus-pocus men (Zauberkünstler), jugglers (Gaukler, Jongleure), merry-andrews (Hanswurste), minstrels (Strassensänger), mountebanks (Kurpfuscher), players (Schauspieler), puppet-masters (Puppenspieler), quacks (Quacksalber), rope-dancers (Seiltänzer), showmen (Schausteller), toothdrawers (Zahnreisser) und tumblers (Akrobaten)." (Burke, 1981, S. 105; vgl. auch Anhang). "Liederweiber", wie sie Burke aus Wien noch Ende des 18. Jahrhunderts anführt, haben wir noch auf dem Markt in Sanaa, Jemen, angetroffen .

Europa besass für die Feste und den Auftritt der fahrenden Unterhaltungskünstler auch bestimmte Orte, wie sie sich heute noch in anderen Kontinenten finden: Vor allem der Marktplatz und das gesellige Gasthaus, das auch als Ort des Tanzes zur Verfügung stand:



"Die niederländische Malerei führt uns die Wichtigkeit der Schenke als Tanzplatz vor Augen – sei es nun innerhalb oder ausserhalb des Hauses und der ungarische Ausdruck csardas ist von csarda abgeleitet, was Dorfgasthaus bedeutet. Auch Schauspieler traten in Gasthäusern auf. Anspielungen auf Gastwirte in deutschen Fastnachts­schwänken lassen vermuten, dass die Stücke in Gasthäusern aufgeführt wurden: man muss sich vorstellen, dass die Truppe unvermutet hereinstürmte, um Aufmerksamkeit bat und mit der Vorstellung begann. Im achtzehnten Jahrhundert traten im französischen cabaret Sänger auf. Der Tambour Royal in Paris war ein bekannter Treffpunkt für Schauspieler. Wandernde Puppenspieler wie Meister Pedro im Don Quijote pflegten in Spanien in Gasthöfen aufzutreten...

Es ist jedoch wahrscheinlich, dass die Schenke in Südeuropa weniger wichtig als Zentrum der Unterhaltung war als im Norden. In den Mittelmeerländern war die Piazza der eigentliche Brennpunkt der Volkskultur. Im siebzehnten Jahrhundert gab es in Sevilla auf dem Markplatz Puppenspieler. In Madrid konnte man auf der Plaza Mayor Theateraufführungen, Stierkämpfe, Rennen und Turniere sehen und den Balladensängern lauschen, wenn ihre Stimmen nicht von den Schreien der Messerschleifer und der Kastanienverkäuferinnen übertönt wurden. Auf der Piazza Navona in Rom sahen die Leute den Feuerfressern und Quacksalbern zu oder gingen zur antiken Statue des "Pasquino" auf dem gleichnamigen Platz, um die letzten Spottgedichte (Pasquille) zu hören. In Florenz fanden die offiziellen Vorstellungen auf der Piazza Signoria statt, während es auf der Piazza S. Croce Büffelrennen, Stierkämpfe oder Fussball zu sehen gab und die Piazza S. Martino (in der Nähe von Or San Michele) der Ort war, wo man den cantastorie zuhörte. In Venedig bauten die berühmtesten Scharlatane ihre Bühnen auf dem Markusplatz auf, wo sie ihre Possen rissen und ihre Tränklein verkauften ...

Die Piazza-Kultur reichte bis nach Paris, denn die Place de Grève war Schauplatz öffentlicher Spektakel wie Hinrichtungen – der Räuber Cartouche wurde dort 1721 aufs Rad geflochten – oder Feuerwerken am Jahannisabend. Selbst in einem so nördlichen Ort wie Lille finden wir eine Piazza-Kultur; dort traten Sänger auf der Petite Place auf.


Wanderunterhalter_(Spanien).jpg
Wanderunterhalter (Spanien)

Ausser Plätzen waren auch Brücken Kulturzentren. In Paris war der Pont Neuf nach seiner Fertigstellung im Jahre 1606 der beliebtest Auftrittsort für Schauspieler und Puppenspieler, Scharlatane und Zahnreisser, Balladensänger und Verkäufer von Pamphleten, ganz zu schweigen von Werbern, Orangenver­käufern und Taschendieben. Ein Mann, dessen Spitzname "der Rheingraf" (le Rhingrave) war, verkaufte sowohl Lieddrucke als auch Zwiebeln. Die Sänger waren dort so wichtig, dass der Ausdruck pont-neuf sogar gleichbedeutend mit "Lied" wurde ...

Was auf dem Pont-Neuf jeden Tag passierte, geschah in vielen Teilen Europas an Markttagen oder bei Messen. Die ökonomische Bedeutung von Messen im vorindustriellen Europa ist erwiesen. Messen waren wandernde Warenangebote, das Gegenstück zum Hausierer, nur in viel grösserem Massstab. Messen fielen in manchen Gegenden mit dem Hauptkirchenfest zusammen, so in Venedig, wo das Himmelfahrtsfest mit einer vierzehntägigen Messe verbun­den war, oder in Padua, wo gleichfalls zum Fest des heiligen. Antonius eine zweiwöchige Messe stattfand. Bei Messen hatten die Bauern Gelegenheit, Volksdrucke oder Tonfiguren zu kaufen, die sie sonst nicht zu Gesicht bekamen.

Was in unserem Zusammenhang interessiert, ist die nichtökonomische Seite der Institution. Märkte gaben nicht nur den Anlass, Schafe und Pferde zu handeln und Dienstboten einzu­stellen, Sondern sie boten auch jungen Leuten, wie noch heute in weniger entwickelten Ländern, die Gelegenheit, sich fern von der Aufsicht der Familie zu treffen und gaben jeder­mann die Chance, Wanderunterhalter zu sehen, zu tanzen und die neuesten Nachrichten zu hören." (Burke, 1981, S. 122/123)

Dass die Wanderunterhalter nicht unbedingt ungebildete Leute waren, zeigen besonders jene, die schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben und daher als Quellen der Volkskultur untersucht werden konnten. Unter ihnen Villon und Rabelais.
"Villon und Rabelais waren natürlich mit der niederen Tradition ihrer Zeit vertraut, mit der Kultur des Wirtshauses und des Marktplatzes, doch ebensogut kannten sie die hohe Tradition, und sie machten ausgiebig Gebrauch von ihr. Sie waren keineswegs naive Vertreter der Volkskultur, sondern gebildete Vermittler zwischen den beiden Traditionen.

Im Falle Villons kann man diese Tatsache besonders leicht übersehen, denn er führte das Leben eines Vagabunden und Verbrechers. 1461 und erneut 1462 kam er ins Gefängnis und wurde nach einer Rauferei zum Tode verurteilt, obwohl nicht bekannt ist, ob das Urteil vollstreckt wurde. Er schrieb einige Gedichte im argot, wahrscheinlich im Jargon der Coquillards, einer Gruppe von Verbrechern, die 1455 in Dijon vor Gericht standen. In einer Ballade nennt er die Polizei des mittelalterlichen Paris, die sergents, "Engel", ein Euphemismus, der durch die Darstellung des seelenwiegenden Erzengels Michael angeregt sein könnte. Villon bediente sich der volkstümlichen Formen wie des satirischen Testaments und des Sprichworts – er schrieb sogar eine aus Sprichwörtern bestehende Ballade:
Tant grate chièvre que mal gist,
Tant va le pot à l'eaue qu'il brise...
Tant crie l'ôn Noël qu'il vient.
(Die Ziege scharrt so lange, bis sie schlecht liegt,/ Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht, / Die Leute schreien Weihnachten, bis es da ist.)
Doch darf man nicht vergessen, dass Villon ein Mann der Hohen Schule gewesen ist, mit dem Magistergrad der Sorbonne. Seine Gedichte spielen nicht nur auf Verbrecher und Tavernen an, sondern auch auf klassische Schriftsteller wie Aristoteles und Vagetius und auf scholastische Philosophen wie Jean Buridan. Seine ballades gehören einer literarischen Tradition an, und wenn auch die sprichwörtlichen Elemente in ihnen volkstümlich sind, so gilt das doch nicht für das ganze Gedicht.

Bei Rabelais liegt der Fall ähnlich. Gargantua wurde nicht von Rabelais erfunden, sondern existierte bereits in französischen Volksbüchern und in der mündlichen Überlieferung. Rabelais entnahm der Volkskultur auch stilistische Elemente, wie der kluge russische Literaturkritiker Michail Bachtin aufgezeigt hat, der die Aufmerksamkeit nicht nur auf "die Sprache des Markt­platzes bei Rabelais" lenkte, sondern auch auf den Gebrauch der "Formen der populären Feste", vor allem auf die des Karnevals. Bachtin hatte vollkommen recht, aber man darf nicht vergessen, dass Rabelais gleichermassen ein gelehrter Mann war, beruflich als Theologe und Mediziner ausgebildet, mit einer breiten klassischen Bildung und bedeutenden Rechtskennt­nissen. Er machte von der Volkskultur weniger einen spontanen als einen ganz bewussten Gebrauch; Rabelais war sich, wie ein französischer Kritiker vor kurzem feststellte, im klaren über die "subversiven Möglichkeiten" des Volksbuches und ahmte es nach, um die traditionelle Hierarchie der literarischen Gattungen zu untergraben. Leser des zwanzigsten Jahrhunderts, die weder mit der gelehrten noch mit der volkstümlichen Tradition des französischen sechzehnten Jahrhunderts vertraut sind, werden kaum feststellen können, wann Rabelais innerhalb einer dieser Traditionen bleibt und wann er beide miteinander verbindet." (Burke, 1981, S. 80f.)

Villon hat sein Schicksal als Wanderunterhalter eindrucksvoll in ein Gedicht gefasst: Er wurde 1431 in Paris geboren, erwarb dort den Magistergrad, war als Herumziehender wegen Dieb­stahl und Raufereien mehrfach im Gefängnis und starb vermutlich 1463. Er gehört demnach noch in das Jahrhundert vor der eigentlichen Neuzeit. Von seinen Texten ist die Urfassung verloren; die überlieferte Form hat wohl bereits manche sprachliche Reinigung über sich ergehen lassen müssen.

Die Ballade von den Vogelfreien:
Vor vollen Schüsseln muss ich Hungers sterben,
am heissen Ofen frier ich mich zu Tod,
vohin ich greife, fallen nichts als Scherben,
bis zu den Zähnen geht mir schon der Kot.
Und wenn ich lache, habe ich geweint,
und wenn ich weine, bin ich froh,
dass mir zuweilen auch die Sonne scheint,
als könnte ich im Leben ebenso
zerknirscht wie in der Kirche niederknien...
ich, überall verehrt und angespien.
Nichts scheint mir sichrer als das nie Gewisse,
nichts sonnenklarer als die schwarze Nacht.
Nur das ist mein, was ich betrübt vermisse,
und was ich liebte, hab ich umgebracht.
Selbst wenn ich denk, dass ich schon gestern war,
bin ich erst heute abend zugereist,
Von meinem Schädel ist das letzte Haar
zu einem blanken Mond vereist.
Ich habe kaum ein Feigenblatt, es anzuziehn...
ich, überall verehrt und angespien.
Ich habe dennoch soviel Mut zu hoffen,
dass mir sehr bald die ganze Welt gehört,
und stehn mir wirklich alle Türen offen,
schlag ich sie wieder zu, weil es mich stört,
dass ich aus goldnen Schüsseln fressen soll.
Die Würmer sind schon toll nach meinem Bauch,
ich bin mit Unglück bis zum Halse voll
und bleibe unter dem Holunderstrauch,
auf den noch nie ein Stern herunterschien,
François Villon, verehrt und angespien.
(Zech, 1991, S. 33)


III.12.3 Roma und Sinti

Wahrscheinlich sind wir auf unseren Reisen den Roma oft begegnet. Ich verwende diese Bezeichnung hier im Sinne der Veröffentlichung von Tomasevic* und Djuric*, (mit hervor­ragenden Bildern von Zamurovic*); (1989); die Volksgemeinschaften der Fahrenden, um die es geht, lehnen selbst die Bezeichnung Zigeuner ab, die ihnen von den Sesshaften, die sie über Jahrhunderte verfolgt haben, gegeben wurde. Wahrscheinlich war jener gross und schlank gewachsene Musiker mit den wunderbar feinen Händen und geschickten Fingern, der auf dem Basar in Edirne. vom Instrumentenhändler gerufen, um mir ein erstes Mal ein Rohrblatt zu zeigen und zu erklären, der so plötzlich im Geschäft stand und ebenso und unvermittelt wieder verschwand, wahrscheinlich war er ein Roma. Sicher waren es Roma, die wir auf der Fahrt über Land in der Türkei noch in ihren Pferdewagen angetroffen habe und deren Kinder mit Vehemenz den Inhalt meines Kofferraumes durchforschten. Auch die dunkelhäutigen Frauen mit prächtigem schwarzem langem Haar und bisweilen langen farbigen Gewändern, die in majestätischer Haltung auf Plätzen Spaniens und Italiens anzutreffen sind, sind ebenfalls als Roma erkennbar, wie die ärmlichen Musikanten in Zaragoza. Bei den Aufführungen des Flamenco, die wir in Spanien sehen konnten, mögen die meisten Tänzerinnen von Roma abge­stammt haben, ebenso wie die Sänger und Musikanten, welche die musikalische Grundlage bildeten und gemeinsam mit den Tänzerinnen gefühlvolle Vitalität. Vermutlich haben wir auch auf Jahrmärkten Roma angetroffen, die als Schausteller arbeiten.

Aber die früheste Begegnung mit Roma hatte ich durch Erzählungen meiner Mutter. Ich war wenige Jahre alt, als sie mir im Exil in der Schweiz erzählte, mit welcher Mischung von Faszination und Unheimlichkeit ihre Kinder­frau Illona, die sie als Kind betreute, von den Zigeunern sprach; das war in der Grossstadt Wien, dem Zentrum des untergehenden habsburgischen Kaiserreiches, das weit nach Osteuropa reichte. Wahrsagerei und Schauermärchen oder die Vorführung der Tanzbären im Hof der Mietskaserne nährten meine Phantasie. Allerdings lernte ich auch als Kind schon die Menschen und ihre Kultur zu schätzen, die das Leben der Sesshaften bereichern, von ihnen aber verfolgt und beargwöhnt werden.

Mit Dankbarkeit werden wir immer an die Gastlichkeit und die hervorragenden musikalischen und tänzerischen Darbietungen denken, an denen uns in Rajasthan den Fahrenden nahe stehende Künstler, mitten im Elend ihres Slumquartiers, teilnehmen liessen oder an einer ihrer religiösen Zeremonien an denen wir zu Gast sein durften.
Die Geschichte der Roma steht in enger Beziehung zur Überlieferung, Verbreitung und Auf­führungspraxis der Schalmeimusik. Die dem Gesang nahestehenden und spirituellen Qualitäten dieser Musik, die Improvisation rund um bestimmte Tonebenen, und weitere Merkmale, die zur Schalmeimusik gehören, sind auch Merkmale der Roma-Musikstile. Der Musikerberuf besitzt unter den Fahrenden Tradition. Ihre Ensembles sind in vielen Ländern in Asien, Europa und Nordafrika über Jahrhunderte hinweg zentraler Bestandteil religiösen und nationalen Brauchtums gewesen. An vielen Orten waren – und sind sie bis heute – bei Hochzeitsfeierlich­keiten und anderen Festen unentbehrlich. Gleichzeitig haben die Sesshaften die Fahrenden nahezu immer diskriminiert, verfolgt und sind ihnen mit Misstrauen begegnet. Die Geschichte der Fahrenden ist eine Leidensgeschichte der Brutalität und Ausrottung.

Rohrblattinstrumente wie die Zurna oder in Indien auch die Doppelklarinette Pungi, sind charakteristische Blasinstrumente der Ensembles und Musik Fahrender. Die meisten Zurna­gruppen, die aus ein oder zwei Schalmeispielern und mindestens einem Trommler bestehen, sind in der Türkei, Jugoslawien, Griechenland, Albanien, Armenien, auf der Krim und andernorts Roma.

Als Blasinstrument hat nach und nach die Klarinette, das Saxophon, vereinzelt auch die Trompete, die Schalmei und insbesondere die Volksoboe abgelöst. Des weitern haben, aus­gehend von Ungarn, wo die Roma auf der Grundlage der regionalen Musik die führenden Unterhaltungsmusiker wurden, die Geige und andere Streichinstrumente die Rolle des führenden Melodieinstrumentes übernommen. Aber Klarinette und Geige der Roma-Musik haben entscheidende Charakteristika der Schalmeimusik, vor allem musikpsychologischer Art, bewahrt.

Die Fahrenden haben, wo sie sich regional verankern konnten, eine Musik entwickelt, die weitgehend dem einheimischen Geschmack und den lokal tradierten Melodien Rechnung trug, gleichzeitig aber die einheimischen Weisen in eine charakteristische Form gebracht.

Die beiden Pole dieser Synthese haben auch Franz Liszt und Béla Bartók, die sich mit der Musik der Roma auseinandersetzten, beschäftigt. Liszt stellte fest: "Die Zigeunermusik zeigt mit wenigen Ausnahmen in der Moll-Tonleiter eine Vorliebe für die übermässige Quarte, die kleine Sexte und die grosse Septime, von welchen drei Intervallen namentlich die Erhöhung der Quart der Harmonie ein höchst seltsames Schillern, ja einen blendenden Glanz verleiht." (zit. nach Dietrich, 1983, S. 291). Bartók, der sowohl zu den Initianten musikethno­logischer Forschung wie zu den Pionieren der Integration volksmusikalischer Elemente in die Konzertsaalmusik gehört, beobachtete, dass sich die Roma in den Dörfern musikalisch der Bevölkerung, unter der sie lebten, anpassten. Vergleichende Studien haben gezeigt, dass die als Zigeunerskala benannte Tonleiter der persischen und türkischen Musik verbunden ist, welche die Roma beeinflusst haben dürfte. Eine weitere Verbindung zur orientalischen Musik bildet der Melodietypus der "langen Weise", ein weitgespannter rhythmischer Bogen. Die Weite dieses Bogens hängt wohl damit zusammen, dass Schalmeimusik mit Zirkuläratmung gespielt wird, mit welcher die Melodie nicht durch Absetzen des Instrumentes und Atemschöpfen unterbrochen werden muss, so dass grundsätzlich ohne Unterbruch gespielt werden kann. In der türkischen Bezeichnung für diese "lange Weise", Uzun Hava, bedeutet Hava ebenso Atemluft wie Melodie, Lied, Weise.

Charakteristisch ist ferner der Reichtum an kleinräumigen melismatischen Verzierungen. Auch diese kommen in der Schalmeimusik aller Kulturen vor, unabhängig davon ob die Musik von Roma vertreten wird oder nicht. Verbreitet ist auch der auf einem hohen, lange gehaltenen Ton beginnende abfallende Melodienverlauf. (vgl. Dietrich, 1983)).
"Der Typ der Uzun-hava-Melodie findet sich gerade in der von Zigeunern gespielten Musik in zahlreichen lokalen Anwandlungen wieder, in Griechenland in den als «mirolói» – «Klagelied» – bezeichneten Klarinettenweisen oder in manchem Klephtenlied, in Ungarn in vielen «lassú» – «langsamen» – Weisen oder in Rumänien in jenen so überaus beliebten «hora-lunga*»- oder «doina»-Weisen. Speziell bei den «Sevdalinka»-Liedern der bosnischen muselmanischen kleinstädtischen Bevölkerung treten zum Melodietyp Uzun hava auch vom Text her für die orientalische Liebesdichtung typische Verse mit schwermütig oder sehnsüchtig-traurigem Inhalt. Auch die Sevdalinka-Lieder wurden vornehmlich von Zigeunern gespielt und verbreitet ... Man muss sich fragen, wie es den Zigeunern gelingen konnte, einen derartigen Einfluss auf die Musik Südosteuropas zu nehmen. Es waren im wesentlichen wohl zwei Gründe: Zum einen findet man bei Zigeunern offensichtlich ein überdurchschnittliches Talent zum Gefühlsausdruck und vor allem an Anpassungsfähigkeit.

Als wesentlicher Grund für die Beliebtheit der Zigeunermusik wird immer wieder formuliert, niemand verstünde so gut wie sie Schmerz und Trauer oder aber Freude und Lebenslust mit musikalischen Mitteln auszudrücken. Auf alle Fälle können sie es wohl eindrucksvoller gestalten als die einheimischen bäuerlichen Dudelsack- und Fiedelspieler." (Dietrich, 1983, S. 292).

Es gibt natürlich zu denken, dass die Roma-Musik in besonderem Masse Gefühle ausdrückt und ausspricht. Der zitierte Autor diskutiert als Gründe dafür die Professionalität, welche die Roma-Musiker in der Volksmusik früher als andere Musikanten erworben haben sollen und die Frage einer besonderen Begabung. Ich halte dafür besonders sozialpsychologische Umstände schon deshalb für bedeutsam, weil man diese sogenannte "Begabung" für Gefühlsstärke auch in der traditionellen jüdischen Volksmusik findet. Obschon das Schicksal der Juden und der Roma andere Wurzeln und wesentliche Unterschiede im Verlauf hat, ist beiden einiges gemein­sam: Eine lange Geschichte der Wanderung, des Unterwegssein, der Verfolgung und der Notwendigkeit, sich immer wieder neu zu integrieren. Bei diesem Schicksal spielen die Menschen, mit denen man am engsten verbunden ist, die Familie und die Sippe eine besondere Rolle, und emotionale Bindungen sind besonders wichtig. Neben den eigenen Gedanken sind die eigenen Gefühle gewissermassen das einzige, was auch noch so Verfolgten und Herumge­jagten nicht geraubt werden kann. Starke Gefühle der Verbundenheit und Zuneigung der Menschen, die zusammenhalten und ein gefühlsmässiges Frühwarnsystem jenen gegenüber, die als Peiniger und Verfolger auftreten, werden über Generationen weitergegeben. Sie sind lebensnotwendig und lebensrettend und zentraler Bestandteil der Identität. Musik ist aber das wichtigste Mittel, um in einer Gemeinschaft Gefühle zum Ausdruck zu bringen und zu vermitteln und spielt daher in der kulturellen Identität beider Gemeinschaften eine zentrale Rolle.
Gleichzeitig ist es gerade diese enge Beziehung zur Gefühlswelt, welche die Sesshaften fasziniert und zwar umso mehr, je stärker sie selbst zur Verdrängung der Gefühle neigen; wird aber durch die Musik die Gefühlswelt aktiviert und ihre Bedeutung aufgedeckt, so wird dies sogleich wieder als bedrohlich für die etablierte Ordnung empfunden, besonders dann, wenn diese wenig Rücksicht auf die Gefühle nimmt, wie dies in durchorganisierten Gemeinschaften oft der Fall ist.

Als die Roma in Südosteuropa einwanderten, war zunächst nicht von Musikanten die Rede; sie werden erst rund hundert Jahre später als solche erwähnt. Möglicherweise haben sie erst unter dem Druck der Wanderung die mitgebrachte Musikalität besonders gefördert und entwickelt.
"In den vom Osmanisch-türkischen Reich besetzten Gebieten traten die Zigeuner zunächst als Musikanten nur der türkischen Musik auf.
Es war im Osmanischen Reich üblich, dass besonders handwerkliche und künstlerische Berufe kaum von Türken, sondern von Angehörigen bestimmter anderer Völker ausgeübt wurden. Das galt für den Schiffsbau ebenso wie für die Juweliere oder die Musiker. Zwei musikalische Gattungen, die Militärmusik und die traditionelle türkische Kunstmusik, wurden besonders von den Zigeunern ausgeübt. Die Instrumente und die musikalischen Prinzipien der traditionellen türkischen Kunstmusik wurden mit den Osmanen auch in die besetzten Gebiete gebracht. Generell war es die Praxis der türkischen Kriegsführung, in den eroberten Gebieten lediglich die Städte und die wichtigsten Handelswege ständig durch die Präsenz von Militär und Verwaltungsfunktionen zu kontrollieren, weite Teile des Landes dagegen blieben nur abgabepflichtig, sonst aber weitgehend unbehelligt. In den Städten jedoch war der türkische Einfluss sehr mächtig, auch in religiöser und kultureller Hinsicht ... Förderlich für diese kulturelle Überfremdung war die Struktur der damaligen Städte in Südosteuropa, die in einem weit höherem Masse als uns heute bekannte Grossstädte Konglomerate verschiedener ethnischer Gruppen waren.

Im Einflussbereich dieser Städte bot sich für die Zigeunermusikanten ein recht günstiger Boden, um zum einen für die türkischen Herren die gewünschte traditionelle Kunstmusik aufzuspielen, zum anderen aber war das Völkergemisch hier ein geeignetes Publikum, um popularisierte und an den jeweiligen lokalen Geschmack ange­passte türkische Stücke darzubieten. Ebenso wurde einheimische Musik mit ««orientalischem Firnis»» überzogen und diesem Publikum dargeboten. In einigen Gegenden entstanden auf diese Art durchaus eigenständige neue Musikformen, z., B. die Sevdalinka-Lieder in Bosnien/Herzegowina oder die Doina-Weisen in Rumänien.
Rein ländliche Gebiete blieben von diesen Veränderungen weitgehend unberührt, was sich heute in vielen Gegenden Südosteuropas durch eine Zweischichtigkeit der musikalischen Traditionen ausdrückt: neben der Bauern- und Hirtentradition, in der Zigeuner keine oder nur eine untergeordnete Bedeutung haben, steht eine städtische, türkisch-orientalisch beeinflusste Tradition, die oft Domäne, ja manchmal sogar fast ein Monopol der Zigeuner ist.

Diese Dominanz der Zigeuner, vor allem in der städtischen Unterhaltungsmusik Ungarns, liess zeitweise die Meinung aufkommen, die Zigeuner seien die eigentlichen Urheber der ungarischen Musik. Genauere Analysen, wie sie seit der Jahrhundertwende durch die Aufzeichnung auf Phonographenwalzen und Tonbänder möglich sind, zeigen durchweg umgekehrte Ergebnisse, in Ungarn ebenso wie in anderen Ländern Südosteuropas: die Zigeuner spielen einheimische Weisen, aber in einer für sie spezifischen stilistischen Umformung" (Dietrich, 1983, S. 289f.).

Romamusikanten sind in vielen Ländern für Kirchweih, Beschneidung, vor allem aber für Hochzeiten unentbehrlich. Da sie oft in einer besonderen Doppelrolle leben und leben müssen, bei der sie gleichzeitig Ausgeschlossene, aber als solche integriert sind, ist es unter Umständen für einen Arbeitgeber nicht einfach sie aufzusuchen und auszusuchen.

Als Beispiel sei die Schilderung Dietrichs (1983) aufgrund seiner Erfahrungen in Griechenland angeführt: "Eine manchmal recht komplizierte Sache ist die Kontaktaufnahme mit den Musikern. Wenn jemand im Dorf ein Fest veranstalten will, liegt es an ihm, eine Kapelle auszusuchen. Feste Reviere für einzelne Gruppen gibt es, wenn überhaupt, nur bei den Kirchweihfesten, wo schwer erkennbare Regeln festlegen, wer in welchem Dorf auf welchem Festplatz aufspielen darf. Möglicherweise kommen hier auch Bestechungspraktiken zum Zuge.

Anders bei privaten Festlichkeiten. Oft beauftragt der mit Musikern unerfahrene Gastgeber einen in diesen Dingen bewanderten Dorfmitbewohner mit der Kontaktaufnahme, wofür er ein beträchtliches Erfolgshonorar zahlen muss. Traut er sich das Geschäft selber zu, dann reist er in eines der bekannten Zigeunerzentren oder in die nächste Stadt. In den Städten gibt es in der Regel ein «kafenion mousikôn», eine Kaffeestube als regelmässiger Treffpunkt der Musiker. Solche Treffpunkte sind z. B. das Kafenion «Kavnoudiás» in Halkis oder das «I mikri Asia» in Kavála.

Hier oder im Zigeunerzentrum laufen jetzt die Verhandlungen in der Art von Basargeschäften. Die miteinander konkurrierenden Anbieter sind alle physisch greifbar nahe beieinander, wobei es bei diesem speziellen Geschäft keine Ware zum Anfassen gibt. Auch Probevorspielen gibt es nicht. Überhaupt liegt hier das Risiko des Geschäftes eher beim Musiker: lässt er sich bei einer kleinen, schlecht zahlenden Gesellschaft verpflichten, hat er den Schaden, kaum der Gastgeber.
Ein spezielles Kapitel sind vielerorts die häufigen Schlägereien und Messerstechereien zu später Stunde bei den Festen. Es gibt hier einschlägig bekannte Dörfer – häufig solche mit einer ethnisch gemischten Bevölkerung – in die die Musiker ungern gehen." (S. 294f.).

Dass erfahrene Roma-Musiker wissen, wie man mit dem Publikum und vor allem mit auftreten­den Tendenzen zur Gewalt umgeht, ist an anderer Stelle erwähnt. Sie verfügen über ein vielseitiges musikalisches Musikangebot, das allerdings in der 2. Hälfte unseres Jahrhunderts nochmals zurückgegangen ist, wobei auch Musikinstrumente von Sesshaften übernommen wurden. In Südosteuropa gab es Ende der 70er Jahre ein dreifaches Angebot:

Dietrich (1983) führt aus: "Entweder wird die bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts auf den Dörfern allein übliche Musik auf zwei Kegeloboen und Zylindertrommel, auf «zurna» und «davul», gewünscht. Musiker, die diese Instrumente spielen, gibt es nur noch in einigen Zentren.

In der Region um den Golf von Korinth in Griechenland beispielsweise haben sich die Zigeuner schon weitgehend von dieser Art Musik zurückgezogen, weil sie zu wenig Erwerbsmöglichkeiten bietet. Da aber bei den Einheimischen der dringende Wunsch besteht, wenigstens zu bestimmten traditionellen Anlässen wie dem Fest des heiligen Simeon in Mesolongi oder dem Fest des heiligen Georg in Vilia/Attika diese Instrumente zu hören, haben einheimische Bauern – Nicht-Zigeuner – diese Instrumente erlernt, um diese Lücke zu füllen. Die Zentren 18 und 19 (kennen die Musik auf Oboe und Trommel nur noch durch Nicht-Zigeuner; sie stehen qualitativ auf einer deutlich niedrigeren Stufe als die Zigeunerzentren. Auch in Jugoslawien gab es noch vor etwa 20-30 Jahren derartige Rückzugsgebiete, wo Bauern die von den Zigeunern selbst längst aufgegebene Tradition noch eine Zeitlang aufrecht erhielten. S. Stepanov berichtete 1960 von einem solchen Fall in der kroatischen Banja.
Eine Besonderheit stellt das Zentrum 7 dar: die dortigen Zigeuner bieten die Musik zu Oboe und Trommel nur für die relativ kleine Minderheit der Türken und Krim-Tataren in der Dobrudscha an, die rumänische Bevölkerung wünscht diese Musik nicht.

Als Relikt aus osmanischen Zeiten konnte man vor ca. 10 Jahren noch in Nordanatolien (Sinop, Kastamonu) einen Tanzknaben («köçek zilçi») bestellen, der hübsch geschmückt und mit Zebeln («zil») an den Händen als Tanzsolist die Gesellschaft unterhielt.

In den Städten des Osmanischen Reiches gab es die Einrichtung der «kafé-amán». Das waren Kaffeehäuser, in denen ein festes Podest oder eine kleine, erhöhte Bühne für Musikanten reserviert war. Teils waren es umherziehende Gruppen, die hier für ein paar Tage aufspielten, überwiegend aber feste Ensembles, die regelmässig musizierten. Zum Ensemble gehörte vielfach eine Sängerin und/oder eine Tänzerin oder ein Tanzknabe. Mit dem Verfall des Osmanenreiches verging auch die Einrichtung des Kafé-amán; geblieben sind nur die typischen Zigeunerensembles mit ihrer für geschlossene Räume geeigneten Besetzung. Da die Musik auf Oboe und Trommel wegen ihrer schrillen Lautheit nur zum Musizieren im Freien geeignet ist, spielte man in den Kafé-amán gern Klarinette, Violine, Laute, dazu eine Schellentrommel oder die becherförmige «darabuka».. Lokal unterschiedlich fand sich manchmal auch das Hackbrett «santoúri», die Zither «kanun», die Panflöte «nai» in solchen Gruppen. In neuerer Zeit wurden vom Westen übernommene Instrumente wie die Gitarre oder das dem amerikanischen Banjo nachempfundene türkische «cümbüs*» integriert. In Makedonien wird neben die Klarinette als zweites Blasinstrument manchmal eine Trompete oder eine Posaune gesetzt, in Ungarn und Rumänien ist ein Kontrabass zur klanglichen Abrundung fast obligatorisch geworden.


Romamusiker.jpg
Romamusiker mit Doppelflöte (Auftritt in Frankreich)


Diese zweite Kategorie Zigeunermusik wird heute noch in vielen Zigeunerzentren und in den meisten Musikcafés angeboten.

Seit Anfang der 70er Jahre ist überall in Südosteuropa das Spielen mit Verstärkeranlage in Mode gekommen, gleichgültig, ob die Grösse der Veranstaltung dies erfordert oder nicht. Das Spielen mit Verstärkeranlage (möglichst mit einem starken Hallgenerator) hat hohen Prestige­wert und wird heute in der erdrückenden Mehrheit aller musikalischen Veranstaltungen gefordert, so dass alle Zigeunergruppen darauf eingerichtet sind. Diese Praxis wird umgekehrt von den Zigeunern selbst gefördert, denn nur sie selbst sind in der Lage, die Wünsche nach einer entsprechend ausgerüsteten Kapelle zu erfüllen. Als Vorreiter und Propagatoren eines neuen Publikumsgeschmacks sind sie es, die die Tanzweisen uminstrumentieren auf ein verstärkergerechtes Instrumentarium: auf Klarinette, Violine mit Kontaktmikrophon, elektrische Gitarre oder Bouzouki und elektronische Orgel. Diese dritte Kategorie Zigeunermusik ist heute als Standardangebot in allen Zigeunerzentren verfügbar.

Neben der Instrumentalmusik für die Männer wird in muselmanischen Gegenden auch Musik für die getrennt stattfindenden Feiern der Frauen angeboten. Zigeunerinnen lassen sich gegen Geld als «Tefçiksfin», als Trommlerinnen (mit der Schellentrommel «tef» oder der Rahmen­trommel «daira»), engagieren. Ihre Tätigkeit ist von Musikethnologen bislang nur selten beobachtet worden; zum einen ist es für einen Mann praktisch unmöglich, an muselmanischen Frauengesellschaften teilzunehmen, derartige Feldforschung kann erfolgreich nur von Frauen durchgeführt werden, zum anderen hüten die Tefçi kadin ihr berufliches Know-how noch stärker als die Musikanten. Soweit dies der Autor gelegentlich beobachten konnte, ist eine solche Tefçi kadin meist mehr noch Unterhalterin oder «Animateurin» einer Frauengesellschaft als nur Sängerin zur Trommel. Zumindest in der Türkei gibt es offenbar gelegentlich auch Formen von dörflichem Bauchtanz, der als Reigen getanzt und von der Tefçi kadin oder «Çengi» angeführt wird; ähnliches berichtet E. Dunin aus Skopje. Als ein Ausbildungszentrum für solche Unterhalterinnen gilt Sulúkule/Istanbul.

So bleibt zu fragen, ob bei aller Anpassungsfähigkeit der Zigeunerkapellen nicht auch so etwas wie eine zigeunereigene Volksmusik existiert. Man hat vor allem in Ungarn versucht, autochtones Zigeunerliedgut zusammenzutragen, um unter anderem daraus vielleicht Rück­schlüsse auf die Herkunft der Zigeuner machen zu können. Als einziges umfassenderes Ergebnis liegt bisher die Liedersammlung der Brüder Csenki vor. Auch aus der Slowakei, Rumänien und Jugoslawien gibt es einige Aufzeichnungen von Zigeunerliedern, die sie in Romanés nur für sich selbst singen. Alle diese Lieder sind von relativ einfacher Struktur und benutzen nicht die sogenannte «Zigeunerleiter». Aus anderen Ländern wie der Türkei, Griechenland, Bulgarien und Albanien liegen bis heute allenfalls vereinzelt Artikel vor. Verschiedene Gründe, wie nationale Minderheitenpolitik oder soziales Ansehen der Zigeuner, verhindern hier die Beschäftigung der einheimischen Musikethnologen mit der Materie, ja es kann einem durchaus passieren, dass die Polizei deutlich machen möchte, dass es gar keine Zigeuner gibt. Nach Beobachtungen des Autors scheint es auch in diesen Ländern bei denjenigen Zigeunern, die zu Hause Romané sprechen, ähnliche Lieder zu geben, wie sie die Brüder Csenki in Ungarn sammeln konnten.
Eine Besonderheit der Zigeunervolkslieder in Ungarn und der Slowakei sind die Vortragsweise des «pergetés», was so viel wie «Wirbeltechnik» heisst, und der «Mundbass». Beim Pergetés werden Töne der Melodie synkopisiert und auf bedeutungslose Silben vorgetragen. Der Sänger wird dabei durch den Chor der Mundbassänger begleitet, die eine begleitharmonieartige zweite Stimme mit starker Akzentuierung der unbetonten Achtel bilden. Instrumentalbegleitung hierzu ist unbekannt, allenfalls Schnalzen und Händeklatschen sind üblich.

Mehrfach ist in der Literatur beschrieben worden, dass die Zigeuner bestimmte Gattungen von Liedern nicht kennen: weder epische Lieder noch Brauchtumslieder. Doch wäre ein archaischer Brauch, der von der Türkei bis Ungarn überall in Südosteuropa als Reliktform bekannt ist, sicher wert, im Zusammenhang mit den Zigeunern einmal näher untersucht zu werden: das ««Regenbitten»». Ob als «yagmur duast«* in der Türkei oder als «giaun dirkusu» bei den Krim-Tataren der rumänischen Dobrudscha, als «paparude» in den Karpaten oder als «dodole» in Vojvodina, immer wieder sind es Zigeuner, die diesen Brauch noch als letzte praktizieren." (Dietrich, 1983, S.295-299).
Man muss sich bei allen Ausführungen über "die Zigeuner" bewusst bleiben, dass sowohl mit dieser Bezeichnung wie dem von mir bevorzugten Ausdruck Roma, Sinti oder Fahrende als Oberbegriff eine Vielfalt von Gruppierungen zu verstehen ist. Eine wichtige Unterscheidung ist jene zwischen denen, die sesshaft geworden sind, wie die Rom in Ungarn und Rumänien, aber auch Gitanos in Andalusien und jenen, die weiterhin nomadisieren (vgl. auch Anhang A 42). Auch muss in der Musik unterschieden werden, zwischen jener, die zu Erwerbszwecken für die Aussenstehenden, die Gayé aufgeführt wird, (ein Begriff, der übrigens dem in jiddischen gebrauchten Goj für Christen entspricht) und derjenigen Musik, welche innerhalb der Gruppe bei traditionellen Festen gesungen und gespielt wird. Diese authentische Musik ist nicht für Fremde bestimmt und schwer zugänglich (Borel, 1979, S. 141ff).

Die Manouches Frankreichs und Deutschlands stehen innerhalb der Hierarchie der Roma tiefer, weil sie ihre Dienste den Gayé anbieten (De Heusch, zit. nach Borel, 1979). In der Tschechoslowakei bestehen nach Borel grosse Unterschiede zwischen den Liedern des Stamm der Olah und der Musik und den Tänzen der Sesshaften. Der Gesang der Olah ist nicht von Musikinstrumenten begleitet, sondern von Ausrufen und anderen Lautäusserungen, sowie von verschiedenen rhythmischen Klängen, auf Gegenstände, mit den Fingern, durch Klatschen in die Hand. Bei den sesshaften Roma der Tschechoslowakei tanzen die Männer, während es bei den Kawilija des Irak die Frauen sind, die in der Öffentlichkeit als Tänzerinnen auftreten.

Eine besondere Rolle haben die Roma in der Geschichte des Flamenco. Félix Grande (1987) widmet den grössten Teil des ersten Buches seiner zweibändigen Darstellung "Memoria del Flamenco" der Geschichte und dem Einfluss der Roma, denen er wesentliche Impulse bei der Entstehung der Flamenco-Musik zuschreibt und welche die Musik und den Tanz des Flamenco in Spanien vertreten. In seiner Darstellung trifft sich Grande inhaltlich mit Aziz Baloch (1988), d.h. mit einem Vertreter des anderen Endes des euroasiatischen Kulturraumes. Dieses letztge­nannte Werk zu dem auch die Kennerin der islamischen Welt, Annemarie Schimmel, beigetragen hat, stellt die Entstehung und Ausstrahlung der Musik von Sindh im Industal dar. Baloch beschreibt seine persönliche Erfahrung, wonach er selbst als Musiker der Sindh-Musik bei einem Besuch in Andalusien ohne Schwierigkeiten Flamenco singen konnte, als hätte er diese Liedtradition, vor allem seine Urform, das Cante Jondo, "bereits im Blut". Das Cante Jondo, was inspiriertes Singen oder Singen aus der Tiefe bedeutet, wird auch als Cante grande, d.h. grosser Gesang bezeichnet. Dass es in Andalusien zu einer besonderen Synthese der eingewanderten Roma mit bereits vorhandenen Elementen der Musik kam, hat, darin stimmen Grande und Baloch unabhängig voneinander überein, verschiedene Gründe. Während eines grossen Teiles ihrer Wanderung haben sich die Roma in islamischen Ländern aufgehalten und auch der Süden Spaniens hatte zur Zeit der Ankunft der Roma eine lange islamische Vergan­genheit hinter sich; demzufolge hat auch der Flamenco Elemente der islamischen Musik weitergeführt.
Spanien war aber auch ein Zentrum jüdischer Musik und Kultur bis zu ihrer Vertreibung. Auch Elemente der traditionellen jüdischen Musik sind in den Flamenco eingegangen. Die Verknüpfung dieser drei Elemente im Flamenco, Romamusik, arabisch-islamisches und jüdisches musikalisches Kulturerbe ist kein Zufall. Es sind drei Musikkulturen, die über einen langen Zeitraum hinweg auf verschiedenste Weise miteinander in Berührung standen. Alle drei sind durch eine Dynamik der Migration gekennzeichnet und stehen dem nomadischen Lebensstil nahe. In allen drei Kulturen spielen Wahrnehmung und Ausdruck der Gefühle eine führende Rolle, welche die Grundlage der familiären Bindungen und der Zugehörigkeit zu grösseren Einheiten wie einem Stamm oder Clan sind. Alle drei sind von ausgeprägtem religiösen Empfinden bestimmt, von einer unmittelbaren Beziehung zur Transzendenz und zum Kosmos, einer unmittelbaren Beziehung jedes Einzelnen zu ausserhalb des Menschen liegenden, transzendenten Kräften, deren Vermittler oder Gefäss die Menschen sind. Musik als Medium seelisch-geistiger und religiöser Erfahrung ist allen drei Traditionen gemeinsam und prägt den musikalischen Ausdruck. So kommen alle drei Musikkulturen mit einem geringen Tonumfang aus und legen dafür den Schwerpunkt auf die persönliche Ausdrucksstärke und Variationen einzelner Töne, deren Abfolge meist einen festgelegten Rahmen bildet, der aber genügend Spielraum für den persönlichen Ausdruck lässt.
Bewegung ist ein besonders ausgeprägtes Charakteristikum dieser Musik in mehrfachem Sinn: als seelische Bewegtheit, als bewegt werden von religiösen Erfahrungen, als Tanz, als unter­wegs sein im Sinne der individuellen Entwicklung und derjenigen der Gemeinschaft sowie als konkrete Wanderung auf dieser Erde. Erfahrungen und Ereignisse der Gefühlswelt, wie Liebe, Hoffnung, Sehnsucht, aber auch Eifersucht, Hass und Trauer, sind in den gesungenen Texten zentrale Themen.
Nicht berücksichtigt werden kann an dieser Stelle der Flamenco als Tanz, der sich in der heutigen Form geschichtlich verhältnismässig spät herausgebildet hat und im Sinne der Tanzvorführung erst in den Vordergrund trat, als die Flamencomusik sich einem zuschauenden und zuhörenden Publikum in Aufführungen darzustellen begann. Dies war erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts der Fall, als in Spanien Cafés cantantes eröffnet wurden, deren erstes in Sevilla 1842 belegt ist. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahmen sie einen Aufschwung und die Tradition des Musikcafés breitete sich aus.



12-23c_Roma-_Wanderungen_5.bis15.Jh.jpg
Wanderung der Roma

Wie nachfolgend dargestellt, hat sich ein Teil der Wanderung der Roma aus dem Osten nach Süden und Nordafrika gewandt und kam – über die nordafrikanische Küste und Gibraltar – nach Spanien. Die Haupteinwanderung der Roma in Andalusien erfolgte aber von Norden her durch die Pyrenäen. Aus verschiedenen Gründen leitet sich eine der Namensgebungen für die Roma davon ab, dass man sie für Ägypter hielt (Gypsies, Gitanos); auch im ersten schriftlichen Dokument einer Obrigkeit, welches den Roma gewidmet ist, einem Geleitbrief von Alfonso V von Aragón, datiert vom Januar 1425, werden sie als Ägypter bezeichnet.

Baloch (1988) zeigt verschiedene Parallelen zwischen dem Flamenco und der Musiktradition von Sindh im Industal auf. So haben beispielsweise die spanischen Saetas, die religiösen Lieder des Flamenco, eine Parallele in den Gesängen, welche das Martyrium von Imam Husain in Pakistan in Erinnerung rufen. Selbstverständlich sind solche Parallelen kein direkter Beweis für eine gegenseitige Verknüpfung, denn es ist kein Zweifel, dass bestimmte analoge Kultur­phänomene auch unabhängig voneinander auftreten. Aber es ist plausibel, dass Andalusien mit seiner langen islamischen und jüdischen Tradition besondere Voraussetzungen für die kulturelle Integration der Roma besass. Dazu kamen zur Zeit ihrer Einwanderung soziologische und wirt­schaftliche Gegebenheiten; Andalusien war zur Zeit ihres Erscheinens ein armes Land mit einem unterdrückten und im Elend lebenden Landproletariat. Bei ihm haben die Einwanderer offenbar Anschluss und Aufnahme finden können, die ihnen in fruchtbareren und reicheren Ländern nicht in dieser Art gewährt wurde. Am ähnlichsten wäre die Situation der Roma auf dem Balkan und in Osteuropa, besonders in Ungarn. Aber im grossen und ganzen scheint es, dass sie ausserhalb Andalusiens stärker "die Anderen", "die Fremden", geblieben sind, auch wenn sie, wie in Ungarn, die Volksmusik der Region übernommen und vertreten haben. Eine weitere Ausnahmen bildet die Region von Isernia, östlich der Strecke Rom – Neapel, wo die Roma verhältnismässig gut integriert und eingebürgert wurden. (Lombardi, Il Tempo, 3.9.1989)

Die Geschichte der Roma ist keineswegs geklärt, die nachstehende Darstellung scheint mir auch aufgrund der eigenen Reiseerlebnisse jedoch plausibel. Sie beginnt im unteren Industal, vor allem östlich des Indus, in Sindh, heute indisch-pakistanische Grenzregion . Das Industal war der östliche Endpunkt der antiken euro-asiatischen Welt, deren Zentrum rund um das östliche Mittelmeer lag und gleichzeitig Brückengebiet zum indischen Subkontinent sowie zum südostasiatischen und chinesischen Kulturraum. Die Geschichte der Loramusiker (auch Lorra, Loree und Lorree) im Industal ist vom 5. Jahrhundert an dokumentierbar und steht in engem Zusammenhang mit der Ausbreitung indopakistanischer Musik. Die Lora werden zwar nicht als zu den Roma gehörig betrachtet, aber ihre Geschichte soll hier dennoch erwähnt werden, da sie mindestens Analogien zu den Roma hat. Die legendäre Entstehungsgeschichte einer sindo-iranischen Loriyan-Musik ist eines der frühesten Beispiele der Musikmigration. Gut zwei Jahr­hunderte später fand, nach der Islamisierung Persiens, diese Musik in den gesamten islamischen Kulturraum Eingang.


















Und so sollen die Lora nach Persien gekommen sein: Der persische, sassanidische Herrscher Bahram Gur führte in der 1. Hälfte des 5. Jahrhunderts einen Feldzug in den indopakistanischen Subkontinent hinein. Aufgrund einer Vertragsregelung gab ihm der regionale Herrscher von Sindh seine Tochter zur Frau und bestimmte Gebiete seines Reiches als Mitgift. Die Hochzeit wurde mit viel Musik begangen und die Sänger aus Sindh beeindruckten den persischen Herrscher derart, dass die lokalen Machthaber ihm Musiker an seinen Hof mitgaben. Diese Musiker aus Sindh begründeten in Persien eine eigene Musiktradtion unter dem Namen Loriyan (oder Loliyan). Sie wurden sprichwörtlich bekannt für ihren lieblichen Gesang und werden in der persischen Dichtung und Literatur verschiedentlich erwähnt.

Es gibt auch begründete Vermutungen, dass der aus Bagdad nach Cordoba im 9. Jahrhundert berufene Hofmusiker Ziryab, der nicht nur für die andalusische Musik und den Flamenco, sondern überhaupt für die westeuropäische Musik- und Kulturentwicklung wichtig geworden ist, einer nach Bagdad ausgewanderten Lorafamilie entstammte.
Die Auszugsgeschichte der Roma wird damit begründet, dass im 7. Jahrhundert ein fundamentalistischer Brahmane die bis dahin buddhistische Herrschaft in Sindh übernahm und die ansässige Bevölkerung so sehr drangsalierte, dass ganze Stämme auswanderten. .

Die Brahmanen, die sich durch ihre Deszendenz von den arischen Einwanderern und durch ihre hellere Haut von der eingeborenen indisch-pakistanischen Bevölkerung unterschieden, haben diese kolonialisiert und die einge­borenen Völkerschaften und Stämme terrorisiert. So wurden verschiedene Gemeinschaften schweren Restriktionen unterworfen, die durchaus mit den Verfolgungen der Juden und der ersten Christen durch die Römer vergleichbar sind. Den "Eingeborenen" wurden, wie später in der Kolonialgeschichte, untergeordnete Arbeiten zugewiesen und Einschränkungen auferlegt. Unter dem Druck dieser Entwicklung kam es vor allem zur Auswanderung einfacher Arbeiter, Handwerker und Hirten. Sie waren entweder schon zuvor Nomaden oder Halbnomaden, oder die Nieder­lassung auf festem Territorium wurde ihnen verunmöglicht. Baloch (1988) nimmt, weitgehend in Übereinstimmung mit anderen Autoren, an, dass diese aus Sindh im Industal und in der indopakistanischen Grenzregion in verschiedenen Wellen emigrierten Volksgemeinschaften die Vorfahren der Roma waren. Wie bei den Lora waren und sind auch bei den Roma viele Metallhandwerker zu finden, insbesondere Schmiede, woraus sich dann später unter anderem der Beruf der Kesselflicker entwickelte . Neben Sindh werden auch Uttar Pradesh sowie Rajasthan als Ursprungsgebiete der Roma angesehen.

Eine andere Variante zum Auszug der Volksgruppen aus Indien macht den islamischen Eroberer Mohammed von Ghazni für die Auswanderung verantwortlich. (Bogaart et al, 1980). Mohammed von Ghazni, 998-1030, brachte dem Industal gewaltsam den Islam. Auf seinen Namen wird das Wort Gajo der Roma-Sprache zurückgeführt, mit dem die Nicht-Roma, die Barbaren und die in der Regel feindselige ansässige Bevölkerung bezeichnet werden. Auf seine Dynastie folgten die Ghuriden, mit dem Zentrum Ghur westlich von Kabul. Mohammed von Ghur zog gegen das indische Reich von Delhi. Nach seiner ersten Niederlage besiegte er anschliessend Ende des 12. Jahrhunderts die indische Armee in der Schlacht von Therain 1192 und unterwarf Nordindien. Die Überlebenden flohen in verschiedene Richtungen. Die einen ostwärts, die anderen süd- und westwärts in noch nicht vom Islam eroberte Gebiete. Sie bilden die Grundlage der Fahrenden in Süd- und Zentralindien.

Ob es die hier genannten oder noch andere regionale politische Ereignisse waren, welche die Auswanderung bewirkten, scheint umstritten. Übereinstimmung herrscht hingegen darin, dass die heutige indopakistanische Region im Industal das Ursprungsland der Roma ist.

Die Volksstämme, die zunächst in das heutige Afghanistan flohen, zogen auf drei grossen Wanderstrassen weiter. Die eine führte durch die Donauländer, die zweite durch die Türkei nach Mittel- und Westeuropa und die dritte südlich nach Ägypten und Nordafrika. In Europa tauchten die Wandergemeinschaften Ende des 14. Jahrhundert auf (vgl. auch Anhang). Von diesem Datum an sind sie an verschiedenen Orten durch verschiedene Quellen erwähnt

Religiös motivierte und gewalttätige Verfolgung und Unterdrückung, von wem immer und wann genau auch immer sie ausging und der Auszug aus den Ursprungsgebieten, scheint in jedem Fall am Anfang der Wanderschaft der Roma zu stehen; ähnlich wie der Auszug aus Ägypten einen der Anfänge der, allerdings völlig anders gearteten, Wanderung und Verbreitung der Juden geprägt hat. Beide Volksgemeinschaften hat die Verfolgung nie mehr losgelassen. Beide waren stets die "Anderen", die man für bestimmte Zwecke brauchte, herbeirief, vereinzelt auch belohnte, um sie aber kurz darauf wieder zu verjagen, zu verfolgen und ausrotten zu wollen.
I
n ganz Europa ist das Schicksal der Roma eine für die Menschheit beschämende, skandalöse Schreckens- und Leidensgeschichte. Selbst in Spanien kam es, trotz der Synthese, die in der Musik in Andalusien zwischen den Zugewanderten und der vorhandenen Bevölkerung stattfand, zu brutalen Verfolgungen. Es seien hier nur einige Beispiele angeführt, welche aber die Leiden, die den Roma angetan wurden und bis in die heutige Zeit angetan werden, nicht annähernd wiedergeben.

1528 wurde in Spanien allen nomadisierenden Roma die Galeerenstrafe angedroht; 1539 erliess das Parlament von Paris einen Ausweisungsbefehl; 1563 gebot Königin Elisabeth von England, unter Androhung der Todesstrafe, den Roma, das Land innerhalb von drei Monaten zu verlassen; in Mähren wurde erwischten Roma das linke Ohr abgeschnitten, in Böhmen das rechte; in Österreich wurde der Galgen auf dem Rücken der Opfer eingebrannt; an Grenzen wurden Warntafeln aufgestellt, über die noch 1877 ein Autor zynisch schreibt: "Diese künstlerische Leistung stellt den am Galgen frisch gehangenen Zigeuner en miniature recht gelungen dar und gleich daneben den Henker in der interessanten Beschäftigung des Staupen schlagens (auspeitschen), unter dessen sanfter Berührung sich ein Zigeunerbube zu Boden krümmte, während ein anderer Satellit des Hochgerichts mit unnachahmlicher Grazie einer Zigeunerin das rechte Ohr wegschnitt." (Gronemeyer & Rakelmann, 1988, S. 50).

Bisweilen wurde der Buchstabe "R" (für relegiert, weggewiesen) auf dem Rücken ausgeschröpft und mit Schiess­pulver eingerieben. Herumziehende wurden eingefangen, gefoltert und versklavt. Es spielte dabei keine Rolle, dass es bisweilen nicht bewiesen war, ob es sich um Roma oder Sinti handelte. Was zählte, war die Art und Weise, in der Menschen ohne festen Wohnsitz und unter ihnen oft Musikanten und andere Vertreter des Schauge­werbes als Blitzableiter für Hass, Gewalt und Entwürdigung benützt wurden, während sie oft gleichzeitig wegen ihrer musikalischen oder handwerklichen Kunst gesucht, geschätzt und gerufen waren.

Ausgangs des 18. Jahrhunderts fasste Joseph II in Österreich die schon von Kaiserin Maria Theresia eingeleiteten Massnahmen gegen Roma zusammen, die ihnen ihre eigene Lebensart absprachen; der Katalog der Verbote umfasst: Die Kinder dürfen nicht nackt herumlaufen, sie müssen Schule und Kirche besuchen, sie werden vom vierten Lebensjahr an in umliegende Ortschaften verteilt. Den Erwachsenen wird das Wandern verboten sowie das Wohnen in Zelten. Ansässige dürfen Jahrmärkte nur nach besonderer Bewilligung besuchen. Es wird den Roma der Gebrauch ihrer Sprache bei 24 Stockhieben untersagt und ihnen die Eheschliessung untereinander verboten. Verboten werden auch die angestammten Berufe der Fahrenden, nicht nur das Schmiedehandwerk und der Pferde­handel sondern auch das Musizieren. Selbstverständlich wird auch das Betteln verboten und jeder Fahrende muss einer regelmässigen Beschäftigung nachgehen. Die Wahl des eigenen Vorstehers, das heisst die eigene soziale Organisation, wird verboten, ebenso wie eine besondere Kleidung und statt dem Wort Zigeuner ist die Bezeichnung Neuungarn zu verwenden.
Noch anfangs des 19. Jahrhunderts waren in Osteuropa, in der Moldau und Walachei, Roma von Rechtes wegen versklavt. Der Besitz eines Zigeuners schloss das Recht ein, ihn zu verkaufen, festzuhalten oder zu verschenken, und alle Zigeuner des Fürstentums, die keinem privaten Besitzer gehören, waren Eigentum des Fürsten.
Die grausamste und systematischste Verfolgung der Roma fand in diesem Jahrhundert durch den National­sozialismus in Deutschland statt. An ihrem Zustandekommen war ausgerechnet ein vielseitig gebildeter Kinder- und Jugendpsychiater aus Tübingen beteiligt, der sich für die Erbforschung interessiert hatte und sich aufgrund dieses Interesses auch mit den Roma befasste und zum Handlanger des nationalsozialistischen Verfolgungsterrors wurde. (Schönhagen, 1982). Es ist unerlässlich, mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass noch die Generation des Schreibenden dieses Buches Zeuge der schlimmsten Ausrottung der Fahrenden war, die es wohl je gegeben hat. Die Zahl der Ermordeten wird auf ungefähr 200'000 geschätzt, davon je 15'000 aus Deutschland und Frankreich, 6'500 aus Österreich, 7'500 aus der CSFR, 35'000 aus Polen, 36'000 aus Rumänien, 28'000 aus Kroatien, 12'000 aus Serbien, 30'000 aus der Sowjetunion und 210 aus den Niederlanden (Bogaart et al, 1980, S. 57). In Deutschland war schon 1899 ein Zigeunernachrichtendienst eingerichtet worden; 1905 wurde ihnen das "Zusammenreisen in Horden" verboten; 1927 wurde die polizeidienstliche Erfassung durch das preussische Innenministerium veranlasst und das Bayrische erliess 1926 ein Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen. Schon vor der Machtergreifung der Nazis, d.h. vor 1933 war von der "Beendigung der Zigeunerplage" die Rede, wozu die Nürnberger Rassengesetze einen juristischen Vorwand gaben. Artfremde Personen wurden als innerer Feind bekämpft und dazu gehörten, oft ausdrücklich gemeinsam genannt, Juden und Zigeuner.
Weder ist die nationalsozialistische Ausrottungskampagne aus dem Nichts hervorgegangen, noch hat sie sich in Nichts aufgelöst. Bis heute gehen Diskriminierung, Verweigerung von Standplätzen und ein oft panisches Misstrauen in der Bevölkerung leben weiter. Diskriminie­rende Massnahmen, welche auf eine Auflösung der Identität und eine Sesshaftmachung hinziel­ten, gab es skandalöserweise selbst noch nach dem 2. Weltkrieg in der Schweiz, wo Kinder den Jenischen, den schwe8izerischen Fahrenden weggenommen und zur Adoption gegeben wurden.

Eine gebildete und sonst kompetente Journalistin schreibt in einer führenden schweizerischen Zeitung vom Juni 1993: "In Bukarest beherrschen einige Roma-Clans den illegalen Währungstausch. Dabei sammelt sich leicht ein kleines Vermögen an." Nur schon diese zwei Sätze sprechen die diffamierende Sprache von der Minderheit, die nicht unser Mitgefühl verdient, sondern die nach Reichtum strebt, als würde dies nicht jeder Bürger in einem modernen Staat tun. Dann wird ausführlich von einem Mann berichtet, der den Namen Mihai erhält und – man beachte in dieser Namensbildung das Wort "hai", das an den gefährlichen Haifisch anklingt – beim Geldwechsel betrügt. Selbst wenn dieser Mann tatsächlich den Roma zugehörte, selbst wenn die Roma tatsächlich den Schwarzgeldwechsel in Bukarest beherrschen, werden durch die Auswahl und Verbreitung einer solchen "Geschichte", uralte Vorurteile, Misstrauen und Hass erneuert. In allen Ländern der Welt ist der Schwarzmarkt ein dunkles und unlauteres Geschäft und oft die einzige Arbeitsmöglichkeit für sozial Benachteiligte. Sind solche Minderheiten "Zigeuner", oder sind es in anderem Zusammenhang "Juden", so steigen sie ebenso wie andere sozial Benachteiligte ins Geschäft ein. Das heisst nichts gegen und nichts für sie. Es besteht aber die historisch nachgerade zur Genüge bekannte Tatsache, dass solche "unsauberen Geschäfte" gerade jenen als besonderes Makel angelastet werden, die ohnehin zu den Ausgestossenen und Abgelehnten gehören, seien sie nun Juden, Zigeuner oder andere Minderheiten.

Während der Abfassung dieses Buches wurden überall in Westeuropa Fahrende wieder vermehrt abgelehnt, weggewiesen und angegriffen.


















Die wirtschaftliche Deregulierung nach dem Fall der Berliner Mauer und der Grenze zwischen Ost- und Westblock, die Armut in den ehemaligen Ostblockstaaten und die durch eine relative Öffnung der Grenzen vermehrt mögli­chen Wanderbewegungen Fahrender haben überall – im Osten wie im Westen zu vermehrter Abwehr geführt. Ein schrecklicher Tiefpunkt dieser Angriffe war das tödliche Attentat auf Angehörige der Roma in Österreich vom Februar 1995. Fahrende zählen wie gesagt häufig zu den Schaustellern, die als Wanderunterhalter eine alte Tradition bis in unsere Tage fortführen. Eine eindrucksvolle frühe Darstellung verdanken wir Francesco Goya, der die unter Oboenklängen auf Stelzen einziehenden Fahrenden gemalt hat.


III.12.4 Anhänge

III.12.1 Burke über Wanderunterhalter in Frankreich und Westeuropa
[Burke (1981), S. 105 - 111]
"Es mag verwunderlich sein, dass Leute, die Zähne zogen, zu dieser Gruppe gehörten, doch auch sie, die im Freien vor der Menge arbeiteten, gaben eine Vorstellung. Viele der Bezeichnungen überschneiden sich, da sich die Funktionen überschneiden; diese professionellen Unterhalter waren zweifellos in der Lage, eine Art Varieté anzu­bieten. Ein "Komödiant" beschränkte sich nicht auf komische Rollen. Im englischen Wort "player", vergleichbar dem deutschen Wort Spielmann und dem slawischen igrec, steckt die Bedeutung "Schauspieler", also eines Mannes, der eine Rolle und z.B. auch den Narren spielt, neben der eines Menschen, der ein Instrument beherrscht. Er musste ein Meister der Pantomime und der blitzschnellen Verwandlung sein. Englische Schauspieltruppen konnten auf dem Kontinent erfolgreich auftreten, weil ihre Schau nicht auf das Verständnis der Sprache angewie­sen war. Einem dänischen Dokument zufolge waren die englischen Schauspieler instrumentister och springere, Musiker und Akrobaten. Ein Possenreisser oder Clown konnte je nach Möglichkeit verschiedene Tätigkeiten ausüben: Er sang oder improvisierte Verse, tanzte auf dem Seil, vollführte Sprünge oder jonglierte mit Bällen. All dies konnte auch ein Spielmann zur Schau stellen. Einer der wenigen englischen Spielleute des sechzehnten Jahrhunderts, dessen Namen wir heute noch kennen, Richard Sheale (seine Version der Ballade Chevy Chase ist in Percys Reliques abgedruckt), bezeichnete sich als "merry Knave", als einen Spassmacher. Die alte spanische Bezeichnung für Spielmann, "juglar", die im sechzehnten Jahrhundert bereits ein bisschen altertümlich war, erinnert uns daran, dass ein und derselbe Mann Geschichten erzählen oder mit Bällen jonglieren konnte; und das lateinische Wort, von dem sie abgeleitet ist, joculator, Spassmacher, legt nahe, dass ein Spielmann ein Allge­meinunterhalter war. So eindrucksvoll waren die Darbietungen dieser Männer, dass das Wort "juggler" im Englischen die Bedeutung "Zauberer" annahm, während der Begriff "conjurer", der ursprünglich auf jemanden bezogen wurde, der Geister beschwor, im achtzehnten Jahrhundert auf Männer angewandt wurde, die Zaubertricks vorführten, Feuer schluckten oder lange bunte Bänder aus dem Mund zogen. Auch Schauspielern und Schauspie­lerinnen legte man manchmal zu Last, sie seien mit dem Teufel, dem grossen Meister des trügerischen Scheins, im Bunde.
Jetzt müssen wir uns mit den eigentlichen Schaustellern befassen, ob sie nun Puppen, Reliquien und Souvenirs, Wachsimitationen, dressierte Bären oder Affen vorführten oder eine Guckkastenschau mit Schlachtenansichten oder exotischen Städten wie Konstantinopel oder Peking anboten, und schliesslich bleibt auch noch die Vielzahl der abschätzigen Berufsbezeichnungen wie Scharlatan, Kurpfuscher, Quacksalber. Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert waren diese Begriffe nicht nur im pejorativen Sinne im Gebrauch, und ihre Bedeutung war präziser als in späteren Jahrhunderten.... Der Scharlatan oder, wie er sich in Frankreich manchmal nannte, "opérateur" war ein fahrender Arzneiverkäufer, der durch lustige Auftritte potentielle Kunden anzulocken trachtete. Antoine Girard, bekannt als "Tabarin", war ein berühmtes Beispiel eines Scharlatans, dem man vielleicht das seines ebenfalls aus dem siebzehnten Jahrhundert stammenden Kollegen Guillot-Gorju zugesellen sollte. Letzterer spielte abwechselnd die Rolle des Arztes auf der Bühne und betätigte sich wirklich in der Heilkunst, wie übrigens auch der grosse österreichische Schauspieler Josef Anton Stranitzky, der nebenbei Zähne zog. Diese Verbindung von Heiler und Unterhalter ist in der Tat überaus alt. Das Heilen war und ist in einigen Teilen der Welt noch heute ein soziales Drama, eine öffentliche Vorstellung, die ein kompliziertes Ritual voraussetzt. In Italien kann das Wort ciarlatano (oder ciurmatore) sowohl einen Medizinverkäufer als auch einen Strassenschauspieler bedeuten. Die ciarlatani, die auf öffentlichen Plätzen auftraten, waren nicht so angesehen wie die comedianti, die in Privathäusern spielten. Der englische mountebank war ein Scharlatan, der auf einer Bank oder Bühne agierte und von einer Reihe von Requisiten umgeben war. Saltimbanchi waren Marktakrobaten, die auf Bänken oder Bühnen auftraten, während man die cantimbanchi mit dem deutschen Wort Bänkelsänger beschreiben kann. Sie besassen oft einen Satz Bild­tafeln und veranschaulichten beim Singen die Handlung der Lieder, indem sie mit einem Zeigestab die Aufmerk­samkeit des Publikums auf das entsprechende Bild lenkten. Nicht vergessen sollte man, dass sie auch Kolporteure waren, denn sie verkauften im Anschluss an den Vortrag Balladentexte. Sie waren also nicht nur Rezitatoren, sondern auch Verkäufer der Balladen, im Englischen "ballad-mongers". Übrigens verkauften Scharlatane ebenfalls Liedertexte. Die Bänkelsänger wurden auch Gassen- oder Marktsänger genannt, weil sie auf Strassen und Märkten sangen. Diejenigen, die sich auf aktuelle Ereignisse spezialisiert hatten, waren als Avisensänger bekannt. Liedersingen war auch ein Broterwerb für Frauen. In Wien gab es im Jahre 1797 fünfzig aktive "Liederweiber".
Die Assoziationen, die alle diese Berufsbezeichnungen hervorrufen, sind nicht nur für Westeuropa typisch. Der russische Ausdruck "skomroch" kann auf verschiedene Weise übersetzt werden, als "Schauspieler", "Hanswurst" oder "Akrobat". Im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert trugen die skomorochi byliny vor, traten als Clowns auf, als Ringer, als Jongleure und führten dressierte Bären vor. Auch Puppenspiele zeigten sie auf den Strassen.
Obwohl ihre Tätigkeit kaum jemals ausführlich geschildert wurde, werden auf diese Unterhalter viele Anspielungen gemacht, so dass sich aus vielen Einzelheiten so etwas wie ein Gesamtbild ergibt. Auch in diesem Gewerbe gab es eine Hierarchie des Erfolgs. An der Spitze der Pyramide standen einige Unterhalter, die in grossen Städten arbeiteten, am Hofe auftraten und ihre Texte drucken liessen wie Tabarin in Paris, Tarleton in London oder Gil Vicente in Lissabon. Letzterer war ein Dichter, Schauspieler und Musiker, in anderen Worten ein jogral, ein Spielmann. (Shakespeare lassen wir hier weg, da er nicht hauptsächlich für Bauern und Handwerker arbeitete.) Einige Unternehmer des Unterhaltungsgeschäfts gehörten ebenfalls zu den ganz Erfolgreichen. Zu ihnen gehört Martin Powell, der seine Puppen in Bath zeigte und 1710 nach Covent Garden zog, und sein französischer Zeit­genosse François Brioché, der auf der Foire St. Germain ein Puppentheater hatte. Als er einmal die Schweiz besuchte, wurde er der Zauberei verdächtigt und verhaftet, doch Nicolas Boileau erwähnte ihn weiterhin, und schliesslich wurde er zum opérateur de la maison du roi ernannt, sozusagen zum königlichen Hofscharlatan. Alle diejenigen, die ihren Standort an Orten wie der Piazza S. Marco in Venedig, der Piazza Navona in Rom oder auf dem Pont-Neuf in Paris hatten, gehörten zu den Aristokraten des Gewerbes. In Anbetracht der Grösse dieser Städte hatten sie es nicht nötig, auf Wanderschaft zu gehen. Einige von ihnen gründeten Dynastien, wie die Familie Brioché, die Familie Bienfait, die ebenfalls ihren Standort auf der Foire St. Germain hatte und Puppenspiele vorführte oder die Familie Hilverding, die in Mitteleuropa auftrat. Die venezianischen Clowns Zan Polo und Zane Cimador waren ein erfolgreiches Team von Vater und Sohn. Diesen Männern könnte man einen neuen Typ von Unterhaltern zugesellen , der für die Nach-Gutenberg-Zeit charakteristisch wurde, nämlich der professionelle Balladenverfasser wie z.B. der Ex-Anwalt William Elderton oder der ehemalige Weber Thomas Deloney; auch Männer, die an der Grenze zwischen gelehrter und populärer Kultur standen, wie Elkanah Settle, ein Mann, der in Oxford studiert hatte und von Shaftesbury gefördert wurde, jedoch für Mrs. Mynn arbeitete, die Schaustellerin auf der Bartholomew Fair war. von ihm sagte man sogar, dass er in einem Stück den Drachen darstellen musste. In europäischen Randgebieten genossen die Volkssänger hohes Ansehen und den Schutz der Adelshäuser, wie z.B. Sebastyén Tinodi im sechzehnten Jahrhundert in Ungarn. Er wurde sogar geadelt. Auch John Parry, der im achtzehnten Jahrhundert in Wales lebte, könnte man zu ihnen rechnen.
Eine Stufe unter dieser kleinen, angesehenen Gruppe stand die Masse derer, die ihr Leben auf Wanderschaft verbrachten. Die Bevölkerungsdichte war im frühneuzeitlichen Europa im Vergleich zum zwanzigsten Jahrhundert so gering, dass viele Dienstleistungen nicht ortsgebunden angeboten werden konnten. Die Unterhalter reisten wie Kesselflicker und Hausierer von Ort zu Ort. Es war leichter, ein neues Publikum aufzusuchen als das Repertoire zu ändern. Um neue Zuschauer zu finden, mussten die Unterhalter von Stadt zu Stadt, von Jahrmarkt zu Jahr­markt ziehen, wobei sie auch in Dörfern haltmachten, die auf dem Wege lagen. Vor allem was Mitteleuropa anbe­langt, kannten die Unterhalter keine politischen Grenzen. Ihnen kann man die Geschlossenheit der europäischen Volkskultur mit gleichem Recht zuschreiben wie den archaischen indo-europäischen Überlieferungen.* (* Man darf die Hoffnung aussprechen, dass ein Historiker einmal diese Wanderer quer durch Europa verfolgen wird (anhand der Auftrittsgenehmigungen, die noch in Stadtarchiven aufbewahrt werden), um so festzustellen, wie weit sie reisten, bevor sie den Heimweg antraten). Der Puppenspieler J.B. Hilverding war 1698 in Prag, 1699 in Danzig, 1700 in Stockholm, 1701 in Nürnberg und 1702 in Basel.
Wandernde Unterhalter traten allein oder in Gruppen auf. Wann man russischen Gemeindeältesten aus dem sech­zehnten Jahrhundert Glauben schenken kann, so wanderten die skomorochi "in Gruppen von bis zu sechzig, siebzig oder gar einhundert Menschen" umher. Im achtzehnten Jahrhundert konnte man in England auf den Land­strassen umherziehende Schauspielertruppen sehen, von denen einige zu arm waren, um die Postkutsche zu benutzen. Doch waren sie immer modisch gekleidet, um die Aufmerksamkeit zu erregen. Gewöhnlich wurden zwei Schauspieler vorausgeschickt, die eine Auftrittsgenehmigung besorgen mussten. Sie waren meistens mit aus zweiter Hand gekauften Requisiten und Kostümen ausgestattet, die manchmal total abgenutzt waren, und traten in Gasthäusern und Scheunen auf. Daher stammt die im neunzehnten Jahrhundert gebräuchliche abfällige Redensart vom "Scheunenstürmen" (barnstorming).
Die französischen bateleurs und die spanischen farsantes führten ein ähnliches Leben. Einer von Ihnen, Augustin de Rojas, hinterliess eine anschauliche Beschreibung des harten Lebens eines Wanderschauspielers. Er unterschei­det acht Arten von Truppen, ja nach Grösse, Repertoire, Wohlstand und der Anzahl der Tage, die an einem bestimmten Ort verbracht werden konnten, bevor man sich wieder auf den Weg machte. "Volkstümlich" waren wohl die untersten vier von ihm beschriebenen Gruppen. Die Grösste von ihnen war der "cambaleo". 'Der "cambaleo" ist eine Frau, die singt und fünf Männer, die weinen". Sie konnten von vier bis zu sechs Tagen am gleichen Ort bleiben, da sie eine Komödie, zwei autos (religiöse Stücke) und drei oder vier komische Einakter auf die Beine stellen konnten. Weniger grossartig war schon die "gangarilla", bestehend aus drei oder vier Männern, "einem, der den Narren spielen kann und einem Jungen, der die Frauenrollen spielt (...) sie essen gebratenen Fisch, schlafen auf dem Boden, kriegen ihren Schluck Wein, reisen ununterbrochen und treten auf jedem Bauern­hof auf". Als nächste kam der naque. "Der naque besteht aus zwei Männern (...) sie schlafen in ihren Sachen, gehen barfuss und essen sich nicht satt." Ihre einzigen Requisiten sind ein falscher Bart und ein Tamburin. Ganz unten in der Hierarchie steht der "bululu", "ein Schauspieler allein, der zu Fuss reist. Er kommt in ein Dorf, geht zum Pfarrer und erzählt ihm, dass er ein Stück oder eine oder zwei 'loas' kennt". (eine 'loa' war ein gereimter Prolog zu einem auto.)
Der bululu war nur einer von vielen allein umherreisenden Unterhaltern. Georges de la Tour hinterliess uns auf einem Gemälde, das jetzt im Musée des Beaux Arts in Nantes hängt, ein eindrucksvolles Portrait von einem von ihnen. Ein blinder alter Mann singt und begleitet seinen Gesang auf der vielle, einer kleinen, rustikalen Drehleier, die in England unter dem Namen 'hurdy-gurdy' bekannt war. Solche Wandermusikanten kommen im sechzehnten Jahrhundert of in kirchlichen Almosenabrechnungen im Languedoc vor. Einige von ihnen waren sogar Geistliche, was Schlüsse auf den Status und den Einkommensstand des niederen Klerus zu jener Zeit zulässt. einige spielten die Vielle, andere das Schlangenhorn. Im achtzehnten Jahrhundert verschwand die Leier und wurde von der Fidel ersetzt, aber die 'Chanteurs-chansonniers' wanderten immer noch durch Frankreich, wie die Handwerksburschen auf ihrer Tour de France. In Italien nannte man sie cantastorie, Geschichtensänger, die von Ort zu Ort wanderten und sich auf einem Instrument begleiteten, in aller Regel der viola. Die von ihnen vorgetragenen Epen waren manchmal so lang, dass sich der Gesang auf einige aufeinanderfolgende Tage ausdehnte. In Serbien nannte man solche Epensänger guslari, da sie sich auf der gusle begleiteten, einer Art Fidel mit nur einer Saite. In Russland nannte man sie kobzari, weil die kobza ihr Instrument war, eine weitere Variante der Leier. Ihre Rivalen waren die Kaleki, die sich auf Lieder über Heilige spezialisiert hatten. In Wales und Irland war die Harfe das Lieblings­instrument der Wanderunterhalter; in Spanien am Ende der von und untersuchten Periode wurde die Gitarre bevorzugt. Auch Puppenspieler wie Meister Pedro in Don Quixote waren Einzelunterhalter.
Berufsunterhalter unterschieden sich in mancher Hinsicht von der Masse der Bevölkerung. Sie trugen auffallende Kleidung, grelle und buntscheckige Sachen; die skomorochi trugen kurze Kittel westlicher Art; Tabarin war berühmt wegen der ungewöhnlichen Form seines Hutes. Sie hatten seltsame Spitznamen wie "Sauermilch", ein Lautenspieler, der 1511 in Ochsenfurt auftauchte, oder "Brûle-Maison", ein bekannter Sänger, der im achtzehnten Jahrhundert in Lille auftrat. Viele von ihnen waren Zigeuner, die als Musiker in Mitteleuropa sehr gefragt waren. Manche von ihnen wurden sogar berühmt, wie die Familie Czinka in Ungarn im achtzehnten Jahrhundert. Es gab unter ihnen eine grosse Zahl von Savoyarden, denn das Land war nicht fruchtbar genug, um die ganze Bevölke­rung zu ernähren, und viele junge Männer mussten auf Wanderschaft gehen, vor allem in den Wintermonaten. Während die Schweizer sich als Landsknechte und Söldner anwerben liessen, wurden die Savoyarden Hausierer, Diedler, Flötenspieler, Drehorgelmänner, Wahrsager oder Schausteller, mit einem Guckkasten auf dem Rücken oder einem dressierten Murmeltier an der Leine. Andere kamen aus Süditalien, z.B. aus der Basilicata, wo die Bauern "von Kindheit auf lernen, mit einer Hand die Hacke zu schwingen und mit der anderen das Fagott oder den Dudelsack zu spielen". Ihnen begegnete man in Italien, Frankreich und sogar in Spanien.
Wie alle Fahrenden genossen diese Wanderunterhalter nicht immer einen guten Ruf bei der sesshaften Bevölke­rung. Söhne deutscher Wanderschauspieler waren "unehrlich" und konnten ebensowenig in Zünfte aufgenommen werden wie Söhne von Henkern und Totengräbern. Auch warf man ihnen nicht selten Zauberei vor. Auch die skomorochi standen im Rufe, Zauberer zu sein, zweifellos wegen ihrer Taschenspielertricks. Wanderunterhalter galten oft als Bettler. Manchmal war es sicher nicht leicht, die Grenze zu ziehen zwischen dem Berufssänger, der schlechte Tage sah und dem Bettler, der sang uns spielte, weil er nicht ohne Gegenleistung um ein Almosen betteln konnte, ohne seine Selbstachtung zu verlieren. Für die Behörden war der Unterschied auf jeden Fall so gut wie bedeutungslos, denn an ihrer Spitze standen sesshaft Mitglieder der Oberschicht, die den Tugenden der Ordnung und der harten Arbeit huldigten. Ihre Haltung spiegelt sich deutlich im berüchtigten englischen Gesetz zur "Einschränkung des Vagabundierens" wider, das im Jahre 1572 erlassen wurde und "alle Fechter, Bärenführer, gemeine Schauspieler in Pantomimen und Spielleute alle Gaukler, Hausierer, Kesselflicker und Kolporteure" zusammenfasst und ihnen verbietet, "umherzuwandern" ohne eine von zwei Friedensrichtern ausgestellte Lizenz. Viele dieser umherwandernden Unterhalter scheinen blind gewesen zu sein."
III.12.4.2 Romabevölkerung heute
Volksgemeinschaften der Roma, Sinti u. a. in einigen Ländern Asiens und Europas
[nach Tomasevic (1989)]
Indien:
In den Hauptzentren Rajasthan, Punjab, Maharashtra, Andhra Pradesh leben 35 Mio. Angehörige der Stämme Banjara, Gaduliya und Lohar, die die Stammesdialekte und Hindi sprechen. Die Religionen sind Hindu, Moslem und Sikh.
Wie bei allen anderen emigrierten Völkern sind auch die Roma ausserhalb ihrer Heimat besonders eng zusam­mengerückt und von der sesshaften Bevölkerung des Gastlandes als die Anderen, die Fremden, ausgegrenzt worden. Demgegenüber ist die Abgrenzung zwischen Roma und anderen nomadisierenden Volksgruppen in Indien weniger scharf. Das Gebiet verschiedener Nomadenstämme erstreckt sich von der Grenzregion zwischen dem heutigen Pakistan und Indien, der Wüste östlich des unteren Indus in Rajasthan und Punjab, ins zentralindische Hochland. Verschiedene Gruppen sind besonders als Musikanten, Pantomimen und andere Unterhaltungskünstler tätig. Für die Schalmei sind besonders die Nahti wichtig, welche zum Musikklang Schlangen vorführen. Im Westen ist der Klang der Schalmeiinstrumente vor allem als Musik der Schlangenbeschwörer bekannt geworden. Für das Instrument der Schlangenbeschwörer, das eine mit dem Windkapselansatz geblasene Doppelklarinette ist. Bis heute ermöglicht das Leben in der trotz Verkehrserschliessung und Tourismus nicht leicht zugängli­chen Wüstenlandschaft das Bewahren von eigenen Sitten, Traditionen und kulturellem Ausdruck. So haben sich unter diesen Bevölkerungsgruppen ein grosses Naturheilwissen sowie magische Vorstellungen und Rituale bewahrt, die immer von Musik begleitet sind. Allerdings leiden diese Volksgruppen auch in unzulässigem Ausmass unter wirtschaftlicher und sozialer Benachteiligung.
Iran:
Im Iran leben etwa 100000 Roma. Grosse Gruppen von Roma leben am Stadtrand von Teheran und Shiraz. Nomadisierende Roma gehören zu den Stämmen der Kouli, Ghorbati und Riuy. Die nomadisierenden Roma schliessen sich mit anderen einheimischen Nomaden zusammen. Daneben gibt es sesshafte Roma, welche Abdali sind.
Viele arbeiten als Musikanten, Tänzer und Sänger. Als solche sind sie bei Festen und Feierlichkeiten sehr gefragt. Zu den Berufen gehört das Schmieden, Teppichweben, Korden. Sie gehören zum schiitischen Islam, haben aber ihre ursprünglichen Bräuche und Rituale teilweise bewahrt.
Türkei:
In den Hauptzentren der Türkei, in Istanbul, Ankara und Izmir leben etwa 500000 Roma. Ihre Sprache ist Romani, sie sind Moslems und gehören zu der Stammesgruppe der Arlije.
Die Roma verdingen sich auch als Landarbeiter für eine Saison bei der Baumwollernte. In Istanbul arbeiten viele von ihnen als Schuhputzer. Roma Tänzerinnen treten in Nachtclubs auf mit für den Tourismus bearbeiteten orientalischen Tänzen. An der Stadtmauer nördlich von Istanbul leben Roma in einer Art Ghetto im Stadtteil Sulukule und betreiben dort auch Unterhaltungslokale, vor denen Touristen gewarnt werden. Zu den Betätigungen gehört auch das traditionelle Vorführen von Bären und manche sind in der Veranstaltung von Hahnenkämpfen beteiligt.
Griechenland:
In den Hauptzentren Athen, Saloniki, Serrai und Kilkis leben ungefähr 250'000 - 300'000 Roma. Ihre Sprache ist Romani, sie gehören der Griechisch-Orthodoxen oder der islamischen Religion an. Sie sind Angehörige der Stämme Rom, Handuria und Kalpazaria Von ihren Quartieren aus sind die Roma oft Halbnomaden, die im Sommer durch das Land ziehen und im Winter an ihren Stammort zurückkehren.
Griechenland ist das erste europäische Land, in dem die Roma Halt machten, als sie im 11. Jahrhundert, eventuell schon früher, auf dem europäischen Kontinent ankamen. Die Niederlassung der moslemischen Roma in Xanthi, nahe der türkischen Grenze, spielt als Durchgangsstation zu Europa lange eine Rolle. Romasiedlungen gibt es unter anderem in Drama sowie am Rande von Thessaloniki im sogenannten Dendrapotamos Quartier. Diese Siedlung besteht seit Mitte des letzten Jahrhunderts und bemüht sich um kulturelle Eigenständigkeit. Eine andere Siedlung besteht in Komotini in Nordost-Griechenland.
Ehemaliges Jugoslawien, Balkan:
In den Hauptorten Skopje und Belgrad leben 800000 Angehörige der Stämme Rom (Gurbeti, Arlije und Kalderash. Sie sind orthodoxe Christen oder Moslems, die Romani sprechen. In Skopje besteht eine besonders grosse Romasiedlung mit mehr als 80'000 Einwohnern, Suto Orizari, welche vielleicht die grösste zusammen­hängende Romasiedlung Europas ist. In Belgrad wurde noch 1980 ein Ansiedlungsprojekt in der Vorstadt Karaburma realisiert, die ärmste Siedlung im Raume Belgrad.
Im Banat (z. B. im Dorf Idvor) gehört die Gänseaufzucht und der Daunenhandel zu den Roma Berufen. In Make­donien arbeiten sie als Landarbeiter in den Pfefferschotenplantagen. Auf dem ganzen Balkan sind sie als Musikan­ten tätig. Besondere Berühmtheit hat die Roma Sängerin Esma Teodosiewski aus Makedonien, die auch in der Musikveranstaltung Magneten auftrat, in welcher der österreichische Regisseur André Heller Musikgruppen der Roma aus verschiedenen Ländern versammelte. Zu den Berufen gehört das Herstellen von Salpeter, Schiesspulver und Seilen sowie auch hier der Musikantenberuf. Im böhmischen Teil Skadarlij haben Tomasevic und Djuric auf ihrer Reise auf den Spuren der Roma noch in neuester Zeit häufig Bärenführer angetroffen. Auf den Viehmärkten sind die meisten Pferdehändler noch Roma. Märkte sind aber auch der Ort des Informationsaustausches. Zur Hochzeit, die in der Roma Tradition eine besondere Bedeutung hat, kehren auch im Ausland tätige in ihre Heimat zurück. Durch ihr Einkommen sind sie eine Geldaristokratie innerhalb der Roma geworden.
Rumänien:
1 Mio. Angehörige der Stämme Rom (Aurari, Kalderash, Lautan) leben in den Hauptzentren Bukarest, Brasov (Kronstadt) und Timisoara. Sie sind orthodoxe Christen und sprechen Romani. Etwa 15% der rumänischen Roma sind Nomaden.
Die Roma gehörten in Rumänien noch bis Mitte des letzten Jahrhunderts zu den Sklaven. Nach dem Zusammen­bruch der kommunistischen Herrschaft sind vermehrt Roma aus dem Balkan und vor allem aus Rumänien in Westeuropa eingetroffen, wo ihnen in alter Feindschaft meist Ablehnung, Misstrauen und Diskriminierung begegnete.
Ungarn:
In den Zentren Budapest, Szeged und Debrecen leben die meisten der 600000 bis 800000 Angehörige der Stämme Rom und Vlahura. Sie sind katholisch und sprechen Romani.
Der erste Bericht von der Ankunft datiert aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts, d.h. noch vor der Besetzung durch die Türken. Sie wurden zunächst in der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts als Handwerker gut aufgenommen und in der Nähe der grösseren Städte, vor allem in der Region von Sibio (Hermannstadt) angesiedelt. Das Nomadentum ist in Ungarn ausgestorben. Fremden gegenüber sollen die Siedlungen in der Regel abweisend sein. In Ungarn hat die Synthese der lokalen Volksmusik und der Zigeunermusikanten jene Musik hervorgebracht, die im Westen als sogenannt typische Zigeunermusik bekannt geworden ist. Die melodische Partie, die ursprünglich dem Schalmei­instrument, in Ungarn vor allem dem Taragota, zukam, hat zunehmend die Geige übernommen, teilweise auch die Klarinette. Musikantengruppen, die sogenannte (ungarische) "Zigeunermusik" spielen, finden sich in der ganzen westlichen Welt.
Ehemalige Sowjetunion:
250000 christlich orthodoxe Angehörige der Stämme Luli, Bosha, Marangar und Lovar leben in dem Hauptzentrum der Moldau Republik. Sie sprechen Romani.
Nach der staatlich vertretenen Auffassung der ehemaligen kommunistischen Sowjetunion waren die Roma eine gleichberechtigte Minderheit. Nach offizieller Ideologie konnte es unter ihnen auch kein Nomadentum mehr geben. Das System verlangte die Assimilation. Andererseits wurde ihre Kultur zum Teil staatlich unterstützt, beispielsweise mit der Gründung eines Theaters, des Theater Romen in Moskau (1925). Als Sängerin bekannt geworden, ist die Roma Virtuosin Raya Udovichky. Roma Kapellen wurden zur Zeit der kommunistischen Herr­schaft staatlich organisiert. Obwohl ihnen feste Arbeitsplätze zugewiesen wurden, bewahrten sich die Roma zum Teil ihre angestammten Berufe, beispielsweise im Umgang mit Pferden. André Heller hat ebenfalls eine russische Romaformation auftreten lassen.
Italien:
85000 Sinti und Roma leben in Norditalien, Rom, aber auch in Isernia zwischen Rom und Neapel. Es sind Katholiken, Orthodoxe oder Moslems, die Sinti und Roma sprechen. In der Nähe grosser italienischer Städte gibt es zum Teil konstante Sinti-Lager wie das Paolo-Veronese-Lager bei Turin, in dem Sinti aus dem Piemont und der Lombardei Station machen. In Turin besteht ein spezielles Lager für jugoslawische Roma (Strada Droento).
Die italienischen Roma die heute, wie auch andernorts in der westlichen Welt, in Wohnwagen und Autos reisen, haben ihre Tendenz zum Pferdehandel bewahrt, unter anderem in ihrem Engagement im Rennsport. Ihre frühere Tätigkeit als Akrobaten, Bärendresseure und Musikanten findet in der Tätigkeit als Schausteller in Vergnügungs­parks und Jahrmärkten eine Fortsetzung. Eine Beerdigung in Isernia versammelt Roma von weit her. In der Regel werden Zeremonien wie Hochzeit, Taufe und Beerdigung nach katholischem Ritus durchgeführt, sind aber von traditionellen Romagewohnheiten begleitet. So werden bei den Beerdigungen im ganzen Haus die Spiegel verhängt, eine Sitte, die es auch im Judentum gibt. Wie auch in anderen Ländern betätigen sich Roma-Frauen als Wahrsagerinnen, wobei dieser Beruf auch zur Touristenattraktion geworden ist.
Frankreich:
In den Hauptzentren in Südfrankreich und der Region Paris leben etwa 300000 Angehörige der Stämme Sinti (Manoush), Kale und Roma. Die katholischen, protestantischen und orthodoxen Christen sprechen Sinti, Romani und Kalo. Etwa 40% der französischen Roma leben als Nomaden.
In Frankreich berühmt geworden ist vor allem Saintes Maries de la Mer, wo jedes Jahr das zur Attraktion für Touristen aus der ganzen Welt gewordene Fest der heiligen Sara, der schwarzen Madonna, abgehalten wird. Der Legende zufolge ist sie eine Ägypterin. Vom 24. - 26. Mai treffen sich Roma aus aller Welt, zusammen mit Touristen, die dieses religiöse Ritual als Schauspiel erleben wollen. Die schwarze Jungfrau kommt, als schwarze Madonna, an verschiedenen Orten der Welt vor, so auch als Patronin des Klosters Einsiedeln. Eine Wurzel des Kultes der schwarzen Sara führt zur indischen schwarzen Jungfrau Durga, oder Kali genannt. Nach der Überliefe­rung geht die Feier auf ein Ereignis im Jahre 42 n.Chr. zurück, als die beiden biblischen "Schwestern" der Jung­frau Maria, Maria Jakoba und Maria Salome, die beide, im Gegensatz zu Sara, heilig gesprochen wurden, mit den Aposteln Johannes und Jakobus in Saintes Maries landeten , nachdem sie in einem winzigen Boot ohne Ruder und Segel vom Heiligen Land herübergetrieben worden waren. Die dunkelhäutige ägyptische Dienerin Sara begleitete sie. An den Feierlichkeiten stehen am einen Tag die beiden Heiliggesprochenen im Vordergrund, am anderen Tag die schwarze Sara. Ihr wird Heilkraft zugesprochen, wie auch der schwarzen Madonna von Einsiedeln. Verschiedenes an diesem grossen Wallfahrtsfest deutet auf die duale Struktur der Heiligenverehrung hin: Auf der einen Seite die beiden Mariae, auf der anderen Sara. Diese Doppelstruktur spielt einerseits in der Schalmeimusik eine Rolle, andererseits in verschiedenem mythologischen Zusammenhang . Sie trifft aber auch auf die Gegenüberstellung zwischen den Fahrenden auf der einen und den Sesshaften auf der anderen Seite zu. Der Charak­ter des Pilgerfestes entspricht des weiteren den dionysischen Festen darin, dass diese ebenfalls der sesshaften Bevölkerung vorübergehend "Gastrecht" erhielten.
Spanien:
Ca. 800000 katholische Angehörige des Stammes Kale leben in den Hauptzentren Madrid, Barcelona und Granada. Sie sprechen Kalo. Am Rande von Barcelona leben 25'000 Kale. Eine Kale Siedlung von etwa 70'000 Personen ist Vicalcaro in Madrid. Weitere Zentren sind Bilbao, Burgos, Granada. Letzteres besitzt ein eigenes, bei Touristen bekanntes Kale Quartier.
Es ist mir nicht bekannt, ob ein Zusammenhang besteht, und wie dieser wäre, zwischen dem Vorkommen von Roma in der nordspanischen Küsten- und angrenzenden Bergregion und der Tatsache, dass sich die Schalmei in dieser Region besonders behauptet hat und eine Renaissance erlebt. Bekannter als jene im Norden sind die Kale von Andalusien, wo sie mit der einheimischen Bevölkerung eine besondere kulturelle Synthese eingegangen sind, aus der, zusammen mit jüdischen und islamischen Einflüssen die Flamencomusik und schliesslich der Flamenco­tanz (s.o.) hervorgegangen ist. Die Spanier waren es auch, die als Erste Roma nach dem amerikanischen Konti­nent übersiedelten, wo sie seit 1581 dokumentiert sind. Die Liebe zum Pferd hat sich im Beruf der Kutschenfahrer erhalten, den die Roma in den Strassen von Madrid ausüben, wie überhaupt Kale in ganz Spanien anzutreffen sind, auch wenn die genannten Gebiete Schwerpunktregionen sind. Mädchen und Frauen der Kale arbeiten in Spanien (wie in anderen Ländern Europas) auch oft als Blumenverkäuferinnen.
Österreich:
In den Hauptzentren Wien und im Burgenland leben 40000 Stammesangehörige der Sinti und Roma (Kalderash, Lovar). Sie sprechen Sinti und Romani und gehören der katholischen oder der orthodoxen Kirche an.
Welche Rolle, noch in der Generation meiner Eltern, die Roma in der Phantasie spielten, geht aus dem Bericht meiner Mutter aus Wien hervor .
Deutschland:
Vor der Wiedervereinigung betrug die Zahl in der ehemaligen BRD: 80'000. Seither wird sich diese Zahl erheblich vergrössert haben, nicht nur weil Romas aus Ostdeutschland dazugekommen sind, sondern weil auch zahlreiche Familien aus den angrenzenden osteuropäischen Ländern inzwischen in Deutschland eingewandert sind.
Auf die Verfolgungsgeschichte in Nazideutschland wurde oben hingewiesen. Nach wie vor gehören die Roma zu den Abgelehnten, misstrauisch Verfolgten und benachteiligten Gruppen. Auch zwischen Sinti und Roma bestehen Spannungen. Die Sinti, schon länger in Deutschland beheimatet, sehen oft auf die Roma, die aus Ost­europa eingewandert sind, hinunter. Die evangelische Kirche setzt sich für Sinti und Roma ein aber auch die Grüne Partei. Die Kirche organisierte vor einigen Jahren ein Musikfestival der Zigeuner in Darmstadt.
Schweiz:
In der Schweiz tauchen Roma und Sinti vereinzelt auf. Sie besitzt in der Volksgruppe der Jenischen eine eigene Gruppe der Fahrenden, die hellhäutig und historisch als Schweizerische Nomaden zusammengewachsen sind, wobei es starke Einflüsse von Roma und Sinti gibt. Ihre Zugehörigkeit zu den Roma ist umstritten und in die Romani-Union, die Weltorganisation der Roma, wurden sie erst nach längeren Disputen aufgenommen. Die jenische Sprache beruht nicht auf dem Sanskrit, sondern enthält viele Elemente des rotwelsch, der Untergrundsprache im süddeutschen Raum, mit deutschen, slawischen und jidischen Ausdrücken.
Den Jenischen, wurden in den Fünfzigerjahren, also noch nach dem 2. Weltkrieg, in der Schweiz oft die Kinder weggenommen und zur Adoption gegeben . Eine Skandalgeschichte für sich ist es, wie lange es brauchte, bis von den Behörden das Unrecht als solches anerkannt wurde, das den Jenischen mit der zwangsweisen Wegnahme ihrer Kinder angetan wurde. Die Schriftstellerin Mariella Mehr, jenischer Abstammung, die zu den bedeutendsten Autorinnen der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur gehört, hat sich im Kampf für die Aufdeckung der skanda­lösen Adoptionen und eine gewisse Rehabilitation besonders eingesetzt. Unter den schweizerischen Jenischen sind unter anderem zahlreiche Künstler und auch der Beruf der Schaustellerin, beziehungsweise des Schaustellers vertreten.
Niederlande:
In der Niederlande leben ungefähr 35000 Angehörige der Stämme Sinti (Manoush) und Roma (Lovar, Kalderash). Sie sind protestantisch oder gehören der Orthodoxen Kirche an, ihre Sprache ist Romani.
In einem Gesetz von 1977 hat die Niederländische Regierung das zur Verfügung stellen von Lagerplätzen durch die Gemeinden geregelt. Diese fortschrittliche Regelung bedarf allerdings noch der Unterstützung durch die jeweils ansässigen Bürger, um den fahrenden Roma zugute zu kommen. Es besteht eine interdepartementale Kommission, welche die Situation laufend beobachtet und diskutiert. Auch mit einer der Kultur entsprechenden Schulung setzen sich die Niederlande auseinander. Trotzdem bleiben auch dort die Fahrenden benachteiligt und diskriminiert. Aber es ist immerhin ein Fortschritt, dass sich auch unter der sesshaften Bevölkerung Menschen finden, die sich nicht nur politisch und mit ihrem Interesse für die Fahrenden einsetzen, sondern mit ihnen auch gemeinsame Sache machen, wenn es um Lagerplätze, Erziehungs- und Gesundheitsfragen geht. Andererseits gibt es nach wie vor eine massive Diskriminierung vor allem neu zugewanderter Fahrender.
III.12.4.3. Das Auftauchen Fahrender in Europa

(Gronemeyer, 1988)
1407
Hildesheim ("Tateren" erscheinen mit einem Empfehlungsbrief, sie kommen auch 1417, 1424, 1428, 1442, 1444.)
1414
Basel (auch in den Jahren 1418, 1419, 1422, 1423)
1416
Kronstadt in Siebenbürgen (Emaus von Egypten und seinen 120 Begleitern werden Geld und Lebensmittel gegeben.)
1417
Augsburg ( "Do kamen egiptenleut in das land überall und waren uss dem land, da unser fraw hinfloch und hetten brieff, wer in nit ir almüsen gab, dem mochten sy stellen und stallen gar vast und man torst in nichtz darumb tün. " Sie kamen wieder in den Jahren 1418, 1427)
1417
Lüneburg, Hamburg, Lübeck, Wismar, Rostock, Stralsund (nach dem Beriöcht des Dominikaners Cornerus)
1417
Magdeburg ( "Tattern ")
1418
Zürich, Leipzig, Meissen, Frankfurt, Strassburg, Colmar
1420
Brüssel, Deventer, Brügge, Mons, Tournai
1422
Bologna, Forli
1424
Münster, Regensburg
1425
Zaragoza, Santiago de Compostela
1427
Neuchâtel, Paris
1428
Amiens
1428
Sanolz (Polen)
1429
Nijmegen
1430
Konstanz, Metz
Die Datierungen sind teilweise umstritten, es ist auch nicht immer klar um was für Gruppen wandernder Menschen es sich handelt. Zudem ist es wohl recht zufällig, wann in schriftlichen Dokumenten etwas verzeichnet wurde, und welche Dokumente uns erhalten geblieben sind. Dennoch gibt diese Übersicht davon, dass es eine bestimmte Periode im frühen 15. Jahrhundert gibt, in der es an den verschiedensten Orten Westeuropas zu einer Konfrontation zwischen Sesshaften und bestimmten, diskriminierten wandernden Gruppen, vorwiegend Roma, Sinti und andere, gekommen ist.